»Ich habe sie angefleht, zur Schule gehen zu dürfen«

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Rawpixel auf Unsplash
Noch immer ist es nicht für jedes Kind selbstverständlich zur Schule gehen zu dürfen
Während der Safari durch Tansania durfte ich eine bereichernde Begegnung machen. Phillipe ist ein junger Mann, der für seine Zukunft und die seiner Geschwister alles tut.
 

Manchmal begegnen wir Menschen, die einfach etwas ganz Besonderes an sich haben. Sie schaffen es, ihre Zuhörer mit ihren Worten zu fesseln und mit ihren Taten zu begeistert. Ja, und hin und wieder wünscht man sich sogar, ein bisschen mehr so zu sein wie sie. So eine beeindruckende Bekanntschaft durfte ich zuletzt während meiner Reise durch Tansaniamachen. In den sieben Tagen auf Safari traf ich einige tolle Menschen, doch besonders Phillipe wird mir im Gedächtnis bleiben.

Bei unserem letzten Stopp im Ngorongoro Farmhouse nahm ich an einer Kaffee-Tour teil. Jeden Tag gibt es dort die Möglichkeit, kostenlos etwas über den dort wachsenden Arabica-Kaffee, seine Eigenschaften, die Kaffee-Herstellung an sich und alles andere zu erfahren, was bis heute auf der Farm angebaut und geerntet wird, um es für die Gäste direkt frisch weiterzuverarbeiten. An diesem Nachmittag hatte ich das Glück, Phillipe als Guide zu bekommen. Von Anfang an zeigte er sich nicht nur äußerst sympathisch, sondern auch unglaublich witzig und nahbar.

BILDUNG SPIELT KEINE ROLLE

Als die Tour beendet war, genossen die anderen Teilnehmer und ich nicht nur den frisch aufgebrühten Kaffee, sondern auch weiterhin Phillipes Gesellschaft. Wir klebten buchstäblich an seinen Lippen. Mein Mann und ich unterhielten uns im Anschluss noch weitere zwei Stunden mit ihm. Er berichtete uns von seiner Heimatstadt Karatu, in der inzwischen über 20.000 Menschen leben, und von einem Alltag, der nicht immer so ganz einfach ist. Denn ähnlich wie die Massai hält auch sein Volk nicht viel von Bildung. Über viele Generationen hinweg wurden die Kinder in seiner Familie daher nur sehr selten oder gar nicht zur Schule geschickt. Und auch heute, erzählte er uns, verzichten viele Eltern darauf. Die Kinder sollen sich so früh wie möglich mit der Landwirtschaft beschäftigen, um später so die eigene Familie ernähren zu können. Was andernorts vollkommen selbstverständlich ist, nämlich, dass jedes Kind eine Schule besucht, gilt für Phillipe und seinen Stamm nicht.

BILDUNG EBNET DEN WEG AUS DER ARMUT

Das Recht auf Bildung ist ein Menschenrecht, doch nicht überall kann oder möchte man dieses Recht durchsetzen. Noch immer gibt es unzählige Kinder, die täglich mehrere Kilometer zu Fuß bewältigen müssen, um die nächste Schule zu erreichen. In anderen Gebieten ist es schlichtweg zu gefährlich, um den Schulweg überhaupt anzutreten. In Tansania wiederum muss ein Schulgeld entrichtet werden, das ärmere Familien unmöglich aufbringen können. Laut Plan International lebt ein Großteil der Kinder und Jugendlichen, die weltweit nicht zur Schule gehen (etwa 70 Prozent) in Subsahara-Afrika und Südasien. Doch wer nicht lesen, schreiben und rechnen kann, wird später nur schwer gutes Geld verdienen, um ein angenehmes Leben führen zu können. Ziemlich erschreckend: Laut der UNESCO gelten etwa 750 Millionen Erwachsene als Analphabeten – zwei Drittel davon sind Frauen. Ein Zustand, der dringend verbessert werden muss. Phillipe wollte nicht auf die Stärkung des Bildungssystems in Tansania und speziell in Karatu warten. Er ist einer von vielen, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, statt es sich von anderen vorschreiben zu lassen.

Kaffee-Tour

 ZUM ERSTEN MAL DURFTE ER EINE SCHULE BESUCHEN

Um seinem Traum von einem Job im Tourismus näher zu kommen, meldete er sich für einen Englisch-Kurs an und besuchte damit zum ersten Mal in seinem Leben eine Schule. Doch zuvor musste er noch seinen Vater um Erlaubnis bitten. Er wusste, dass dieser seinem Wunsch nicht ohne Weiteres nachkommen würde. Er musste zunächst seine Mutter davon überzeugen, wie wichtig und ernst es ihm damit ist. Doch auch das, so verriet er uns, war gar nicht so einfach. In seinem Volk werden derart wichtige Dinge nur mit dem Familienoberhaupt, also dem Vater, besprochen und nicht mit der Mutter. Und überhaupt: Söhne besprechen auch sonst nicht viel mit ihren Müttern – außer wenn der Sohn auf spezielle Fürsorge angewiesen, etwa bei Krankheit. Also erfand Phillipe eine Grippe und ließ sich von seiner Mutter pflegen. In einem ruhigen Moment beichtete er ihr nicht nur, dass es ihm gar nicht so schlecht gehe, sondern auch, dass es sein größter Wunsch sei, einen Englisch-Kurs zu belegen und irgendwann einmal sein eigenes Tourismus-Unternehmen aufzubauen. Seine Mutter fasste sich ein Herz und sprach mit ihrem Mann. Nach einiger Zeit stimmte er tatsächlich zu.

 

AUCH SEINE GESCHWISTER DÜRFEN ZUR SCHULE GEHEN

Um seinen Kurs zu finanzieren und seine aktuellen Ausgaben decken zu können, arbeitet er in einer Firma, die Ziegel für den Hausbau herstellt – und das 12 Stunden täglich. Durch einen Bekannten bekam er vor Kurzem zusätzlich die Möglichkeit, dreimal die Woche im Ngorongoro Farmhouse Kaffee-Touren durchzuführen. Den Kontakt mit den Touristen möchte er nutzen, um sein Englisch zu verbessern, Kontakte zu knüpfen und sich als Guide weiterzuentwickeln. Hier war es auch, dass ihm ein Paar aus England riet, eine Facebook-Seite zu starten, um noch mehr auf sich aufmerksam zu machen. Das Trinkgeld, das er von den Gästen erhält, investiert er wieder in seine Zukunft – und inzwischen auch in die seiner beiden jüngeren Geschwister. Mit viel Überzeugungskraft hat er es geschafft, dass auch sie eine Schule besuchen dürfen, was er bis heute selbst finanziert. Vom Ngorongoro Farmhouse bis zu seinem Heimatort sind es übrigens knapp 11 Kilometer, die er ab und zu sogar zu Fuß bewältigen muss. Doch das ist ihm egal.

EIN UNERMÜDLICHER WILLE

Phillipe hat uns erklärt, wie wichtig es ist, für alles dankbar zu sein und dabei rein gar nichts für selbstverständlich zu erachten. Wie wichtig es ist, immer weiter an sich selbst zu arbeiten, sich viele kleine Ziele zu setzen und sich dabei von niemandem aufhalten zu lassen. Obwohl er es wesentlich schwerer hat, als ich es mit Sicherheit jemals haben werde, ist sein Wille unermüdlich. Phillipe hat mich beeindruckt, und ich bin mir sicher, dass er seinen Weg gehen und erfolgreich sein wird. Und, das haben wir ihm versprochen, sollten wir nach Tansania zurückkehren, werden wir ganz offiziell bei ihm eine Tour buchen und uns durch seine Heimatstadt führen lassen (leider war es uns zeitlich nicht möglich, direkt mit ihm zu gehen). Und wer weiß, vielleicht wird er sich eines Tages vor Aufträgen kaum retten können…

Am Ende erzählte uns Phillipe noch mit einem breiten Grinsen, dass seine Familie ihn für äußerst merkwürdig hält, da er mit seinen 25 Jahren noch immer nicht verheiratet ist (gewöhnlich finden Hochzeiten mit Erreichung der Volljährigkeit statt). Doch, so erklärte er uns, die große Liebe möchte er erst mit 31 Jahren heiraten, um sich bis dahin vollkommen auf sich und seine berufliche Zukunft konzentrieren zu können.

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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