Ich brauche eine Schönheits-OP!

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Ich brauche eine Schönheit-OP!
Eigentlich bin ich mit mir und meinem Äußeren voll und ganz zufrieden. Eine einzige Sache stört mich aber doch – und das schon seit Jahren. Im nächsten Jahr möchte ich mich operieren lassen.

Für mich persönlich spielen Schönheitsoperationen im Grunde keine Rolle. Allerdings bin ich auch der Auffassung, dass alle Menschen selbst entscheiden sollten, wie sie mit ihrem Körper umgehen – beziehungsweise was wirklich notwendig ist. Menschen, die seit Jahren unter ihrer Nase oder ihren Brüsten leiden, kann ich wirklich verstehen. Für mich kommt so etwas allerdings nicht infrage. In meiner Vorstellung ist eine Operation ausschließlich und immer mit Schmerzen verbunden und alles andere als angenehm. Selbst der Ausblick auf eine schmalere oder vermeintlich “schönere” Nase würde mir niemals den Anreiz verschaffen, mich freiwillig unters Messer zu legen – bis auf eine Sache…

Ich wollte keine Brillenschlange sein

Seit meinem zehnten Lebensjahr trage ich eine Brille. Im Matheunterricht in der vierten Klasse saß ich immer in der letzten Reihe. Ich kniff – ohne, dass ich es selbst merkte – zu jederzeit ganz angestrengt meine Augen zusammen, um das Geschriebene an der Tafel deutlicher sehen zu können. Meiner Lehrerin entging das natürlich nicht. Sie ließ sich nicht davon abbringen, meine Eltern zu kontaktieren. Damals bedeutete eine Brille für mich noch einen furchtbaren Albtraum. Ich wollte nicht zu den “Brillenschlangen” gehören, die immer wieder vorgeführt wurden.

Ein Moment, der alles veränderte

Den Tag, an dem ich meine erste Brille bekam, werde ich allerdings niemals in meinem Leben vergessen. Es war ein Samstagvormittag, als mein Vater mich zum Optiker begleitete. Im Laden setzte ich mein Nasenfahrrad nur ganz kurz auf – ich solle mich in den nächsten Tagen ganz langsam daran gewöhnen, erklärte mir die Optikerin. Doch zu Hause angekommen setzte ich die Brille direkt wieder auf und sah zum ersten Mal seit Langem wieder an meinen Vater gekuschelt fern. Warum? Bis dahin hatte ich immer ziemlich dicht vor dem Fernseher gesessen und nicht auf dem Sofa in seinen Armen. Mein damaliges 10-jähriges Ich war in diesem Moment so überwältigt, dass es anfing zu weinen. Wie hatte ich nicht erkennen können, dass ich bereits eine ganze Weile lang meine Welt unscharf sah? Sehen zu können bedeutete damals und auch heute noch das Größte für mich. 

Kommt dir bekannt vor?

Leider sind meine Augen in den letzten Jahren immer schlechter geworden. Die Gläser werden jedes Jahr teurer, dicker und die Brillen gefühlt immer schwerer. Zu oft habe ich mich schon auf die Gestelle gesetzt, weil ich sie nicht sehen konnte – und beinah täglich landet meine Brille im Sturzflug von meinem Nachtisch aus auf dem Boden, weil ich nicht mehr sicher bin, an welcher Stelle ich sie am Abend zuvor genau abgelegt habe. Die meiste Zeit über trage ich Kontaktlinsen. Doch auch das macht an vielen Tagen nur wenig Spaß. Meine Augen sind ab und an gereizt, trocken, die Linsen kratzen auf dem Auge oder fallen mir einfach heraus. Fallen sie mir beim Herausnehmen oder Einsetzen herunter, habe ich eine 50:50-Chance, sie zu ertasten und wiederzufinden. In der Vergangenheit sind sie mir auch schon oft kaputtgegangen, sodass ich beispielsweise in einem meiner Sommerurlaube völlig blind am Strand lag. Da meine Augen bei Sonnenschein sehr empfindlich reagieren, kann ich nur selten meine normale Brille tragen, ohne das ich meine Augen ständig zusammenkneifen muss. Allein eine Sonnenbrille kann mir in solchen Momenten helfen. Da ich jedoch die meiste Zeit Kontaktlinsen trage, sah ich bisher noch nicht die Notwendigkeit für eine Sonnenbrille inklusive Stärke – zumindest nicht bis zu diesem Urlaub.

Keine Hoffnung mehr…

Mein allergrößter Wunsch im Leben – neben dem, dass meine Familie, Freunde und ich gesund bleiben – ist, dass ich morgens aufwache, meine Augen öffne und meine Umgebung klar und deutlich sehen kann. Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wann mir dies zuletzt möglich war. Und nur bei dem Gedanken daran kommen mir die Tränen. Als ich noch ein Teenager war, hatte ich gelegentlich die Hoffnung, dass meine Augen allmählich wieder besser werden könnten – stattdessen bin ich mit –8 Dioptrien bei einem Wert angelangt, den viele für unmöglich hielten, bis sie mich trafen. Ab -5 Dioptrien wird übrigens von einer starken Kurzsichtigkeit gesprochen.

Ich spare auf eine Schönheits-OP

Im nächsten Jahr möchte ich jedoch versuchen, mir meinen größten Wunsch zu erfüllen. Ich möchte meine Augen operieren lassen. Bei gesetzlichen Krankenkassen gilt eine Sehkorrektur noch immer als eine nicht notwendige Schönheits- oder Lifestyle-OP – immerhin könnte man ja stattdessen Brillen oder Kontaktlinsen tragen. Nur wer eine Unverträglichkeit gegen Linsen und sogar die Brille hat, hat eine Chance auf Kostenübernahme. Mehr Hoffnung gibt es da seit letztem Jahr für Privatversicherte. Einige Krankenkassen verpflichten sich inzwischen dazu, die Kosten vollständig oder anteilig zu übernehmen.

Leider kommt eine solche Kostenübernahme für mich und für viele andere gesetzlich versicherte Menschen nicht infrage. Im Jahr 2014 gehörten in Deutschland schätzungsweise 64 Prozent der Bevölkerung zu den Brillenträgern. Doch dass ihre Kunden ihr Leben lang auf Brillen und Kontaktlinsen angewiesen sind – die sie ja auch zu großen Teilen selbst finanzieren müssen – scheint für die Krankenkassen immer noch kostengünstiger zu sein, als die Krankheit durch eine einzige Operation zu heilen oder zu mindern. Schade. Ich spare weiter und hoffe, dass ich schon bald wieder ohne Hilfe sehen kann.

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

2 Kommentare

Sibylle
#2 — vor 2 Monaten
Liebe Marisa,

eine AugenOP ist kein Luxus! Ich habe mich in 2001 einer (damals über 4000 DM kostenden) OP unterzogen. Es war ein Mittwoch und ich hab beide Augen gleichzeitig operieren lassen. Alles war verschwommen. Donnerstags zum Kontrolltermin konnte ich schon besser sehen. Am Freitag alles glasklar und ich durfte auch schon wieder Auto fahren! Nach - 6,5 und - 4 Dioptrien plötzlich 100 %. Ein völlig neues Lebensgefühl! Das ist jetzt 18 Jahre her und ich habe es keine Sekunde bereut!
Kurt Bond
#1 — vor 6 Monaten 3 Wochen
nur nach Unfällen ............Man Lebt nur einmal

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