Homo- oder heterosexuell: Warum spielt das noch immer eine Rolle?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Sara Rampazzo auf Unsplash
"Konversionstherapien" sollen verboten werden
Die aktuelle Debatte um die sogenannten »Konversionstherapien« für Homosexuelle, die Gesundheitsminister Jens Spahn bis Ende dieses Jahres verbieten lassen möchte, hat mich in dieser Woche ziemlich nachdenklich gemacht. Dass wir im Jahr 2019 noch immer darüber diskutieren, ob Homosexualität eine Krankheit ist oder nicht, finde ich einfach nur lächerlich.
 

Der Glaube versetzt Berge, heißt es. Doch wenn es darum geht, einen homosexuellen Menschen heterosexuell zu therapieren, bleiben die Berge, völlig zu Recht, genau dort, wo sie sind und hingehören. Zudem stellen sich mir bei diesem Gedanken zwei wesentliche Fragen: Wieso sollte man das überhaupt tun, und wer hat sich so einen Blödsinn nur ausgedacht? 

Fragen, die sich vielleicht auch unser Gesundheitsminister Jens Spahn gestellt hat, der in dieser Woche erklärte: »Homosexualität ist keine Krankheit und damit nicht behandlungsbedürftig.« Jens Spahn spricht hier nicht nur aus eigener Erfahrung – der Minister geht sehr offen mit seiner eigenen Homosexualität um – sondern er beruft sich mit dieser Aussage auch auf zwei neue wissenschaftliche Gutachten. Doch den meisten Menschen dürfte ohnehin auch ohne das wissenschaftlich-analytische Bemühen der Experten klar sein, dass sich niemand selbst aussucht, ob er oder sie auf Frauen oder Männer steht. Allerdings brauchen wir auch im Jahr 2019 Untersuchungen, Debatten, Pressekonferenzen und Gesetze. Und ein Gesetz möchte Jens Spahn noch Ende dieses Jahres beschließen lassen, um die sogenannten »Konversionstherapien« endlich zu verbieten.

Völlig nutzlos und gefährlich

Der Begriff »Konversion« kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie »Umwendung« oder »Umkehr«. Bei einer Konversionstherapie handelt es sich also um psychotherapeutische Methoden, die homosexuelle Neigungen stoppen sollen, um Lesben und Schwule heterosexuell zu machen. Diese Methoden sind sehr umstritten: Zahlreiche Wissenschaftler sowie der Weltärztebund halten derartige Praktiken nicht nur für überflüssig und medizinisch unsinnig, sondern auch für gefährlich. Eine solche Therapie könne negative Auswirkungen auf die Gesundheit und die psychische Verfassung haben, heißt es. Und Gesundheitsminister Jens Spahn erklärte: » ›Konversionstherapien‹ machen krank und nicht gesund.«

Homosexualität und ihre Erklärungsversuche

Was ich neben der Tatsache, dass wir uns aktuell überhaupt noch über derart fragwürdige Therapien unterhalten müssen, ebenfalls nur schwer verstehen kann, ist, dass Homosexualität für lange Zeit als psychische Störung galt. Erst (!) im Jahr 1974 wurde Homosexualität von der »American Psychological Association« (APA) offiziell aus der Liste der psychischen Störungen gestrichen. Seit dem 19. Jahrhundert beschäftigen sich Wissenschaftler regelmäßig mit der Frage, wieso Menschen hetero, homo oder bi sind. Als einer der ersten veröffentlichte der Jurist Karl Heinrich Ulrichs seine Theorien, in denen er schwule Männer im Jahr 1864 als »Urninge« bezeichnete. Er ging davon aus, dass solche Menschen im Körper eines Mannes geboren würden, allerdings eine weibliche Seele in sich trügen – er versuchte damit, ein »drittes Geschlecht« zu etablieren. Seine Ausführungen wurden allerdings stark kritisiert, da er mit ihnen weder lesbische noch bisexuelle Empfindungen erklären konnte. Doch schon damals erkannte und erklärte Ulrichs, dass Homosexualität rein gar nichts mit einer psychischen Störung zu tun haben kann. 

Als Mitbegründer der ersten Homosexuellen-Bewegung gilt Magnus Hirschfeld, der sich auch nach Ulrichs Tod mit dessen Theorien auseinandersetzte. Hirschfeld vertrat öffentlich die Ansicht, die Liebe zwischen zwei Männern müsse angeboren sein, und forderte daher die Straffreiheit. Ja, und dann gab es da noch Sigmund Freud, der 1905 in seinen »Drei Abhandlungen über die Sexualtherapie« die These aufstellte, dass alle Menschen von Geburt an bisexuell seien und dass sich erst in der weiteren Entwicklung und aufgrund ihrer frühkindlichen Erfahrungen herauskristallisiere, welche Neigung sich weiterentwickle. 

Mithilfe der genetischen Forschung wurde es ab den 1980er Jahren scheinbar konkreter. So kam es, dass der Amerikaner Dean Hamer 1993 verkündete, er habe das »Schwulen-Gen« entdeckt. Spätere Versuche, seine Theorie zu beweisen, schlugen allerdings fehl. Hamer selbst ist zwar bis heute von der Richtigkeit seiner »Erkenntnisse« überzeugt, inzwischen glauben aber nur noch sehr wenige Wissenschaftler an eine genetische Ursache. Was wirklich dahinter steckt, lässt sich bis heute nicht erklären – ich persönlich halte es auch einfach für unwichtig. 

Braune Haare, lesbisch, schwul oder bi: Von Natur aus normal

Aus wissenschaftlicher Sicht mag das Thema also weiterhin spannend bleiben – für mich ist die sexuelle Ausrichtung von Menschen einfach eine ihrer Eigenschaften, und damit so normal wie die Tatsache, dass meine Haare und Augen von Natur aus braun sind. Im Grunde könnte ich mich genau deshalb ja auch einer »Konversionstherapie« unterziehen. Klingt lächerlich? Ja, das ist es auch – genauso wie das Vorhaben, Homosexualität umwandeln zu wollen. In meiner Wahrnehmung hat es noch nie eine Rolle gespielt, wer sich zu wem hingezogen fühlt, oder wer wen liebt und warum. »Konversionstherapien« werden vor allem von radikalen Christen propagiert, heißt es in einem Beitrag auf Tagesschau.de. Und das, obwohl sogar der Vatikan am 27. August 2018 (für mein Empfinden leider auch deutlich zu spät) klarstellte, dass Homosexualität keine Krankheit sei, und daher Konversionstherapien nicht befürwortet. 

Die Menschheit hat es in unglaublich kurzer Zeit wahnsinnig weit gebracht. Wir entwickeln Flugtaxis und sind in der Lage, Krebs zu heilen. Doch wenn es um festgefahrene Denkmuster geht, bewegen wir uns in einigen Fällen wie Schnecken im Sand. Ich wünschte, wir bräuchten im Jahr 2019 kein Gesetz mehr, das »Konversionstherapien« verbieten muss. Ich wünschte, derartige Praktiken wären schon seit Jahrzehnten einfach gar kein Thema mehr in unserer Gesellschaft. Doch leider wird uns Toleranz und Menschlichkeit offenbar nicht von der Natur mitgegeben. Und das, obwohl die gleiche Natur eine solch wundervolle Vielfalt an Menschen hervorbringt, die alle eigenständig fühlen und vor allem selbst entscheiden dürfen sollten, wen sie lieben möchten. 

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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