Hebamme gesucht! Oder: Wie ich die Nadel im Heuhaufen fand

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Lesezeit: 6 Minuten
So schwierig ist es, eine Hebamme zu finden

Bereits vor meiner Schwangerschaft habe ich immer wieder gehört, wie schwierig es sein kann, eine Hebamme zu finden. Doch wie schwierig es wirklich werden würde, hatte ich nicht für möglich gehalten.  

In der achten Schwangerschaftswoche entschieden sich mein Mann und ich dazu, ganz unverbindlich am Info-Abend mit Kreißsaalführung einer Klinik teilzunehmen. Wir legten so zeitig damit los, weil wir zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht einschätzen konnten, wie viele Kreißsäle wir uns anschauen würden, bevor wir uns sicher sein konnten, wo unser erstes Kind zur Welt kommen solle. Dass wir vielleicht doch ein wenig früh dran waren, konnten wir an den vielen kugelrunden Bäuchen erkennen. Die meisten Frauen schienen bereits im siebten Monat oder weiter zu sein. 

Da es sich jedoch nur um eine Informationsveranstaltung und noch nicht um die eigentliche Anmeldung zur Geburt handelte, ließ ich mich nicht weiter beirren und stellte auch fleißig meine Fragen. Und siehe da: Der Chefarzt der Geburtshilfe und die leitende Hebamme gefielen uns so gut, und auch die Räumlichkeiten und das Konzept des Hauses fanden wir so überzeugend, dass das tatsächlich der erste und letzte Info-Abend, war, den wir überhaupt besuchten. Unsere Wunschklinik haben wir also ganz unkompliziert gefunden, und hier ist es auch, wo wir in ein paar Wochen entbinden werden. Mit der Hebammensuche ging es dann leider nicht so entspannt und einfach weiter. Wir waren vorgewarnt: Schon während des besagten Info-Abends mussten wir mehrfach schlucken, denn immer wieder meldeten sich Frauen zu Wort, die verzweifelt betonten, noch keine Hebamme zu haben. 

Keine Nachsorgehebamme beim ersten Kind? Das kann ich mir nicht vorstellen!

Die Hebammensuche kann warten? Nein, besser nicht! 

Neben den zahlreichen Schwangerschaftsbeschwerden bereitete mir in den kommenden Wochen also vor allem die Hebammenfrage Kopfzerbrechen und schlaflose Nächte. Ich hatte schon oft gehört, dass es vor allem in Großstädten wie Hamburg notwendig sei, sich um eine Hebamme zu kümmern, sobald man den positiven Schwangerschaftstest in den Händen hält. Doch trotz aller Vorwarnungen ging ich das Thema zunächst etwas zu naiv an. Zum einen redete ich mir tatsächlich ein, dass sich mit ein oder zwei Tagen intensiver Recherche sicher jemand finden lassen würde. Und zum anderen sträubte ich mich ein wenig dagegen, ein Treffen mit jemandem zu vereinbaren und einen Vertrag zu unterschreiben, solange ich noch nicht aus der kritischen Zeit der Frühschwangerschaft heraus war. In den ersten 12 Schwangerschaftswochen besteht ein erhöhtes Risiko für eine Fehlgeburt. Allein der Gedanke, der Hebamme aus diesem Grund wieder absagen zu müssen, trieb mir zu Beginn der Schwangerschaft beinah die Tränen in die Augen.

Wie bitte? Das darf doch nicht wahr sein!

Also ließ ich es trotz allem erst einmal langsam angehen und blieb positiv. Bis zur 12. SSW schrieb ich lediglich drei E-Mails – eine Hebamme sagte sofort ab, die beiden anderen haben sich bis heute nicht gemeldet. Und genau so sollte es in den kommenden Wochen weitergehen. Noch vollkommen motiviert durchforstete ich zunächst das Portal vom Hebammenverband Hamburg und suchte alle Nachsorgehebammen (zum Glück gibt es in in der Praxis meiner Frauenärztin eine Vorsorgehebamme, zu der ich in der Schwangerschaft regelmäßig gehen kann)  heraus, die für meinen Stadtteil zuständig sind. Was ich zuvor nämlich nicht wusste: Allein schon aus Zeitgründern, aber auch, weil sie die Anfahrten nicht bezahlt bekommen, bewegen sich Hebammen in einem ganz bestimmten Gebiet und fahren nicht durch die ganze Stadt. Eine Tatsache, die meine Suche schon mal erheblich einschränkte. Nachdem ich mir also E-Mail-Adressen und Telefonnummern herausgesucht hatte, begann ich, meine Liste abzuarbeiten. In der Mittagspause oder nach der Arbeit schrieb ich freundliche Nachrichten oder sprach mit Anrufbeantwortern. Danach wartete ich einige Tage und versuchte es dann noch einmal. Womit ich nie gerechnet hätte: Nach etwa drei Wochen bin ich nur mit einem Teil der für mich infrage kommenden Hebammen überhaupt in Kontakt gekommen – viele sind mir bis heute eine Antwort schuldig geblieben. Von den restlichen – immerhin noch etwa 30 (!) – Hebammen bekam ich immer wieder die gleichen Antworten: Sie seien ausgebucht, hätten kurzfristig entschieden, keine Nachsorge mehr zu machen, oder seien an meinem Entbindungstermin im Urlaub. Wie bitte? Das darf doch nicht wahr sein!

Nach 40 Absagen viel es mir schwer optimistisch zu bleiben…

Wer aufgibt, verliert! 

In dieser Zeit saß ich täglich mittags oder abends nach der Arbeit auf dem Sofa, wählte Nummer um Nummer und bettelte sogar bei Hebammen, die eigentlich für andere Stadtteile zuständig sind. Und wurde dabei immer trauriger und wütender. Vor allem beim ersten Kind und ohne Erfahrung mit einem Neugeborenen wollte ich im Wochenbett und für die erste Zeit danach auf gar keinen Fall auf eine erfahrene Unterstützung verzichten. So langsam ging das Thema selbst meinem Mann an die Nieren. Unsere Laune verschlechterte sich zusehends, wir fühlten uns allein gelassen und spürten, wie die Verzweiflung immer mehr Raum griff. Meine Frauenärztin riet mir dazu, unbedingt hartnäckig zu bleiben und jede einzelne Hebamme, die mir bereits abgesagt hatte, noch ein zweites Mal zu kontaktieren. Eine Situation, die ich als sehr unangenehm empfand. Doch sie hatte recht. Urlaubspläne können sich ändern, Schwangere ziehen weg oder melden sich zunächst bei mehreren Hebammen an, um sich dann Wochen später für eine zu entscheiden. Also ging ich meine Liste noch einmal durch und googelte zusätzlich nach weiteren Hebammen. 

Ein Engel namens Anne… 

Nach weiteren zehn Absagen leitete mir dann jedoch eine der Hebammen den Kontakt einer befreundeten Hebamme weiter und bat mich, unbedingt sofort dort anzurufen. Und siehe da: Zwei Tage später saß Anne bei uns im Wohnzimmer, um sich vorzustellen. Durch ihre entspannte und liebe Art fühlten wir uns sofort wohl mit ihr. Als sie schließlich sagte, wir sollten uns am nächsten Tag bei ihr melden, um ihr mittzuteilen, ob wir den Weg mit ihr gehen möchten, lächelte ich sie an und erklärte, dass ich mir sicher sei und keine Bedenkzeit mehr bräuchte. Damit hatte sich die Sache erledigt. In der 16. SSW wurden wir erlöst und konnten uns endlich wieder auf andere Dinge konzentrieren. Rückblickend betrachtet dauerte die Suche also gerade einmal etwa fünf bis sechs Wochen – im Grunde ging also alles ziemlich schnell. Während wir mitten drin steckten und an jedem einzelnen Tag mit ungewissem Ausgang telefonierten und E-Mails schrieben und doch nur eine Absage nach der nächsten einkassierten, fühlte sich die Situation einfach furchtbar und langwierig an. 

Warum es so schwer ist, eine Hebamme zu finden

Der Beruf der Hebamme ist, wie ich persönlich finde, unglaublich ehrenwert und wichtig. Zum ersten Mal wurde die Hebammenkunst bereits im dritten Jahrtausend vor Christus erwähnt. Und doch ist es eine Kunst, die heute immer weniger Frauen ausüben möchten. Die Gründe dafür sind mehr als nachvollziehbar. Obwohl es ein so wichtiger Beruf ist, werden Hebammen eher schlecht bezahlt, so dass viele andere Berufe zunächst attraktiver erscheinen. Auch der bürokratische Aufwand ist für viele zu einer Belastungsprobe geworden. Vor allem ist der Hebammenmangel in Deutschland aber der extrem starken Erhöhung bei der Haftpflichtversicherung geschuldet. Während freiberuflich tätige Hebammen 1981 noch umgerechnet 30,68 Euro im Jahr dafür bezahlen mussten, liegt der Jahresbeitrag 2020 schon bei 9098,00 Euro. Diesen Betrag müssen die Hebammen vorstrecken. Mit großem bürokratischem Aufwand können sie sich einen Großteil dieser Kosten zwar zurückerstatten lassen, doch das dauert. 

Diejenigen, die es sich überhaupt noch leisten können, Hebamme zu sein, werden aufgrund der hohen Kosten, der schlechten Bezahlung und des bürokratischen Aufwands dazu gezwungen, nur noch das Nötigste zu tun. Die Zeit, die sie sich für die Betreuung eigentlich nehmen möchten, können sie sich einfach nicht mehr leisten. Auch bei Hebammen, die in Krankenhäusern angestellt sind, sieht es kaum anders aus. Pro Schicht müssen häufig gleich eine Handvoll Mütter zeitgleich betreut werden. Allen gleichermaßen gerecht zu werden und dabei auch noch Fehler zu vermeiden, ist so gut wie unmöglich geworden. Der Druck steigt und steigt. Kein Wunder also, dass viele Hebammen umschulen und schweren Herzens einen anderen Beruf wählen. 

Meine Empfehlung: Sucht euch vor dem Ende der 12. Schwangerschaftswoche eine Hebamme.

Leider gilt tatsächlich: Je früher, desto besser!

Angesichts dieser prekären Situation bin ich wirklich froh, doch noch so relativ zeitnah eine Hebamme gefunden zu haben. In dem Geburtsvorbereitungskurs, den mein Mann und ich gerade besuchen, gibt es mehrere Paare, die kurze Zeit nach uns entbinden und bisher noch nicht das Glück hatten, eine Wochenbetthebamme zu finden. Vielen von ihnen wird nichts anderes übrig bleiben, als die Dienste von ambulanten Hebammenpraxen in Anspruch zu nehmen, an die man sich nach der Geburt wenden kann. Wenn ich keine Wahl hätte, würde auch ich dankend auf diese Möglichkeit zurückgreifen. Doch sich nach einer anstrengenden Geburt, nach der man sich eigentlich mindestens eine Woche Ruhezeit im Bett gönnen sollte, regelmäßig mit dem Neugeborenen in so eine Praxis zu schleppen, um abzuklären, dass wirklich alles in Ordnung ist? Keine schöne Aussicht.

Ich bin also sehr erleichtert, dass ich dann doch noch solches Glück hatte, und kann jeder werdenden Mutter nur raten: Auch wenn es schwerfällt und sich falsch anfühlt, sich bereits vor dem Ende der 12. Schwangerschaftswoche mit der Suche nach einer Hebamme auseinanderzusetzen, tut es trotzdem!

Mehr Informationen zum Thema findest du hier »> hebammenverband.de

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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