Happy Birthday, Marisa…

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Claudia Marisa

In ein paar Tagen habe ich Geburtstag. Bisher hatte ich kein Problem mit dem Älterwerden. Doch aktuell frage ich mich doch: Müsste ich nicht schon längst weiter sein? 

 

Geburtstage sind etwas Tolles! Ich liebe es, Geburtstag zu haben, und freue mich jedes Mal riesig darauf. Die vielen lieben Anrufe und Nachrichten und dieses ganz besondere und freudige Gefühl lassen diesen Tag jedes Jahr aufs Neue zu etwas Besonderem werden. Und auch dem Älterwerden konnte ich bisher nur Positives abgewinnen. Während sich viele meiner Freundinnen und Freunde wünschen, noch einmal 16 sein zu dürfen, bin ich ganz froh, dass ich diese Zeit hinter mir gelassen habe. Denn je älter ich werde, desto mehr weiß ich, was ich will und vom Leben erwarte. Ich sinke immer tiefer in eine Art Grundgelassenheit, die mir in vielen Momenten den Druck nimmt. 

Weltreise, Hochzeit, Haus, Kinder… 

Doch in diesem Jahr ist irgendetwas anders. Schon vor Monaten habe ich mich mit zweien meiner Freundinnen intensiver über unseren nächsten Geburtstag (wir alle werden kurz nacheinander 29 Jahre alt) unterhalten. Es ist das letzte Jahr in den 20ern, und vielleicht ist es genau das, was uns zum Grübeln brachte. Denn plötzlich schauten wir uns im Freundeskreis und bei ehemaligen Klassenkamerad*innen um: Viele von ihnen haben in den letzten Jahren Kinder bekommen, Häuser gebaut oder sogar ihr eigenes Unternehmen gegründet. Wieder andere arbeiten von unterwegs aus und bereisen die ganze Welt. 

Müsste ich nicht schon längst weiter sein?

Keine Frage: Ich mag mein Leben so, wie es bisher verlaufen ist – mit allen Herausforderungen, den kleinen Stolpersteinen und zahlreichen Glücksmomenten. Doch im Grunde arbeite ich seit meinem 23. Lebensjahr von Montag bis Freitag, leibe seit 10 Jahren in der für mich schönsten Stadt der Welt und bin seit letztem Jahr auch mit dem tollsten Mann verheiratet. Doch wenn ich so die anderen Lebensläufe betrachte, stellt sich mir schon die Frage: Müsste ich nicht schon längst weiter sein? Während unserer Gespräche sinnierten wir vor uns hin und malten uns aus, wie unser Leben auch hätte verlaufen können. In meiner imaginären Vorstellung sähe mein Leben also aktuell in etwa so aus: In den letzten Jahren wäre ich noch viel, viel häufiger verreist, wäre jobtechnisch schon mehrfach aufgestiegen, hätte bereits vor Jahren einen Fondssparplan für die Rente bei der Bank aktiviert und zuletzt ein Grundstück und ein Haus gekauft. Zudem würde ich in diesem Moment mit dem zweiten Kind in den Wehen liegen.

 

Zurück in die Heimat? Niemals! 

Doch kaum hatte ich all das ausgesprochen, war mir auch gleich irgendwie klar: Ist doch alles Quatsch! Bei jedem Menschen ticken die Uhren anders. Es macht überhaupt gar keinen Sinn, mich mit Lisa zu vergleichen, die ihr Heimatdorf nie verlassen oder nie studiert hat. Ihr Leben ist ein völlig anderes als meines, und das ist auch gut so. Während sie sich mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Heimat eingerichtet hat, käme es für mich niemals infrage, wieder dorthin zurückzukehren. Und daran werden auch die wesentlich günstigeren Grundstückspreise nichts ändern können.

Und eines dürfen wir dabei ebenfalls nicht vergessen: Ich sehe bei anderen immer nur das Oberflächliche und weiß nicht, wie es in den Personen wirklich aussieht. Vielleicht haben sie sich den Verlauf ihres Lebens ja auch ganz anders vorgestellt. Wie sich Lisa in ihrem Leben wirklich fühlt, weiß ich nicht. Vielleicht wünscht sie sich ja manchmal sogar eine Scheibe von meinem Leben… Auf einer Party erzählte mir eine Bekannte, die ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte, dass ihr Leben sie überrollt hat. Sie wurde ungeplant schwanger, heiratete und lässt sich mit 29 Jahren nun doch wieder scheiden. Auch sie habe ich einst aus der Ferne bewundert. Sie war mir immer einen Schritt voraus – und fängt nun doch wieder (fast) von vorne an. Aber so ist es nun mal, das Leben – immer für eine Überraschung gut. 

Welche Überraschungen mein nächstes Lebensjahr wohl für mich bereithält? Hoffentlich nur gute. Auf meinen 30. Geburtstag freue ich mich übrigens auch schon. Denn erst ab dann, glaube ich, werde ich mich so richtig erwachsen fühlen. 

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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