Der Geist an meinem Bett

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Habe ich einen Geist gesehen?

In dieser Kolumne erzähle ich von einem mystischen Erlebnis, das mir einmal nach einer tragischen Begebenheit widerfahren ist:  Vor vielen Jahren spielte mir meine Fantasie einen Streich, als ein Kind aus der Nachbarschaft an meinem Bett erschien. 

 

Erinnert ihr euch noch an die Sendung »X-Factor: Das Unfassbare«? Moderator Jonathan Frakes stellte nacheinander fünf ziemlich unglaubliche Geschichten vor, von denen eine angeblich wirklich passiert war. Meistens ging es dabei um parapsychologische Phänomene wie Reinkarnation, Aliens und Geister. Als Kind habe ich dieses Format geliebt und nie eine Folge verpasst. Besonders mitreißend fand ich, zu versuchen, aus all den Kurzgeschichten die »richtige« herauszufinden. 

Was war geschehen?

Da die alten Folgen aktuell wieder ausgestrahlt werden, musste ich plötzlich an meinen ganz persönlichen »X-Factor-Moment« denken. Dieser hatte eine tragische Vorgeschichte. Und zwar war ich vor mehreren Jahren mal in meiner Heimatstadt zu Besuch und fuhr zu meinen Eltern, wo gerade meine Großeltern dabei waren, den Hausflur zu renovieren. Als ich auf die Auffahrt fuhr, kam mir bereits mein Opa entgegen, der mit blassem Gesicht und großen Augen ganz aufgeregt erzählte, dass er vor etwa einer halben Stunde zunächst einen fürchterlichen Schrei vernommen habe und wenig später ein Leichenwagen die Straße entlang gefahren sei. Was geschehen sein könnte, konnte er mir allerdings nicht erzählen.

Ein Selbstmord in der Nachbarschaft

Wenig später stellte sich heraus, dass der etwa 12-jährige Nachbarsjunge offenbar Selbstmord begangen hatte. Seine Mutter hatte ihn in seinem Kinderzimmer gefunden – vermutlich war es ihr Schrei, den mein Großvater gehört hatte. Natürlich waren alle völlig entsetzt und geschockt von der Nachricht, und so sprach sich im Wohngebiet schnell herum, was wohl geschehen war. So sollen sich der Junge und seine Freunde in der Schule einen Streich erlaubt haben: Sie hatten die Wasserhähne in der Jungentoilette aufgedreht und den Raum überflutet. Der Wasserschaden soll ein solch großes Ausmaß angekommen haben, dass sich der direkt unter der Toilette befindliche Computerraum ebenfalls mit Wasser füllte und die gesamte dort befindliche Technik zerstört wurde. Ein Dummejungenstreich, der völlig aus dem Ruder gelaufen war – was die Jungs ganz sicher nicht beabsichtigt hatten. Angeblich aus Angst vor der drohenden Auseinandersetzung und den Konsequenzen soll sich unser Nachbarsjunge kurze Zeit später in seinem Kinderzimmer erhängt haben. 

Damals wie heute läuft es mir eiskalt über den Rücken, wenn ich an diese Geschichte denke. Es fiel mir schwer, die ganze Situation zu begreifen, und mir ging das Schicksal des Jungen immer wieder sehr nah. Ich hatte ihn gekannt – zwar nicht besonders gut, immerhin war er wesentlich jünger als ich – doch wir waren uns immer wieder über den Weg gelaufen. Wir hatten nicht nur in derselben Straße gewohnt, er war auch immer mal wieder zu uns rüber gekommen, um sich unsere Katzentransportbox auszuleihen. Genau wie wir hatte auch seine Familie eine Katze, die er öfter zum Tierarzt begleitet oder aus unserem Garten wieder zu sich nach Hause gelockt hatte. Immer wieder hatte er bei uns geklingelt oder plötzlich auf unserem Grundstück gestanden. Dass er von nun an nicht mehr kommen sollte, konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen.

Traum oder Wirklichkeit?

In der Zeit nach dem Unglück dachte ich beinah ununterbrochen an ihn. Und so passierte es, dass ich eines Nachts zu Bett ging, die Augen schloss und einschlief – bis ich ein Geräusch vernahm. Ich öffnete die Augen und sah den Jungen plötzlich ganz klar und deutlich vor mir stehen. Er schaute mich an, bewegte sich aber nicht. Wie von einem Blitz getroffen schrie ich auf, rannte zum Lichtschalter und stand plötzlich völlig verängstigt und irritiert in meinem Zimmer. Ich gehe fest davon aus, dass ich das alles nur geträumt habe – ein Traum, der sich sehr real anfühlte und das widerspiegelte, was mich seit Tagen beschäftigte. Oder habe ich etwa doch einen Geist gesehen? Eigentlich glaube ich nicht an derartige Phänomene. Doch gibt es immer wieder Diskussionen zu paranormalen Ereignissen. Eine repräsentative Umfrage soll sogar ergeben haben, »dass fast drei Viertel der deutschen Bevölkerung mindestens einmal im Leben etwas Außergewöhnliches erlebt, das sich im weitesten Sinne der Parapsychologie zuordnen lässt«, schreibt Fokus Online.

Geister: Gibt es sie wirklich?

In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Geistersichtungen. Es heißt immer wieder, dass Menschen, die einen tragischen Tod erlitten hätten, nur schwer zur Ruhe kämen und erst nach einer ordentlichen Bestattung ihren Frieden fänden. Verfechter der Geister-Theorie lassen sich beispielsweise auf der Webseite »Die Welt des Paranormalen und Übersinnlichen« finden. Hier heißt es: »Aus parapsychologischer Sicht und deren Forschungsergebnissen muss gesagt werden, dass es Geister tatsächlich gibt. Jedoch ist die Frage, was sie denn nun wirklich sind, ob die Seelen Verstorbener oder eine Massenhalluzination, noch nicht vollständig beantwortet. Sie jedoch als Lüge oder Wunschdenken derer zu bezeichnen, die ihnen schon begegnet sind, zeugt nur von Unwissenheit und Ignoranz.«

Geister: Ein Experiment soll das Phänomen erklären 

Doch es gibt auch Wissenschaftler, die immer wieder versuchen, dem Phänomen der »Geistererscheinungen« auf den Grund zu gehen. Denn bereits seit Jahrhunderten berichten Menschen, die sich häufig in Extremsituationen befunden haben oder unter neurologischen Störungen wie Epilepsie leiden, dass sie derartige Illusionen wahrgenommen haben. So analysierten ForscherInnen vom Labor für kognitive Neurowissenschaften an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne, was dahinterstecken könnte. Im Fachjournal »Current Biology« heißt es dazu: »Solche Erscheinungen werden häufig in Publikationen aus den Bereichen Religion oder Okkultismus bzw. in der Literatur thematisiert.« Doch hätten sie nach Meinung der WissenschaftlerInnen nichts mit übernatürlichen Phänomen zu tun. Für das Experiment luden die ForscherInnen zwölf ProbandInnen mit neurologischen Störungen und zwölf gesunde TestkandidatInnen ein, ohne sie darüber zu informieren, was genau Gegenstand der Untersuchung werden sollte. Zunächst fand eine eingehende neurologische Untersuchung statt – besonders interessant waren die Areale, die für die eigene Körperwahrnehmung wichtig sind: der insulare Cortex, der parietal-frontale Cortex und der temporo-parietale Cortex. Warum? Diese Hirnregionen sind immer dann aktiv, wenn es um das Bewusstwerden des eigenen Selbst geht oder die Position des Köpers oder eines ganz bestimmten Körperteils bestimmt wird. Bei den ProbandInnen mit Epilepsie konnten in diesen Bereichen Schäden festgestellt werden. 

Und dann ging es an das eigentliche Experiment: Allen TeilnehmerInnen wurden die Augen verbunden. Sie wurden angewiesen, bestimmte Bewegungen mit ihren Händen vor ihrem Körper durchzuführen. Zeitgleich wurde eine Roboterhand eingesetzt, die mit der gleichen Bewegung – also zum Beispiel von links nach rechts – über den Rücken der jeweiligen Person fuhr. Dies führte zu einer räumlichen Diskrepanz in der Wahrnehmung – das Gehirn ist allerdings in der Lage, diese Gleichzeitigkeit der Bewegung der eigenen Hand und der unechten Hand sofort auszugleichen, so dass die Versuchspersonen den Eindruck hatten, sich selbst über den Rücken zu streichen. Im nächsten Schritt sorgten die WissenschaftlerInnen dann für eine zeitliche Verzögerung zwischen den Bewegungen. Und hier wurde es offenbar zu viel für das Gehirn. Drei Minuten nach Beendigung des Experiments wurden die TeilnehmerInnen von den ForscherInnen dazu befragt, was sie empfunden hätten. Mehrere Personen berichteten unabhängig voneinander von einer »Präsenz«, manche gaben sogar an, sie hätten »Geister« gespürt. 

»Manche Probanden fühlten diese Illusion sogar so stark, dass sie uns baten, das Experiment abzubrechen«,erklärt Wissenschaftler Giulio Rognini. Die Epilepsie-PatientInnen spürten derartige Empfindungen während des Experiments übrigens auch ohne den Einsatz der Roboterhand. Dies wird damit erklärt, dass die Hirnregionen, die für die Körperwahrnehmung zuständig sind, nicht richtig funktionieren. »Das ist das erste Mal, dass wir eine Geisterempfindung im Labor hervorrufen konnten. Unser Experiment zeigt, dass solche Illusionen unter ganz normalen Bedingungen erzeugt werden können, ganz alleine dadurch, dass man die sensorischen und motorischen Signale stört«, beschreibt Olaf Blanke dazu weiter. Und: »Das Robotersystem konnte die Empfindungen von Patienten mit psychischen Störungen und gesunden Menschen in Extremsituationen nachahmen. Das bestätigt, dass die Empfindungen durch eine veränderte Wahrnehmung des eigenen Körpers im Gehirn ausgelöst werden«.

Mein Gehirn spielt mir öfter einen Streich

Habe ich mich also auch in einer Extremsituation befunden, da mich das zuvor Geschehene so sehr mitgenommen und tief in meinem Inneren Stress ausgelöst hat? So ließe sich meine Erscheinung zumindest halbwegs plausibel erklären. Was Erscheinungen ganz allgemein angeht, bin ich ja tatsächlich auch nicht ganz unerfahren. Durch die Schlafparalysen, die ich gerade in stressigen Zeiten erlebe, erlaubt sich mein Gehirn häufiger einen Streich und projiziert düstere Gestalten in den Raum. Dass ich hier jedes Mal Geister sehe, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Mein ehemaliger Nachbarsjunge ist mir übrigens nicht noch einmal erschienen – dennoch denke ich bis heute noch sehr viel an ihn… 

Welche Erfahrungen habt ihr mit derartigen Phänomenen gemacht? Glaubt ihr an Geister oder habt sogar schon einmal einen gesehen? Ich bin neugierig – teilt mir eure Geschichten in den Kommentaren mit! 

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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