Fashion Week Berlin: Ein Gedanke, der bleibt…

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Claudia Marisa
Meine Gedanken zur Fashion Week
In dieser Woche fand die Fashion Week in Berlin statt. Ein Ereignis, bei dem die Mode im Vordergrund stehen sollte. Bei mir ist nach dieser Woche jedoch vor allem eines hängengeblieben…
 

An vielen Ecken und Enden können wir seit Längerem einen Wandel ausmachen. Viele Menschen haben sich dazu entschlossen, nachhaltiger und bewusster zu leben – und vieles nicht mehr als gegeben hinzunehmen, sondern genauer zu hinterfragen. In diesem Zusammenhang spielen auch immer wieder die Begrifflichkeiten Achtsamkeit und Body Positivity eine große Rolle. Die Akzeptanz für andere, die immer bei einem selbst beginnt, ist besonders in letzter Zeit deutlich mehr in den Fokus gerückt.

Und auch wenn bereits ein Umdenken sattgefunden hat, sind wir noch lange nicht am Ziel angekommen. Wo beziehungsweise was das Ziel genau ist, definiert mit Sicherheit jeder anders. Vor und während der Fashion Week wurde mir allerdings mal wieder bewusst, wie weit entfernt die Allgemeinheit von meiner ganz persönlichen Vorstellung noch ist.

 

Je dünner, desto erfolgreicher?

In der vergangenen Woche unterhielt ich mich mit einer sehr guten Freundin, die seit vielen Jahren als Bloggerin tätig ist. Sie kennt das Business und die so häufig konstruierte Instagram-Welt genau. Natürlich wollte ich auch von ihr wissen, ob sie zur Fashion Week in Berlin vor Ort sein würde. Sie erklärte mir, dass sie in diesem Jahr lieber komplett darauf verzichten wolle. Ihrer Meinung nach habe sich die Modewoche viel zu sehr gewandelt – und das zum Negativen. Zum einen würde sich die Welt nur noch bedingt dafür interessieren, was viele der deutschen Designer auf dem Laufsteg zeigen – und zum anderen sei es für sie scheinheilig zu behaupten, dass die Themen Achtsamkeit und Body Positivity tatsächlich in den Köpfen der Menschen angekommen seien. Noch deutlicher als auf der Fashion Week könne man diese Tatsache nur noch bei Instagram miterleben, wo die erfolgreichsten Influencerinnen offenbar noch immer versuchen, sich gegenseitig an Gewicht zu unterbieten. Spindeldürre Beine, knochige Schultern, hervorstehende Wangenknochen: 50.000 Menschen und mehr gefällt das. Viele von uns – ich schließe mich keinesfalls aus – gehören zu denjenigen Menschen, die diese Bilder liken und den Erfolg mittragen.

Zufriedenheit = Schönheit & Attraktivität

So geistert auch heute noch immer die Vorstellung von der sogenannten „Idealfigur“ umher, die als besonders erstrebenswert gilt. Das wurde mir auch wieder bewusst, als ich mich in dieser Woche mit einer anderen Freundin unterhielt, die mir davon berichtete, seit Jahren immer wieder das Gefühl zu haben, viel dünner sein zu müssen. Sie habe große Probleme damit, sich von diesem Gedanken zu lösen, obwohl sie eigentlich wisse, dass diese Anschauung Blödsinn sei. Sie verspüre einfach einen Druck, dem sie sich nur schwer entziehen könne. All ihre Aussagen kann ich sehr gut nachvollziehen. Als Teenager hatte auch ich ständig das Gefühl, dass eine dünnere Figur mir mehr Ansehen und Akzeptanz bescheren würde. Nach einer pubertären Phase, in der ich mich fast nur noch von Luft und Wasser ernährte, fing ich mich wieder – jedoch die Zweifel und vor allem die Unzufriedenheit blieben. Inzwischen möchte ich behaupten, dass ich mit meinen 28 Jahren bei mir selbst angekommen bin. Ein Prozess, der einige Jahre gedauert, aber mein Leben vollkommen verändert hat. Was und wie viel ich esse, wie breit oder schmal meine Hüften sind oder wie groß oder klein mein Hintern ist, mache ich nicht mehr von Außenstehenden, womöglich noch mir völlig fremden Menschen abhängig. Diese Meinungen haben keinen Platz mehr in meinem Leben.

 

Ich fühle mich sehr wohl in meinem Körper und habe beschlossen, nur noch auf mich selbst zu hören. Ich höre darauf, was ich brauche und möchte, und lasse mir nicht von meiner Außenwelt vorschreiben, was das Beste für mich ist oder wie ich zu sein habe. Deshalb lasse ich mich inzwischen auch nur noch schwer beeinflussen. Bilder von superschlanken Models oder Instagrammerinnen lösen in mir kein „So möchte ich auch sein“-Gefühl mehr aus. Zudem sind Schönheit und Attraktivität für mich persönlich untrennbar mit der eigenen Zufriedenheit verbunden. Wer sich im Großen und Ganzen wohlfühlt, strahlt das auch aus und wird demzufolge auch positiver wahrgenommen. Körperformen oder das Gewicht spielen für mich dabei absolut keine Rolle. Jeder Mensch hat etwas Schönes in sich, solange die Person es nur selbst erkennt und anfängt, stolz darauf zu sein.

Fashion Week: So rückt die Mode in den Hintergrund

Doch kommen wir zurück zur Fashion Week. Ich saß also in einigen Shows von meiner Meinung nach fantastischen Designer*innen, die wundervolle Mode kreieren. Die sich des Wandels der Zeit durchaus bewusst sind und schon längst verstanden haben, dass Mode nicht nur primär ein gutes Gefühl vermittelt oder Ausdruck der Persönlichkeit ist – sondern auch politische Statements setzen kann, mit denen wir uns von Ausgrenzung, Hass, Hetze und Neid klar abgrenzen können. Doch – und das finde ich sehr schade – fiel mein Blick während der Präsentationen immer wieder auf die zum Teil wahnsinnig dünnen Models. Und ja, auch ich bin mit dem Begriff „Sample Size“ vertraut. Eine Mustergröße, die sich im Laufe der Zeit etabliert hat und es den Designern erleichtert, die Mode auf den Laufsteg zu bringen. Die einzelnen Teile werden für ganz bestimmte Maße geschneidert und die Models, die zum Casting kommen, müssen eben genau diese erfüllen.

Da ich nicht zum ersten Mal auf der Fashion Week war, wusste ich natürlich, dass ich vermutlich auch in diesem Jahr keine normalgewichtigen oder kurvigen Models auf den Laufstegen sehen würde. Dennoch war ich häufig sehr erschrocken. Vielleicht liegt es daran, dass derartige Körperproportionen für mich nicht erstrebenswert sind und ich mir im tiefsten Inneren doch gewünscht hatte, wenigstens zwischendurch mal etwas anderes zu sehen. Hinzu kommt, dass ich mich zunehmend in einem Umfeld bewege, in dem Konfektionsgrößen eben nur noch kaum eine entscheidende Rolle spielen. Bei der Fashion Week wird das jedoch vermutlich auch in den nächsten Jahrzehnten nur schwer zu erreichen sein. Da sind meiner Meinung nach auch weiterhin die Medien und natürlich auch die Modebranche selbst gefragt, die eine große Verantwortung tragen. Und das nicht nur der Umwelt gegenüber und den Menschen, die noch immer unter unwürdigen Bedingungen an den Herstellungsprozessen beteiligt sind. Auch den Endkonsument*innen gegenüber, die sich immer wieder dazu verleiten lassen, einem von der Industrie vorgeschriebenen Maß zu entsprechen, das für mich mit „ideal“ rein gar nichts zu tun hat.

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

2 Kommentare

Lisa
#1 — vor 7 Monaten 1 Woche
Wieso muss immer wieder betont werden, dass die Figur der Models so „unerstrebenswert“ so „erschreckend“ anzusehen ist....Es gibt nun mal Menschen die von Natur aus sehr dünn und schmal sind und immer wieder aufgrund der genetischen Physiognomie schlecht dargestellt zu werden um andere (die „normalen, richtigen“ Frauen) hervorzuheben halte ich für genau so unfair
Bodyshaming sollte in keine Richtung gehen und nein nicht jedes Model hungert sich herunter oder ist Magersüchtig sehr sehr viele sind einfach dünn!
Claudia Marisa Alves de Castro
#1.1 — vor 7 Monaten
Hallo liebe Lisa, vielen Dank für deinen Kommentar. Ich bin da ganz bei dir und natürlich sind viele Menschen von Natur aus sehr dünn und hungern sich keineswegs runter. Ich persönlich würde mich jedoch sehr freuen, wenn es selbstverständlich wäre, dass Models unterschiedlichster Figuren auf den Laufstegen zu sehen sind. Jeder Körper ist einzigartig – wieso bilden wir diese Vielfalt nicht auch noch viel häufiger unter den Models ab?

In reply to #1 by Lisa

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