Ist Europa zu einer Selbstverständlichkeit geworden?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Du bist entscheidend
Am Sonntag, den 26. Mai, findet in Deutschland die Europawahl statt. Ich gehe auf jeden Fall zur Wahl, weil das Kreuz auf dem Wahlzettel für mich persönlich nicht nur eine Selbstverständlichkeit, sondern auch ein großes Privileg ist. 
 

In den letzten Tagen und Wochen geht es in den Medien natürlich zunehmend intensiver um die anstehende Europawahl. Die europäischen Bürgerinnen und Bürger werden in diesem Zuge auch häufig danach gefragt, ob sie vom 23. bis 26. Mai (nicht alle EU-Länder lassen am gleichen Tag wählen – wir sind wie gesagt am Sonntag dran) den Weg zur Wahlurne antreten werden. Erschreckend häufig heißt es dann: »Nein, ich wähle nicht«. Auf die Frage nach dem »Warum« werden dann zahlreiche Argumente aufgeführt, die für mich nur schwer nachvollziehbar sind. »Keine Zeit«, »keine Lust« oder »kein Interesse« sind Ausreden, die mir mit Abstand am meisten auf den Magen schlagen.

Die Wahlbeteiligung sinkt

Doch die Wahlmüdigkeit greift immer weiter um sich. Ein Blick auf die Statistik verrät: In den letzten Jahrzehnten ist die Wahlbeteiligung bei der Europawahl drastisch gesunken. Während 1979 europaweit noch 61,99 Prozent gewählt haben, waren es bei der letzten Wahl 2014 nur noch 42,61 Prozent – also nicht einmal mehr jede*r zweite. Wie die Wahlbeteiligung wohl in diesem Jahr ausfallen wird? Vor dem Ergebnis fürchte ich mich ehrlich gesagt schon jetzt. Und das, obwohl wir doch vor einer Wahl eigentlich alle freudig gestimmt sein sollten. Und jede*r Einzelne von uns sollte doch wirklich alles dafür tun, die eigene Stimme auf jeden Fall abgeben zu können.

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.

Die Ärzte
Nicht wählen ist keine Option!

Europa ist keine Selbstverständlichkeit

Denn unser Wahlrecht ist ein absolutes Privileg. Jede*r Wahlberechtigte kann sich glücklich schätzen, ein Kreuz setzen und damit mitentscheiden zu dürfen. Es gibt unzählige Länder und Staaten, in denen die Menschen nicht gehört und immer wieder übergangen werden. Sie würden sich wünschen, an einer Wahl teilnehmen zu dürfen, um die Zukunft ihres Landes mitzubestimmen. Wir haben diese Möglichkeit – doch viel zu viele Menschen nehmen sie nicht wahr. In Bezug auf die Europawahl habe ich in den letzten Tagen häufiger gelesen, dass die geringe Wahlbeteiligung vermutlich damit zu tun hat, dass Europa und die damit verbundenen Freiheiten und Möglichkeiten zu einer Selbstverständlichkeit geworden sind. Darüber hinaus ist der europäische Grundgedanke in vielen Köpfen nicht verankert oder wurde einfach noch nie hinterfragt. In diesem Zuge stellt sich auch immer wieder die Frage, was Europa eigentlich für uns tut? 

 

Was tut die EU für mich?

Und das ist wirklich mehr, als auch ich bisher wusste. Denn Europa steht nicht nur im Allgemeinen für Stärke. Unser tägliches Leben wird von EU-Entscheidungen bestimmt, die wir, wie bereits erwähnt, zwar als Selbstverständlichkeit hinnehmen, die aber alles andere als selbstverständlich sind. Unter anderem ist es der EU zu verdanken, dass bei Reisen in der Eurozone das lästige und vor allem teure Geldumtauschen wegfällt, wir innerhalb der EU keine Visa beantragen müssen und uns im sogenannten Schengenraum ohne Grenzkontrollen frei bewegen dürfen.  

Im Jahr 2015 hat die EU alle Zuschläge für SMS, Telefonie und Internet einfach verboten – seitdem gibt es also keine Roaming-Gebühren mehr. Auch ein Verdienst der EU: Anrufe bei Kundendiensten dürfen nicht teurer sein als normale Anrufe. Und zwielichtigen Gewinnspielportalen hat sie auch schon längst den Garaus gemacht. Was den Verbraucherschutz allgemein angeht, ist die EU ganz stark auf unserer Seite. Aus Brüssel kommen die härtesten Regeln überhaupt, und wenn es hart auf hart kommt, legt sich die EU sogar mit großen Konzernen an. 

Lass uns diskutieren, denn in unserem schönen Land, sind zumindest theoretisch alle furchtbar tolerant.

Die Ärzte

Dass wir bei verspäteten Bussen, Flügen oder Zügen Ausgleichsrechte gegenüber den Anbietern haben, finde ich richtig gut. So waren unter anderem die Rabattkarten, die in der Bahn ausgeteilt werden, eine Idee der EU. Sogar die verbindlichen Inhaltsangaben auf der Verpackungsrückseite von Lebensmitteln sind das Ergebnis einer EU-Richtlinie. Und für alle Online-Shopper: Es wurde festgelegt, dass alle Händler eine kostenlose Möglichkeit zur Rücksendung innerhalb der Europäischen Union anbieten müssen – ohne diese Regelung müssten wir die Versandkosten wohl bis heute selbst zahlen. Heutzutage ebenfalls wichtig: Die EU finanziert Projekte, um Online-Hetze einzudämmen. 

Neben vielen wirtschaftlichen Vorteilen, dem inspirierenden kulturellen Austausch und den zahlreichen beruflichen Möglichkeiten geht es in der Europäischen Union auch immer wieder um den Umweltschutz. Die sogenannte Natura 2000 ist ein Schutzgebietznetz aus Natur- und Meeresschutzgebieten, in denen man nur nachhaltig tätig werden darf – von diesen Schutzgebieten gibt es aktuell 26.000. 

Europäische Union: Nicht alles läuft rund

Die Liste der positiven Auswirkungen der EU ließe sich noch beliebig weiterführen. Doch ist auch klar, dass seit ihrer Gründung am 1. November 1993 in Maastricht (Niederlande) nicht alles völlig reibungslos verlaufen ist. Aktuell zeigt das Brexit-Desaster, das ein Austritt aus dem Staatenbund weder für Großbritannien noch für ein anderes Land wirklich vorgesehen war. Ansonsten hätten die Mitgliedstaaten von vornherein Regeln für einen geordneten Austritt festlegen müssen, und all der Ärger der letzten Monate wäre den Menschen erspart geblieben.

Und dennoch: Auch wenn die Mühlen in Brüssel häufig langsam mahlen, immerhin bewegen sie sich und sorgen für unseren Schutz und unsere Sicherheit. Für mich ist die Europäische Union daher eine erhaltenswerte Institution!

Darum lass sie Deine Stimme hören, weil jede Stimme zählt.

Die Ärzte
Ich weiß schon, wo ich mein Kreuz setze. Wer es noch nicht weiß, kann sich noch eine Woche lang informieren…

Und wen soll ich wählen? 

Wer sich bisher noch gar nicht oder nicht ausreichend über die Europawahl informiert hat, hat viele Möglichkeiten, um das nachzuholen. Auf den gängigen Newsportalen wie tagesschau.de lassen sich alle wichtigen Fakten zur Wahl nachlesen. Bei YouTube gibt es zudem auch spannende Beiträge, die erklären, was die EU eigentlich ist, aus welchen wichtigen Institutionen sie sich zusammensetzt und wen wir für welche Aufgaben genau ins Parlament wählen können. Darüber hinaus gibt es zusammenfassende Beiträge zu den einzelnen Parteiprogrammen. Was sie in den kommenden fünf Jahren umsetzen wollen und was nicht? All das kann man ganz leicht im Netz erfahren. An dieser Stelle möchte ich auch noch den YouTube-Kanal von Deutschlandfunk Nova empfehlen. Das Format »Ich würde nie…« zeigt Gespräche mit den Spitzenkanditat*innen, bei denen man auch die Menschen hinter den Politikerinnen und Politikern ein wenig besser kennenlernt. Und wer sich dann immer noch nicht sicher ist, wo das Kreuz landen soll, sollte sich unbedingt durch den Wahl-O-Mat klicken. Auch ich habe das schon gemacht – was dabei rausgekommen ist, verrate ich jetzt natürlich nicht. 

Und damit bleibt mir nur noch eines zu sagen: Wählen ist die einzige Möglichkeit, wie unsere Demokratie erhalten bleiben kann. Deshalb gilt es jetzt das, was wir bisher erreicht haben, zu bewahren und geeignete Vertreter*innen zu wählen, die unser Europa noch weiter voranbringen. Wie das gehen soll? Ja richtig! In dem ich, du und wir alle am 26. Mai zur Wahl gehen – klingt doch ganz einfach, und ja, das ist es auch! 

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Am 26. Mai zur Europawahl gehen: Jetzt erst recht!

Am 26. Mai ist in Deutschland Europawahl. Die Wahl zum Europäischen Parlament findet alle fünf Jahre statt und betrifft eine große Anzahl Menschen: Rund 400 Millionen EU-Bürger sind an diesem Tag wahlberechtigt. Europawahlen zeichnen sich jedoch immer wieder durch eine relativ geringe Wahlbeteiligung aus. Bei der letzten Europawahl im Jahr 2014 lag sie in Deutschland bei gerade einmal 48,1  (europaweit bei 42,61 %). Zum Vergleich: Bei der letzten Bundestagswahl 2017 gingen immerhin 76,2 % der Deutschen zur Wahl. Nichtwählen scheint also irgendwie vertretbarer zu sein, wenn es »nur« um Europa geht. Das finden wir nicht: Deshalb haben wir einige häufige Gründe für das Nichtwählen zusammengefasst und liefern die entsprechenden Gegenargumente.
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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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