Es gibt immer ein allererstes Mal…

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
So war es das erste Mal in einem Flugzeug zu sitzen

Vergangenes Wochenende ging es für mich und meine Großeltern hoch hinaus. Zur goldenen Hochzeit hatten mein Freund und ich ihnen einen Rundflug über Hamburg geschenkt. Da die beiden noch nie in ihrem ganzen Leben geflogen sind, hielt ich es für eine tolle Geschenkidee – bis mich vor dem Flug mein schlechtes Gewissen überkam.

 

Meine Großeltern bedeuten mir sehr viel. Als Kind und Teenager verbrachte ich jedes Wochenende bei ihnen – darüber hinaus waren sie immer für mich da. Selbst wenn es einmal nicht so rund lief, standen sie zu jeder Zeit hinter mir. Aus diesem Grund wollte ich den beiden ein ganz besonderes Geschenk zu ihrer goldenen Hochzeit machen. Ich bin ein großer Fan von Erlebnisgeschenken, da die Erinnerungen daran ein Leben lang bleiben. Also dachte ich nach und kam schnell auf die Idee, den beiden einen Rundflug über Hamburg zu schenken. Da weder meine Oma noch mein Opa jemals in einem Flieger gesessen hatten, konnte ich so sicher sein, dass das Geschenk etwas ganz Besonderes sein würde. Dass das Erlebnis natürlich auch besonders negativ würde ausfallen können, hatte ich in meiner Euphorie ganz und gar nicht bedacht.

Mit dieser Cessna ging es hoch in die Luft

So überreichten mein Freund ich ihn ihnen im Dezember letzten Jahres symbolisch ein kleines Flugzeug. Die Reaktionen waren so, wie ich es erwartet hatte. Während meine Oma sich freute und direkt sagte, dass sie es kaum erwarten könne, signalisierte mein Opa ein klein wenig Panik – was ich übrigens sehr gut nachvollziehen konnte. Das erste Mal saß ich mit acht Jahren in einem Flieger Richtung Afrika. Leider erinnere ich mich nicht mehr, ob ich Angst hatte oder wie ich mich generell fühlte. Wesentlich später ging es dann nach London. Schweißnasse Hände und pure Panik begleiteten den kurzen Aufenthalt an Bord. Auch die Flüge danach – ob für den Beruf oder privat – sorgten bereits im Vorhinein für tiefe Sorgenfalten, Bauchschmerzen und Schweißausbrüche. Aber je häufiger ich in den Flieger steigen musste, desto mehr legte sich mit der Zeit meine Panik, was auch nicht zuletzt der Engelsgeduld meines Freundes zu verdanken ist, der durch seinen Job bei der Lufthansa jedes Geräusch und jede Bewegung plausibel erklären kann. Das heißt aber auch, dass es bei mir Jahre dauerte, bis ich so entspannt war. In seltenen Fällen und bei starken Turbulenzen passiert es mir selbst heute noch, dass ich mich konzentrieren muss, um nicht doch völlig hysterisch “Ich will noch nicht sterben” zu brüllen.

Dieser Flug gestaltete sich auch für mich aufregend

 In solchen Momenten wenig beruhigend, dennoch Tatsache: Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit wesentlich höher, bei einem Autounfall ums Leben zu kommen, als mit einem Flugzeug abzustürzen. Dennoch: In einer Umfrage des Deutschen Flugangstzentrums gaben die Befragten an, nicht nur große Angst vor einem Absturz, sondern auch vor dem Ausgeliefertsein zu haben. Man begibt sich in die Hände des Piloten, der Crew und der Technik und hat, bis man wieder aussteigt, keinerlei Einfluss auf die Situation. Deshalb lässt sich die Angst vor dem Fliegen auch nicht mit einer klassischen Phobie wie der Angst vor Spinnen vergleichen. Wer in ein Flugzeug steigt und nervös wird, hat in der Regel also nicht vor einem Objekt Angst – es kommen viele verschiedene Faktoren zusammen. Ärzte sprechen hier von einer situationsbezogenen Phobie. Der Fachbegriff für Menschen mit Flugangst, bei denen es also vor und während des Fluges zu Albträumen, Schlaflosigkeit, Übelkeit, Krämpfen, Kopfschmerzen, Schweißausbrüchen, Herzrasen, flacher Atmung und Schwindel kommt, ist übrigens Aviophobiker. Laut einer Online-Umfrage aus dem Jahr 2016, in der es um die persönlichen Ängste der Deutschen ging, gaben nur 8,71 Prozent der Befragten an, Angst vor dem Fliegen zu haben. Das sind wesentlich weniger, als ich persönlich geschätzt hätte. Größere Angst haben die Deutschen laut Auswertung, wenn es um das Halten eines Vortrages beziehungsweise das Sprechen vor Menschen, dem Besuch beim Zahnarzt, große Menschenmengen oder Clowns geht. Doch zurück zum Fliegen.

 
Und Tschüss…

 Inzwischen fühle ich mich wirklich sehr sicher – außer es kommt zu den eben beschrieben Turbulenzen. Dennoch kam ich zunächst nicht auf die Idee, meine Großeltern bei dem Flug mit der kleinen Cessna zu begleiten, bis sie mich baten, mit ihnen zu fliegen. Ein Kumpel, der diesen Rundflug seiner damaligen Freundin zum Geburtstag schenkte, erzählte mir kurz darauf, wie es ihm gefallen hatte: nämlich gar nicht. Normalerweise habe er keine Angst, doch in dieser Maschine habe er um sein Leben gefürchtet. Seine Schilderungen sorgten dann plötzlich auch bei mir für ein mulmiges Gefühl. Deshalb buchte ich das dritte Ticket etwas widerwillig und fürchtete, dass das Geschenk ein Fehler sein könnte. In den letzten Wochen redeten wir meinem alten Opa immer wieder gut zu. „Es kann wirklich gar nichts passieren. Das wird toll!“ – das half mir übrigens auch selbst mehr, als ich zugeben wollte.

Die wunderschöne Aussicht auf Hamburg

Am Samstag war es dann so weit. Auf dem Weg zum Flugplatz wurde mir wieder bewusst, wie es mir früher gegangen war. Wenn ich solange gebraucht hatte, um mich ans Fliegen zu gewöhnen, wie groß musste dann wohl die Angst meiner Großeltern vor ihrem allerersten Flug sein? In diesem Moment bekam ich ein furchtbar schlechtes Gewissen. Wie konnte ich ihnen das nur antun? Wenn sie Lust darauf hätten, hätten sie sich dann nicht längst schon selbst um ein Ticket gekümmert? Während sich meine Oma weiterhin gelassen gab, erwähnte mein Opa noch mehrfach, dass er vielleicht doch lieber am Boden bleiben und zuschauen sollte. Und je näher wir kamen, desto mehr spürte auch ich meine Aufregung. Oh Mann! Reiß dich zusammen, dachte ich. Und dann ging es unglaublich schnell. Nach der Anmeldung wurden wir direkt zu der Maschine geführt, in der tatsächlich lediglich vier Personen Platz fanden. Die nette Dame öffnete die Tür und schob uns beherzt hinein. Meine Großeltern nahmen hinten Platz, ich vorne neben dem Piloten. Am Steuer saß Ralf. Um die Stimmung zu lockern, fragte ich ihn direkt nach seiner Flugerfahrung. „Ich fliege seit 26 Jahren“, erklärte er mit einem freundlichen Lächeln. Jetzt war klar: Der Mann weiß auf jeden Fall, was er tut. Und dann ließ er den Motor an. Kurz rollten wir noch über die Wiese, bevor er zum letzten Mal alles checkte. Dann gab er Gas. Wir rollten schneller und schneller und stiegen in die Luft.

Die Elbphilharmonie…

Vom Flugplatz aus flogen wir die Elbe entlang bis zum Hamburger Hafen und hatten einen wundervollen Blick auf den Hafengeburtstag, die Alster, den Fernsehturm, die Elbphilharmonie und weitere Sehenswürdigkeiten der Stadt, die ich so unglaublich liebe. Während des Fluges schaute ich immer wieder nach hinten und erkundigte mich, ob es den beiden gutging. Ab und zu wackelte es leicht, was jedoch nicht schlimm war. Ich hatte Spaß und auch den beiden schien es zu gefallen. Und dann das: Plötzlich wurde mir richtig übel. Ich weiß nicht, ob es daran lag, weil ich konstant nach unten und dann nach hinten schaute, oder ob doch die kleinen Luftlöcher schuld daran waren. Ich musste tief durchatmen und bekam plötzlich große Angst, dass ich mich in das enge, kleine und warme Flugzeug übergeben müsse. Während meine Großeltern begeistert wirkten, wollte ich den Rundflug von diesem Moment an nur noch hinter mich bringen. Als die Landebahn immer näher kam, war ich wirklich froh. 

Unten angekommen ging es mir schnell besser, und meine Großeltern waren sichtlich stolz auf sich – und ich auch auf sie. Zur Belohnung gab es dann für uns alle drei noch ein Eis. Mein schlechtes Gewissen, welches mich auf der Hinfahrt geplagt hatte, war nun auch verflogen. „Und womit fliegen wir jetzt?“, fragte mein Opa kurze Zeit später. Die „Flugtauglichkeitsprüfung“ haben die beiden auf jeden Fall bestanden. Dieses Erlebnis wird uns für immer verbinden und in guter Erinnerung bleiben – ein ziemlich schönes Gefühl. Und wer weiß, vielleicht geht’s für meine Großeltern und mich schon bald noch viel höher hinaus… 

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

5 Kommentare

R. P. Nies
#5 — vor 11 Monaten 2 Wochen
Fliegen, ja das ist das Schönste was es gibt. Leider bekomme ich beim Selberfliegen zu leicht eine Übelkeit, die mich zum Abbruch der Flugausbildung zwang. Mein erster Flug in einer Cessna 182 wäre auch fast der letzte Flug gewesen. An einem wunderschönen Sommertag starteten wir zu einem Rundflug über das Sauerland. In der tiefstehenden Abendsonne links hereinblendend näherten wir uns dem Flugplatz. Ich sah in der Ferne eine zweimotorige Maschine links 90°auf uns zukommen und dachte, der ältere Pilot in unserer Maschine sieht das auch. Sah er aber nicht und ich zögerte noch ihn darauf anzusprechen, da ich dachte das wäre unhöflich. Als dann die Maschine noch 300 m weg war sagte ich, Flugzeug von links. Der Pilot drehte den Kopf in die Richtung und zog das Höhenruder bis zum Anschlag,direkt ca 10 m unter uns in 200 m Höhe donnerte die größere Maschine vorbei. Alle hatten Kniezittern und der Pilot stöhnte, das war knapp. Trotzdem hat mir das zu keiner späteren Zeit irgendwelche Flugangst beschert. Freue mich auf jeden Flug.
T J Huber
#4 — vor 1 Jahr
Ich wollte drei Tage nachdem ich meinen ersten Flugschein gemacht hatte fliegen gehen, zum üben. Mein Vater, damals 82, wollte mit. Ich habe ihn gefragt ob er nicht doch etwas Bammel hätte. Er sagte:»Hast Du Angst?« Ich schüttelte den Kopf. »Wenn Du keine Angst hast, warum sollte ich sie haben!« Wir hatten einen herrlichen Flug zusammen und wir bin danach noch jahrelang mit meiner Cessna 182 geflogen.
FLIEGERHAHN-Süddeutschland
#3 — vor 1 Jahr 1 Monat
Sehr schön und nachvollziehbar berichtet mit tollen Bildern aus der Luft. Ich fliege seit 50 Jahren diese und ähnliche Maschinen und habe das von Dir Erlebte schon oft miterlebt. Ich kann nur allen Piloten-Kollegen, die auch solche Flüge durchführen sagen, man soll die Gefühle der Passagiere achten respektieren und sehr, sehr behutsam darauf eingehen. Dazu gehört im Vorfeld eines Fluges, daß man Alles mit sehr ruhiger Art erklärt. Das fängt absolut beim Vorflug-Check an.Dann wird es für Alle ein immer wieder tolles Erlebnis.
Claudia Marisa Alves de Castro
#2 — vor 1 Jahr 3 Monaten
Hallo lieber Werner, vielen Dank für Ihren lieben Kommentar. Das war wirklich eines der besten Geschenke. Die beiden reden immer noch davon.

Liebe Grüße,
Claudia
Werner
#1 — vor 1 Jahr 3 Monaten
Wo ein Wille, da ein Weg!
Herzlichsten Glückwunsch zu Ihrem Geschenk an die Grosseltern!

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