E-Scooter: Ein nerviger Spaß?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
E-Scooter machen Spaß, können aber ganz schön nervig sein

Seit dem 15. Juni sind E-Scooter bundesweit zugelassen. Ich selbst bin bereits mit einem Roller gefahren und inzwischen bei zwei unterschiedlichen Anbietern angemeldet. Und dennoch: Die Teile können ganz schön nervig sein. 

 

Sie heißen Voi, Tier, Lime und Circ und sind – so scheint es – ganz plötzlich von einem auf den anderen Tag aus den Wolken gefallen. Egal wohin ich aktuell gehe: Nach wenigen Metern habe ich die Möglichkeit, auf einen der Roller zu steigen, um mich so weiter und vor allem schneller fortzubewegen. Besonders praktisch sind die E-Scooter, um kurze Strecken zurückzulegen. Um mal eben zum Supermarkt um die Ecke zu kommen oder die restlichen Meter von der Bahnstation bis vor die Haustür zu bewältigen. Die Handhabung ist kinderleicht. Zunächst die entsprechende App herunterladen, Zahlungsmethode hinzufügen, Code auf dem Roller scannen, und schon kann es losgehen. 

E-Scooter: Meine erste Testfahrt

Bei meiner allerersten Testfahrt ging es für mich einmal um die Alster – etwa 7,4 Kilometer. Mit einer Maximalgeschwindigkeit von 20 km/h dauerte die Tour nicht mehr als 25 Minuten. Am Ende wurden mir dafür 7,27 Euro vom Konto abgebucht. Beim Anbieter Tier setzt sich der Betrag zusammen aus einer einmaligen Leihgebühr von einem Euro, die bei jeder Fahrt anfällt, und 0,19 Cent (bei Voi sind es 0,15 Cent) pro gefahrener Minute. Ein Preis, den ich persönlich in Ordnung finde. Ungewohnt und unbequem war es trotzdem. Die stark geriffelten Griffe des Rollers bohrten sich in meine Hände, und Rücken und Schultern beschwerten sich über die aufrechte Haltung. Aber ich muss auch zugeben, dass mir die Fahrt dennoch großen Spaß gemacht hat. Wenn es sich ergibt, werde ich das Angebot ganz sicher wieder nutzen. 

E-Scooter sorgen für Probleme?

Somit bin ich also eine E-Scooter-Nutzerin, und dennoch beschleicht mich beinah täglich ein eigenartiges Gefühl, wenn ich an die Fahrzeuge denke. Denn noch scheinen sich nicht alle mit den Regeln zu deren Nutzung auseinandergesetzt zu haben – oder es ist ihnen schlichtweg egal. Immer wieder werden die Roller ungünstig abgestellt, stehen mitten auf dem Geh- oder Radweg oder blockieren Hauseingänge. Auf schmalen Wegen ist es so für RollstuhlfahrerInnen oder Leute mit Kinderwägen schwierig oder sogar unmöglich, daran vorbeizukommen. Zudem gibt es immer wieder stumpfsinnige RandaliererInnen, die die digitale Anzeige oder den Barcode beschmieren, der so nicht mehr gescannt werden kann. In anderen Städten landen die Roller sogar hin und wieder im Wasser. Wie das Manager Magazin berichtet, kümmern sich freiwillige HelferInnen in Paris darum, die E-Scooter aus der Seine zu fischen. In San Francisco soll sich die Parksituation so chaotisch entwickelt haben, dass sich sogar die Staatsanwaltschaft eingeschaltet hat. Die fordert nun strengere Regeln sowie eine Helm- und Führerscheinpflicht. 

E-Scooter: Nur auf Radwegen und der Straße erlaubt

Momentan bin ich hin- und hergerissen, denn ich kann zwar die Leute verstehen, die von den Rollern genervt sind, sehe aber auch deren Vorteile. Unterm Strich sind somit meiner Meinung nach in erster Linie nicht die E-Scooter an sich das Problem, sondern die Menschen, die sie benutzen. In kürzester Zeit haben sich die Kraftfahrzeuge zu einem großen Ärgernis entwickelt und sogar beinah schon die RadfahrerInnen als beliebtestes Feindbild im Straßenverkehr abgelöst. Noch viel zu viele RollerfahrerInnen halten sich nicht an die Regeln, denen jede/r bei der ersten Anmeldung zustimmen muss. Diese besagen, dass E-Scooter nur dort gefahren werden dürfen, wo auch Fahrräder erlaubt sind. Auf Gehwegen haben sie also nichts zu suchen, und entgegen der Fahrtrichtung darf natürlich auch nicht gefahren werden. Ist kein Radweg, Radfahrstreifen oder keine Fahrradstraße in Sicht, darf auch auf die Fahrbahn ausgewichen werden. Auch in reinen Fußgängerzonen ist das Fahren entsprechend verboten – es sei denn, das neue Zusatzzeichen »E-Scooter frei« lässt dies ausdrücklich zu. 

E-Scooter gelten als Kraftfahrzeuge

Da es bei einer Geschwindigkeit von 20 km/h zu schwerwiegenden Unfällen kommen kann, wird das Tragen eines Helmes empfohlen – doch kaum jemand – und da nehme ich mich nicht aus – hält sich an den gutgemeinten Rat. Ein Führerschein ist aktuell noch nicht notwendig, für Kinder unter 14 Jahren sind die Scooter aber tabu. Und dann wäre da noch die Sache mit dem Alkohol. Wie bereits erwähnt, ist der Roller ein Kraftfahrzeug – somit gelten dieselben Alkoholgrenzwerte wie für Autofahrer. Wer also mit 0,5 bis 1,09 Promille erwischt wird, muss ein Bußgeld zahlen, erhält zwei Punkte in Flensburg und einen Monat Fahrverbot. Bei mehr als 1,1 Promille handelt es sich um eine Straftat und der Führerschein ist weg. Fahranfänger unter 21 Jahren müssen sich sogar an die 0,0-Promille-Grenze halten.

 

Sind E-Scooter schädlich für die Umwelt?

Davon abgesehen, was jede/r einzelne von uns alles »falsch« machen kann, wird auch immer wieder über die Umweltfreundlichkeit der Scooter diskutiert. Auf den ersten Blick scheint es zwar viel besser, das Auto stehen zu lassen und sich mit einem E-Roller fortzubewegen. Auf den zweiten Blick lassen sich allerdings schon einige umweltbelastenden Faktoren erkennen, die nicht außer Acht gelassen werden sollten. Es ist nämlich so, dass viele die Scooter nicht als Alternative zum Auto nutzen, sondern eher Strecken damit zurücklegen, die sie sonst zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigt hätten. Eine Studie der staatlichen Universität North Carolina ruft außerdem ins Gedächtnis, dass für die Herstellung der Akkus mehrere seltene Erden, darunter Lithium (findet sich auch in Handy-Akkus), abgebaut werden müssen – daraus ergibt sich eine hohe Umweltbelastung. 

In diesem Zusammenhang erklärt Anita Schmidt von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung gegenüber dem Manager Magazin: »Kritisch ist, dass in den Lithium-Batterien umweltgefährdende Stoffe enthalten sind, die für die Wasserwelt gefährlich und giftig sind.« Natürlich kann es mehrere Jahre dauern, bis die giftigen Stoffe im Wasser landen, doch sollten versenkte E-Roller natürlich trotzdem so schnell wie möglich geborgen werden. Zudem braucht es nun mal Strom, um die Batterien aufzuladen. Handelt es sich nicht um nachhaltig produzierte Energie, sehen die Forscher ganz klar einen Nachteil – auch wenn dieser eher gering ist, da die Roller nur wenige Stunden am Strom hängen müssen. Doch auch durch den Transport der leeren Scooter, der täglich von sogenannten Juicern vorgenommen wird, um die Roller aufzuladen und dann wieder abzuliefern, entstehen Emissionen. 

Jede/r kann von E-Scootern also halten, was er oder sie möchte – für einige sind sie nervig, für andere sind sie hilfreich und praktisch. Ich sehe die Roller eher als eine Spielerei. Und habe ich die Wahl zwischen meinem Fahrrad und einem Scooter, bevorzuge ich auch weiterhin das Fahrrad. Der Umwelt zuliebe sollte also auch beim E-Scooter darüber nachgedacht werden, ob die Fahrt wirklich notwendig ist oder ob es nicht auch ganz ohne Energieverbrauch geht. Machen wir uns nichts vor: Aus Umweltschutzperspektive gibt es nichts besseres, als sich zu Fuß oder mit dem Rad fortzubewegen. Doch, um davon abgesehen den bestehenden Nervfaktor zu reduzieren und die Vorteile der Scooter uneingeschränkt nutzen zu können, sollten wir uns meiner Meinung nach unbedingt alle an die leicht verständlichen Spielregeln halten. Und das müsste doch eigentlich machbar sein…

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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