Liebe Deutsche Bahn, warum tust du mir das an?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Ich bin genervt von der Deutschen Bahn!

Die Deutsche Bahn und ich, wir haben ein ganz spezielles Verhältnis zueinander. Während meiner bisherigen Bahnfahrten lief meistens immer irgendetwas schief. Bei meiner letzten Reise erlitt ich dann sogar beinah einen Nervenzusammenbruch. 

 

Eines vorweg: Ich weiß, dass ich nicht die einzige bin, die schon unzählige Stunden am Bahnsteig verbracht hat, weil es mal wieder zu Verspätungen oder Totalausfällen kam. Ich bin auch gewiss nicht die einzige, die trotz Sitzplatzreservierung auf dem Gang sitzen oder mit anderen Fahrgästen um einen Platz streiten musste. Dennoch möchte ich ein für mich »ganz besonderes« Erlebnis mit euch teilen. Denn inzwischen frage ich mich ernsthaft: War es mal wieder einfach nur Pech oder haftet doch eine Art Fluch an mir?

Pünktlich und zufrieden

Wenn ich, in 95 % der Fälle beruflich, einen Zug buche, dann fällt es mir inzwischen immer schwerer, mich auf eine entspannte und angenehme Fahrt zu freuen. Aus diesem Grund war ich mehr als positiv überrascht, als mein ICE pünktlich in den Münchener Hauptbahnhof hereinrollte, um diesen auch auf die Minute genau um 14:21 Uhr in Richtung Hamburg wieder zu verlassen. Als ich es an meinen zuvor reservierten Platz geschafft hatte, saß dort allerdings ein etwa 11-jähriger Junge. Ich schaute ihn an und erklärte ihm höflich, dass ich diesen Platz reserviert hätte. Plötzlich stand eine Frau neben mir, die meinte, dass das in diesem Fall mein Pech sei, da nun mal auch sie diesen Platz reserviert habe. Als sie mir ihre ausgedruckte Fahrkarte mit zahlreichen Reservierungen zeigte – später fand ich heraus, dass sie mit einer Hockeymannschaft unterwegs war –, konnte ich meinen Platz auf der Liste allerdings nirgends entdecken – sie hatte sich vertan. Ohne sich bei mir zu entschuldigen, wies sie den Jungen an, sich eine Reihe weiter zu setzen. Ich grinste in mich hinein und dachte, dass mir rein gar nichts die Laune verderben könne, denn immerhin hatte der Zug ja pünktlich den Bahnhof verlassen und ich nun auch meinen Platz bekommen. 

Laut, lauter, am lautesten… 

Die Fahrt sollte 6 Stunden dauern, also machte ich es mir gemütlich und beschloss, erst einmal ein wenig zu entspannen. Gerade als ich mich zurücklehnte und die Augen schloss, sprangen plötzlich mehrere Kinder von ihren Plätzen auf und fingen an, den Gang auf‑ und ab zu laufen und sich dabei lautstark über die neusten YouTube-Highlights upzudaten oder sich immer wieder gegenseitig zu begründen, warum sie keine Hausaufgaben machen müssten. Auch mit einem spannenden Kriminal-Podcast auf den Ohren schaffte ich es nicht, die Gruppe für mich auszublenden. Doch ich gab nicht auf und drehte einfach die Lautstärke hoch. Nachdem ich so eine Weile lang eher schlecht als recht versucht hatte, meinem Podcast zu folgen, war es für mich an der Zeit, noch ein wenig zu arbeiten. Leider hatte ich die Rechnung – wie so oft – ohne die schlechte WLAN-Verbindung in dem überfüllten Zug gemacht. Schnell musste ich meinen Laptop also wieder zuklappen, was mich, um ehrlich zu sein, nur wenig störte, immerhin war ich eh schrecklich müde. 

Ein Unglück kommt selten allein…

Gerade als ich meine Augen schließen wollte, nahm ein Mann neben mir Platz. Er begrüßte mich freundlich, beließ es dann aber nicht dabei, sondern wollte wissen, woher ich komme und wohin ich reise. Er amüsierte sich über die Teenager, und als der Zug plötzlich auf offener Strecke stehenblieb, präsentierte er mir stolz seine Wasserflasche – zum Glück sei er versorgt und habe genug Flüssigkeit dabei. Noch immer positiv gestimmt erwiderte ich ihm, ich würde nicht davon ausgehen, dass wir hier sehr lange stehen würden. Diesmal hatte ich recht, nach wenigen Minuten rollte der Zug weiter in den nächsten Bahnhof. Doch von nun an blieben wir bei jedem Halt für mehrere Minuten stehen – ein vor uns fahrender ICE halte alles auf, hieß es immer wieder. Und dann hatte es mein kurzzeitiger Sitznachbar geschafft, er wünschte mir viel Glück und verabschiedete sich ins Wochenende. 

Eine Fahrt, die nicht nur mich ankotzt

Nach einer kurzen Ruhephase, in der die Hockeyjungs tatsächlich alle Hausaufgaben machten, wurde es wieder wuselig. Auch die ständigen »Schhhhhhhhs« der beiden Begleiterinnen nützten nichts. Um dem Lärm zu entfliehen, stand ich regelmäßig auf, um mir kurz die Beine zu vertreten. Inzwischen waren seit Abfahrt des Zuges übrigens gut zwei Stunden vergangen, und nicht nur mich, sondern auch einen anderen Gast schien die Fahrt gehörig anzukotzen. Denn auf dem Gang hatte irgendjemand seinen gesamten Mageninhalt ausgeleert. Dieser Gang war für mich also von nun an eine No-go-Area. Nachdem ich einem Mitarbeiter Bescheid gegeben hatte, verkrümelte ich mich wieder auf meinen Platz. Kurz darauf erreichten wir den nächsten Halt, und wieder strömten Leute in den Zug. Eine Dame hatte es dabei offenbar besonders eilig und rempelte mich so dermaßen an, dass ich laut aufschrie. Ab jetzt war ich nur noch genervt. Die Bahn wurde immer voller, immer mehr Menschen saßen auf den Gängen, und die Verspätung wurde immer deutlicher. 

Und dann wurde mir alles zu viel

Irgendwann war es acht Uhr abends und wir hatten nach einem fast einstündigen Aufenthalt, in dem niemand sagen konnte, ob und wann genau es weitergeht, gerade Hannover verlassen. Ich hatte also noch etwa anderthalb Stunden Fahrt vor mir, obwohl ich, wäre alles nach Plan gelaufen, eigentlich um kurz vor halb neun in Hamburg hätte ankommen sollen. Aber statt nun wenigstens den letzten Teil der Strecke zügig zurückzulegen, kam nach gefühlt nur wenigen Metern erneut alles zum Stillstand. Und dann das: Plötzlich erklärte die Frauenstimme aus den Lautsprechern, dass wir unsere geplante Route verlassen würden, um mehrere Personen aus einem liegengebliebenen Zug aufzunehmen. Wohin genau es gehen sollte, sagte sie nicht, und aufgrund der Dunkelheit ließ sich auch nichts erkennen. Was jedoch schnell deutlich wurde: Egal wo wir diese große Menschengruppe aufgesammelt hatten, die Leute hatten es sich vorher offenbar gutgehen lassen. Die Lautstärke erreichte ein neues Maximum, zusätzlich roch es nun auch noch unangenehm nach Alkohol, und mein Waggon platzte aus allen Nähten. Ein Mann mit starker Bierfahne setze sich neben mich, gab mir die Hand und fragte, ob er mir eine Knolle (ein anderes Wort für Astra) reichen dürfe. In diesem Moment konnte ich meine Erschöpfung nicht mehr verstecken. Ich war müde, kaputt, schon seit Stunden in diesem Zug eingesperrt, hatte Lärm und unzählige Fahrtunterbrechungen ertragen müssen. Jetzt konnte ich mich nicht mehr zusammenreißen und fing einfach an zu weinen. Heute muss ich schmunzeln, und vermutlich hört sich all das weniger schlimm an, als es für mich in dieser Situation war. Doch in diesem Moment wollte ich nur noch eines: duschen und in mein Bett.

Deutsche Bahn: Schauen die Verantwortlichen einfach weg?

Doch auf beides musste ich noch ein wenig warten. Denn kurz vor meinem Ziel, es war inzwischen schon Viertel nach zehn, blieben wir abermals plötzlich stehen. Wir wurden aufgefordert, den Zug sofort zu verlassen und in einen anderen umzusteigen. Für den Wechsel hatten wir 5 Minuten Zeit. Somit rannte ein Horde genervter Menschen von der einen in die andere Bahn, um die letzten paar Minuten dann stehend zum Hauptbahnhof zu fahren. Um Viertel vor elf – mit mehr als zweistündiger Verspätung – rollte der Zug endlich an meinem Ziel ein. Ich war unfassbar genervt, etwas verstört und schon wieder den Tränen nahe – zum Glück war mein Mann mich abholen gekommen, so dass ich wenigstens diesen letzten Teil der Reise bequem und in angenehmer Begleitung zurücklegen konnte.

Übrigens: Auf einer meiner letzten Bahnfahrten, bei der mein ursprünglich gebuchter Zug komplett ausgefallen war, landete ich zur Weiterfahrt in einem völlig anderen Zug im Bordrestaurant. Mir gegenüber saßen zwei Bahnangestellte. Als auf jedem Tisch ein Aufsteller verteilt wurde, auf dem stand, dass das Restaurant heute geschlossen sei und nur das Bistro zur Verfügung stehe, machte die Frau gegenüber ihrem Kollegen ihrem Ärger Luft. Sie schimpfte, dass gerade gar nichts funktionieren würde. Nur wenn die obersten Bahnchefs mal auf Stippvisite seien, würde alles bewusst auf Hochglanz poliert und dann natürlich wie am Schnürchen laufen. An Tagen wie diesen schaue natürlich niemand von ihnen hin. Ihrer Meinung nach wäre es das Beste, wenn auch die Chefs mal sähen, wie katastrophal die Lage wirklich sei. 

Ehrliche Worte, die ich mehr als nachvollziehen kann. Die Bahn hat noch einige Baustellen zu beseitigen. Auch ich würde der Umwelt zuliebe gerne mehr Zug fahren. Doch so, wie es aktuell läuft (zu hohe Preise, totale Überlastung, Verspätungen, Ausfälle, zu wenig Personal, veraltete Züge usw.), geht mein Auto doch immer wieder als Sieger aus dem Ring. Denn so eine Fahrt wie von München nach Hamburg, wie ich sie in ähnlicher Form auch auf vielen anderen Strecken (vor allem über Hannover) mitgemacht habe, möchte ich wirklich nie, nie wieder erleben! 

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Normalerweise ist es nicht meine Art, mich mit den Angelegenheiten fremder Menschen zu beschäftigten. Ausgenommen sind natürlich Situationen, in denen jemand offensichtlich Hilfe benötigt oder in großer Not steckt. Bei meiner letzten Zugfahrt von Berlin nach Hamburg konnte ich aber einfach nicht weghören. Und auch jetzt, Tage danach, kann ich nur mit dem Kopf schütteln…

 

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

1 Kommentar

Sven
#1 — vor 2 Wochen
Es reicht nicht ICE zu fahren, im Nahverkehr - das tägliche Pendeln zum Arbeitsplatz reicht aus, um ständig genervt zu sein.

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