Der Lehrer in der Mädchenumkleide

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Kristina Tripkovic auf Unsplash
Fensterscheibe und Regen

Vor einiger Zeit habe ich einen Beitrag im Fernsehen gesehen, in dem es um mehrere Frauen ging, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind. Erzählungen, die mich in das Jahr 2001 zurückversetzten.…

 

Auf diesen Fernsehbeitrag bin ich durch Zufall gestoßen. Mehrere Frauen erzählten darin von ihren schrecklichen Erfahrungen. Neben dem furchtbaren und traumatischen Erlebnis hatten alle Frauen noch eine weitere Gemeinsamkeit: Da sie sich nach der Tat vor Scham und Angst erst mehrere Wochen, Monate oder sogar Jahre später bei der Polizei meldeten, kamen die Täter ausschließlich mit einer Verwarnung oder einem kleinen Bußgeld davon. Den Frauen wurde zudem immer wieder unterstellt, das Geschehene lediglich falsch interpretiert zu haben. Vor allem wenn Alkohol im Spiel war, sei nicht mehr zweifelsfrei nachzuvollziehen, was freiwillig war und was eben nicht. 

Sexuelle Gewalt: Die Dunkelziffer ist hoch

Ich finde es wahnsinnig mutig und auch wichtig, dass die Frauen ihre persönlichen Geschichten teilen. Denn egal ob es um taxierende Blicke, Pfiffe, Bemerkungen über das Aussehen, obszöne Witze oder »zufällige« Berührungen geht: Etwa 60 % der in Deutschland lebenden Frauen werden im Laufe ihres Lebens mit sexueller Belästigung konfrontiert, erklärt die Organisation Frauen gegen Gewalt e. V. Von strafrechtlich relevanter sexualisierter Gewalt ist aktuell jede 7. Frau betroffen. Doch die Dunkelziffer ist enorm hoch. Viele der Übergriffe werden erst viel später oder sogar gar nicht zur Anzeige gebracht. Gefühle von Ohnmacht, Hilflosigkeit, Ausweglosigkeit und der Wunsch nach Verdrängung lassen es für viele Frauen unmöglich werden, sich nahestehenden Personen oder der Polizei anzuvertrauen. Häufig suchen Opfer die Schuld für den Übergriff auch bei sich selbst und entwickeln deshalb eine große Scham.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser? 

Dieser TV-Beitrag hat in mir aber auch die Erinnerung an ein Erlebnis wachgerufen, das mir in der 5. Klasse, also im Alter von 11 Jahren, wiederfahren ist. Immer wenn wir Mädchen uns in der Umkleidekabine der Sporthalle befanden, dauerte es nur wenige Minuten, bis unser Sportlehrer hereinstürmte und uns dazu ermahnte, uns schneller umzuziehen. Erst schaute er nur einmal hinein, irgendwann auch ein zweites Mal. Nach einigen Wochen kontrollierte er sekündlich, ob wir es bereits in unsere Sportsachen geschafft hatten. Somit wurde es unmöglich, sich umziehen, ohne, dass er vor dem Unterricht mehrere der Mädchen in Unterwäsche gesehen hatte. Zu diesem Zeitpunkt ärgerten wir uns zwar darüber, doch wirklich Böses dachten wir uns dabei nicht. Immerhin handelte es sich um unseren Lehrer – eine Respektsperson. 

»Grapschen Sie mich nicht an!«

Doch irgendwann veränderte sich sein Verhalten, und er blieb immer wieder in der Umkleide stehen und starrte uns an. Dies führte dazu, dass wir uns in die kleinen Toilettenkabinen zwängten, um uns dort umzuziehen. Und mit der Zeit wurde er noch viel aufdringlicher und begann, jede einzelne von uns persönlich in die Turnhalle zu geleiten. Dazu legte er uns seine rechte Hand zwischen die Schulterblätter und die linke Hand vorne auf den Brustkorb.

 

So hielt er uns im Griff und führte uns aus der Kabine heraus. Auch mich fasste er immer wieder so an. »Grapschen Sie mich nicht an!«, brüllte meine damalige beste Freundin Verena immer wieder, wenn er es auch bei ihr versuchte. Sie war es auch, die ihn als Spanner bezeichnete, nachdem er uns die in den Umkleiden befindlichen Duschen angepriesen hatte. Doch da wir inzwischen wussten, dass unser Sportlehrer vermutlich selbst dann keinen Halt machen würde, wenn wir uns unter der Dusche befänden, verzichteten wir bis zum Schluss darauf. 

Ein unangenehmer Gefallen

Und dann kam der Tag, der für mich alles veränderte. Zwischen den beiden Sportstunden lag die große Mittagspause, und egal ob Sonnenschein, Regen oder Schnee – für uns war es in der Regel stets verboten, die Pause drinnen zu verbringen. An diesem Tag baten zwei weitere Mädchen und ich unseren Lehrer allerdings darum, drinnen bleiben zu dürfen. Wir wollten noch ein wenig an der aufgebauten Hochsprunganlage üben und uns für die anstehende Leistungskontrolle vorbereiten. Unerwartet stimmte er zu. Noch bevor ich den ersten Übungssprung absolvieren konnte, rief er mich jedoch zu sich. Im Lehrerzimmer der Sporthalle zeigte er mir neue Wettkampfbekleidung. Neben seinem Job als Lehrer trainierte er außerdem auch noch die jungen Leichtathleten der Stadt. Die Zweiteiler bestanden aus einem knappen Sport-Bustier und einem ebenso knappen Höschen. Er schloss die Tür hinter uns und bat mich, die Sachen anzuziehen – er erklärte mir, dass er gern sehen würde, wie die Teile angezogen aussähen. Da er uns unerlaubterweise in der Pause üben ließ, dachte ich, ich täte ihm einen Gefallen. Er starrte mich an, bis ich ihm sagte, dass er natürlich rausgehen und warten müsse, bis ich fertig sei. 

 

Er ging raus und stürmte nur Sekunden später wieder zu mir in das Büro. Er schaute mich an und schrie, ich solle mich umziehen und meine Unterwäsche unbedingt ausziehen, da er sonst nicht sehen könne, ob die Teile richtig sitzen. Noch einmal ging er hinaus, und noch bevor ich meine Sporthose ausziehen konnte, war er wieder da. Ich starrte ihn an und brüllte: »Nein!« Während ich mich wieder vollständig anzog, versprach er mir, dass er jetzt draußen bleiben würde, und bettelte darum, dass ich bleibe. So wie es mir meine Eltern beigebracht hatten, sagte ich noch einmal laut und bestimmend, dass ich ihm diesen Gefallen nicht tun würde. Ich stürmte aus dem Büro und nach draußen auf den Schulhof. 

Die Polizei bezichtigte mich der Lüge

Nach diesem Vorfall beschlossen ein paar Mädchen und ich, unserer liebsten Lehrerin Bescheid zu geben. In einem vertrauten Moment erzählten wir ihr von dem aufdringlichen Verhalten unseres Sportlehrers. Sie zeigte sich geschockt, fing an zu zittern und bekam sogar Tränen in die Augen. Erst jetzt begriff ich, was uns fast ein ganzes Schuljahr lang angetan worden war. Und die Schule hatte keine Wahl: Unser Lehrer wurde suspendiert und angezeigt. Wenige Wochen später bekamen ich und vier weitere Mädchen eine Vorladung von der Polizei, bei der wir getrennt voneinander unsere Aussagen machen mussten. Das Ergebnis: Die Polizei hielt keine unserer Schilderungen für glaubwürdig. Wir wurden allesamt der Lüge bezichtigt. Auch im Nachhinein fühlt sich dieses Urteil wie eine Ohrfeige an. Der Mann, der ohne Erlaubnis 11-jährige Kinder anfasste, durfte zwar nicht mehr an meiner ehemaligen Schule unterrichten, lebt sein Leben bis heute aber ganz normal weiter.

Ich würde es wieder tun!

Ich selbst musste meinem damaligen Sportlehrer in den letzten Jahren zum Glück nicht noch einmal über den Weg laufen. Durch meine Eltern und eine kurze Google-Abfrage weiß ich jedoch, dass er in meiner Heimatstadt und der Umgebung sportlich und politisch aktiv ist. Auch in diesen Bereichen hat er immer wieder mit Kindern zu tun, wie ich einigen Zeitungsartikeln entnehmen kann. Ich hoffe sehr, dass so etwas wie damals bei mir und meinen Mitschülerinnen nicht noch einmal vorgefallen ist. 

Damals wie heute bin ich meinen Eltern sehr dankbar dafür, dass sie mich seit ich denken kann dazu angehalten haben, selbstbewusst mit für mich persönlich unangenehmen Situationen umzugehen. Und obwohl mir die Polizei nicht geglaubt hat und meine Geschichte wesentlich glimpflicher ausgegangen ist als die der Frauen aus dem TV-Beitrag, bin ich bis heute froh darüber und stolz darauf, dass wir alle den Mut hatten, von den Geschehnissen zu berichten. Und ich würde es immer wieder tun, denn derartige Übergriffe sollten, auch im Hinblick auf mögliche nachfolgende Opfer, bitte niemals verschwiegen werden!

Kostenlose und auf Wunsch anonyme Beratungsstellen für Opfer sexueller Gewalt gibt es hier >

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

7 Kommentare

Katharina
#6 — vor 1 Tag 8 Stunden
»Ich selbst musste meinem damaligen Sportlehrer in den letzten Jahren zum Glück nicht noch einmal über den Weg laufen. Durch meine Eltern und eine kurze Google-Abfrage weiß ich jedoch, dass er in meiner Heimatstadt und der Umgebung sportlich und politisch aktiv ist. Auch in diesen Bereichen hat er immer wieder mit Kindern zu tun, wie ich einigen Zeitungsartikeln entnehmen kann. Ich hoffe sehr, dass so etwas wie damals bei mir und meinen Mitschülerinnen nicht noch einmal vorgefallen ist. «
Diese Hoffung halte ich für extrem unrealistisch. Jemand, der so gestrickt ist, hört doch nicht vom einen auf den anderen Tag damit auf. Der Drang in ihm verschwindet doch nicht einfach. Er hat immer noch mit Kindern zu tun? Wer weiß, wie viele kleine Mädchen er inzwischen noch im Verborgenen traumatisiert hat, vielleicht sogar noch Schlimmeres gemacht hat als damals. Vielleicht würde es sich lohnen, da mal nachzuforschen/nachzufragen, damit dem Ganzen endlich ein Ende bereitet werden kann. Für mich geht hier Opferschutz ganz klar vor Täterschutz.
Georg
#5 — vor 2 Wochen 5 Tage
Taxierende Blick, sexistische Bemerkungen, spannen auf dem Klo und in der Disco an den Arsch fassen? All das habe ich als männlicher Jugendlicher auch von seiten von Frauen/Mädchen erfahren. Da ich absolut durchschnittlich aussehe, gehe ich jetzt mal davon aus, dass bei Befragung sicherlich auch 60 Prozent oder mehr Jungs davon berichten könnten, von Mädchen oder Frauen »belästigt« worden zu sein.
Klemens Berger
#4 — vor 1 Monat
Das Ahnden der sexuellen Belästigung ist definitiv richtig. Wenn ich aber den Bericht da oben lese, dann bekomme ich Angst, einer Frau zu sagen, dass sie eine sympathische attraktive Schönheit ist.
Peter K.
#3 — vor 1 Monat 1 Woche
Ich nehme an das sich Polizei und Justiz erheblich schwer tun in solchen Fällen gerecht zu urteilen, da es ja zuerst die Unschuldsvermutung gibt. Und eben auch Fälle z.B. Kachelmann oder dieser Lehrer der jahrelang Unschuldig im Gefängnis sahs. Trotz alles finde ich es sehr mutig von Mädchen und Frauen die solche Taten offen ansprechen und es dadurch auch zu einer »rechtmässigen« Verurteilung kommt, denn ich denke in 99% der Fälle sagen die Mädchen oder Frauen die Wahrheit. Es ist eben traurig das diese anderen Fälle das ganze Thema dann in ein schlechtes Licht rücken.
Carsten
#2 — vor 2 Monaten 4 Wochen
Selbst bei Erwachsene, egal ob Mann oder Frau nimmt die Polizei sexuelle Gewalt nicht so oft ernst.
K.
#1 — vor 3 Monaten 1 Woche
Ich wurde in einem Ärztehaus im Treppenhaus »belästigt«. Ich war 12 und wartete auf meine Freundin, die beim Arzt war. Ich wollte mich nicht in das überfüllte Wartezimmer setzen und stand somit draußen. Noch 1 Meter und der nackte Mann hätte mich gepackt...er hatte sich vorbereitet, in dem er an der Wand entlang schlich und sich das Glied massierte...zum Glück sah ich seinen Schatten und wunderte mich, dass kein Mensch dazu zu sehen war und ging einen Schritt beiseite und entdeckte ihn so...ich erschrak und rannte um mein Leben ins nächste Stockwerk hoch und verschanzte mich in der Toilette. Mein Herz pochte wie wild..ich musste da ja wieder raus. Was, wenn er mir nachgekommen wäre? Ich riss ruckartig die Türen auf, damit er sie evtl. an den Kopf bekam, wenn er davor gestanden hätte... er war nicht da aber statt dessen hörte ich 2 ältere Damen zu anderen Leuten aufgeregt rufen: »Haben Sie den nackten Mann gesehen...der ist die Treppe dort runter gelaufen...der war nackt!!« Ich wusste nun, dass er gesehen wurde und weg war...das schlimmste danach war aber, dass mir niemand glaubte...nicht mal meine Mutter!!! »Es ist ja nichts passiert, vergiss das einfach!« waren ihre abwertenden Worte..ich verstand die Welt nicht mehr und als ich es nochmals aufgeregt erzählte, antwortete sie genervt: « Einen unschuldigen Mann kann man nicht anzeigen! Vergiss die Sache!« ...sie meinte sicher, weil ja keine echte Vergewaltigung vorgefallen ist und ich weggerannt bin, ist mir ja nichts passiert...also gibt es keinen körperlichen Übergriff...aber dennoch hätte das gemeldet werden müssen, ich wusste genau, wer es war, ein Verkäufer aus unserer Stadt. Und es gab 2 Zeuginnen!!! Die hätte man leicht ausfindig machen können...er hatte vor mich zu packen und mich zu nehmen! Eine MInderjährige noch dazu. Er hätte angezeigt werden müssen, denn er hat es sicher noch andermal versucht oder gar getan!
Claudia Marisa Alves de Castro
#1.1 — vor 2 Monaten 4 Wochen
Hallo liebe K.,
vielen Dank für deinen Kommentar und deine Offenheit. Das, was dir passiert ist, ist schrecklich. Und ja, leider ist davon auszugehen, dass er es nicht nur bei dir versucht hat. Ich hoffe sehr, dass du dem Mann nach diesem Vorfall nicht mehr begegnen musstest und so etwas nie, nie wieder passiert! Und wie du damals reagiert hast, war wirklich mutig. Viele junge Mädchen behalten solche Erlebnisse für sich, aber es ist immer wichtig, darüber zu sprechen.

Ganz liebe Grüße,
Claudia

In reply to #1 by K.

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