Das beste Hochzeitsgeschenk

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Annie Spratt auf Unsplash
Das beste Hochzeitsgeschenk
Noch nie in meinem Leben habe ich mich so sehr auf einen Besuch gefreut. Meine Oma wird zu meiner Hochzeit kommen und nimmt zum allerersten Mal in ihrem Leben eine so lange Reise auf sich.
 

Die letzten Wochen waren wirklich aufregend. Für die anstehende Hochzeit musste einiges organisiert und besprochen werden. Location, Menü, Deko, DJ, Trauredner, Fotograf, die Outfits und vieles mehr. Am vorletzten Wochenende fand mein sensationeller Junggesellinnenabschied statt, den meine zwei besten Freundinnen für mich organisiert haben. Diesen wundervollen Tag werde ich dank aller, die dabei waren, so schnell nicht vergessen. 

Zur Hochzeit: Besuch aus Afrika

Und jetzt geht es Schlag auf Schlag. Die Tage bis zur Hochzeit vergehen immer schneller. In der kommenden Woche findet die finale Brautkleid-Anprobe statt, und letzte Besorgungen und Absprachen müssen erledigt werden. Doch das absolute Highlight wird ganz klar die Anreise meiner Oma sein. In Begleitung eines meiner Onkel und einer meiner Tanten wird sie zum ersten Mal in ihrem Leben von ihrem Heimatland Angola aus nach Deutschland reisen. Selbstverständlich habe ich zu keiner Zeit – und auch nicht jetzt im Zuge der Hochzeit – verlangt, dass sie diese lange Reise auf sich nimmt. Doch dass sie es jetzt wirklich tun möchte und auch in der Lage dazu ist, macht mich unheimlich stolz und berührt mich ungemein. Zum ersten Mal werde ich an so einem bedeutenden Tag auch sie, als eine der wichtigsten Personen in meinem Leben, an meiner Seite wissen. 

Eine schwierige Situation

Als ich geboren wurde, herrschte noch immer Bürgerkrieg in Angola. Erst seit dem Jahr 2002 gilt er offiziell als beendet. Damals reiste mein Vater immer mal wieder in sein Heimatland, um seine Familie zu besuchen. Ich erinnere mich noch, dass wir vor seiner Abreise von Sorge erfüllt waren. Weder meine Mutter noch mein Vater konnten die zahlreichen Abschiedstränen zurückhalten – ja, und ich schon gar nicht. Wie es vor Ort wirklich aussah, begriff ich als kleines Mädchen allerdings noch nicht, denn meine Eltern hatten aus Sicherheitsgründen entschieden, dass damals für mich noch nicht die richtige Zeit gekommen war, um in das Land meiner Wurzeln zu reisen. Und auch für meine Oma gestaltete sich eine Ausreise nicht besonders einfach – hinzu kamen finanzielle und zum Teil gesundheitliche Gründe. 

Die Tickets sind gebucht

Inzwischen hatte ich die Gelegenheit, meine Familie zu besuchen und kennenzulernen. Zuletzt haben mein Freund und ich in Luanda, der Hauptstadt von Angola, in der inzwischen meine gesamte Familie lebt, mehrere Tage verbracht. Zu diesem Zeitpunkt erklärte meine Oma, dass sie liebend gern bei unserer Hochzeit dabei wäre. Allerdings war sie sich damals selbst noch unsicher, ob sie den weiten Weg wirklich würde auf sich nehmen können. Doch jetzt sind die Tickets gebucht und die Koffer so gut wie gepackt. 

 

Wahre Liebe

Mit 79 Jahren steigt sie zum ersten Mal in einen Flieger, um zu sehen, wie wir leben, und vor allem, um bei meiner Hochzeit dabei zu sein. Wie eingangs erwähnt, bin ich ihr dafür unglaublich dankbar und sehr stolz auf sie. Und obwohl wir nie den intensiven Kontakt hatten, den ich beispielsweise mit meinen anderen Großeltern habe – als Kind war ich beinah täglich bei ihnen – ist das ein perfektes Beispiel dafür, dass Liebe wirklich keine Grenzen und auch keine Entfernung kennt. Sie ist die Mutter meines Vaters, meine Oma, meine Familie. Uns verbindet einfach so vieles, was sich – neben den offensichtlichen Merkmalen (Gesichtszüge, Muttermale…) – vielleicht auch nicht auf den ersten Blick erkennen lässt.

Somit ist der Besuch meiner Oma für mich nicht nur das beste Hochzeitsgeschenk, sondern überhaupt das beste Geschenk aller Zeiten!

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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