Darum habe ich so lange gebraucht, meine Haare zu akzeptieren

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Warum ich meine Haare nicht akzeptieren konnte
Ich habe einen Lockenkopf. Viele Jahre lang hätte ich das gern geändert. In meinem kindlichen Leichtsinn wäre ich vermutlich sogar dazu bereit gewesen, meine Seele zu verkaufen, nur um glattes, glänzendes Haar zu haben. Ständig setzte ich mir eine blonde Faschingsperücke auf und versetzte mich gedanklich in eine andere Welt. Eine Welt, in der ich nicht auffiel und irgendwie so aussah, wie alle anderen…

Bis heute höre ich immer wieder diesen einen Satz: “Jeder möchte doch immer das haben, was er nicht hat…” Ich muss ehrlich zugeben, dass auch ich ihn schon mehrfach verwendet habe, doch eigentlich möchte ich ihn nicht mehr hören. Natürlich ist er nicht unbedingt falsch. In meinem Fall sollte ich mit diesen Worten allerdings immer irgendwie getröstet werden. Und wenn es eines gibt, was ich damals nicht brauchte und auch heute nicht möchte, dann ist das Trost oder gar Mitleid.

Meine Haare sorgten in meinen Augen für noch mehr Aufmerksamkeit und machten die ganze Sache nur noch schlimmer.

Als Kind hat man sehr wenig Einfluss auf die eigenen Gedanken und lässt sich gern treiben. Das, was ich sah, wünschte ich mir auch. Meine Freundinnen mit den langen, glatten Haaren wurden zu einer Art Idealbild, nach dem ich zu streben versuchte. Meine Eltern hatten große Mühe, mich davon zu überzeugen, dass meine natürliche Haarstruktur nun mal zu mir gehöre und sie mich auch ein Stück weit ausmache. Worte, die damals an mir abprallten. Vor allem meine Mutter gab die Hoffnung nie auf, dass ich meine Locken eines Tages akzeptieren würde. Beinah täglich zauberte sie mir eine aufwendige Flecht- oder Hochsteckfrisur, mit der sie meine Mähne bändigte. Hatte sie einmal keine Zeit, wurde es schwierig. Entweder mein Vater versuchte sein Bestes – und nein, leider war das für mich einfach nicht genug – oder ich musste alleine ran. Das löste regelmäßig Tränenausbrüche und Wutanfälle aus. Hinzu kam, dass ich als Tochter eines Afrikaners in unserer Kleinstadt im Osten Deutschlands eh schon immer im Mittelpunkt stand. Meine Haare sorgten in meinen Augen für noch mehr Aufmerksamkeit und machten die ganze Sache nur noch schlimmer.

Mit 11 Jahren war es dann endlich so weit. Nach zahlreichen Diskussionen fand ich mich bei einer Afro-Friseurin wieder, die mir in einer aufwendigen, mehrstündigen Prozedur die Haare glättete. Ich erinnere mich noch ganz genau an den Moment, als wir wieder auf dem Weg nach Hause waren: Ich war das glücklichste Mädchen der Welt und konnte nicht aufhören, mich im Spiegel zu betrachten. Aus Angst, die Haare könnten über Nacht wieder in ihre ursprüngliche Form zurückkehren, traute ich mich kaum zu schlafen. 

Diese Bezeichnung bezieht sich auf die Idee von Mischlings-Menschen verschiedener Rassen. Da wir aber heute viel klarer wissen, dass es nur eine Rasse Mensch gibt, wird diese Bezeichnung glücklicherweise nicht mehr benutzt, wenn es um Menschen geht, deren Eltern schwarz und weiß sind. 

In den Jahren danach nahm das Glücksgefühl – natürlich – immer weiter ab und Normalität und Gewohnheit hielten Einzug. Durch die schädigende Prozedur und den täglichen Einsatz des Glätteisens waren meine Haare außerdem nie wirklich gesund. Und das konnte man auch deutlich sehen. Deshalb wurden meine Frisuren immer kürzer, und die meiste Zeit trug ich einen Zopf. Bis mein erster Freund mich mit offenen Haaren sehen durfte, dauerte es Monate – ziemlich verrückt! Was mir damals geholfen hätte? Neben weiteren Lockenköpfen in meinem Freundeskreis, die sich und ihre Locken akzeptierten, hätte ich gern von den den Frauen aus New Orleans gewusst, die früher einmal Mulattinnen genannt wurden. Wohl gemerkt: Diese Bezeichnung bezieht sich auf die Idee von Mischlings-Menschen verschiedener Rassen. Da wir aber heute viel klarer wissen, dass es nur eine Rasse Mensch gibt, wird diese Bezeichnung glücklicherweise nicht mehr benutzt, wenn es um Menschen geht, deren Eltern schwarz und weiß sind. 

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zog es immer mehr afrikanische und afroamerikanische Menschen in die Stadt in der spanischen Kolonie Louisiana. Dadurch kam es immer häufiger zu so genannten “Mischehen”, was die kolonialen Behörden entsetzte. In “The Mulatta Concubine” schreibt die Expertin für afroamerikanische Geschichte Lisa Ze Winters, dass Karl III. von Spanien vom Gouverneur der Kolonie verlangte, alle afrikanische Frauen und Frauen mit schwarzen und weißen Eltern hätten sich der öffentlichen Ordnung und den Sitten anzupassen. Der Grund: Ihre hübschen und aufwendigen Frisuren zogen die Blicke der schwarzen und auch weißen Männer auf sich und fielen positiv auf. Schließlich trat das “Tignon-Gesetz” in Kraft. Dieses besagte, dass die Frauen ihr Haar künftig mit einem Tignon, also einem Kopftuch oder Schal, bedecken mussten. Doch die Behörden hatten nicht mit der Kreativität der Frauen gerechnet. Diese trugen künftig bunte Tücher, die sie aufwendig mit Federn und Schmuck verzierten. Sie machten die Kopfbedeckung zu einem Teil von sich selbst und setzten so ein Statement. Und auch das faszinierte offenbar viele der Männer. Ich selbst hatte immer gedacht, meine Haare seien nicht schön genug. Die Frauen von damals liebten ihre Haare und waren sogar stolz darauf. Das Gesetz gab ihnen recht: Ihre Haare galten als “gefährlich schön”. Und wer weiß, vielleicht hätte mich diese Geschichte vor Jahren genauso beeindruckt, wie sie es heute tut.

Das ist nicht nur unhöflich und übergriffig, sondern auch geradezu demütigend.

Seit dem “Tignon-Gesetz” ist viel passiert. Zwischenzeitlich glätteten schwarze Frauen ihre Haare, um sich anzupassen, dann nutzten sie ihren Afro, um sich aufzulehnen und bewusst von der weißen Bevölkerung abzuheben, bevor das Geschäft mit Glättungscremes, sogenannten Relaxern, wieder anfing zu boomen. Seitdem ich in Hamburg wohne, fühle ich mich aufgrund der Vielfalt an Menschen – und vor allem Frisuren – viel wohler. Vor inzwischen sieben Jahren hörte ich auf, meine Haare zu glätten. Seitdem trage ich sie so, wie sie sind, und meistens bin ich zufrieden. Besonders geholfen hat mir meine Friseurin Jana. Sie ist eine Meisterin ihres Fachs und weiß genau, wie sie das Beste aus meiner Mähne herausholen kann. Allerdings passiert es mir auch heute noch, dass Menschen auf irgendeine Art und Weise fasziniert von meinen Haaren sind. Ich vermute das liegt daran, weil sie sich nicht vorstellen können, wie sich mein Haar anfühlt oder wie es sein muss, lockiges Haar zu haben. Oft werde ich gefragt, ob es okay sei, sie anzufassen. Meistens habe ich nichts dagegen – komisch ist es trotzdem. Vor allem, wenn fremde Menschen ungefragt in meine Locken greifen. Das ist nicht nur unhöflich und übergriffig, sondern auch geradezu demütigend. Ebenfalls schwierig sind Situationen wie diese: Neulich war ich mit ein paar Freunden und Bekannten essen. Eine von ihnen kam mit nassen Haaren und erklärte, dass sie ihre wellige Mähne nicht föhnen könne, weil sie sonst zu voluminös sei. Nach dem Motto: “Das Volumen geht bei mir gar nicht – bei dir sieht es aber super aus.” In solchen Momenten spiele ich für einen kurzen Moment mit dem Gedanken, meine Haare doch wieder zu glätten – aber eben nur kurz. 

Auch heute begegne ich immer wieder verschiedenen Mädchen und Frauen, die ihre krausen Haare ständig in einem Dutt verstecken oder sie glätten. Doch wie sollte es auch anders sein, wenn selbst bekannte Gesichter – und ein Stück weit Vorbilder – wie Beyoncé oder Halle Berry regelmäßig zum Glätteisen greifen und nur selten ihr natürliches Haar zeigen? Auch in der Werbung sind afroamerikanische Frauen mit krausen Haaren noch unterrepräsentiert. Eine Shampoo-Werbung, die mich anspricht? Leider fällt mir keine ein. Ich wünsche mir sehr, dass sich das ändert und krauses Haar und Lockenköpfe in Zukunft wesentlich häufiger präsent sind. Mit der Zeit könnten sich viel mehr Menschen motiviert fühlen, sich nicht verändern zu müssen, nur weil die Gesellschaft ihnen immer wieder ein bestimmtes Schönheitsideal präsentiert…

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

2 Kommentare

ines
#2 — vor 2 Monaten 4 Wochen
Mein Traum solche Haare zu haben! Locken sind so wunderschön und machen einen viel lebhafteren Eindruck. Ich lebe in Brasilien und hier gibts ziemlich oft so schön gelockt Haare! Aber selbst hier gibt es immer noch viele Leute die ihre Haare glätten wirklich schade.
Reemts
#1 — vor 3 Monaten 3 Wochen
Ein super Artikel - das mit dem »man möchte immer das was man nicht hat« stimmt, ich hätte statt meiner Schnittlauchlocken(glatt) immer gern Locken gehabt!!! Und eine Enkelin hat jetzt genau das und dazu noch rötlich - sieht toll aus, sie liebt ihre Locke und wir aUch!!! Danke für den Artikel mit den Infos über über die Südstaaten und creative Frauen!

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