Über einen Kinomarathon, schlafende Menschen & Aggressionen

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Kinosaal während der Berlinale 2019

In dieser Woche war ich zum ersten Mal auf der Berlinale, um vor allem eines zu tun: Filme anzuschauen. Doch das gestaltete sich zwischenzeitlich komplizierter als gedacht.

 

Die Internationalen Filmfestspiele in Berlin fanden in diesem Jahr zum 69. Mal statt. Sie zählen neben denen in Cannes und Venedig zu den wichtigsten Ereignissen der Filmbranche. Knapp zwei Wochen lang werden in den Kinosälen der Stadt unzählige Filme gezeigt – darüber hinaus gibt es Premieren, Pressekonferenzen und Side Events.

Eine Busfahrt mit Hindernissen

Für meine allererste Berlinale überhaupt war ich von Montag bis Mittwoch in der Hauptstadt. Schon viele Tage vorher war ich gespannt, was mich erwarten würde. Doch bevor es für mich in den ersten Film ging, durfte ich zunächst mal wieder hautnah miterleben, dass es auf einer 45-minütigen Busfahrt zu vielen kleinen Komplikationen kommen kann. Mein Bus, in dem sich bereits um 10 Uhr ein Mann eine fettige Pizza genehmigte, füllte sich von Station zu Station. Alle Plätze waren belegt, und auch im Gang standen die Menschen dicht an dicht. Zudem wurde die Luft zunehmend stickiger – und auch im übertragenen Sinne dicker. Nachdem es der dritte Kinderwagen mit viel Mühe in den Bus geschafft hatte, bestand auch eine vierte Frau noch darauf, mit ihrem mitzufahren. Nachdem die Leute versucht hatten, ihr klarzumachen, dass wirklich kein Platz mehr sei, und einige Minuten vergangen waren, war sie zwar im Bus, aber die Türen ließen sich nicht mehr schließen und sprangen immer wieder auf.

»Bitte aufhören!«

Zu und wieder auf gingen die Türen beinah an jeder der 28 Haltestellen, die ich zu bewältigen hatte. Die Frau blieb übrigens standhaft und sorgte sogar dafür, dass zwei Frauen für sie Platz machten und frühzeitig den Bus verließen. Einige Stationen später wollte ein Mann aussteigen – die vor ihm stehende Frau ließ ihn jedoch nicht zügig genug durch. Und dann kippte die ohnehin schon gereizte Stimmung von einer auf die andere Sekunde völlig um. Die beiden brüllten sich an und beschimpften einander – und verwendeten dabei Worte, die ich hier lieber nicht wiedergeben möchte. Es hagelte Beleidigungen und wurde sogar mit Schlägen gedroht. Ich schaute mich zu den beiden um, und gerade, als ich einschreiten und die beiden auffordern wollte, sich doch bitte zu beruhigen, kam mir schon eine andere Frau zuvor, die dann nach ihrem »Bitte aufhören!« auch plötzlich unter verbalem Beschuss stand. Während dieser gesamten Zeit fuhr der Bus natürlich wieder nicht weiter. Am Ende schaffte es der Mann allerdings zum Glück, an der aggressiven Frau vorbeizukommen und den Bus zu verlassen.

 
Christian Bale bei der Pressekonferenz zu »Vice - der zweite Mann«.

Respekt für Christian Bale

Nach der turbulenten Fahrt fand ich mich endlich im Berlinale-Palast wieder. Am Montag schaute ich mir »Vice – der zweite Mann«, »Skin« und »The Boy Who Harnessed the Wind« an. Alle drei Filme haben mir wirklich sehr gut gefallen. An diesem Tag war es allerdings »Vice«, der mich am meisten überzeugt hat. Das liegt vor allem an Schauspieler Christian Bale, der die Rolle des Dick Chaney spielt und sich mal wieder wie ein Chamäleon scheinbar problemlos und ohne große Mühe an seine Rolle angepasst hat. Als großer Fan von Christian Bale in seiner Rolle als »Batman« und weil ich großen Respekt für seine Leistung in »The Maschinist« habe, freute ich mich umso mehr, dass nach dem Film direkt eine Pressekonferenz mit ihm angesetzt war. Einige Fotos aus der Ferne später war ich nicht nur happy, sondern stellte auch fest, dass ich ihn mir (wie so viele andere Stars auch) viel, viel größer vorgestellt hatte. Doch zum Schmachten blieb nicht viel Zeit. Der nächste Film wartete auf mich – und auch eine kleine Ernüchterung.

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Wie weiblich war die Berlinale 2019?

Am Sonntag ist die Berlinale 2019 zu Ende gegangen. Die Bären sind vergeben, der rote Teppich ist wieder eingerollt. Die 69. Internationalen Filmfestspiele von Berlin kreisten jedoch nicht nur um Filme und Glamour: Auch eineinhalb Jahre nach #MeToo waren Gleichberechtigung und Diversität gefühlt in aller Munde. Es scheint, als würde sich im Filmgeschäft tatsächlich etwas verändern. Gut so.

Licht aus, Augen zu, Film ab

Die Berlinale war für mich von Anfang an von einer ganz besonderen, beinah edlen Stimmung umgeben. Kurz bevor nun aber mit »Skin« der zweite Film des Tages begann, setzte sich eine Frau neben mich, die nur wenige Minuten nach Filmbeginn einschlief und deutlich hörbar und störend anfing zu schnarchen. Und puff – mit einem Schlag war das edle Gefühl verflogen. Ich stieß sie leicht an, sie wurde wach – nur um dann doch wieder einzuschlafen. Als sie dann auch noch weit vor dem Ende des Films aufstehen und gehen wollte, vergriff sie sich und zog beharrlich an meiner Jacke (erst wesentlich später habe ich bemerkt, dass diese nun am Ärmel eingerissen ist) und stolperte dann auch noch über meine Tasche. Als sie endlich aus dem dunklen Saal gefunden hatte, hätte ich am liebsten laut losgelacht.

Und auch im letzten Film des Tages sackte der neben mir sitzende Mann in dem weichen Sessel zusammen und schlief einfach ein. Ja, ich selbst bekam am Ende des Tages zu spüren, wie anstrengend ein solcher Filmmarathon sein kann – insgesamt saß ich an diesem Tag über sechs Stunden im Kino. Auch ich musste mich im Laufe des Tages in der Dunkelheit bemühen, dass mir nicht versehentlich auch die Augen zufallen. Den Rest der Zeit verbrachte ich übrigens in Toilettenschlangen, mit dem Wechseln der Spielstätten, mit Essen und – na klar – Busfahren.

Am Dienstag und Mittwoch blieben dann zum Glück alle Menschen in meiner näheren Umgebung wach. Ich schaute mir noch »The Souvenir«, »L’adieu à la nuit« und »Elisa y Marcela« an. Filme, über die wir in den kommenden Wochen hier bei Monda noch ausführlicher berichten werden. Alles in allem war meine erste Berlinale eine spannende Erfahrung, die ich im nächsten Jahr gern wiederholen möchte. Zum 70. Jubiläum der Filmfestspiele dann aber gern mit richtig vielen Stars und ordentlich Glamour…

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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