Als ich Andy traf…

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Lesezeit: 4 Minuten
Darum sollten wir viel häufiger auf fremde Menschen zugehen

Ich hatte schon immer ein Talent dafür, in skurrile Situationen zu geraten, aus denen ich allein nur schwer wieder herausfinde. Letztens traf ich Andy – einen völlig fremden Mann, mit dem ich eigentlich gar nicht reden wollte und von dem ich dann doch eine wichtige Lektion lernen konnte.

 

Mit meinen fast 30 Jahren fällt es mir immer noch schwer, in manchen Situationen einfach mal »Nein« zu sagen. In meinem Familien- und Freundeskreis übe ich diese Fähigkeit gern immer wieder. Ich erkläre mir das so, dass ich offenbar davon ausgehe, dass die Menschen, die mich lieben, ein »Nein« schon akzeptieren werden. Sie kennen mich und wissen, dass ich von Grund auf hilfsbereit und zuverlässig bin, wenn es darauf ankommt. Sage ich doch einmal »Nein«, dann wissen sie, dass ich etwas wirklich nicht tun möchte oder es mir vielleicht sogar nicht gut geht – sie werden es mir schon nachsehen. 

Ich möchte niemanden vor den Kopf stoßen

Bei fremden Menschen oder Personen, die mir nicht so nah stehen, ist mir das Neinsagen allerdings häufig zu unangenehm, und die Befürchtung, ich könnte jemanden verletzten, wiegt schwer. So wurde ich in der Vergangenheit beispielsweise mehrfach in Gespräche verwickelt, auf die ich eigentlich gar keine Lust oder Zeit hatte. Anstatt zu gestehen, dass es sich gerade um einen wirklich ungünstigen Moment handelt, lasse ich mich meistens einfach auf die Situation ein. So auch vor Kurzem, als ich Andy traf.

»Bist du Annabelle?«

Von einem abendlichen Termin (es war bereits später geworden, als vorgesehen) fuhr ich mit der S-Bahn nach Hause. Wie vereinbart, gab ich meinem Mann Bescheid, damit er das Abendessen vorbereiten konnte. Ich wusste also, dass er an einem gedeckten Tisch auf mich warten würde. Plötzlich sprach mich ein wildfremder Mann an, der bislang auf dem Platz neben mir gesessen und telefoniert hatte. »Bist du Annabelle?«, fragte er mich. Als ich seine Frage verneinte, meinte er: »Du siehst aber aus wie Annabelle.« Zunächst dachte ich, er würde von der Moderatorin Annabelle Mandeng sprechen – obwohl mich von einer Ähnlichkeit mit ihr mindestens 20 Zentimeter Körpergröße trennen und ich dafür wahrscheinlich sogar genauso viel Kilogramm zu viel auf den Rippen habe. 

Mein nächster Karriereschritt: Schriftstellerin? 

Als Nächstes wollte er von mir wissen, ob ich eine Schwester habe, und dann erklärte er mir, wovon er sprach. Er habe eine Bekannte in Stuttgart, Annabelle, und ich sähe exakt genauso aus wie sie. Spannend, dachte ich, und erwiderte, dass ja jeder Mensch auf dieser Welt einen optischen Zwilling haben solle. Vielleicht sei diese Annabelle ja meiner. Für mich war das Gespräch an dieser Stelle beendet, doch er begann nun, mir ausführlich zu erklären, in welchem Verhältnis er zu dieser Bekannten stehe und dass seine Lebensgefährtin ihn gerade nach 20 Jahren Beziehung verlassen hatte – warum, dass wisse er nicht. Nach einer kurzen Pause wollte er wissen, welche Wurzeln in mir steckten. Als ich ihm von Angola erzählte, fing er an zu schwärmen. Er habe schon immer mal dorthin gewollt und sich mit der Geschichte des Landes eingehend beschäftigt. Ich wurde etwas skeptisch, nickte aber und hörte weiter höflich zu. Plötzlich ging es um meinen Job. Als ich sagte, dass ich Journalistin sei und schriebe, wünschte er mir viel Glück und erklärte, dass er hoffe, bald mal ein Buch von mir bei Thalia kaufen zu können – mein Pseudonym könne ja dann Annabelle sein. 

 

»Hallo, ich bin Andy…«

Bis hierhin fühlte sich dieses Gespräch skurril, merkwürdig, unangenehm und doch zugleich auch irgendwie nett an. Dass ich ihm bisher keine Fragen gestellt hatte, sondern nur er mir, schien ihn nicht weiter zu stören. Und dann musste ich die Bahn wechseln. Ich stand auf, bedankte mich für das Gespräch und wollte mich gerade verabschieden, als er meinte, dass auch er aussteigen müsse. Und jetzt war ich endgültig gefangen. Jede andere Person hätte vermutlich erklärt, dass sie keine Zeit habe und dringend nach Hause müsse, doch ich stand noch weitere 20 (!) Minuten mit diesem Mann am Bahnsteig, der gerade nach meinem Namen gefragt hatte, bevor er mir seinen verriet: Andy. Es nervte mich, dass ich mal wieder nicht dazu in der Lage war, mich aus dieser Situation zu befreien. Würde doch nur mein Mann anrufen und fragen, wo ich bleibe, dachte ich. Doch Andy war einfach zu freundlich, ich wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen. So hörte ich mir eine lange »Predigt« darüber an, wie wichtig ihm Freundschaften seien und wie er sich täglich darum bemühe, neue Menschen kennenzulernen und diese mit seinen alten Freunden zu vernetzen. Er könne es nicht leiden, wenn er offen auf Menschen zugehe, die ihn dann vorverurteilten oder dächten, er sei nur auf das Eine aus. Ob ich ihm glaubte, was er mir erzählte? Ich weiß es selbst nicht so genau. 

Eine unverhofft nette Begegnung

Ich weiß nur, dass ich aus dem Gespräch trotz des zwischenzeitlichen Unbehagens mit einem großen Lächeln herausging. Denn am Ende bedankte er sich für meine Zeit und meine Freundlichkeit und wünschte mir alles Gute für die Zukunft. Weder fragte er nach meiner Telefonnummer, noch wurde er unangenehm aufdringlich. Er hatte sich also wirklich nur unterhalten wollen. Ich werde Andy vermutlich nie wieder sehen, aber die Zeit, die wir gemeinsam verbracht haben, sehe ich keinesfalls als gestohlen an. Im Nachhinein denke ich sogar, dass es diesmal gut für mich war, dass ich nicht »nein« sagen konnte.

Denn Andy hat mir gezeigt, dass wir alle »nur« Menschen sind und es egal ist, woher wir kommen oder welchen Hintergrund wir haben. Dass das Leben am besten funktioniert, wenn wir vorurteilsfrei und offen aufeinander zugehen. Wir können nur gewinnen, wenn wir Oberflächlichkeiten (um ehrlich zu sein, hätte ich selbst ihn nie im Leben angesprochen) hintanstellen und uns hin und wieder einander zuwenden und zuhören. Unerwarteterweise bin ich also mit einem äußerst positiven Gefühl nach Hause gekommen (ihm ging es vermutlich ähnlich) und bin auch jetzt noch wirklich froh über diese unverhofft nette Begegnung. 

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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