Du trinkst keinen Alkohol? Was stimmt mit dir nicht?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Wer keinen Alkohol trinkt macht sich verdächtig

Der Konsum von Alkohol ist in unserer Gesellschaft akzeptiert und wird zum Teil sogar gewünscht. Ich erlebe aktuell immer wieder, dass mir andersherum allerdings, also wenn ich mir bewusst mal kein Gläschen genehmigen möchte, nur selten Akzeptanz entgegengebracht wird.

 

Was, du trinkst heute nicht? Nicht mal ein halbes Glas? Wieso denn nicht? Seitdem ich vor mehr als anderthalb Jahren beschlossen habe, meinen Alkoholkonsum bewusst herunterzufahren und auch auf beruflichen Events, privaten Feiern oder im Restaurant kaum noch trinke, muss ich mich immer wieder für meine Abstinenz rechtfertigen. Das geht sogar so weit, dass ich mir inzwischen scheinheilige Ausreden einfallen lasse, nur um mein Gegenüber so schnell es geht zu besänftigen. Ich nehme Antibiotika, fühle mich erkältet oder habe doch erst letztes Wochenende so viel getrunken, dass ich das so schnell lieber nicht wiederholen möchte – natürlich alles Quatsch. 

Ich habe keine Lust auf Alkohol 

Das letzte Mal »betrunken« war ich tatsächlich Ende August an meinem Hochzeitstag. Da war ich in Stimmung und hatte Lust, diesen besonderen Tag zu feiern. Am Morgen danach ging es mir allerdings nicht besonders gut. In den letzten Jahren habe ich immer wieder feststellen können, dass ich Alkohol zunehmend schlecht vertrage. In der Schulzeit und zu Beginn des Studiums spielte Alkohol noch eine wichtige Rolle. Partys fanden am Freitag und Samstag statt – später kam dann auch noch der Donnerstag dazu. Doch damals habe ich das noch besser weggesteckt – ein »Kater« war im Zusammenhang mit einer durchzechten Nacht noch ein Fremdwort für mich. Das macht Alkoholtrinken natürlich einfacher. Je älter ich werde, desto größer wird meine Abneigung gegen Alkohol. Hinzu kommt, dass ich meine Prioritäten heute ganz anders setze. Ich habe absolut kein Problem damit, die Fahrerin des Abends zu sein, wenn ich dafür sicher und bequem nach Hause komme und am nächsten Tag nicht völlig zerstört bin. Ich brauche und möchte also nur noch ganz selten Alkohol konsumieren. Doch in der Praxis ist das gar nicht so einfach.

Wer keinen Alkohol trinkt, macht sich verdächtig

Denn immer wieder muss ich mich erklären, wieso ich ein alkoholisches Getränk ablehne. Vor ein paar Wochen war ich auf einem Event eingeladen. Zur Begrüßung gab es natürlich einen Drink. Ganz leise und zaghaft erklärte ich, dass ich gern erst einmal Wasser trinken würde – es war heiß und stickig, und der Alkohol wäre mir sicher direkt zu Kopf gestiegen. Eine Bekannte von mir, die bereits vor mir dort war, drehte sich um, zwinkerte mir zu und fragte dann laut in den Raum, was denn mit mir los sei und ob etwas nicht stimme – nur Wasser? Ja, ich wollte erst einmal nur Wasser und blieb auch fast den ganzen Abend dabei. Dass ich dann am Ende der Veranstaltung doch noch zu einem Longdrink griff, schien dann für Entspannung zu sorgen und nahm mich irgendwie aus der Schusslinie.

Auch auf einer anderen Veranstaltung wurde mir zu Beginn direkt etwas Alkoholisches in die Hand gedrückt. Als ich sagte, dass ich gern etwas ohne Prozente trinken würde, wurde ich wieder verwirrt angeschaut. Mit einem »Oh, da müssen wir erst einmal etwas zusammenmixen« verschwand die Dame und beauftragte den Barkeeper damit, einen Cocktail ohne Alkohol zuzubereiten. Hier war also noch nicht einmal etwas vorbereitet. Da dieses Event – wie die meisten Termine, die über den Job anfallen – unter der Woche stattfand, hatte ich von vornherein beschlossen, beim Wasser zu bleiben, um am nächsten Morgen wieder fit am Schreibtisch sitzen zu können. Die anderen Anwesenden hatten offenbar einen anderen Plan. Noch bevor die erste Ansprache gehalten wurde, hauchte mir eine Bloggerin ins Ohr, dass sie schon jetzt kaum noch stehen könne. So nahm der Abend einen feucht-fröhlichen Verlauf, während ich mir das ganze Schauspiel völlig nüchtern mit ansah. 

Du bist doch nicht etwa schwanger?

Leider gehört es inzwischen schon fast zum guten Ton, wegen allem und jedem anzustoßen. »Oh, wir haben uns 4 Wochen nicht gesehen, lass mal anstoßen!« – »Oh, es ist Freitag, lass mal anstoßen!« – »Oh, es ist so schönes Wetter, lass mal anstoßen!« Die häufigste und nervigste Reaktion auf meine Antwort – »Ja, wir können anstoßen, aber ich trinke eine Saftschorle« – ist aktuell allerdings diese: »Was? Keinen Alkohol? Du bist doch nicht etwa schwanger?« Ich kann verstehen, dass gerade nahestehende Personen sich dafür interessieren und sich im Falle einer Bejahung sehr für mich freuen würden. Doch halte ich diese Frage allgemein für sehr übergriffig. Was ist, wenn ich seit Jahren versuche, schwanger zu werden, es aber nicht klappt? Was ist, wenn ich schwanger bin, mir aber gar nicht sicher bin, ob ich überhaupt Mutter werden möchte? Oder was ist, wenn einfach noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um darüber zu sprechen? So eine direkte Frage kann Frauen in Bedrängnis bringen und im schlimmsten Fall sogar Gefühle verletzen. Kurzum: Nur weil ich seit vielen Jahren in einer Beziehung lebe und fast 30 Jahre alt bin, heißt das nicht, dass ich nur auf Alkohol verzichte, weil ich schwanger bin. Und sollte es doch irgendwann so weit sein, entscheide ich ganz allein, wann ich diese sehr private und besondere Nachricht mit meinem Umfeld teile. 

Alkohol als »gesellschaftliche Norm«

Und überhaupt verwundern mich die Reaktionen auf meine häufige Ablehnung von Alkohol. Denn seit Jahren entwickelt sich der Trend hin zu einer gesünderen und bewussteren Lebensweise – Alkohol passt zum Beispiel nur selten zu den Fitnesszielen, die sich viele Menschen setzen. Dennoch gehöre auch ich zu einer Generation, für die Alkohol schon immer eine Selbstverständlichkeit war. »Irgendwann setzt sich dieses Bild auch in unseren Köpfen fest und wir übernehmen das. So eine allseits akzeptierte Idee nennt man »gesellschaftliche Norm«. Für Erwachsene ist es dann »normal«, Alkohol zu trinken. Wer ablehnt, wirkt verdächtig und vielleicht sogar unsympathisch«, heißt es auf der Informationswebseite »Kenn dein Limit«. Ich bin damit aufgewachsen, Alkohol war schon immer da, doch musste ich in der Vergangenheit auch immer wieder die Schattenseiten miterleben. Dass die Stimmung auf einer Familienfeier kippt und plötzlich Aggressivität den Abend beherrscht, ist für mich nichts Neues. Das soll jedoch nicht heißen, dass ich Menschen, die mal einen über den Durst trinken, verteufle oder irgendjemandem den Alkohol verbieten möchte. Auch ich will mein Leben genießen und liebe laue Sommerabende an der Alster mit einem kühlen Glas Wein. Ich habe mich jedoch dazu entschlossen, wesentlich maßvoller Alkohol zu konsumieren und deutlich häufiger darauf zu verzichten als noch vor ein paar Jahren. Dass mir das kaum jemand glauben möchte, ist leider gerade wirklich anstrengend und sehr schade. 

Umfrage

Was ist Civey? 

Share:

Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

Kommentieren