Wenn uns Filme umhauen

30.09.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Kolumne: Marisa machts sichtbar

Kennst du dieses Gefühl auch? Du schaust einen Film im Fernsehen oder im Kino, und danach ist scheinbar erst einmal nichts mehr so, wie es vorher war? Plötzlich spürst du Emotionen, die sich noch nicht richtig einordnen und dich auch viele Minuten später noch vollkommen in das Gesehene eintauchen lassen – beinah so, als seist du selbst auf der Leinwand zu sehen gewesen. Wie schaffen Filme das?

Vor einiger Zeit habe ich in einer Pressevorführung “Werk ohne Autor” von Florian Henckel von Donnersmarck gesehen. Völlig unvoreingenommen und ohne große Erwartungen habe ich mich in den großzügigen VIP-Sitz fallen lassen – eine Platzwahl, die ich später bereuen sollte, denn bei jedem erneuten Zurechtrücken und Zurücklehnen knatschte das schwere Leder hörbar. Kurz bevor der Film begann, stellte ich mein Handy in den Flugmodus, um während der Vorführung nicht von einem nervigen Brummen gestört zu werden.

“Werk ohne Autor”: ergreifend und emotional

Und dann ging es los. Von Anfang an starrte ich gebannt auf die große Leinwand, um bloß nichts zu verpassen oder zu übersehen. Und so begann alles mit einer Ausstellung, die Elisabeth zusammen mit ihrem Neffen Kurt besucht. Sie möchte ihn fördern, erkennt als eine der ersten sein Potenzial. Doch schnell nimmt die vertraute und liebvolle Szenerie eine erschreckende Wendung. Elisabeth kommt in die Psychiatrie und wird einige Zeit später von den Nazis ermordet. Zeitgleich fallen über Dresden die Bomben, die alles und jeden zerstören. Ergreifend und emotional – das Gefühl von Ungerechtigkeit macht sich breit.

Werk ohne Autor
Der kleine Kurt in einer Kunstausstellung , Bildquelle: Disney

Und plötzlich war es Viertel vor Neun

Dann ein Zeitsprung. Kurt ist erwachsen, möchte das Vergangene hinter sich lassen. Nie aber seine Tante, die für ihn bis zum Schluss immer wieder eine Rolle spielt. Im weiteren Verlauf gibt es ein Wechselbad der Gefühle. Liebe, Hass, Unverständnis, Hoffnung, Warmherzigkeit, Mitleid, Freude und viele überraschende Momente, die mich die gesamte Zeit über gefangen hielten. Als der Abspann zu sehen war, wollte ich am liebsten “Warum?” schreien. Das Ende hatte mich zunächst nicht befriedigen können, da eine Schlüsselfigur (ich möchte nicht zu viel spoilern) nicht das bekam, was sie meiner Meinung nach verdient hatte – zudem war ich begeistert und verwirrt zugleich. Und dann das: Mein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass ich das Gefühl für die Zeit völlig verloren hatte. Um 17:30 Uhr hatte der Film begonnen. Um 20:45 Uhr konnte mir jeder ansehen, dass ich mir vorher nicht einmal genau angeschaut hatte, wie lang der Film eigentlich gehen würde. Die 188 Minuten sind in meiner Wahrnehmung nur so verflogen. Ich war so gebannt und schockiert, dann wieder gerührt und aufgewühlt – nicht eine Minute lang hatte ich das Gefühl; wissen zu müssen, was außerhalb dieses Kinos vor sich geht.

Identifikation löst Emotionen aus

Als ich es verließ, war es bereits dunkel geworden; und gefühlt bewegte ich mich wie in Trance und war in Gedanken noch immer bei dem Film. Jedoch nicht in dem knatschenden Kinosessel sitzend, sondern irgendwie mittendrin. Was war mit mir passiert? Das Gefühl, das mich schon häufig nach bestimmten Filmen ereilt hat, nennt sich schlicht und einfach Identifikation. “Identifikation bedeutet in der Psychologie gleichsetzen, zu Meinem machen. Das beschreibt einen Vorgang, in dem Teile des Anderen als eigene erkannt werden und dadurch wie das Eigene erlebt werden. (…) Ich erkenne die Gefühle, die mein Gegenüber, zum Beispiel der Filmheld, erlebt, auch in mir und setze meine Gefühle mit denen, die der Filmheld soeben erlebt, gleich”, schreibt Rainer Dirnberger in seinem Buch “Vom Film zum Ich: Wie Filme unser Leben bereichern”. Dieser Vorgang läuft zum Großteil sogar völlig unbewusst ab, ergänzt er weiter. Je mehr wir uns mit einer Figur identifizieren, desto mehr sind wir auch von dem Film begeistert und umso eher wird er uns in Erinnerung bleiben, werden wir ihn weiterempfehlen oder noch einmal ansehen, sagt Dirnberger.

Werk ohne Autor
Kurt Barnert ist ein Künstler, der sich selbst finden muss , Bildquelle: Disney

Der Geschichte so nah

Das klingt plausibel und dürfte auch erklären, wieso ich “Werk ohne Autor” bereits weiterempfohlen habe und direkt festhalten konnte, dass ich ihn auf jeden Fall noch einmal sehen möchte. Und das, obwohl ich oftmals unfähig bin, direkt nach einem Film ein Urteil abzugeben. Ich muss eine Nacht darüber schlafen und das Gesehene sacken lassen. Doch in diesem Fall kam die Identifikation direkt. Zum einen durch Kurt, der einen langwiedrigen Prozess erlebt, bei dem er versucht zu sich selbst zu finden, um am Ende zu wissen, was er will und wer er wirklich ist. Oder durch Elli, die stets versucht, eine gute Tochter zu sein, doch im Umgang mit ihren Eltern auch mal an ihre Grenzen stößt und schließlich versucht ein eigenes, unabhängiges Leben zu führen. Zudem zeigt der Film Orte, an denen ich bereits gewesen bin.

Weiterhin gefiel mir die liebevolle Beziehung zwischen den Figuren Kurt und Ellie. Ein wenig scherzhaft konnte ich ebenfalls direkt festhalten, dass das Eheleben zu Zeiten, in denen es noch keine Fernseher gab, wesentlich intensiver sein konnte. Und dann ist da noch die Kunst, die im Film natürlich einen wesentlichen Teil einnimmt und direkt Lust auf mehr macht. Die schönen, strahlenden und zum Teil verträumt wirkenden blauen Augen von Tom Schilling erledigen, wenn es um einen ersten oberflächlichen Eindruck geht, den Rest.

Auch auf den zweiten, tiefgründigeren Blick bin ich noch immer der Meinung, dass Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck sowie alle Darsteller etwas Tolles geleistet und zustande gebracht haben, sodass “Werk ohne Autor” für mich definitiv zu den besten Filmen zählt, die ich seit Langem sehen durfte. Auch Wochen danach bin ich noch nachhaltig beeindruckt. Am 3. Oktober kommt der Film in die Kinos – und mein Ticket ist schon so gut wie gekauft…

Das Beitragsbild ist übrigens von Kilyan Sockalingum auf Unsplash

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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