Über die Unfähigkeit, mit mir selbst allein zu sein

07.10.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Kolumne: Marisa macht's sichtbar

Beim Yoga hatte ich eine Erleuchtung, die mir bewusst gemacht hat, dass mit mir etwas nicht stimmt: Ich weiß nicht, wie man es schafft, mit sich allein zu sein…

Was erst einmal ziemlich merkwürdig klingen dürfte, ist etwas, mit dem ich mich seit Wochen beschäftige. Nach einer längeren Pause habe ich in diesem Jahr wieder intensiver damit begonnen, Yoga zu praktizieren. In meinem Fitnessstudio werden mehrmals die Woche Kurse angeboten. Wer sich ein wenig mit Yoga auskennt, weiß, dass es am Ende immer zur Endentspannung, dem Shavasana, kommt. Während ich in der Yoga-Stunde die meiste Zeit über richtig ins Schwitzen komme, heißt es abschließend: Augen zu, still liegenbleiben und Kopf aus. Meine Yoga-Lehrerin betont gern, dass das für die meisten Menschen eine der schwierigsten Übungen ist. Als sie das zum ersten Mal sagte, dachte ich an alle Figuren, in die ich mich zuvor begeben hatte, und wie stark meine Muskeln bei dem Versuch, sie ordentlich auszuführen, vibriert hatten. Doch inzwischen weiß ich, sie hat recht!

“Ich war doch aber nie weg!”

Sobald Shavasana beendet ist, bittet die Lehrerin alle Anwesenden mit sanfter Stimme, wieder ganz langsam zurück in den Raum zu kommen. Jedes Mal ist das die Stelle, an der ich schreien möchte: “Ich war doch aber nie weg! Wie mache ich das?” Ich habe es noch nicht ein einziges Mal geschafft, die 10 bis 15 Minuten auf meiner Matte zu liegen, ohne an diverse To-dos, die Arbeit oder an Essen zu denken, mich zu bewegen oder die Augen zu öffnen, um auf die Uhr zu schauen. So geht es mir übrigens auch, wenn ich mal wieder versuche, mit mir allein zu sein. Einfach mal nichts tun ist – bis auf die Stunden, in denen ich schlafe – irgendwie schwierig. Und selbst das gestaltet sich ab und an schwierig: Ist mein Mann nicht da, um sich vor dem Einschlafen noch mit mir zu unterhalten, unterbreche ich die Stille mit einem Hörbuch. Ja, und manchmal schaffe es noch nicht einmal, einen Film zu schauen, ohne währenddessen mein Telefon mehrmals in die Hand zu nehmen. Wo liegt das Problem? Und kennst du das auch?

Brauche ich ein Retreat?

Bei einem Event vor einigen Wochen habe ich Mady Morrison kennengelernt. Mady ist Yoga-Lehrerin, sie hat einen sehr erfolgreichen YouTube-Kanal, ist Bloggerin und Model. Nach einer Yoga-Session mit ihr, auf die ich mich unglaublich gefreut hatte, habe ich mit ihr meine Gedanken geteilt. Sie erklärte mir, dass auch ihr es ab und an schwerfalle, komplett loszulassen und den Alltag auszublenden. In Zeiten, in denen wir nur noch on- und kaum noch offline sind, können wir uns immer schwerer darauf konzentrieren, einfach mal nichts zu tun und mit uns allein zu sein. Sie erzählte mir von einem Retreat, bei dem es ihr morgens beim Frühstück nicht erlaubt war zu sprechen, und auch die Benutzung von Handys sollte in dieser Zeit keine Rolle spielen. Was sich am Anfang etwas komisch anfühlte, tat ihr am Ende richtig gut.

30 Minuten nur mit mir allein

Ich habe ihr auch davon erzählt, dass ich die Vorstellung, für 30 Minuten allein auf einer Bank zu sitzen und dabei nicht zu reden oder das Handy zu benutzen, aktuell ziemlich gruselig finde. Für mich ist das eine echte Herausforderung – der ich mich allerdings sehr gern stellen möchte. Madys Tipp: „Du solltest auf keinen Fall direkt mit 30 Minuten starten, sonst könntest du dich schnell unwohl und unsicher fühlen. Fang klein an und nimm dir erst einmal drei Minuten vor, dann fünf, dann zehn Minuten – bis du bei 30 Minuten angekommen bist.“ Das klingt logisch. Immerhin startet auch niemand im Fitnessstudio mit den schwersten Gewichten. Noch habe ich nicht entschieden, wann genau ich das Projekt “Ich mit mir allein” angehen möchte. Eventuell kann mir zu Beginn auch eine Meditations-App den Weg ebnen. Du fragst dich jetzt, wozu das Ganze? Ich fühle mich reizüberflutet, meine Konzentration driftet immer häufiger ab, ich mache ständig mehrere Dinge gleichzeitig, und die Vorstellung, mit mir allein zu sein, ist unangenehm – klingt das nicht furchtbar? Ich bin fest davon überzeugt, dass ich meine Aufmerksamkeit, meine Konzentration, meine Kreativität und vieles mehr wieder mehr fokussieren kann, wenn ich lerne, all die stressigen Faktoren in meinem Alltag von Zeit zu Zeit auch mal auszublenden.

Und wer weiß, vielleicht schaffe ich es dann auch endlich mal, beim Shavasana nicht nur an meine Einkaufsliste, sondern einfach mal an rein gar nichts zu denken… Sobald ich mein 30 Minuten-Ziel erreicht habe, werde ich es dich natürlich wissen lassen.

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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