Über die Angst vor dem Tod

25.11.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Über die Angst vor dem Tod

Heute ist Totensonntag. Ein Tag, der in den evangelischen Kirchen in Deutschland und der Schweiz ein Gedenktag für die Verstorbenen ist. Zum Tod macht sich jeder Mensch so seine eigenen Gedanken. Meine waren eine Zeitlang wahnsinnig belastend.

Der Tod gehört zum Leben dazu. Diesen Satz habe ich in meinem Leben schon häufig gehört. Und ja, es ist wahr, doch für mich ist diese Tatsache nur wenig hilfreich, wenn ich gerade mal wieder dabei bin, mir meine eigene Sterblichkeit – oder auch die von mir nahestehenden Personen – bewusst zu machen. Früher habe ich mich beinah täglich mit dem Tod auseinandergesetzt. Mit etwa drei oder vier Jahren fing alles an. Egal, ob ich mich nur irgendwo stieß, stolperte und auf den Knien landete oder mich doch mal ernsthafter verletzte: Ständig schwirrte in meinem Kopf dieser eine Gedanke herum: Ich will nicht sterben!

“Ich will nicht sterben”

Dieser Satz ruhte dabei übrigens nicht still und leise ¬– als einer von vielen Gedanken – in meinem Kopf: Wenn ich mir wehtat, brüllte ich regelmäßig voller Inbrunst und unter Tränen meine Eltern oder die Kindergärtnerinnen an, dass ich jetzt auf gar keinen Fall sterben möchte. Wie ich auf die Idee kam, dass ich aufgrund eines blauen Flecks das Zeitliche segnen könnte? Weder meine Familie noch ich wissen, woher diese Angst gekommen sein könnte. Mit den Jahren hörte ich auf, so panisch zu sein, und verstand, dass mich eine kleine Schramme voraussichtlich nicht das Leben kosten würde.

Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.

– Bertolt Brecht

Das “Wie” bereitet mir Sorgen

Ich verstand auch, dass der Tod im Grunde vollkommen normal, natürlich und – zu gegebener Zeit – unausweichlich ist. Gleichzeitig stellte ich fest, dass er ein für mich so belastendes und unerfreuliches Thema ist, dass ich nur selten mit anderen Menschen darüber spreche. Und das, obwohl es doch häufig heißt, dass wir, wenn wir uns nur lange genug mit etwas Bestimmtem auseinandersetzen, es nicht nur besser verstehen, sondern unter Umständen sogar die Angst davor verlieren. Aus diesem Grund habe ich zuletzt meine beste Freundin auf den Tod angesprochen. Ich erzählte ihr von meiner früheren Panik und dass mir inzwischen vor allem das „Wie“ große Sorgen bereitet. Sie stimmte mir zu und gestand, dass auch sie (wie vermutlich die meisten Menschen) Angst vor großen Schmerzen und unendlichem Leid hat. Dabei wurde mir noch einmal bewusst, dass meine Angst vor dem Tod nicht wirklich weniger geworden ist – ich gehe inzwischen nur (zum Glück für mein Umfeld) ganz anders mit ihm um als früher. Dass meine Liebsten oder ich selbst einem Unglück zum Opfer fallen könnten, darüber mache ich mir dennoch häufig meine Gedanken.

Der Tod lächelt uns alle an, das Einzige, was man machen kann, ist zurücklächeln.

– Marcus Aurelius

In Gedanken bei der Familie, bei Freunden & Freddie Mercury

Obwohl ich Atheistin bin, stimmt mich der heutige Totensonntag also auch nachdenklich. Entstanden ist dieser Tag 1816. König Friedrich Wilhelm III. bestimmte den letzten Sonntag vor dem 1. Advent zum “allgemeinen Kirchenfest zur Erinnerung an die Verstorbenen”. Warum er sich dazu entschied, dafür gibt es verschiedene Theorien. Zum einen könnte er Interesse daran gehabt haben, einen Tag zu kreieren, um der vielen Gefallenen der Befreiungskriege von 1812 und 1815 zu gedenken. Oder aber er wollte seine geliebte Frau, Königin Luise von Preußen, ehren, nachdem diese 1810 gestorben war. Eine weitere Theorie besagt, dass er sich einfach daran störte, dass es bis dato keinen Gedenktag für Verstorbene innerhalb des evangelischen Kirchenjahres gab, während die Katholiken alljährlich an Allerseelen ihrer Verstorbenen gedachten.

Wana Limar im Spotify Format Talk-O-Mat mit Marc Forster zum Thema Wiedergeburt: “Ich glaube auf jeden Fall, dass das Leben hier jetzt gerade nur eine Art Test ist – fast vergleichbar mit einer Art Matrix. Und das alles, was du denkst, fühlst und tust eine direkte oder indirekte Konsequenz hat. Und an den Tod glaube ich sowieso gar nicht, weil ich nicht glaube das Energie verschwindet, sie wandelt sich nur um. Es geht auf jeden Fall weiter.”

„Who wants to live forever?”

Doch egal, was schlussendlich dazu geführt hat, dass wir heute den Totensonntag feiern – meine Gedanken gelten heute meinem Onkel, meinem Cousin, meinen Urgroßeltern, den Brüdern meines Großvaters, einem damaligen Klassenkameraden, den Großeltern meines Mannes, meinen Haustieren – und dem für mich größten Künstler, den es jemals gegeben hat: Freddie Mercury. Gestern (24. November) jährte sich sein Todestag zum 27. Mal. Und auch wenn “Bohemian Rhapsody”, der neue Film über wichtige Jahre seines Lebens, biografisch nicht einwandfrei erzählt ist, kann jeder, der Freddie ein Stückchen näher sein möchte, nicht nur heute an ihn denken, sondern sich auch gern einmal den Film ansehen – oder, wie ich, gleich zwei Mal. In dem von Queen-Gitarrist Brian May geschriebenen Song “Who wants to live forever?” fragt uns die Band bis heute, wer denn wirklich für immer leben möchte. Meine Antwort auf diese eher rhetorische Frage: Ich jedenfalls nicht! Für immer ist mir eindeutig zu lang, und ich bin mir sicher, dass in der Zukunft noch viele Dinge geschehen werden, die ich einfach nicht miterleben möchte. Doch vorbei sein soll diese bisher äußerst spannende Reise noch lange nicht. Ich habe noch viel vor – das steht fest.

Fest steht auch, dass sich niemand von den Gedanken über den Tod aufhalten oder negativ beeinflussen lassen sollte. Denn wir leben schließlich nur einmal. Eine Tatsache, die auch ich mir immer und immer wieder ins Gedächtnis rufen muss…

Ich habe keine Angst vor dem Sterben, ich möchte bloß nicht dabei sein, wenn es passiert.

– Woody Allen

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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