„Du bist doch jetzt eine Ehefrau!“

23.09.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
„Du bist doch jetzt eine Ehefrau!“

In den letzten Wochen höre ich immer wieder die gleiche Frage: “Und? Fühlst du dich nach der Hochzeit irgendwie anders?” Meine Antwort ist immer gleich, nämlich dass sich im Grunde nicht viel verändert hat. Doch das kommt nicht überall gut an, wie ich gerade erleben durfte.

Für mich persönlich hat sich nach der Hochzeit kaum etwas verändert. Ich fühle mich toll, bin einfach glücklich und unglaublich stolz auf meinen Mann. Mit Sicherheit hat uns das Versprechen, das wir uns vor unserer Familie und unseren Freunden gegeben haben, noch ein Stück weiter zusammengeschweißt. Doch am Ende sind wir noch immer dieselben – das ist auch gut so, und daran möchten wir auch auf keinen Fall etwas ändern.

Ein Krisengespräch bei Soljanka & Schnitzel

Wenn es nach meiner Großtante und meinem Großonkel ginge, sollten wir uns an der einen oder anderen Stelle allerdings doch mal so unsere Gedanken machen – und eventuell doch noch schnell etwas verändern. Meistens sehen wir uns nur zu größeren Familienfeiern – so auch am 75. Geburtstag meines Großvaters. Eines vorweg: In den letzten Jahren durfte ich schon häufiger feststellen, dass unsere Ansichten gerne einmal in zwei völlig unterschiedliche Richtungen gehen. In der großen Runde wurde also schnell klar, dass es zum wiederholten Male einiger Erklärungen bedarf.

So durften wir uns anhören, dass unsere Entscheidung, erst einmal auf den gleichen Nachnamen zu verzichten, eigentlich so nicht richtig sei. An dieser Stelle schien auch die Erklärung sie nicht zu besänftigen, dass ich meinen Mann über alles liebe, es aufgrund meines Berufes allerdings aktuell für vorteilhafter erachte, wenn sich mein Nachname nicht ändert – und, ich bin ehrlich, ich finde meinen Nachnamen einfach schöner und bin auch deshalb noch nicht bereit, ihn abzulegen. Doch wer den Schritt in die Ehe gehe, müsse ihn auch “vollständig” gehen, so das Credo der beiden.

Und dann wäre da noch die Sache mit dem Hochzeitsdatum, für die wir uns auch an diesem Tag wieder rechtfertigen mussten. Denn erst nach unserer freien Trauung folgte der Termin im Standesamt. Die für einige “ungewöhnliche” Vorgehensweise war genau richtig für uns. Deshalb erklären wir unsere bevorzugte Reihenfolge gern und nehmen auch ohne Weiteres in Kauf, dass es vielleicht nicht für jeden nachvollziehbar ist.

Frisuren für Ehefrauen?

Zu diesem Zeitpunkt wurde es für mich persönlich Zeit, über etwas oder auch jemand anderes zu sprechen. Doch diese Rechnung hatte ich ohne meinen Vater gemacht, der das Thema plötzlich auf meine Haare lenkte. Denn auch die sorgen immer wieder für Diskussionen. Über viele Jahre wollte ich mit meinen Locken rein gar nichts zu tun haben. Nachdem ich aufgehört hatte, sie zu glätten, bekam ich durch meine Wahlheimat Hamburg, meine tolle Friseurin Jana und durch viele Freunde und einige Familienmitglieder den Mut, den ich brauchte – und die Einsicht – um mich mit meinen natürlichen Haaren zu akzeptieren. Mein Vater stellte also fest, dass ihm meine Haare aktuell sehr gut gefallen und ich daran am besten nichts ändern darf. In diesem Moment teilte ich ihm grinsend mit, dass ich bereits einen Friseurtermin vereinbart habe und meine Haare künftig wieder kurz tragen möchte.

Diese Information löste bei einem Teil der Anwesenden Begeisterung aus – den anderen Teil versetzte ich damit jedoch zunächst in eine Schockstarre und dann in einen Protest. Als ich meiner Großtante dann auch noch ein Bild von vor vier Jahren zeigte, auf dem die Frisur zu sehen ist, die ich mir auch jetzt wieder vorstelle, plusterte sie sich auf und erklärte mir streng, dass diese Frisur einfach viel zu wild sei, denn: “Du bist doch jetzt eine Ehefrau – das geht nicht!” Wow, das hat gesessen. Wird mir meine Friseurin künftig ein Buch aufschlagen, in dem Frisuren ausschließlich für Ehefrauen zu sehen sind? Und was genau löst eine – nach Meinung meiner Großtante – “wilde Frisur” in Kombination mit einem Ehering wohl bei anderen Menschen aus? Und nein, ich erwarte keine Antworten auf diese rein hypothetischen Fragen, denn natürlich entscheide ich immer noch selbst, was auf meinem Kopf passiert. Doch als ich mein “Hamburger Schnitzel” anschnitt, fühlte ich mich plötzlich in die 50er Jahre zurückversetzt.

Das Handbuch für die gute Ehefrau

Im Jahr 1955 veröffentlichte die Zeitschrift Housekeeping Monthly eine Art “Handbuch für die gute Ehefrau”. Der Guide gibt eine Liste von verschiedenen Verhaltensweisen vor, die gegenüber dem Ehemann angemessen sind. Darin stehen beispielsweise Richtlinien wie: “Du wirst ihm viel zu erzählen haben, aber seine Rückkehr ist nicht der richtige Moment dafür. Warte, bis er ein Gespräch beginnt und denk immer daran, dass seine Argumente wichtiger sind als deine!” (Wie bitte?) Oder auch: “Mache den Abend zu seinem Moment. Sei nicht aufgebracht, wenn er spät kommt oder außerhalb isst, anstatt seine Zeit mit dir zu verbringen. Versuche zu verstehen, dass sein Leben voll von Stress ist und er sich entspannende Momente verdient hat.”(Ernsthaft??) Äußerst “interessant” ist auch dieser Vorschlag: “Dein Ziel ist es, das Haus zu einem Ort der Ruhe und des Friedens zu machen, wo dein Mann auftanken kann. Langweile ihn nicht mit deinen Beschwerden und Problemen.” (Geht’s noch???) Kaum vorstellbar, wo wir Frauen heute stünden, wenn genau das unsere primären Ziele wären.

Für die Frisur einer “guten” Ehefrau gibt es zwar keine konkreten Richtlinien, doch heißt es dort: “Unterbrich die Arbeiten 15 Minuten bevor er zurückkehrt, sodass du dich zurecht machen kannst. Zieh etwas Sauberes an, schminke dich und steck dir eine Schleife ins Haar.” Mit „unterbrich die Arbeiten“ sind natürlich die im Haushalt gemeint. Wer sich zu der damaligen Zeit gezwungen sah, sich an diese Regeln zu halten, sollte natürlich keiner weiteren Tätigkeit nachgehen – der Haushalt, die Kinder und der Ehemann sollten zu jederzeit im Fokus stehen. Und offenbar auch die Schleife im Haar, auf die meine Großtante zwar ganz sicher keinen Wert legt – doch dass die Haare zu jederzeit ordentlich und auf gar keinen Fall wild aussehen, darauf schon.

Ich für meinen Teil bin ziemlich froh, dass wir das Jahr 1955 längst hinter uns gelassen haben und diese altmodischen Strukturen nur noch sehr selten eine Rolle spielen – und ich bin auch ziemlich froh über meinen Friseurtermin und einen Haarschnitt, der nur mir ganz allein gefallen muss…

Das Beitragsbild ist übrigens von Lukas Papierak

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

3 Kommentare

  1. Thomas Schmidt

    Naja, typische Radikalfeministin, die die Wahrheit zwischen Mann und Frau nicht verstanden hat. Sie hat sich halt über Jahre einreden lassen, dass ihre jetzige Perspektive “die Richtige” sei. Wahrscheinlich merkt sich kurz vorm Tod dann, dass die von der Natur aus vorgegebenen Rolle der Frau für sie jahrzehntelang wäre besser und entspannter gewesen und mehr Liebe von Partner und Kindern zurück gekommen wäre, als die Rolle der verbissenen -ich-schaffe-alles-was-ein-Mann-schafft-Frau… Viel Spaß dabei und wir werden ja in 50 Jahren sehen, ob deine Verwandten nicht eben doch recht hatten….

  2. Sina Carlotta

    Lieber Thomas Schmidt, entschuldigen Sie, aber dieser Kommentar kann nicht ernst gemeint sein.
    Das hat nichts mit RADIKALfeminismus zu tun, sondern eher mit LIBERALfeminismus. Die Autorin macht deutlich, dass man durchaus eigene Vorlieben und eigene Ambitionen haben kann und dennoch mit dem Menschen verheiratet sein kann, den man liebt und achtet. Wahrer Feminismus, wie er hier beschrieben wird, bedeutet meines Erachtens nicht, sich niemals auf eine Ehe einzulassen, Männer zu hassen und seinen BH zu verbrennen, sondern einfach, dass man sich selbst dasselbe Recht auf Selbstverwirklichung einräumt wie ein Mann. Feminismus bedeutet meinem Verständnis nach, sich frei zu entscheiden, ob man Kinder möchte, eine Ehe eingeht, keine Kinder möchte, unverheiratet ist oder alles zusammen und dennoch einer Karriere nachgeht oder auch einfach voll in der Rolle als Ehefrau und Mutter aufgeht.
    Und die Verwendung des “Du” empfinde ich persönlich im Übrigen als respektlos, aber das mag eine individuelle Präferenz sein.
    Ich finde den Artikel großartig, wenn auch vielleicht für meinen Geschmack etwas zu salopp geschrieben. Er beschreibt nichtsdestotrotz perfekt, dass wir Frauen uns trotz aller gesellschaftlicher Fotschrittlichkeit dennoch für unsere Lebensentscheidungen rechtfertigen müssen, ganz gleich wie marginal sie sein mögen. Ich denke nicht, dass der Mann der Verfasserin sich für seinen Haarschnitt erklären musste. Btw: Sehr hübsch, ob mit langen oder kurzen Haaren!

    Liebe Grüße aus Italien.

  3. Bernd Hofmann

    Das gleiche Spiel wie immer!

    Die “Alten” allen den “Jungen” einreden ´, wie sie zu leben haben! Es ist immer noch nicht gestorben.

    Ich habe dies – Gott sei Dank – auch im Gegensatz zu meiner Exfrau, nie getan.

    Als meine 4 Kids ca. 16 waren, sagte ich ihnen: “Bin jetzt nur noch euer Berater. Sage euch nicht, was ihr tun oder lassen sollt. Denn jeder muss sein eigenes Leben nach seinem inneren Kompass leben!

    Aber ihr könnt immer kommen solange ich lebe, es wird nie Kritik geben.”

    Alle haben einen tollen Beruf, zwei selbstständig. Meine Älteste hat mit ihrem Mann eine Firma gegründet mit jetzt 20 Mitarbeitern!

    Mein Tipp an Eltern: haltet die Klappe!

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