Der Blues in meinem Kopf

18.11.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Kolumne: Der Blues in meinem Kopf

So sehr ich mich nach diesem außerordentlich guten Sommer auf den Herbst gefreut habe, komme ich doch im Alltag kaum damit zurecht, dass es ständig so düster ist, es immer kälter wird und ich vor Müdigkeit beinah im Stehen einschlafe. Ein Problem, das vielen bekannt vorkommen dürfte…

Während ich das hier schreibe und dabei die Blues Origins Playlist bei Spotify höre, scheint ausnahmsweise die Sonne. Die wenigen gelbgoldenen Blätter, die ich von meinem Platz aus noch an den Bäumen sehen kann, lächeln mich an. Vielleicht lachen sie mich auch aus. Denn ich weiß, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis sich das Tageslicht schon wieder verabschiedet und sich ein grauer Schleier ausbreitet, der allmählich immer dunkler wird – bis es gegen 16:30 Uhr stockfinster ist.

Ich gehe mir selbst auf die Nerven!

Eigentlich müsste ich jetzt sofort aufstehen, rausgehen und meine Nase in die Sonne halten, um Energie und gute Laune zu tanken, doch dafür habe ich jetzt keine Zeit. Und im Grunde bin ich doch auch ziemlich gut aufgestellt, denn gegen den Herbst-Blues esse ich jeden Tag Obst und Gemüse, mache ich regelmäßig Yoga, gehe (trotz schlechtem Wetter) hin und wieder eine Runde um den Teich und nehme ergänzend auch noch Vitamin-D-Tabletten zu mir. Und dennoch: Aktuell bin ich froh, dass ich meine Augen am Morgen überhaupt auf bekomme – aber von dem Szenario, das sich abspielt, bis ich es geschafft habe, mich aus dem Bett zu bewegen, möchte ich an dieser Stelle lieber gar nicht reden. Damit gehe ich mir also schon morgens das erste Mal so richtig selbst auf die Nerven.

Ja, und davon abgesehen, bin ich aktuell trotz meiner einigermaßen (ich habe in dieser Woche auch Spekulatius gegessen) bewussten und gesunden Ernährung, dem Vitamin D und dem Yoga häufig den ganzen Tag müde und unkonzentriert. Wo ich gerade davon rede: Die letzten zehn Minuten habe ich ein Eichhörnchen beobachtet, das sich beneidenswert schwungvoll von Ast zu Ast bewegt hat. Meinem Umfeld geht es übrigens nicht anders. Immer wieder begegnen mir schlappe, müde Gesichter, die sich am liebsten – genauso wie ich – wieder unter der Bettdecke verkriechen würden.

Ein “Wunder” der Evolution

Mediziner machen vor allem einen Mangel am Glückshormon Serotonin für die breitflächig ausgerollte Trübsinnigkeit verantwortlich. Wenn das Tageslicht ganztägig fehlt oder nur für wenige Stunden verfügbar ist, hat der Gute-Laune-Botenstoff keine Chance, sich in unserem Körper auszubreiten. Der sogenannte Herbst-Blues – aus medizinischer Sicht ist dieser übrigens ein Seasonal Affective Disorder (SAD) – macht uns müde und schlapp. Es gibt Menschen, die nicht nur in den Wintermonaten (Winterdepression), sondern auch im Frühling (Frühjahrsmüdigkeit) davon betroffen sind. Bei SAD handelt es sich allerdings nicht automatisch um eine Depression. Sobald der Herbst-Blues aber durchgehend – also an wirklich jedem Tag – mehr als zwei Wochen andauert, kann daraus allerdings eine anhaltende Schwermütigkeit entstehen, die eventuell behandelt werden muss. Dr. Robert Levitan von der University of Toronto erklärt dazu:

“Klinisch unterscheidet sich SAD von den meisten anderen Depressionen hinsichtlich der Symptome, die stark an den Winterschlaf erinnern. Die Menschen schlafen viel mehr als gewöhnlich, essen mehr als gewöhnlich, nehmen an Gewicht zu und ziehen sich sozial zurück. Es gibt viele Wissenschaftler auf meinem Gebiet, einschließlich mir, die SAD als eine Evolutionsstörung ansehen, einen energiesparenden Prozess, der in der modernen Gesellschaft nicht mehr hilfreich ist. Während es in der heutigen Zeit nicht gut für uns ist, im Winter zu stark runterzufahren oder stark zuzunehmen, hat das unseren Vorfahren wahrscheinlich dabei geholfen, die Eiszeit zu überleben.”

Tipps gegen den Herbst-Blues

Laut Dr. Robert Levitan handelt es sich also um eine Evolutionsstörung. Der energiesparende Prozess war damals ziemlich hilfreich – heute bremst er täglich viele Menschen aus. Ich habe gerade aber keine Lust mehr, mich ausbremsen zu lassen. Aus diesem Grund habe ich mir überlegt, der Finsternis einfach viel häufiger mein Lächeln zu zeigen. Am besten funktioniert das bereits morgens vor dem Badezimmerspiegel. Heute Morgen habe ich mir selbst ein breites Grinsen geschenkt. Was sich zunächst komisch anfühlt, wirkt wahre Wunder. An mein fröhliches Gesicht denke ich auch jetzt noch. Ein weiterer Tipp: Ich plane bewusst schöne Erlebnisse, auf die ich mich freuen kann. In der letzten Woche hatten mein Mann und ich unter der Woche ein Date. Am Donnerstag ging es erst in ein Restaurant und dann ins Kino. Klar, energisch aus dem Bett bin ich zwar weiterhin nicht gekommen, jedoch habe ich mich von Montag bis Donnerstag so auf diesen Abend gefreut, dass ich mir die Dunkelheit und die Kälte automatisch viel seltener ins Gedächtnis gerufen habe. Ja, und dann ist da tatsächlich die Bewegung, die uns nachweislich wacher und fitter werden lässt und gerade jetzt noch konsequenter einen Platz in meinem Alltag finden muss.

Tja, so ist das nun mal: Wer nicht in völlige Lethargie verfallen möchte, muss aufstehen und etwas dagegen tun. Vor einigen Jahren empfiehl mir eine Ärztin, zusätzlich zweimal im Monat ein Solarium aufzusuchen – unter der leichtesten Bank lasse sich der Serotoninspeicher herrlich einfach auftanken. Mal sehen, vielleicht probiere ich auch das einfach mal aus. Bis dahin wünsche ich einen schönen, entspannten Sonntag im kuscheligen Bett – aber bitte den Spaziergang nicht vergessen!

P.s.: Lieblingslieder in Dauerschleife hören macht auch ziemlich gute Laune! <3

share:
FacebookPinterest
Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

kommentieren