#BodyShamingIsForLosers: Eine niemals endende Debatte

29.07.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Kolumne: Was ist nur mit den Menschen los?

Das Hashtag #BodyShamingIsForLosers tauchte bereits in der vergangenen Woche auf, nachdem die größte italienische Tageszeitung einen Artikel über Bloggerin Chiara Ferragni und ihre Freundinnen geschrieben hatte. Eine Debatte, die wir meiner Meinung nach schon viel zu lange führen.

Es scheint eine Art Fluch zu sein, der sich vor langer, langer Zeit über die Menschheit gelegt hat. Um ihn loszuwerden, benötigen wir eine Zauberformel, die bisher noch niemand entdeckt hat. Wovon ich hier rede, ist, dass Dinge wie Erfolg, Beliebtheit oder Anerkennung bei vielen Menschen noch immer von einem ganz bestimmten Schönheitsideal abhängen. Ein Thema, das uns ein Leben lang begleitet. Die einen mehr, die anderen weniger – dennoch ist es immer irgendwie präsent.

Der “perfekte” Köper – ein Dauerthema

Rückblickend betrachtet war ich in der Grundschule ein wenig pummelig. Gestört hat es mich allerdings nie. Meine Freundinnen und ich waren in einer Tanzgruppe, wir waren viel draußen – hatten also die nötige Bewegung. Wir ließen es uns aber eben gern schmecken. Ich war wirklich glücklich. In der Pubertät – mit etwa 14 Jahren – litt ich unter einer Essstörung. Eine Zeitlang nahm ich täglich nicht mehr als einen fettreduzierten Joghurt und einen Apfel zu mir und achtete darauf, kein einziges Gramm zuzunehmen. In den Jahren danach kamen der Spaß am Essen und das gesunde Körpergefühl allmählich wieder zurück. Das konnte ich zum Glück auch die letzten Jahre über einigermaßen beibehalten. Doch es ist anstrengend.

Nicht schlank genug?

Als ich meinen Job bei einer Moderedaktion begann, musste ich schnell feststellen, dass eine schöne und sehr schlanke Figur offenbar das Beste ist, was einer Frau passieren kann. Ich war umgeben von Mädels, die nichts anderes aßen als Salat oder die regelmäßig Mahlzeiten ausfallen ließen und sich den ganzen Tag gegenseitig für ihre schlanken Beine, Arme und den flachen Bauch bejubelten – immer wieder fühlte ich mich fehl am Platz. Doch ich gab mir stets große Mühe, mir meine Zufriedenheit auch hier nicht nehmen zu lassen.

Eine Waage besitze ich nicht

Seit einigen Jahren gehe ich regelmäßig zum Fitness – gerade habe ich wieder damit angefangen, Yoga zu machen. All das tue ich, um mich gut zu fühlen. Ich möchte gesund sein. Dazu gehört für mich auch gutes und abwechslungsreiches Essen. Ich habe keine Lust auf Kalorienzählen. Eine Waage besitze ich nicht. Ob ich mich wohlfühle oder nicht, ist für mich persönlich nicht an irgendein ganz bestimmtes Gewicht gebunden. Ich möchte mich im Spiegel betrachten und zufrieden sein. Doch viel zu oft machen wir selbst, die Modebranche, die Medien oder die Werbung es schwer, uns so zu akzeptieren, wie wir sind.

#BodyShamingIsForLosers: Rund und glücklich?

Eine aktuelle Debatte darüber hat Chiara Ferragni entfacht. Mit ihrem Blog “The Blonde Salad”, ihrem Instagram-Account und ihrer eigenen Mode schaffte sie es, ein Imperium aufzubauen und Millionen zu verdienen. Egal, was sie tut, zu jeder Zeit sind hunderttausende Augen auf sie gerichtet. Auch ich folge ihr und sehe täglich, wo sie sich befindet, was sie gerade gegessen hat und was ihr wenige Monate alter Sohn gerade tut.

Vor mehreren Tagen fand Chiaras Junggesellinnenabschied auf Ibiza statt. Natürlich teilte sie auch von diesem Ereignis einige Bilder. Auf einem davon sind sie und ihre Freundinnen in Badeanzügen zu sehen. Während die Frauen in meinen Augen alle wunderbar aussehen und mir das Gefühl vermitteln, dass sie glücklich sind und einen tollen Tag verbringen, beschreibt die größte italienische Tageszeitung, Corriere della Sera, die Frauen als “rund und glücklich”. Aufgrund dieser unpassenden Bemerkung (eine Ansicht, die ich teile) rief Chiara das Hashtag #BodyShamingIsForLosers ins Leben.

Beim Anblick des Fotos stelle vermutlich nicht nur ich mir die Frage: Wenn diese Frauen “rund” sind, was bitte bin ich dann? Und wann haben wir angefangen, tolle, schlanke Frauen als “rund” zu bezeichnen? Der Text der Tageszeitung, der übrigens von einer Frau verfasst wurde, suggeriert in meinen Augen ein völlig falsches Körperbild. Für manche Menschen können derartige Aussagen sogar gefährlich sein.

Speckröllchen sind kein Verbrechen!

Schon mein ganzes Leben lang und gerade wieder vermehrt geht es in meinem Umfeld ständig um Diäten, Fasten, Gewichtsverlust und ein Sportprogramm, das nach Bikinifigur inklusive Sixpack schreit. Aktuell bin ich es wirklich leid, dass diese Themen so einen enorm großen Stellenwert einnehmen und täglich zur Sprache kommen. Niemand begeht ein Verbrechen, wenn mal zwei Kilo zu- anstatt abgenommen wurden. Und ein paar Speckröllchen können niemanden verletzen.

Ich habe vor einiger Zeit beschlossen, dass ich mich in meiner Haut wohlfühlen möchte – dazu gehört aber auch, das eigene Gewicht und die eigene Figur nicht ständig in den Mittelpunkt zu stellen, pausenlos darüber zu debattieren und sich immer wieder zu vergleichen. Das führt in meinen Augen nur zu Unsicherheiten und einer dauerhaften Unzufriedenheit. Und für derartige Gefühle ist das Leben nicht nur zu kostbar, sondern einfach auch viel zu kurz!

Lest auch hier die tollen Worte meiner lieben Freundin Sue zu diesem Thema!

Das Beitragsbild ist übrigens von Lea Wormsbach

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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