Was macht eigentlich eine Gerichtsvollzieherin?

Words by Annekathrin Walther
Photography: Screenshot, Youtube, BMJV
Eine mittelalte, blonde Frau sitzt an einem Tisch und lächelt freundlich
Karina Arndt übt einen Beruf aus, um den sich viele Mythen ranken. Viele, die an Gerichtsvollzieher denken, denken an Männer im Trenchcoat, die Kuckucke aufs Mobiliar kleben. Tatsächlich handelt es sich jedoch um einen spannenden und abwechslungsreichen Beruf, der immer mehr auch von Frauen ergriffen wird. Warum das so ist und was ihr Alltag alles so mit sich bringt, verrät Frau Arndt im Interview. Ein Gespräch über Pfandsiegel, Fäuste in Türrahmen und Männer, denen ein Rückzug manchmal schwerfällt. 

Frau Arndt, Sie sind Gerichtsvollzieherin. Was macht eine Gerichtsvollzieherin?

Eine Gerichtsvollzieherin kommt da ins Spiel, wo ein Urteil vollstreckt werden muss. Man sagt immer: Das schönste Urteil nützt nichts, wenn niemand da ist, der es vollstreckt. Das bezieht sich auf reine Zahlungsforderungen, auf Räumungsvollstreckungen, Zählersperrungen, Herausgaben oder Kindesherausgaben. Es ist ein ganz vielfältiges Feld und deshalb sehr interessant. Ich weiß im Vorfeld nie, was mir der Tag bringen wird. 

Ich habe gelesen, dass Gerichtsvollzieher einerseits Beamte sind, gleichzeitig aber selbstständig arbeiten. Stimmt das so?

Ja, wir haben den Beamtenstatus und gleichzeitig arbeiten wir selbstständig. Das Amtsgericht ist natürlich meine Dienstaufsicht, darüber bekomme ich auch meine Post, aber ich sitze nicht dort.

Sondern?

Wir haben eine Bürogemeinschaft mit acht Gerichtsvollzieher*innen. Bei acht Leuten und drei Angestellten ist es natürlich trubelig. Vorhin war auch schon die Polizei hier, weil es ein bisschen Stress gab.

Kombination von Beamtenstatus und Selbstständigkeit

 

Das heißt, Sie organisieren sich Ihren Tag weitestgehend selbst?

Ja, ich habe niemanden, der mir sagt, du fährst heute dahin oder dahin. Gleichzeitig ist dieser Beamtenstatus natürlich wichtig, denn eine Gerichtsvollzieherin führt hoheitliche Tätigkeiten aus. Einen Haftbefehl oder einen Durchsuchungsbeschluss vollstrecken darf nur eine verbeamtete Person. Die Kombination von Beamtenstatus mit Selbstständigkeit ist schon außergewöhnlich in der Justiz. 

Eine blonde, mittelalte Frau sitzt auf einem Boot und schaut in die Ferne
Kein Trenchcoat, aber volle Kraft voraus. Karina Arndt ist Gerichtsvollzieherin.

 

Kann man sagen, dass Ihr Berufsalltag eine Mischung aus Innendienst und Außendienst ist? Einerseits sitzen Sie im Büro, andererseits klopfen Sie bei Schuldnern an die Tür. Das klingt nicht nach einem klassischen Nine-to-five-Job.

 Nein. Meine Arbeitszeit beschränkt sich nicht auf 9 bis 17 Uhr. Es kommt immer vor, dass man Leute nicht antrifft, weil sie zum Beispiel im Ausland arbeiten und nur am Wochenende oder an Feiertagen zu Hause sind. Selbst jemand, der einfach ganz normal arbeitet, ist ja oft nicht vor 18 Uhr zu Hause.

Wenn man zum Beispiel eine Diskothek im Bezirk hat und der Betreiber ist ein bisschen umtriebig, dann kann es einem passieren, dass man da nachts aufschlagen muss, um die Kasse zu pfänden.

 

Aber nachts gehen Sie nicht raus, oder?

Wenn man zum Beispiel eine Diskothek im Bezirk hat und der Betreiber ist ein bisschen umtriebig, dann kann es einem passieren, dass man da nachts aufschlagen muss, um die Kasse zu pfänden. Oder eher gegen Morgen. Da kommt dann auch mal die Polizei ins Spiel. Eine Gerichtsvollzieherin hat natürlich jederzeit die Möglichkeit, Amtshilfe dazuzuholen. In solchen Situationen wird das auch gemacht – nicht nur, damit vor Ort nichts passiert, sondern auch, damit ich nicht alleine mit dem Geld abrücken muss. Da kann ja auch mal jemand hinterherfahren. 

Das heißt aber, Sie sind tagsüber normalerweise alleine unterwegs?

Ja, ich bin alleine unterwegs. Ich fahre zu Menschen, die ich nicht kenne und bei denen ich nicht weiß, auf welchem Fuß ich sie erwischen werde. Ich gehe immer freundlich auf sie zu, aber oftmals sind sie eben nicht gerade erbaut darüber, dass ich vor der Tür stehe.

Tür auf, Faust raus.

 

Das kann ich mir vorstellen. Kommt es auch mal zu konfrontativen Situationen, wenn Sie bei jemandem klingeln?

Ja, das passiert immer mal wieder. Bei einer Räumung hat ein Schuldner einmal zuerst die Faust rausgestreckt. Tür auf, Faust raus. Das sind dann Kurzschlussreaktionen. In dem Fall war es ein Familienvater, der kurz vorher seine Frau verloren hatte. Sie war plötzlich nicht mehr da, hatte sich aber um alles Finanzielle gekümmert. Er war mit der ganzen Situation überfordert. Das ist eine Lage, in die jeder geraten kann, von der man sagen muss, sie ist absolut menschlich. Er hat keine Miete mehr überwiesen und dann stand morgens um acht die Gerichtsvollzieherin vor der Tür: »Guten Tag, wir räumen heute die Wohnung.« 

Und dann hat er die Nerven verloren?

Wahrscheinlich hat er gedacht, jetzt schubs ich die erstmal weg von meiner Tür. Er hat mein Jochbein getroffen und die Tür wieder zugemacht. Wahrscheinlich um erstmal drinnen Luft zu holen und zu überlegen: Was mache ich denn jetzt? Es passieren aber auch andere Sachen. 

Zum Beispiel?

Ich habe mal die Situation gehabt, dass sich jemand bei mir im Büro die Pulsadern aufgeschnitten hat. Ich habe auch erlebt, dass sich jemand vor der Wohnungsräumung aufgehängt hat. Das sind natürlich traumatische Erlebnisse. Die behält man immer im Hinterkopf. Bestimmte Sequenzen, Bilder oder Gerüche kann man nicht abschütteln. Man muss für sich einen Weg finden, das verarbeiten zu können. Die Hauptsache ist, dass ich gefestigt bin und nicht in Bedrängnis komme, wenn ich meine Arbeit machen muss. 

 

Haben Sie gewusst, dass solche Sachen passieren können, als Sie sich für den Beruf entschieden haben?

Ja. Damit muss man sich auseinandersetzen. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass es ein Beruf ist, in dem man es nie mit zufriedenen Menschen zu tun hat. Der Gläubiger ist unzufrieden, denn er hat sein Geld nicht bekommen. Der Schuldner wird nie zufrieden sein mit meiner Zwangsvollstreckungsmaßnahme. Man erfährt auch nie großartige Dankbarkeit. Wenn das Geld überwiesen ist, ist die Akte erledigt und das war’s. 

Für die Kampagne In Ihrem Namen haben Sie ein Interview gegeben, in dem Sie erzählt haben, dass in den letzten 10 Jahren vermehrt Frauen Gerichtsvollzieherinnen werden. Warum ist das so? 

Als ich meinen mittleren Justizdienst in Hamburg gemacht habe – das war von 1993-1995 –, hatte Hamburg fast nur männliche Gerichtsvollzieher. Es gab kaum Frauen, und es war auch nicht gewollt.

Immer mehr Frauen werden Gerichtsvollzieherinnen

 

Warum nicht?

Ich weiß es nicht. Vielleicht hat man ihnen den Beruf einfach nicht zugetraut. Ich kann mich an eine Frau erinnern, die mir erzählt hat, dass sie sich schon zum dritten Mal beworben hat und die nie genommen worden ist. Heute ist das alles ein bisschen aufgeweicht. Das hängt, glaube ich, auch damit zusammen, dass die Justiz insgesamt – zumindest hier bei uns im Osten – recht weiblich ist. Gerichtsvollzieher*innen werden ja aus der Justiz rekrutiert. 

Gibt es denn Unterschiede darin, wie Männer und wie Frauen den Beruf ausüben?

Ich habe erlebt, dass es uns Frauen in manchen Situationen leichter fällt zu sagen: Ok, ich hab’s versucht, aber ich rück erstmal wieder ab. Wenn ich zum Beispiel einen Schuldner habe, der sehr aggressiv auf mich zugeht, dann fällt es mir nicht schwer zu sagen: Gegen den habe ich physisch sowieso keine Chance. Ich spreche den Schuldner natürlich trotzdem an, ich bin nicht ängstlich. Oft ist es gerade bei männlichen Klienten auch ein Antesten. 

Antesten?

Die sehen sich einer kleinen Frau gegenüber und denken: Die brüll ich jetzt erstmal an, mal gucken, wie sie reagiert. Wenn man dann ein bisschen gegenhält, dann beruhigt sich alles oft schon. Aber manchmal kriegt man die Situation auch einfach nicht in den Griff. Wenn sich alles immer weiter hochschaukelt, gehe ich auch kein Risiko ein. Ich habe Mann und Kinder zu Hause, also warum sollte ich? Ich sage dem Schuldner, dass ich beim nächsten Mal die Polizei mitbringe und dass die Sache dann aber nach meiner Fasson geht. 

Ich habe den Eindruck, unter Männern ist es oft ein Kräftemessen.

 

Und männlichen Kollegen fällt das schwer?

Ich habe oft beobachtet, dass sich Situationen schneller hochgeschaukelt haben. Ich habe den Eindruck, unter Männern ist es oft ein Kräftemessen. Sie empfinden es dann als Niederlage, zu gehen. Ich glaube, die würden sich manchmal eher wirklich eine reinhauen lassen.

 

Ein offizielles Pfandsiegel
Das möchte man lieber nicht auf dem Fernseher kleben haben.

 

Was ist an den Mythen dran, die sich um den Beruf ranken? Gibt es diesen Kuckuck?

Das Pfandsiegel gibt es, aber bei uns ist kein Kuckuck drauf. Es sieht allerdings ein bisschen oldschool aus und wird nur noch eher selten eingesetzt. 

Sie gehen also nicht durch die Wohnung und kleben Pfandsiegel auf den Fernseher oder die Kaffeemaschine?

Nur wenn es passt. Man muss bedenken: Die Zivilprozessordnung stammt aus dem 19. Jahrhundert. Damals hatte der Bauer seine Pferde im Stall und sein Geld unterm Kopfkissen. Daher kommt die Pfändung. So ist es heute nicht mehr. Heute liegt unser Geld auf der Bank. Deshalb macht man jetzt eher Konten- oder Lohnpfändungen als Mobiliarpfändung. Die gibt es natürlich. Aber sie ist – zumindest bei uns in Mecklenburg-Vorpommern – nicht Tagesgeschäft. Wahrscheinlich sieht es in Düsseldorf und München dann auch wieder anders aus.

Einen Mops pfänden?

 

Wurde nicht vor kurzem irgendwo ein Mops gepfändet?

Ach ja, das ging Anfang des Jahres durch die Presse. Der arme Mops. Es gibt schon auch immer wieder verrückte Sachen. Wenn jemand zum Beispiel eine Pferdezucht betreibt – das gibt es ja im ländlichen Raum – dann ist es möglich, Pferde zu pfänden. Solche Sachen sind dann sehr aufwendig. Man kann natürlich auch Sachen ablehnen. Ich kann sagen, nein, das mache ich nicht. Im Fall von dem Mops kann man sich schon fragen, ob man es mit sich vereinbaren kann, ihn aus seinem Familienverband zu reißen. 

Gibt es Sachen, die Sie nur sehr ungern machen?

Was mir immer besonders nahe geht, und ich glaube, das geht allen Kollegen so, ist alles, was mit Kindern zu tun hat. Vor Kindesherausgaben habe ich am meisten Respekt. Es nimmt einen emotional einfach mit, auch weil man nicht weiß, wie die Kinder reagieren. Sie erleben teilweise ganz schlimme Sachen, aber es ist trotzdem ihr Zuhause, und sie kennen nichts anderes. Von daher sind sie dann auch nicht unbedingt dazu bereit mitzukommen. Ich habe selbst drei Kinder. Wenn ich Tage mit solchen Situationen habe, kann es sein, dass ich meinen Mann anrufe und sage: Es wäre schön, wenn du dich heute um die Kinder kümmern würdest, ich kann gerade nicht einfach so den Schalter umlegen. 

Und was lieben Sie an Ihrem Beruf?

Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen. Ich mag, dass ich in meinen Tag starte und nicht weiß, was er mir bringen wird. Klar, manchmal muss ich abends sagen, darauf hätte ich lieber verzichtet. Für mich und mein Berufsbild ist es aber auch befriedigend, wenn Leute, die lange Raten gezahlt haben, ihre letzte Rate abbezahlen. Sie sind dann stolz und das ist auch für mich ein Erfolgserlebnis. 

Vielen Dank für das spannende Interview!

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Annekathrin Walther

Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

3 Kommentare

Jupp
#3 — vor 2 Wochen 1 Tag
Es soll Spinner geben, die der Ansicht sind, daß Deutschland kein Rechtsstaat ist und deshalb eine Dienstaufsichtsbeschwerde keine Wirkung hat.
Hans
#2 — vor 1 Monat 1 Woche
Aus eigener Erfahrung muß man auch Gerichtsvollziehern auf die Finger schauen. Bei Abnahme einer Eidesstattlichen Erklärung fehlten auf dem Dokument Informationen womit die Schuldnerin ihren Lebensunterhalt bestreitet, alle Angaben zu einer Bankverbindung und das Auto in ihrer Garage wurde auch nicht erwähnt. Erst aufgrund einer massiven Dienstbeschwerde hat die Amtsperson nachgebessert und letztendlich eine Ratenzahlung erwirkt.
B.A.
#1 — vor 1 Monat 1 Woche
Sie schreiben in Ihrem Artikel das Folgende:

»Wir haben eine Bürogemeinschaft mit acht Gerichtsvollzieher*innen. Bei acht Leuten und drei Angestellten ist es natürlich trubelig. Vorhin war auch schon die Polizei hier, weil es ein bisschen Stress gab.«

Warum schreiben Sie nur Gerichtsvollzieher*innen und nicht auch Leuten*innen oder Leutinnen und Angestellte*innen oder Angestelltinnen oder wahlweise LeutInnen und AngestelltInnen ?

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