Warum Frauen bei der Arbeit andere Entscheidungen treffen

02.05.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Darum treffen Frauen andere Entscheidungen bei der Arbeit

Junge Frauen haben während ihrer Schullaufbahn einen deutlichen Vorsprung vor ihren männlichen Altersgenossen. Doch schon kurz nach oder bereits während der Ausbildung und des Studiums, verliert sich dieser Vorsprung und wird nicht in hohe Positionen und gute Bezahlung umgesetzt. Warum ist das so?

In der Schule heißt es immer wieder, Mädchen seien vor allem in Fächern wie Kunst, Musik, Deutsch und Ethik besonders gut. Jungen würden hingehen oft in Mathematik, Informatik, Physik und Chemie brillieren. Ein Blick auf die Statistiken zeigt allerdings, dass Mädchen mit ihren schulischen Leistungen insgesamt gesehen vorne liegen. Sogar in den mathematischen Fächern und besonders in den Sprachen sind sie besser. Doch kaum ist die Schullaufbahn beendet, wendet sich das Blatt. Am Ende sind es die Männer, die hohe Positionen bekleiden und entsprechend viel Geld verdienen. Dabei müsste es doch eigentlich wesentlich ausgeglichener sein, wenn es auf der Karriereleiter tatsächlich um Expertise ginge.

Wenn es um die Arbeit geht, entscheiden Frauen anders
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Frauen verfolgen unterschiedliche Lebenswege

Das glaubt auch Psychologin Susan Pinker, die in ihrem Buch “The Sexual Paradox: Extreme Men, Gifted Women and the Real Gender Gap” bereits 2008 schrieb, dass die Welt ein Matriarchat wäre, würde man die Zukunft nur auf Grundlage von schulischen Leistungen vorhersagen. Doch woran liegt es, dass Frauen offenbar völlig unterschiedliche Karrierewege wählen, obwohl sie doch mindestens genauso geeignet und fähig wären wie ihre männlichen Kollegen? Pinker ist sich sicher, dass das vor allem an den von Grund auf unterschiedlichen Zeitplänen sowie Karriere- und Lebensstilvorlieben liegt, die sich im Laufe des Lebens entwickeln. Auch das vorherrschende Rollenbild mische sich unbewusst mit ein. “Studien zeigen, dass Bildungslaufbahnen für gebildete Frauen – basierend auf ihren breiteren Interessen und dem Wunsch nach flexibler- oder Teilzeitarbeit – oft eine andere Form haben”, schreibt Pinker.

Die Ergebnisse einer Langzeitstudie von David Lubinski, Camilla P. Benbow und Harrison J. Kell der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee (USA) bekräftigen die These der Psychologin. Die ausgewerteten Aufzeichnungen von insgesamt 14 Jahren zeigen, dass Frauen, die genau die gleichen Fähigkeiten wie Männer haben, oft ganz andere Lebenswege wählen. Viele der Männer waren dabei sehr mit ihrem persönlichen Erfolg beschäftigt und der Meinung, dass die Gesellschaft in sie investieren sollte, weil ihre Ideen besser seien als die anderer Menschen. Die eigene Leistung und Schaffung konkreter Dinge spielte bei ihnen also eine wesentliche Rolle. Die Frauen hingegen beschäftigten sich im Durchschnitt mehr mit Gerechtigkeit. Es ging ihnen mehr darum, dass alle Mitglieder der Gesellschaft unter gleichen Voraussetzungen leben und darum, diese Fairness sicherzustellen. Am Ende wurde außerdem sichtbar, dass deutlich mehr Männer in MINT-Berufen gelandet sind (also in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), die Frauen hingegen eher in den Bereichen Medizin, Recht, Gesundheit und Bildung.

Berufliche Zufriedenheit und persönliche Beziehungen gehen vor

Doch was genau bedeutet das für die Männer und Frauen dieser Untersuchung? Die Männer arbeiten hart, verdienen das große Geld und können sich für ihren Erfolg feiern lassen – während die Frauen völlig bewusst in Kauf nehmen, weniger Wohlstand zu erreichen, um anderen Menschen zu helfen? Vereinfacht gesagt, ja – meint zumindest Susan Pinker. Sie ist außerdem der Auffassung, dass, auch wenn es erst einmal nicht so scheint, diese “Taktik” den Frauen sogar zugutekommt. In ihrem Buch “The Village Effect: Why Face-to-face Contact Matters” erklärt sie, Frauen würden, da sie im Durchschnitt viel mehr Wert auf berufliche Zufriedenheit und enge persönliche Beziehungen legten, länger und glücklicher leben als Männer. Ebenso wie Pinker sind sich auch viele weitere Psychologen einig, dass enge Freundschaften und soziale Kontakte unter anderem für eine höhere Belastbarkeit, ausgeprägte kognitive Fähigkeiten und ein stärkeres Immunsystem sorgen können.

Frauen möchten oftmals Familie und Job vereinen
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Susan Pinker ist außerdem der Ansicht, dass viele der Frauen ihre Aufmerksamkeit gleichermaßen auf mehrere Bereiche richten – Familie, Freunde, Interessen – und nicht nur auf die Karriere. Ob sich das jemals ändern wird? Die Psychologin sagt nein. “Wenn Sie Frauen bitten, ihren idealen Job zu beschreiben, sagen die meisten – besonders gut ausgebildete Frauen –, dass sie mit Menschen arbeiten wollen, die sie respektieren, sie wollen eine Arbeit machen, die sinnvoll ist, soziale Kontakte bietet und flexibel ist. Die meisten Tech-Jobs erfüllen diese Kriterien nicht.” Die vielfältigeren Interessen und Fähigkeiten sollen Frauen sogar nach der Finanzkrise 2008 geschützt haben. Mehr Männer als Frauen wurden damals arbeitslos und begingen wegen finanzieller Verluste und eines (gefühlt) völligen Identitätsverlustes sogar Selbstmord.

Frauen nutzen ihre Möglichkeiten

Eine aktuelle Studie der Psychologen David C. Geary und Gijsbert Stoet, die in der Psychological Science veröffentlicht wurde, untersuchte die akademischen Leistungen von fast einer halben Million Jugendlichen aus 67 Ländern. Das paradoxe Ergebnis zeigt, dass die geschlechtsspezifische Lücke in der Berufswahl umso größer ausfällt, je egalitärer eine Gesellschaft ist. Länder, in denen es den robustesten rechtlichen und kulturellen Schutz für die Gleichstellung der Geschlechter sowie ein starkes soziales Sicherheitsnetz gibt – darunter Schweden, Norwegen und Finnland – haben die wenigsten weiblichen MINT-Absolventinnen. Die Psychologen schließen daraus: Obwohl und gerade weil ihnen alle Türen und Möglichkeiten offenstehen, entscheiden sich Frauen im Zweifel für einen Beruf, der ihre eigenen Interessen und Stärken unterstreicht – nicht für einen, der ihnen das große Geld verspricht. Auch die Studie von David Schmitt et al. stützt die Theorie. In “Why Can’t a Man Be More Like a Woman? Sex Differences in Big Five Personality Traits Across 55 Cultures” analysieren sie ihre Daten so, dass in Ländern, in denen kaum Wert auf die Gleichstellung der Geschlechter gelegt wird und Frauen eine niedrige Lebenszufriedenheit aufweisen – wie Algerien, Tunesien, der Türkei und Albanien – mit Abstand die höchste Zahl von Frauen im MINT-Bereich zu verzeichnen ist.

“Wenn die Umwelt Möglichkeiten für ein gutes Leben in verschiedenen Arbeitsbereichen bietet, dann entscheiden sich Mädchen dafür, das zu verfolgen, was sie im Vergleich zu ihren anderen Fähigkeiten am besten können. Dies könnte MINT sein, oder es könnte zum Beispiel Recht sein. Wenn die Umgebung jedoch begrenzte Möglichkeiten bietet und die besten Möglichkeiten in MINT-Berufen zu finden sind, neigen Mädchen dazu, sich mehr auf ihre Fähigkeiten in diesen Bereichen zu konzentrieren”, führt Psychologin und Buchautorin Wendy Williams in “Unterrepräsentation von Frauen in der Wissenschaft: soziokulturelle und biologische Überlegungen” aus. Frauen sind also durchaus dazu in der Lage, entscheiden sich aber oftmals für einen anderen Weg.

Frauen suchen nach einem Job, der sie glücklich macht
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Und dann wäre da noch die Diskussion um die Entscheidungsfähigkeit: “Es gibt einen riesigen Doppelstandard, wenn es darum geht, wie Männer und Frauen als Entscheidungsträger wahrgenommen werden”, erklärt Therese Huston, Kognitionspsychologin an der Seattle University. “Männer werden als Entscheidungsträger besonders am Arbeitsplatz mehr respektiert als Frauen. Vor allem, weil es den kulturellen Glauben gibt, dass Frauen nicht in der Lage sind, kluge Entscheidungen bei der Arbeit zu treffen.” Huston ist der Meinung, dass diese Stereotype den Glauben unterstützen, dass man, wenn man schnell und effektiv eine Entscheidung treffen will, einen Mann fragen sollte. Ein Beispiel aus dem Jahr 2013 zeigt, wie tief verwurzelt diese Wahrnehmung in der Gesellschaft ist: Als Marissa Mayer, die neu ernannte CEO von Yahoo, damals ankündigte, das Unternehmen würde seine Politik beenden, dass Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten könnten, wurde diese Entscheidung von allen Zeitungen kritisiert. Aber nur eine Woche später, als ein anderer bekannter US-Manager, Hubert Joly von der Elektronikfirma Best Buy, das Gleiche für sein Unternehmen verkündete, störte sich niemand daran.

Eine Doppelmoral, die noch immer viel zu häufig gelebt wird. Da ist es im Vergleich nur ein kleiner Trost, dass herausgefunden werden konnte, dass große Unternehmen statistisch gesehen oft eher Frauen als Männer zurate ziehen, wenn die Dinge drohen auseinander zu fallen. “Frauen sind kooperativer”, sagt Huston. “Eine Chefin fragt eher nach der Meinung ihrer Mitmenschen, wenn sie eine Entscheidung trifft. Frauen bitten um Input, was gezeigt hat, dass das helfen kann, bessere Entscheidungen zu treffen. Ironischerweise wird dies jedoch oft eher als Schwäche gesehen – nicht als Stärke.”

Schade eigentlich. Doch die zahlreichen Studien zeigen, dass Frauen intuitiv stets versuchen, einen Weg zu gehen, der für sie der beste und erfolgreichste ist und dabei zum Teil sogar noch versuchen, an das Allgemeinwohl zu denken. Ja, und das finden wir ehrlich gesagt sogar ziemlich stark!

Das Beitragsbild ist übrigens von Drop the Label Movement auf Unsplash

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

2 Kommentare

  1. Gabriela Anders

    Interssant, unterhaltsame und informativ… Ich bin dabei ein Fan eures Magazins zu werden!
    Ein Hoch auf die Frauen!

  2. Martin

    Ein erfrischend unprätentiöser, cooler und objektiver Artikel. Ich meine schon lange dass gemeinhin Gleichheit der Ergebnisse angestrebt wird (“Frauenquote”), wo Gleichheit der Möglichkeiten das sinnvollere Ziel ist.
    Danke für den Artikel!

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