Kristina Schneider’s UX-Trend 2018: persönliche Treffen

05.06.2018
Words by Jana Ahrens

Während Kristina Schneider uns Rede und Antwort steht, pulsiert um uns herum das Berliner Leben. Links paddelt das Badeschiff auf der Spree, rechts liegt das Partyboot Hoppetosse vor Anker. Doch hinter uns steigen die CSSconf.EU und die JSConf.EU mit über 1500 Menschen aus aller Welt. Sie sprechen und diskutieren nicht nur über die Programmiersprachen CSS und JavaScript. Sie versuchen auch herauszufinden, wie das Internet weiterhin offen und vielseitig gestaltet werden kann. Kristina Schneider hat das alles mit angestoßen. Wie kam es dazu?

Wie klingt es normalerweise, wenn du dich selber vorstellst?

Ich bin Kristina Schneider, im Internet auch als Kriesse bekannt. Tagsüber habe ich eine kleine Firma für Coworking-Software, Cobot,, hier in Berlin. Da bin ich vor allem für die Produktentwicklung zuständig. Nebenbei organisiere ich noch Community-Events. Das hier, die CSSconf und die JSConf, sind davon die größten. Eine Konferenz für Designer und Frontend-Entwickler.

Kristina Schneider eröffnet die CSSconf.EU gemeinsam mit Polly Hristova. Bildquelle: Julia Luka Lila Nitzschke

Hat dein Beruf einen konkreten Namen?

Das werde ich oft gefragt und entscheide das situationsabhängig. Wenn es sich darauf bezieht, was ich am längsten mache, dann ist es eine Mischung zwischen Design und Frontend-Entwicklung. In meiner Rolle in der Software-Firma nenne ich mich Produkt- oder Team-Managerin. Oder Chief of Product, das steht auf meiner Visitenkarte. Hier vor Ort bin ich Event-Organisatorin.

Das sind ganz schön viele, vielseitige Rollen. Wie balancierst du die damit verbundenen Herausforderungen?

Ich bin schon immer dem gefolgt, was ich gerne mache. Das kommt mir heute zugute. Sowohl in meiner Tagesplanung als auch über die gesamten 15 Jahre hinweg, die ich jetzt in der Tech-Branche verbracht habe. Ich habe mir den Luxus erarbeitet, genau das zu machen, worauf ich wirklich tierisch Bock habe. Das heißt, auch wenn ich viel arbeite, fühlen sich große Teile davon nicht wie Arbeit an. Eher wie ein Hobby, zu dem ich sowieso motiviert bin. Der Übergang ist sehr fließend. Das bezieht sich auch auf die Menschen, mit denen ich arbeite. Es ist mir sehr wichtig, dass ich mit Leuten arbeite, die ich toll finde und mit denen ich nicht im Konflikt stehe. Viele der ehrenamtlichen Projekte entstehen sowieso aus Freundschaften heraus oder aus Ideen, die man nach der Arbeit hat. Deshalb arbeite ich oft mit Menschen, die ich schon lange kenne. Das verstärkt natürlich den fließenden Übergang zwischen Job und Freizeit.

Kann das auch Nachteile haben?

Auf jeden Fall. Die Herausforderung ist, an den richtigen Punkten Grenzen zu setzen. Deshalb lege ich es nicht darauf an, Menschen aus dem direkten Umfeld, die auch Freunde sind, einzustellen. Mir ist wichtig, dass sich das in Hierarchien nicht vermischt. Auch bei der Community-Arbeit können Freundschaften durchaus zu Konflikten führen. Da steht man ja auch in einer Art Arbeitsverhältnis, auch wenn das selbst auferlegt ist. Die Aufgaben müssen trotzdem abgearbeitet werden. Gleichzeitig möchte ich dieselben Leute abends auch mal auf einer Party treffen oder mit ihnen Essen gehen. Da möchte man ja die Konflikte aus den Projekten nicht zwischen sich stehen haben. Ich versuche, mir das bewusst zu machen, um damit umgehen zu können. Diese Themen müssen angesprochen und geklärt werden, damit Projekte und Freundschaften nicht kollidieren. Wichtig sind auch die Grenzen zwischen echtem Urlaub und freiwilligen Projekten. Die sind mir heilig. Oder auch anders herum: Wir machen mit der Firma regelmäßig Team-Retreats. Damit wollen wir eine Verbundenheit fördern, die uns im Alltag mehr Freiraum fürs Alleinsein lässt. Es muss nicht jede Mittagspause oder jedes Feierabend-Bier mit Kolleginnen verbracht werden.

Kristina balanciert erfolgreich zwischen Tech, Design und Kommunikation. Bildquelle: CSSconf 2017

Wie kam es eigentlich dazu, dass du als Designerin im Tech-Bereich arbeitest?

Ich habe etwas ganz anderes studiert, nämlich Kommunikationswissenschaft, Kunstgeschichte und Germanistik. Schon vor dem Studium habe ich mit HTML, CSS und Webentwicklung experimentiert. Das entstand aus einem großen Interesse für Grafikdesign und der Frage, wie ich das auf den Bildschirm übertragen kann. Ich bekam zu der Zeit schon ganz schnell kleine Jobs. Sowas wie Websites-Bauen für Bekannte von den Eltern. Das war um 2001 herum, da war das noch möglich. Man schlug einmal das HTML-Buch auf, und wenn man das verstand, war man danach in der Lage, mit dem Bauen von Webseiten Geld zu verdienen. Das hat sich natürlich mittlerweile geändert. Aber ich bin mitgewachsen.

Während des Studiums habe ich mein Geld mit Webmaster-Tätigkeiten verdient. Mein Studium selber habe ich eigentlich auf Kulturmanagement im Museumsbereich ausgelegt. In dem Bereich habe ich dann auch ein Volontariat gemacht. Mir wurde da relativ schnell klar, dass ich in dem Bereich nicht bleiben möchte. Ein Hauptgrund war, dass ich während einer Großausstellung, die ich mitbetreut habe, ständig mit dem Team für Grafik und für die Website rumgehangen habe. Am liebsten wollte ich auf deren Seite sitzen. Als das Projekt zu Ende war, habe ich mir dann ein Jahr gegeben, um dieses Webdesign als Freelancerin auszuprobieren. Das Jahr lief super. Ich bin nach Berlin gezogen, ich konnte direkt von meiner Arbeit leben und habe relativ schnell Stammkunden gewonnen. Jetzt bin ich hier.

Und woher kam die Motivation, Konferenzen und andere Treffen zu organisieren?

Das lässt sich direkt an den Punkt anknüpfen, an dem ich nach Berlin gegangen bin. Da war ich in dem Kreis von Programmierern, in den ich da reingerutscht bin, die Einzige, die auf HTML, CSS und Design spezialisiert war. Das war einerseits super, weil ich dadurch viele Aufträge bekommen habe. Aber es gab einfach niemanden, mit dem ich mich austauschen konnte – und schon mal gar keine Frauen. So während des ersten Jahres habe ich dann nach und nach ein, zwei andere kennengelernt, und alle hatten immer das gleiche Problem: Wo sind die Leute, mit denen wir uns mal zu diesem Thema austauschen können? Also haben wir beschlossen: Ja, wir müssen ein Meetup machen. Das war für Programmierer – mit denen wir ja viel zusammengearbeitet haben – ganz normal. Aber für den Bereich, der sich mehr auf Webdesign bezieht, gab es das damals noch gar nicht. So ist dann das Upfront-Meetup entstanden. Das war das erste Community-Event, das ich mitorganisiert habe.

Die Organisatoren der CSSconf’s weltweit sind sicher: Persönliche Treffen sind wichtig. Bildquelle: CSSconf 2017

Persönliche Treffen erfordern ja viel Zeit- und Energieaufwand. Warum war das trotzdem so wichtig?

Manche Online-Tools gab es damals schlicht und ergreifend noch nicht. Facebook-Gruppen oder Slack waren da zum Beispiel noch gar nicht das Ding. Das war so 2010. Und wir haben ja bei den Programmierern gesehen, wie viel Spaß diese Meetups machen. Wenn Leute sich „in real life“ treffen und zusammensitzen, dann entsteht spürbare Begeisterung und eine besondere Form von Enthusiasmus. Es ist einfach hilfreich, die Begeisterung zu teilen oder sich auszukotzen über negative Erfahrungen, die man teilt. Das sind eben auch spezifische Erfahrungen, wenn man in der Nische mit Fokus auf Design arbeitet. Es ist eine Art Manifestierung von dem, was auf Twitter anfangen kann. Da entstehen erste Kontakte – vielleicht auch mit Menschen vom anderen Ende der Welt – und es fühlt sich aber an wie eine Notwendigkeit, dass man diese Menschen irgendwann persönlich trifft, um den Erfahrungsaustausch zu vertiefen.

Wenn du den persönlichen, analogen Austausch mit User Interfaces vergleichst, welchen Vorteil hat dann dieser Austausch gegenüber der digitalen Kommunikation?

Manche Formen des Austausches lassen sich nicht digital abbilden. Zufall spielt eine wichtige Rolle. Den Effekt, den du hast, wenn du viele verschiedene Leute auf einmal in einen Raum bringst, und diese Leute sprechen dann in einer nicht kontrollierten oder vorgeformten Weise miteinander, dann entsteht eine Form der Kommunikation, die digital nicht möglich ist. Das führt zu Erfahrungen, die nicht austauschbar sind.

Aber irgendwie sind diese persönlichen Gespräche ja auch von Verhaltensregeln überformt.

Ja, und das hat auch positive Effekte. Am Beispiel von CSSconf und JSConf lässt sich ablesen, dass Aggressivität und Platzhirsch-Verhalten zurückgedrängt werden. Vor allem für Einsteigerinnen oder Leute, die noch lernen – und Lernen ist ja ein großes Thema für den Bereich Programmierung – gibt es große Hemmschwellen. Gerade online. Denn dort gibt es bei vielen der Fortgeschrittenen die Tendenz, anderen auf die Finger zu klopfen, wenn etwas nicht perfekt ist. Oder sich lustig zu machen, wenn andere Fehler machen. Das ist abschreckend. Wenn jemand begeistert ist und einmal eine Frage stellt und dafür dann gleich blöd runtergemacht wird, dann ist die Motivation weiterzumachen hin. Das passiert einfach nicht, wenn du der Person, die die Frage stellt, direkt gegenüberstehst. Dann bist du nicht der Aggro-Online-Troll, der sonst so einfach zu mimen ist.

Vor allem nicht bei einer Konferenz wie unserer, bei der wir ganz bewusst ein Umfeld schaffen, das einladend und inklusiv ist. Das ist die Grundlage für erfolgreiche Kollaboration und kein Podium für: Hey, ich bin der Geilste und ich beweise das jetzt hier. Leute, die weniger können, sollten nicht kleingehalten, sondern unterstützt werden.

Ich stoße ständig auf systemische Probleme. In der Programmier-Welt ist das eher problematischer denn einfacher als in anderen Arbeitsumfeldern.

Hast du trotzdem irgendwann mal gedacht: Ich schmeiß jetzt alles hin und mache etwas ganz anderes?

Ja, klar (lacht). Jedes Mal, wenn der Stress zu viel wird. Das ist relativ selten, aber manchmal werde ich übermannt. Gerade wenn so große Events wie dieses immer näher rücken, wird die Arbeit so intensiv, dass man nur noch funktioniert. Es gibt dann kein Zurück mehr. Da gibt es dann Momente, in denen ich aus reiner Überlastung denke: nie wieder! Ich mache ab jetzt nur noch da Karriere, wo ich wenigstens Geld verdiene. Denn das ist ja bei diesen Event-Jobs nicht der Fall. Aber diese Gedanken kommen sehr selten und sind auch schnell wieder verflogen. Die Momente, in denen mir sehr bewusst ist, was ich aus der Community-Arbeit ziehe – sowohl, ganz praktisch, die Kontakte für meine Karriere als auch der emotionale Benefit – die überwiegen. Bisher ist die Entscheidung deshalb immer wieder klar gefallen: Ja, ich mache weiter.

Heißt das, du kannst dich in der Welt, in der du dich bewegst, voll entfalten?

Wenn die Frage in Richtung Gläserner Decke abzielt, also auf systemische Grenzen, dann ist die Antwort: Ich stoße ständig auf systemische Probleme. In der Programmier-Welt ist das eher problematischer denn einfacher als in anderen Arbeitsumfeldern. Diese Welt ist noch immer sehr männlich, weiß und rich-people dominiert. Ich bin jetzt aber gerade an einem Punkt, an dem ich mich sehr wohl fühle. Ich wollte hier hin. Ich bin gerade einen Schritt weiter gegangen, indem ich seit Kurzem Teilhaberin einer Firma bin. Das ist für mich neu und fühlt sich nach dem Durchstoßen einer Gläsernen Decke an. Die nächste ist mir gerade noch unbekannt. Das ist ein guter Moment.

Und die inhaltliche Verwirklichung?

Die ist gerade eine größere Frage. Bin ich zufrieden mit dem, was ich leisten und beitragen kann? Ich habe über mich gelernt, dass mir reines Gestalten, Programmieren oder Produktbauen zwar sehr viel Spaß macht, aber es erfüllt mich eben nicht komplett. Deshalb zieht es mich auch immer wieder dazu, Menschen zusammenzubringen. Das nimmt dann exzessive Ausmaße an, und jetzt sind hier gerade 1500 Menschen zusammen.

Guter Stil ist für Kristina Schneider fluide. Bildquelle: Kevin Lorenz

Was bedeutet für dich guter Stil?

Das Wichtigste ist, sich des eigenen Stils bewusst zu sein und sich ständig kritisch damit auseinanderzusetzen. Egal in welchem Kontext. Ich entferne mich immer weiter davon, dass ich einen Stil als etwas mit konkreten Eigenschaften, wie Farben, definieren würde. Was mich eigentlich interessiert ist: Wie funktioniert eine Person mit ihrem Stil in verschiedenen Welten und Gruppen. Ich merke das auch an mir selber. Ich bin hier auf einer großen Entwickler-Konferenz, dann bewege ich mich aber auch wieder auf kleinen Design-Veranstaltungen, oder in sehr businessorientierten Veranstaltungen. Ich merke, dass ich – abhängig vom Kontext – kleine Anpassungen an meiner Erscheinung vornehme. Sowohl wenn es um Kleidung, als auch wenn es um Sprache geht. Ich bin dann immer sehr froh, wenn ich merke, ich funktioniere in all diesen Welten, ich bin zufrieden damit und fühle mich wohl. Ich denke, mein Stil ist fehlgelaufen, wenn mein Selbstbewusstsein dahinschwindet.

Also ist guter Stil fluide?

Auf jeden Fall. Natürlich funktioniert man nicht immer als das gleiche Paket in verschiedenen sozialen Kontexten. Um dem eigenen Stil treu bleiben zu können, muss man sich darin komfortabel hin und her bewegen können.

Kristina Schneider mit Organisatorin Polly Hristova und Kevin Lorenz. Bildquelle: CSSconf 2017

Wenn du eine grundlegende Sache in deinem Leben mit einem Fingerschnipsen ändern könntest, was wäre das dann?

Oh, da muss ich jetzt überlegen… Ich hätte gerne einen riesigen Garten mit Strandzugang an meiner kleinen Kreuzberger Wohnung.
Ich glaube, dass ist der Wunsch, den ich am ehesten öffentlich teilen mag (lacht).

Worauf freust du dich noch in 2018?

Ich freue mich sehr darauf, den Sommer zu genießen, der mich jetzt nach der Konferenz erwartet. Dafür war bisher noch keine Zeit. Ich fühle mich allerdings gar nicht unbedingt urlaubsbedürftig. Ich freue mich nur darauf, endlich wieder 100 % meiner Energie in meine Firma – in Cobot und die Arbeit mit meinen Kolleginnen – stecken zu können. Die hatten sehr viel Verständnis für mich in den letzten Wochen.

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Jana Ahrens

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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