Beruf: Schönheit für Frauen ein Nachteil – für Männer nicht

Words by Arzu Gül
Photography: fauxels via Pexels
Lesezeit: 3 Minuten
Frauen Karriere Schönheit - Zwei Frauen im Büro begrüßen dritte Person

»Schöne Menschen sind gesellschaftlich ständig im Vorteil« – ein allgemein angenommener Glaubenssatz. Doch stimmt dies wirklich? Eine neue Studie kommt zu dem Ergebnis: Eine hohe Attraktivität schadet Frauen im Berufsleben eher, als dass sie ihnen hilft!

Im Berufsleben darf niemand aus rassistischen Gründen oder wegen seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts, seiner Religion, einer Behinderung, seines Alters oder seiner sexuellen Identität benachteiligt werden. So steht es im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Das seit 2006 geltende Gesetz soll die Menschen in Deutschland davor schützen, im Berufsalltag diskriminiert zu werden.

Doch wie steht es mit dem Aussehen? Was ist, wenn jemand eine auffällige Frisur, Piercings oder sichtbare Tattoos trägt? Oder wenn jemand schlicht und einfach übergewichtig ist? Überraschenderweise sind Eigenschaften dieser Art nicht im AGG aufgeführt, weshalb es rechtlich gesehen nicht verboten ist, BewerberInnen nach ihrem äußeren Erscheinungsbild auszuwählen – oder abzulehnen. Moralisch ist so etwas zwar höchst bedenklich, doch tatsächlich lassen sich viele Menschen – vor allem unterbewusst – vom ersten Eindruck einer Person leiten.

Attraktive Menschen genießen gesellschaftliche Vorteile, doch nicht unbedingt im Job

Die Attraktivitätsforschung befasst sich schon seit Jahrzehnten mit diesem Thema. So gibt es etliche Studien, die besagen, dass attraktive Menschen häufig viele gesellschaftliche Vorteile genießen. Dies fange meist schon im Kindergartenalter an und setze sich bis ins Erwachsenenleben fort. Hübsche Kinder würden bereits in jungen Jahren ein höheres Selbstbewusstsein entwickeln, da sie von klein auf mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit erführen. Später würden gut aussehende Menschen auch auf dem Arbeitsmarkt höhere Erfolge erzielen, da sie häufig als intelligenter, erfolgreicher, sympathischer und fleißiger eingeschätzt würden.

Auch wenn wir es uns nicht gerne eingestehen, so kann sich wohl jede/r von uns an eine Situation erinnern, in der wir unsere Meinung über einen Menschen von seinem Äußeren haben leiten lassen. Doch ist gutes Aussehen wirklich immer von Vorteil? Eine Studie der Washington State University kommt zu gegenteiligen Ergebnissen. Demnach sei eine hohe Attraktivität im Berufsleben sogar von Nachteil – allerdings nur für Frauen. Sehr attraktive Geschäftsfrauen würden von ihren Mitmenschen als weniger vertrauenswürdig und aufrichtig wahrgenommen und es laut Einschätzung der StudienteilnehmerInnen sogar eher verdienen, gefeuert zu werden.

Attraktive Frauen wurden als weniger vertrauenswürdig wahrgenommen 

Im Rahmen der Studie wurden 198 ProbandInnen befragt, denen fiktive Medienberichte vorgelegt wurden, in denen Firmen betriebsbedingte Kündigungen oder aber positive Nachrichten aussprachen. Die Inhalte der Texte blieben immer gleich, nur das Foto wechselte jeweils. Mal waren die Frauen bzw. Männer, die die Nachrichten verkündeten, attraktiv, mal weniger attraktiv. Um herauszufinden, welche Eigenschaften allgemein als attraktiv wahrgenommen werden, mussten die StudienteilnehmerInnen vorab noch aus verschiedenen Fotos die in ihren Augen attraktivsten Personen auswählen.

Nach der Lektüre der einzelnen Texte wurden die ProbandInnen zur dargestellten Person befragt: Wie vertrauenswürdig wirkt die abgebildete Führungskraft? Wirkt er oder sie aufrichtig? In den Ergebnissen zeigte sich deutlich, dass schöne Frauen in ihrer Führungsrolle als weniger aufrichtig und vertrauenswürdig wahrgenommen wurden. Bei Männern hingegen konnte kein signifikanter Unterschied in den Reaktionen festgestellt werden. Eher noch wirkten die attraktiven Männer in einigen Fällen sogar aufrichtiger als die weniger attraktiven.

Männer profitieren vom guten Aussehen

In ihrer Veröffentlichung liefern die Studienleiterinnen Leah D. Sheppard und Stefanie Johnson auch einen möglichen Erklärungsansatz für das Phänomen: Es gebe in der Gesellschaft eine allgemeine Unsicherheit und Angst gegenüber attraktiven Frauen – es werde befürchtet, sie könnten ihr schönes Aussehen missbrauchen, um andere zu manipulieren. Die Wissenschaftlerinnen nennen dies den »Femme-fatale-Effekt« – beziehen sich also auf das Motiv der schicksalhaft-unberechenbaren Verführerin.

Was bedeutet das im Berufsleben? Müssen besonders attraktive weibliche Führungskräfte nun etwa ungeschminkt und dezent gekleidet ins Büro kommen, um die Sympathien ihrer MitarbeiterInnen zu gewinnen bzw. wenigstens nicht ihr Misstrauen zu wecken? Nein, nicht unbedingt. Sheppard gibt zu bedenken, die Studie habe sich voranging mit dem ersten Eindruck beschäftigt. Es sei zu erwarten, dass im wahren Leben die negative Bewertung der Attraktivität abnimmt, wenn KollegInnen sich besser kennenlernen.

Bedenklich seien diese Ergebnisse eher im Umfeld von politischen Entscheidungen. Gerade bei Wahlen würden häufig die oberflächlichen Eindrücke überwiegen, da die wenigsten Menschen sich eingehend mit den Persönlichkeiten der zur Wahl stehenden KandidatInnen beschäftigen würden und in der Regel keine Gelegenheit hätten, diese persönlich kennenzulernen. Hier könnten wir also schnell in die Falle tappen, jemanden als weniger vertrauenswürdig einzuschätzen, obwohl es objektiv dafür kein Indiz gäbe. Es lohnt sich also, die eigene Meinung in Bezug auf Menschen manchmal ganz gezielt zu hinterfragen.

Dazu Passend

Hier sorgt die 4-Tage-Woche für mehr Produktivität

Viele Arbeitnehmer träumen von einer 4-Tage-Woche. Doch bei gleichbleibendem Gehalt weniger Stunden zu arbeiten, funktioniert nicht überall. 

Share:
Tags
JobKarriere

Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

Kommentieren