Schließen sich Achtsamkeit und Ehrgeiz aus?

23.08.2018
Words by Jana Ahrens
Schadet Achtsamkeit der Karriere?

In einem sonnendurchfluteten Raum mitten in Berlin sitzen 24 junge Musikerinnen und Musiker in einem Stuhlkreis. Sie lauschen aufmerksam, während die Künstlerinnen Balbina und Andrra ihre Erfahrungen auf dem steinigen Weg zum musikalischen Erfolg teilen.

Es geht um ganz praktische Tipps, aber auch um das Ringen mit dem Zweifel. In fast allen Punkten sind sich Andrra und Balbina einig, ergänzen die Anmerkungen der jeweils anderen im Detail. Doch dann geht es irgendwann um die Frage, wie viel man sich als Musikerin oder Musiker für die Karriere zumutet. Plötzlich scheiden sich die Geister. Balbina ist sich sicher:

“Karriereentscheidende Chancen verlangen Opfer. Und damit meine ich ausschließlich das Wichtige. Nicht das Dringende, was einem von außen im Nacken sitzt und eigentlich keine Relevanz hat. Den Unterschied muss man machen. Aber dann: Ein klares Ja zu langen Studionächten, auch wenn man am nächsten Tag für den Geldjob eine 10-Stunden-Schicht vor sich hat, und ein klares Ja für mehrere Jobs gleichzeitig, um die eigene CD-Produktion zu finanzieren.”

Andrra setzt dem entgegen: “Für mich selber habe ich festgestellt, es geht nur nach meiner eigenen Zeitplanung und Belastbarkeit. Wenn ich weiß, dass ich für einen spontanen Auftritt oder für eine PR-Möglichkeit zu viel opfern muss, dann mach ich das nicht. Mir ist bewusst, dass ich damit Chancen in den Wind schlage. Aber ich habe über die Jahre gelernt, dass ich nur so zum Ziel komme. Auch wenn es vielleicht etwas länger dauert.”

Schließen sich Achtsamkeit und Ehrgeiz aus?
Bildquelle: Unsplash

Das Ringen um Prioritäten

An diesen Positionen lässt sich ein sehr aktuelles Ringen um Prioritäten in einer modernen Dienstleistungsgesellschaft ablesen. Die Frage, ob wir den Anforderungen anderer nachgeben oder auf uns selber hören, mag sich in der Karriere der jungen Musikerinnen zugespitzt darstellen, doch wir alle müssen uns täglich Fragen ähnlicher Art stellen.

Hinzu kommt, dass wir so viele Möglichkeiten hätten für Ausgleich zu sorgen und mehr Achtsamkeit in unser Leben einziehen zu lassen. Yoga, Mediation und andere Achtsamkeitsmethoden sollen dabei helfen, trotz stressiger Einflüsse von außen auf uns selbst zu hören. Diese Techniken sind in der westlichen, wohlhabenden Welt primär als Ausgleichsmethoden für eine gnadenlose Leistungsgesellschaft populär geworden. Doch gerade in Abgrenzung zu dieser entsteht eine neue Herausforderung. Denn während auf der einen Seite die Rückkehr zum Ich und die große Verlangsamung gepriesen wird, laden viele Karriere-Ratgeber weiterhin dazu ein, sich für den großen Erfolg doch bitte außerhalb der Komfortzone einzurichten.

Grenzen setzen?

So kämpfen gerade die, die in flexiblen oder freien Arbeitsumfeldern arbeiten – denkbar sind Selbstständige, Unternehmer und Menschen, die im Home-Office arbeiten – nicht weniger, sondern mehr um die Prioritäten. Bis wohin gehe ich, um meine Karriere voranzutreiben? Wo setze ich meine Grenzen und wie integriere ich da noch die Achtsamkeit, ohne dass diese schlicht ein weiterer Punkt auf der bereits ellenlangen To-do-Liste wird?

Während auf etlichen bunt illustrierten Sinnsprüchen und in TED Talks immer wieder betont wird, dass unser Leben erst am Ende unserer Komfortzone beginnt, ist sich Melody Wilding – Autorin und Professorin für Human Behavior am Hunter College in New York – inzwischen sicher: Sie möchte diesen Ratschlag nie wieder hören. Sie traut Business-Gurus und Influencern nicht mehr über den Weg, die das Bedürfnis nach Sicherheit zur Selbstsabotage erklären. Sie beschreibt ihre Vergangenheit so:

“Dadurch, dass ich mich immer und immer weiter angetrieben habe, um endlich außerhalb meiner Komfortzone erfolgreich zu sein, habe ich mich bis zum Punkt der totalen Erschöpfung selbst ausgebeutet. Am Ende kündigte ich meinen Job und begann endlich, meine individuellen Grenzen zu akzeptieren”, schreibt die in der aktuellen Ausgabe des Magazins ANXY.

Achtsamkeit vs. Ehrgeiz
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Achtsamkeit vs. Selbstausbeutung?

Wilding plädiert also – wie die Sängern Andrra – für die Nachhaltigkeit einer Karriere durch das Schonen und bewusste Einsetzen der eigenen Ressourcen. Doch die Frage bleibt: Wie finde ich eine gesunde Balance? Woher weiß ich, wo meine Grenzen sind, wenn ich mich in meiner Karriere aufwärtsbewege und sich ständig neue, schwer einschätzbare Aufgaben stellen? Gerade die, die mit den Grenzen ihrer Leistung einmal Schiffbruch erlitten haben, trauen ihren Einschätzungen diesbezüglich vielleicht nicht mehr uneingeschränkt über den Weg. Wo hört also Belastbarkeit auf und wo fängt Selbstausbeutung an?

Die Wissenschaftler Steven Southwick und Dennis Charney schreiben, der Schlüssel liege in gedanklicher Flexibilität und der Fähigkeit zur positiven Neubewertung verschiedenster Situationen. In ihrem Buch “Resilience: The Science of Mastering Life’s Greatest Challenges” definieren sie anhand dieser zwei Kriterien eine belastbare Persönlichkeit.

Akzeptanz als Lösungsoption

Flexibel zu bleiben heißt für sie, Situation erst einmal zu akzeptieren. Auch, wenn dadurch Gefühle von Angst oder Schmerz ausgelöst werden. Southwick und Charney sind sich sicher, dass nur über die Akzeptanz eine realistische Einschätzung der Lösungsoptionen möglich ist. Nach der Akzeptanz kommt aus ihrer Sicht ein flexibler Blick in die Zukunft. Denn ihre Forschung ergab, dass Menschen gerade dann besonders belastbar sind, wenn sie ihren Umgang mit Stressfaktoren immer wieder neu an veränderte Situationen anpassten. Menschen, die es – unabhängig von der Situation – immer wieder mit den gleichen Strategien versuchten, kamen oft nicht weiter.

Achtsamkeit vs. Ehrgeiz
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Das heißt also, dass es manchmal der richtige Weg ist, unangenehme Emotionen mitzuteilen, in anderen Fällen ist es aber richtig, nicht alle Emotionen zuzulassen und sie unter Umständen sogar umzudeuten. Hier kommen die Wissenschaftler zur oben genannten positiven Neubewertung. Die Gefühle sagen: Das kenne ich, das ist schrecklich, ich bin erledigt. Der Kopf sagt an dieser Stelle: Okay, ich akzeptiere das Gefühl, aber wie könnte ich das denn noch sehen? Was kann ich hier rausholen? Als Superkraft, um herausfordernde Momente positiv umdeuten zu können, sehen Charney und Southwick einen gesunden Humor. Er vereint Realismus mit einem Auge für das Tragische und für das Optimistische.

Mit positiver Neubewertung zu mehr Belastbarkeit?

Das klingt alles sehr richtig und sinnvoll und – ehrlich gesagt – auch nicht wirklich neu oder überraschend. Es klingt danach, als müssten wir intuitiv entscheiden, welcher Umgang mit einer herausfordernden Situation der richtige ist. Doch auch das erfordert erst einmal ein stabiles Selbstbewusstsein. Es scheint, als würde sich die Wissenschaft an diesem Punkt im Kreis drehen. Denn das Problem bleibt das gleiche: Woher sollen beispielsweise die jungen Musikerinnen aus dem Seminar mit Andrra und Balbina wissen, in welcher Situation ein Nein zu einer Herausforderung richtig wäre und in welcher sie einfach noch einmal alles geben sollten? Bisher konnten noch kein Ratgeber-Buch, kein TED-Talk und keine Achtsamkeitsmethode diese Frage beantworten. Es scheint fast so, als wären die Fragen nach dem Richtig oder Falsch in diesem Kontext nur im Nachhinein beantwortbar. Charney und Southwick würden vermutlich sagen: Da ist die Fähigkeit zur positiven Neubewertung besonders gefragt.

Das Beitragsbild ist übrigens von Lacie Slezak auf Unsplash

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Jana Ahrens

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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