Schiedsrichterin Dr. Riem Hussein hat Träume ohne Illusionen

Words by Annekathrin Walther
Photography: Fotocredit DFB/Thomas Böcker
Eine junge brünette Frau in einem schwarzen FIFA-Schiedsrichtertrikot blickt direkt in die Kamera

Dr. Riem Hussein war in diesem Jahr als eine von drei deutschen Schiedsrichterinnen in Frankreich bei der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen im Einsatz. Im Interview spricht sie über ihren Werdegang, das Pfeifen und über Träume ohne Illusionen.

 

Dr. Riem Hussein ist noch nicht einmal 40 Jahre alt und hat bereits eine beeindruckende Karriere hingelegt. Bis 2005 spielte sie Fußball der zweiten Bundesliga der Frauen. Im gleichen Jahr wurde sie DFB-Schiedsrichterin und pfiff schon ein Jahr später in der Frauen-Bundesliga. Seit 2009 leitet sie als FIFA-Schiedsrichterin auch internationale Spiele. Bei den Männern pfeift Riem Hussein seit 2008 in der Regionalliga und seit 2015 in der 3. Liga. Damit war sie die zweite Frau nach Bibiana Steinhaus, die auch im professionellen Männerfußball pfeift. Bei der WM 2019 war sie dreimal im Einsatz. Sie war zweimal Schiedsrichterin des Jahres, ist außerdem promovierte Pharmazeutin und arbeitet in einer Apotheke, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Bruder führt. 

Frau Dr. Hussein, in dieser Saison pfeifen Sie in der Frauen-Bundesliga und in der 3. Liga der Herren: Wie werden Sie zum Einsatz kommen?

Im Normalfall pfeife ich wechselweise bei den Frauen – national oder international – und im Herrenbereich. Bei den Herren pfeife ich in der 3. Liga, der Regionalliga, oder bin 4. Offizielle in der 2. Bundesliga. Wie, wo und wann ich genau eingesetzt werde, weiß ich oft erst kurzfristig. Im Profifußball der Männer wissen Schiedsrichter erst zwei Wochen vor dem Spiel, in welcher Partie sie im Einsatz sind. Im Frauenfußball wird längerfristig geplant, da weiß ich schon etwas länger im Voraus, welches Spiel ich wann und wo pfeife. 

Das heißt, dass man als Schiedsrichterin ziemlich flexibel sein muss. Hilft es Ihnen, dass Sie mit Ihren Geschwistern zusammenarbeiten und so relativ frei planen können?

Ja. Es gäbe natürlich auch die Möglichkeit, reduziert zu arbeiten. Das tue ich aber nicht. Bisher musste ich dank meiner Geschwister auch nicht reduzieren, weil sie sehr unterstützend sind und sehr viel auffangen. Viele andere Jobs wären wahrscheinlich mit der Flexibilität, die der Fußball erfordert, nicht vereinbar. 

Wie sind Sie überhaupt zum Fußball gekommen?

Als ich ungefähr sechs Jahre alt war, bin ich mit einem Sandkastenfreund zum Training gegangen. Der Trainer hat dann zu meinem Vater gesagt, dass er mich unbedingt anmelden solle, weil ich Talent hätte. Ich habe dann hier in Bad Harzburg im Verein gespielt. 

Und wie war es mit dem Pfeifen?

Als Fußballerin erlebt man ja den ein oder anderen Schiedsrichter. Ich war nicht immer ganz einverstanden mit den Entscheidungen und habe dann 2001 den Schiedsrichter-Schein gemacht, einfach aus Interesse. Ich wollte alles verstehen und mir nicht nachsagen lassen, dass ich die Regeln nicht kenne. Nach dem Lehrgang wurde es allerdings noch schlimmer mit der Unzufriedenheit. 

Pfeifen bietet neue Perspektiven

Wie ging es weiter?

Ich wurde dann auch als Schiedsrichterin gefördert. Durch das regelmäßige Fußballtraining war meine Fitness sehr gut, und man entwickelt natürlicherweise auch ein gewisses Fußballverständnis. Eine Zeit lang habe ich sowohl gespielt als auch gepfiffen, aber es gab dann Interessenskonflikte, weil ich in derselben Liga gespielt habe, in der ich auch gepfiffen habe. Es war irgendwann klar, dass es schwierig sein würde, beides auf so hohem Niveau weiterzumachen. So ist dann in mir die Entscheidung gereift, das Fußballspielen zu reduzieren. Es war ein Prozess. Als Schiedsrichterin der zweiten Frauen-Bundesliga bin ich nach meiner ersten Saison gleich in die Frauen-Bundesliga aufgestiegen. 

Hat es Ihnen leidgetan, das Spielen aufzugeben?

Mit dem Spielen aufzuhören war eigentlich das größte Opfer, das meine Schiedsrichterkarriere gefordert hat. Ich habe bis zum letzten Tag super gerne Fußball gespielt. Gleichzeitig wollte ich dem Pfeifen auch einmal die höchste Priorität einräumen. Mir war in dem Moment noch nicht bewusst, dass das Spielen mir damals nicht mehr so viele Perspektiven geboten hat wie das Pfeifen. Dass ich mal eine Weltmeisterschaft pfeife, habe ich zu dem Zeitpunkt nicht geglaubt. Meine Trainerin hat das zwar damals schon zu mir gesagt, aber für mich war das sehr weit weg. So groß denke ich eben nicht. 

Gab es an irgendeiner Stelle in Ihrer Laufbahn als Spielerin oder Schiedsrichterin mal Gegenwind? 

Nein, es gab nur meinen inneren Konflikt, als ich mich vom Fußballspielen verabschieden musste. Ansonsten gab es in meinem Leben Verletzungen, die Hürden waren, aber von außen gab es eigentlich keinen Einfluss. Ich habe immer an das geglaubt, was ich mache, und habe das verfolgt, was ich wollte. Obwohl ich sehr ehrgeizig bin, strebe ich eigentlich nie nach den großen Dingen. Ich habe so ein Schritt-für-Schritt-Denken. Natürlich will ich auch gerne große Schritte machen, das ist ja gar keine Frage. Träume habe ich, aber keine Illusionen. 

Frauenfußball professionalisiert sich

Haben Sie das Gefühl, dass sich der Frauenfußball in den letzten 15 Jahren noch mehr professionalisiert hat?

Ja, klar. Die Professionalisierung führt sich immer weiter fort. Es geht auch gar nicht mehr anders. Das sind ja inzwischen Spielerinnen, die ausschließlich Fußball spielen und zwei‑ oder dreimal am Tag trainieren. Morgens um 10 Uhr ist Training und nachmittags um 16 Uhr. Dann sagen Sie mir mal den Job, den man zwischen 12 und 15 Uhr noch machen kann, wenn man zwischendurch auch noch etwas essen möchte. Die Spielerinnen und die Vereine mussten sich irgendwann positionieren, es musste ein Umfeld geschaffen werden, damit Spielerinnen dem Sport als Beruf nachgehen können.

Kommen wir zum Schiedsrichten: Wie behalten Sie den Überblick auf dem Feld? 

Also, zunächst mal ist ja ein Ball im Spiel, und das meiste spielt sich um diesen Ball herum ab. Bestimmte Muster kehren auf dem Platz immer wieder. Ein Spiel besteht nicht aus 90 Minuten Zweikampf, es gibt auch Ballbesitz und Spielaufbau. Ich muss nicht neben dem Torwart stehen, wenn er nicht angegriffen wird.

Aber wenn es um ein Handspiel im Strafraum geht, muss ich vor Ort sein, um zu erkennen, wie weit der Arm vom Körper weg war oder ob es beispielsweise eine zusätzliche Bewegung der Hand oder des Armes gab. Diese Interpretation, die der Sport mit sich bringt, muss bestenfalls aus der Nähe erfolgen. Natürlich gibt es auch Situationen mit mehreren Vergehen. Da muss man dann Prioritäten setzen. Manchmal setzt man sie falsch. So können dann Fehler entstehen. 

Erfahrung hilft wahrscheinlich, oder?

Erfahrung hilft natürlich sehr. Man kann bestimmte Situationen besser antizipieren. Pfeifen hat oft auch mit Intuition zu tun. Ich muss auf dem Spielfeld jede Situation im Normalablauf bewerten und habe keine Zeitlupe zur Verfügung.

Dr. Riem Hussein behält auf dem Fußballplatz den Überblick

Das Klischee ist ja, dass es bei den Männern auf dem Platz härter zugeht. Können Sie das bestätigen?

Es ist schneller und intensiver, und es herrscht vielleicht auch ein anderer Ton. Durch die physischen Voraussetzungen gibt es eine höhere Dynamik in den Aktionen, deshalb wirkt es auch härter. Ein Frauenspiel ist trotzdem anspruchsvoll. Auch da kann es hart zugehen, eben mit den physischen Voraussetzungen, die sehr athletische Frauen haben. 

Ein anderes Klischee ist auch, dass bei den Männern mehr gepöbelt wird, stimmt das?

Ja. Das stimmt. 

Im Zuge der WM wurde darüber gesprochen, dass der Videoassistent es bei den Frauen manchmal schwerer hat, weil Spielerinnen sich weniger aufregen. Dem Videoassistenten fehlt dann teilweise die Veranlassung, eine Situation noch einmal näher anzuschauen. 

Es ist bei der WM passiert, dass Spielerinnen gefoult wurden, es keinen Pfiff gab, und die Spielerinnen einfach wieder aufgestanden sind, ohne sich zu beschweren. Trotzdem wird dieser Vorgang vom Videoassistenten überprüft. Eine gewisse Reaktion der Spielerinnen würde die Arbeit sicher erleichtern, jedoch sind bei der WM glücklicherweise keine Szenen vom Videoassistenten aufgrund einer nicht erfolgten Reklamation ungeprüft geblieben.

 

Auf einer Schiedsrichterin lastet viel Druck. SpielerInnen, TrainerInnen, Fans, Schiedsrichterbeobachter – Sie müssen viele Leute zufriedenstellen. Wie gehen Sie damit um?

 

Ich habe früher sehr leistungsorientiert Leichtathletik betrieben und hatte von klein auf sehr viele Wettkämpfe. Es war immer ein besonderes und sehr aufregendes Gefühl, am Start zu stehen. Alle warten auf den Startschuss. Die Nervosität und Anspannung in so einem Moment ist sehr groß. Auf einem Fußballplatz habe ich nie etwas Vergleichbares empfunden. Druck empfinde ich in einer Spielleitung nicht, sondern höchstens meinen eigenen Anspruch an mich selbst, fehlerfrei zu bleiben.

Ich bin eine Athletin, genau wie die Spieler, und lebe das auch so.

Im Sport geht es viel um Fairness. Was, würden Sie sagen, ist Fairness für Sie?

Dass man Teams gerecht behandelt und es kein Ungleichgewicht auf dem Spielfeld gibt. Wenn das passiert, werden Spieler unzufrieden. Als Schiedsrichterin will ich transparent und berechenbar sein. Fairness bedeutet auch, dass alle respektvoll miteinander umgehen. Ich versuche, immer authentisch zu bleiben. Ich muss in meiner besten Form auf dem Platz stehen, Motivation mitbringen und offen kommunizieren. Ich bin eine Athletin, genau wie die Spieler, und lebe das auch so. 

 

Bei der WM sind sie dreimal im Einsatz gewesen. Was war Ihr Highlight? 

Das Zuschauerinteresse. Ich fand es toll, dass die Stadien oft ausverkauft waren und dass der Fußballsport qualitativ sehr hochwertig war. Es waren tolle Spiele, die in den meisten Fällen auf Augenhöhe stattgefunden haben. Und meine drei Spiele waren natürlich alle auf ihre Art und Weise ein Highlight.

Sie sind jetzt ja insgesamt schon eine Weile dabei. Was macht Ihnen noch Gänsehaut am Fußball?

Wenn ich neutral Spiele gucke, dann die Emotionen im Stadion. Wenn ich ein internationales Spiel pfeife und das Stadion die Nationalhymnen mitsingt, sind das tolle Momente. Aber auch als Schiedsrichterin mag ich zum Beispiel das Anfeuern der Zuschauer, und wenn man sieht, wie sehr Teams und Fans sich in den Spielen einsetzen und aufopfern. Diese Sehnsucht nach dem Sieg oder auch das Gefühl von Niederlagen – das habe ich ja auch empfunden als Sportlerin. Gänsehaut ist ja immer sehr positiv behaftet, aber es sind auch traurige oder enttäuschende Momente, die berühren. 

Sie haben vorhin gesagt, Sie haben Träume, ohne Illusionen zu haben. Was wäre ein Traum?

Es wäre toll, Olympische Spiele erleben zu dürfen. Die sind ja im nächsten Jahr. Ich würde nicht Nein sagen, wenn ich hindürfte.

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Frau Hussein.

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Annekathrin Walther

Freie Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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