Nadja Stavenhagen im Interview: Frauen zwischen Karriere und Freizeit

19.05.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Nadja Stavenhagen im Interview: Frauen zwischen Karriere und Freizeit

Kind oder Karriere? Und warum eigentlich nicht beides? In unserer Interview-Serie zum Thema “Frauen zwischen Karriere und Freizeit” sprechen wir mit erfolgreichen und spannenden Frauen über den Spagat zwischen ihrem persönlichen Weg auf der Karriereleiter und dem privaten Glück. Heute: Nadja Stavenhagen.

Der Weg zur Akademie für Publizistik in Hamburg könnte kaum schöner sein. Durch die bezaubernde Altstadt geht es über den Nikolaifleet, wo 1188 die Entwicklung des Hamburger Hafens begann – wie wir finden, der perfekte Ort für die Akademie, die seit 2017 im Cremon 32 zu finden ist. Hier treffen wir Nadja Stavenhagen. Sie wirkt entspannt, und wir sind von Anfang an begeistert. Nicht nur von ihrer offenen, natürlichen und lockeren Art, sondern auch von ihrem bisherigen Lebensweg. Nadja blickt auf eine 20-jährige Karriere als Journalistin zurück und hat zuletzt als Redaktionsleiterin für GEO.de gearbeitet. Als Geschäftsführerin leitete sie unter anderem die Webseiten von Schöner Wohnen und essen & trinken. Seit 2014 ist sie Direktorin der Akademie und dort für das Seminarprogramm, für die Geschäftsführung und für Kooperationen mit verschiedenen Partnern und Einrichtungen zuständig.

Im Interview wollten wir es genauer wissen: Wie hat sie es auf der Karriereleiter immer weiter nach oben geschafft und wie vereint man seinen Beruf und das Private ohne schlechtes Gewissen?

Du bist seit 2014 Direktorin der Akademie für Publizistik in Hamburg. Wie kam es dazu?

Die einzelnen Karriereschritte habe ich nie durchgeplant. Allerdings war ich immer zielstrebig. Ich hatte die Entwicklungen in der Medienbranche immer im Blick und habe mich über neue Firmen und Jobanforderungen informiert. Nach einigen Jahren als Chefredakteurin und Geschäftsführerin im Online-Bereich von Gruner + Jahr wollte ich meine Kompetenzen erweitern und habe eine systemische Ausbildung neben meinem Vollzeitjob gemacht. Als ich die Anzeige der Akademie gesehen habe, war klar: Meine Kompetenzen – das Journalistische, das Kaufmännische und die systemische Ausbildung – passten perfekt.

Würdest du sagen, du hast beruflich und privat alles erreicht?

Ich hoffe nicht. Ich möchte noch viel machen. Ein “Alles” gibt es sowieso nicht. Mir ist es besonders wichtig, dass mich der Job inhaltlich interessiert, dass ich etwas gestalten und nach vorne bringen kann. Ich möchte Verantwortung tragen und mit einem Team gemeinsam Produkte und Prozesse entwickeln. Und klar, natürlich möchte ich gut verdienen, immerhin arbeite ich viel. Insofern habe ich beruflich schon viel erreicht, und ich bin auch zufrieden.

Was das Private angeht: Ich habe eine Familie, ein Kind, ich habe viel Spaß – das ist eine prima Zwischenbilanz. Oft wünsche ich mir allerdings, dass der Tag mehr als 24 Stunden hat.

Stichwort Frauenquote. Was hältst du davon?

Grundsätzlich halte ich die Frauenquote für sinnvoll. Es gibt so viele gute Frauen, aber es gibt nicht genügend Aufstiegschancen für sie.

Was sagst du Männern, die fürchten, die Frauenquote könnte ihnen die Möglichkeiten nehmen?

Der Weg zu diesem Szenario ist noch sehr weit. Es müssen erst einmal viel mehr Führungspositionen von Frauen besetzt werden, bevor Männer berechtigt sagen können, sie hätten keine Möglichkeiten mehr. Wenn es so weit ist, brauchen wir keine Frauenquote mehr. Und dann ist es einfach ein Konkurrenzkampf um die Position. Das ist wirklich wünschenswert.

Als Prämisse würde ich sagen: Mach das, was du wirklich gerne machen möchtest.

Hattest du zu irgendeiner Zeit das Gefühl, dass es jemanden gibt, der versucht, dir Steine in den Weg zu legen?

In meinem privaten Umfeld zum Glück überhaupt nicht. Im Beruf habe ich die Erfahrung gemacht, dass man in sehr großen Firmen als Einzelperson schon mal ausgebremst werden kann. Das ist aber meist nichts Persönliches, sondern liegt am System, weil dort Entscheidungen und Abstimmungswege oft komplex und langwierig sind.

Gibt es etwas, was du rückblickend anders gemacht hättest?

Ich habe Latein und Theologie auf Lehramt studiert. Das war ein prima Studium, aber wenn ich noch einmal 18 Jahre alt sein dürfte, würde ich Latein gegen Informatik tauschen, weil ich heute damit viel mehr anfangen könnte. Im Laufe meiner Arbeit als Onlinerin habe ich festgestellt, dass ich mich sehr für Prozesse interessiere und gerne mit technischen Systemen wie Tools oder Datenbanken arbeite. Wenn ich selber Anwendungen entwickeln und die mit meinem inhaltlichen und konzeptionellen Knowhow verbinden könnte, wäre das toll.

Was wirst du deiner Tochter raten, wenn sie studieren möchte?

Als Prämisse würde ich sagen: Mach das, was du wirklich gerne machen möchtest. Sie muss nicht studieren, sie kann sich auch für etwas anderes entscheiden. Ich glaube, dass die Motivation am wichtigsten ist, um etwas durchzuziehen und Erfolg zu haben. Ich würde aber trotzdem schauen, welche Berufe Zukunft haben, und dafür sorgen, dass sie sich informiert. Entscheiden muss am Ende sie allein. Bis dahin ist aber noch ein kleiner Weg: Sie ist jetzt neun und möchte im Moment YouTube-Star werden.

Akademie für Publizistik Hamburg
Von der Akademie von Publizistik in Hamburg hat man einen wundervollen Blick auf den Fleet und die Elbphilarmonie / Bildquelle: Facebook

Könntest auch du dir vorstellen, ein YouTube Star zu sein?

Wenn ich ein gutes Thema hätte, entsprechende Reichweite und Umsätze, warum nicht? YouTube ist ein ernstzunehmender Kanal für Medienmacher und hat noch viel Potenzial.

Wie viel Risiko brauchst du in deinem Leben?

Risiko macht das Leben spannend. Ich probiere gerne Neues aus. Beruflich wie privat. Aber ich brauche auch ausreichend Struktur und Kontinuität, innerhalb derer ich Risiko wagen kann.

Du wolltest ursprünglich Lehrerin werden. Wieso hast du dich für einen anderen Weg
entschieden?

Ich habe schon als Schülerin für verschiedene Medien geschrieben und im Studium halbtags bei TV Movie und dann TV Today gearbeitet. Als ich mein Staatsexamen in der Tasche hatte, hat TV Today den Onlinebereich gegründet und mir einen Job angeboten. Ich habe zwei Wochen überlegt und mich dann klar für den Journalismus entschieden.

Welche Bedeutung hat Feedback für dich?

Man kann nie zu 100 Prozent sicher sein, dass das, was man sagen und ausdrücken will, auch so ankommt. Feedback ist wie ein Spiegel – eine Resonanz darauf, was man selber ausstrahlt und kommuniziert. Deshalb ist Feedback wichtig.

Die Rückmeldung der anderen lässt mich besser werden.

Denkst du viel darüber nach, was andere von deiner Arbeit halten?

Ja, das ist mir wichtig. Es interessiert mich, was mein Publikum – die Kunden, die Teilnehmer oder die User – und natürlich meine Kollegen, Mitarbeiter und Chefs von meiner Arbeit halten. Dies ist schließlich keine One-Woman-Show, sondern ein Match mehrerer Spieler in einem komplexen System. Die Rückmeldung der anderen lässt mich besser werden. Und natürlich freut es mich, wenn andere meine Arbeit schätzen.

Kannst Du gut nein sagen?

Mittlerweile ja, früher fiel mir das schwerer. Als ich noch ganz jung war, habe ich deshalb irgendwann angefangen, das Neinsagen gezielt zu üben. Ich konnte zum Beispiel nach einem langen und netten Verkaufsgespräch den Laden nicht verlassen, ohne das Produkt zu kaufen. Auch wenn ich es eigentlich gar nicht haben wollte oder es viel zu teuer war. Das habe ich dann extra geübt.

Hast du schon mal darüber nachgedacht, deine Arbeit an den Nagel zu hängen?

Nie ernsthaft. Natürlich habe auch ich schon gedacht: Ich möchte etwas anderes machen. Das war entweder ein Moment der Frustration, oder ich habe mich wirklich nach einem neuen Job umgesehen. Selbst wenn ich plötzlich ganz reich wäre, würde ich nicht aufhören zu arbeiten. Ich würde schauen, was ich mit dem Geld mache, und weiterarbeiten. Meine Arbeit macht mir Spaß und gehört zu meiner Identität.

Für welches Szenario würdest du deinen Job aufgeben?

Wenn meine Tochter mich brauchen würde, weil sie zum Beispiel sehr krank wäre. Da würde ich natürlich aufhören.

Nadja Stavenhagen
Bildquelle: Facebook

Wie wichtig sind dir To-do-Listen und Zeitpläne?

Ich liebe To-do-Listen. Meine Kollegen lachen manchmal über mich, weil ich so viele Excel-Listen habe. Für mich sind die wirklich wichtig, weil ich viele Dinge zeitgleich auf der Agenda habe und damit jonglieren muss. Mit meinen Übersichten habe ich alle Dinge im Blick, und mir kann nichts durchrutschen.

Gab es Momente, in denen du dein Privatleben bewusst deiner Karriere hintangestellt hast?

Immer mal wieder. Wenn etwa ein sehr wichtiger Termin oder eine Präsentation ansteht, hat das Priorität. Dann arbeite ich bis spät in den Abend oder am Wochenende. Und manchmal sage ich auch eine Verabredung ab.

Hast du Regeln für die Arbeit zu Hause?

Ich gehe abends erst an den Rechner, wenn meine Tochter im Bett ist. Am Wochenende überlege ich mir vorher, wie ich mir die Arbeit einteile. Ich nehme mir genau vor, was zu tun ist und wann ich was erledige.

Findest Du, dass man erst einmal das Leben genießen sollte?

Wenn man der Typ dafür ist und Lust dazu hat, dann sollte man versuchen, viel zu erleben. Was auch immer das für den einzelnen bedeutet – z. B. viele unterschiedliche Leute kennenzulernen, viel zu reisen, sich auszuprobieren. Um sich vernünftiger aufzustellen, sich um eine Wohnung, die Familie, die Eltern und den Job zu kümmern, ist immer noch Zeit.

Ich kenne die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt.

Für viele junge Absolventinnen scheint es erst einmal unmöglich, Karriere und Familie zu vereinen – was kannst du Frauen raten, die das Gefühl haben, wählen zu müssen?

Ich kenne die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt. Es gibt so viele individuelle Szenarien, Kind und Arbeit zu vereinen: jung ein Kind im Studium zu bekommen, später, wenn man schon einiges erreicht hat, kurze Pause zu machen oder länger… Man kann in Voll- oder Teilzeit in den Job zurückkehren, vielleicht gibt es die Möglichkeit für Home-Office. Es hängt auch von der Familienkonstellation ab, ob der Partner in Teilzeit gehen kann oder die Eltern fit genug sind, um einzuspringen. Ich meine nicht, dass Frauen sich heute entscheiden müssen zwischen Kind und Karriere. Sie müssen sich aber überlegen, wo sie Prioritäten setzen und auch Abstriche machen.

Wie steht es um ein schlechtes Gewissen?

Manchmal habe ich meiner Tochter gegenüber ein schlechtes Gewissen, wenn ich etwa längere Zeit viel an einem Projekt gearbeitet habe. Zum Glück ist sie sehr geradeheraus und sagt dann zum Beispiel: “Du warst gestern so lange arbeiten und ich möchte, dass du heute mit mir das und das spielst.” Ich kriege dann so meine Ansagen. Das finde ich gut. Ich schenke aber meiner Tochter – obwohl ich Vollzeit arbeite – sehr viel Aufmerksamkeit und achte darauf, dass wir unsere Zeit intensiv miteinander verbringen.

Wie viel Zeit verbringst du im Büro?

Im Büro verbringe ich ca. 50 Stunden die Woche. Dann arbeite ich von zu Hause aus noch ein bisschen. Ich checke Mails oder erledige ganz dringende Dinge. Manchmal sitze ich auch am Wochenende oder später abends am PC. Das ist je nach Projekt unterschiedlich.

Was tust du für deine Work-Life-Balance?

Ich treffe mich mit Freunden und gehe gerne aus. Ich gehe auch gern ins Ballett oder ins Theater. Am besten erhole ich mich am Wasser, in Hamburg an der Elbe. Und ich liebe Filme und Serien, jetzt gerade “The Affair” auf Netflix.

Nadja Stavenhagen
Bildquelle: Facebook

Spielt Egoismus eine Rolle, wenn man sich als Karriere-Frau etablieren möchte?

Egoismus ist das falsche Wort. Es geht eher um eine Haltung, zu der auch Durchsetzungskraft gehört. Aber genauso Flexibilität, auf Augenhöhe kommunizieren zu können und ein guter Teamplayer zu sein.

Zum Abschluss: Welche Tipps hast du, um die eigene Karriere und die Familie unter einen Hut zu bekommen?

Erstens: Planung. Man sollte sich überlegen, was einem wichtig ist – viel Zeit fürs Private? Verantwortung im Job? Erfolg? Danach kann man sein Leben gewichten und organisieren.

Zweitens: Flexibilität. Man sollte versuchen, sich mit dem Leben zu bewegen. Es läuft meist nicht nach Plan. Das macht das Leben spannend und bietet immer wieder neue Chancen.

Drittens: Abstriche machen. Man kann nicht alles, was man gerne hätte, unter einen Hut bekommen. Turbo-Karriere, perfekte Mutter und Hausfrau, jeden Tag eine Stunde Sport – das geht einfach nicht.

Viertens: auf sich hören und – wenn möglich – so leben, dass es zu einem passt. Heute gibt es so viele Wege, und keiner ist perfekt. Welcher richtig oder falsch ist, kann jede Frau nur selbst beurteilen.

Vielen Dank für das inspirierende Interview!

Die Akademie für Publizistik in Hamburg führt berufsbegleitende Aus- und Fortbildungen für Journalisten und andere Medienschaffende durch. Etwa 1500 Teilnehmer lernen hier jährlich das publizistische Handwerk: Vom Schreiben über das Recherchieren und digitale Konzeption, bis hin zu Video und Kommunikation. Alle Seminare und Seminarthemen können auch Inhouse gebucht werden.

Das Beitragsbild ist von der Akademie für Publizistik Hamburg

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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