Mariko Kosaka kombiniert Programmieren und Stricken

11.06.2018
Words by Jana Ahrens
Portrait Mariko Kosaka

Mariko Kosaka ist in Tokio geboren und lebt heute in New York. Sie bereist die Welt, um zwischen Programmierern verschiedener Instanzen zu vermitteln. Im Interview erzählt sie uns, was Stricken mit Programmieren zu tun hat und warum wir nicht zwangsläufig coden können muss, um die digitale Welt zu verstehen oder in der Tech-Branche zu arbeiten.

Würdest du jungen Frauen empfehlen, programmieren zu lernen?

Ich bin da skeptisch. Ich würde Menschen immer ermuntern, Technologie zu lernen. Ein Zugang dazu könnte Code sein. Programmieren kann für den Alltag von großem Vorteil sein, weil es logisches Denken fördert. Viel wichtiger finde ich, dass wir alle lernen, warum bestimmte Lichter angehen, wenn wir einen Knopf drücken. Wir sollten auch alle wissen, dass unser Umgang mit dem Web Daten produziert, die dann irgendwo landen. Beides wird immer Teil unseres Lebens sein. Um das zu verstehen, muss man aber nicht programmieren können. Die Hälfte meines Jobs als Entwicklerin ist beispielsweise nicht über Code lösbar. Programmieren ist nicht der einzige Weg.

Mariko’s Leidenschaft? Stricken und Programmieren. Bildquelle: privat

Vielleicht ist ja auch Stricken ein Weg, um logisches Denken zu fördern?

Absolut. Was mich immer wieder amüsiert: Jedes Jahr um Weihnachten herum twittern ein paar Programmierer, dass sie bei ihren Eltern eine Strickanleitung gefunden haben und feststellen müssen: Das ist ja wie Code! Jedes Mal denke ich: Sag ich doch schon seit Jahren. (Lacht).

Wissen das auch die Strickliebhaber?

Was mir auffällt, ist, dass viele Leute aus dieser Welt eingeschüchtert reagieren, wenn ich sage, dass ich in der Tech-Branche arbeite. Nach dem Motto: „Oh, du arbeitest mit Technologie. Du weißt so viel mehr als wir. Wir sind nur Handstricker.“ Nein! Das stimmt einfach nicht. Das Gehirn von Menschen, die stricken, ist in der Lage, dreidimensionale Strukturen in der Fläche zu denken und das mathematisch umzurechnen. Das ist so komplex, dass mancher Computer damit Schwierigkeiten hätte.

Stricker müssen genauso logisch denken können wie Programmierer. Bildquelle: privat


Du hast ungefähr im Alter von sieben Jahren angefangen zu stricken. Was hat dich damals daran begeistert?

Ich erinnere mich, dass ich irgendwann die Strickbücher und Stricknadeln meiner Mutter gefunden habe und mir dann das Stricken selber beigebracht habe. Mein Umfeld war da sehr motivierend. Mein Vater und meine Mutter sind beide Lehrer. Ich hatte nie eine Spielekonsole, aber zu Hause immer Zugang zu Materialien. Bei uns gab es zu jeder Zeit Kunstpapier, Farbe und jede Menge Handwerkszeug. Ich durfte das alles benutzen. Meine Eltern haben es gefördert, Eigenes herzustellen, statt etwas Fertiges zu kaufen.

Du warst also schon Teil der DIY-Kultur, bevor du wusstest, was das eigentlich ist?

Genau. Manche Menschen fragen sich, wie ich das mit dem Stricken neben Job und Familie schaffe. Was sie nicht wissen, ist, dass mich das seit meiner Kindheit begleitet. Es fühlte sich immer sehr natürlich für mich an. Der Vorteil für mich war auch, dass japanische Strickbücher sehr visuell aufgebaut sind. Mit ganz vielen Fotos und sehr genauer Schritt-für-Schritt-Anleitung. Ich musste nicht mal lesen können, um zu verstehen, wo ich welchen Faden langfädeln musste. Ein bisschen wie YouTube-Tutorials heute. Dementsprechend war das schon sehr früh Teil meines Alltags.

Und wann hast du gelernt zu programmieren?

Ich habe in Tokio Communication Studies mit Fokus auf Online-Kommunikation studiert. Hinzu kam, dass mein Vater Lehrer für Elektro-Ingenieure war. Also gab es bei uns zu Hause – neben den vielen Materialien – auch immer Computer. Es erschien mir dann logisch, nach meinem Uni-Abschluss für eine Tech-Firma zu arbeiten. Den Job, den ich dann gemacht habe, würde man heute vermutlich als Produktmanager bezeichnen. Aber die Kategorie gab es damals noch gar nicht. Dann bin ich in die USA gezogen. Aus irgendeinem Grund hat es anderthalb Jahre gedauert, bis meine Arbeitsgenehmigung bewilligt wurde. Das war hart. In Tokio war der Hauptteil meiner Arbeit, Menschen zu motivieren und ihnen Möglichkeiten zu schaffen, und plötzlich war ich isoliert. Dann kam auch noch der New Yorker Winter, der ist sehr kalt. Ich war also eigentlich die ganze Zeit zu Hause und – ganz ehrlich – ich habe mich schrecklich gelangweilt. Neben meinen Strick-Projekten habe ich da angefangen, JavaScript zu lernen. Zu der Zeit boomten kostenfreie Online-Tutorials für Programmiersprachen. Also habe ich das Code-Academy-Programm absolviert, die Code School und noch ein spezifisches japanisches Video-Programm. Zwei Monate lang habe ich eigentlich nur Code geschrieben. Ich hatte ja jede Menge Zeit. Daraus ist eine digitale Küchenuhr entstanden und auch ein Maschenzähler für meine Strickprojekte. Sehr simple Tools, die mir das Leben vereinfacht haben. Dann bekam ich meine Greencard.

Wenn Programmieren und Stricken zusammen kommen. Bildquelle: privat

Hat dir diese Lernphase dann bei der Jobsuche weitergeholfen?

Indirekt. Mein erster Job in den USA war für eine Werbeagentur, in der ich für das Reporting in Tech-Projekten zuständig war. Ich habe schnell festgestellt, dass die Software, die ich dafür benutzen sollte, sehr minimal war. So ein typisches intern entwickeltes Tool, das irgendwie die Daten der Kampagnen erfassen sollte. Ich musste für jeden einzelnen Teil einer Kampagne ein eigenes Tab aufmachen und einzeln die Daten herunterladen. Mir fiel dann auf, dass ich dank der Programmier-Kurse wusste, wie ich ein Dashboard dafür bauen kann. Ich habe dann dafür gesorgt, dass ich über eine ID gleich einen ganzen Graphen für eine Kampagne anzeigen lassen konnte. Sehr übersichtlich. Das war mein erster Schritt in die Entwickler-Welt. Danach kam mein Chef auf mich zu und hat mir von einem Prototypen-Team erzählt, das gerade aufgebaut wurde. Den Job habe ich dann acht Monate gemacht. Als das vorbei war, dachte ich: Oh, ich war da ja jetzt tatsächlich Entwicklerin. Vielleicht kann ich auch anderswo einen Job als Entwicklerin finden. In der nächsten Firma war ich Entwicklerin für interne Software. Das hat mir sehr gut gefallen. Ich musste immer zwischen vielen Menschen vermitteln in meinen Jobs. Mir liegt es deshalb sehr, Kommunikation durch Technik einfacher zu machen. Wenn zum Beispiel eine Person aus dem Sales-Team Daten in Form einer Excel-Tabelle brauchte, dann wusste ich, welche Schnittstellen ich mit welchen verbinden musste, um das einfach und nachhaltig möglich zu machen. Das hat mir Spaß gemacht.

Das heißt, du warst dann auch nicht mehr isoliert, oder?

Genau. Zu der Zeit, als ich diesen Job für interne Software bekommen habe, habe ich auch angefangen, mich in der JavaScript-Community zu engagieren. Erst bin ich zu Meetups gegangen, dann habe ich sie selber organisiert, und dann habe ich angefangen, auf lokalen Konferenzen zu sprechen. Über diese Community habe ich meinen nächsten Job gefunden. Nach den ganzen internen Jobs hatte ich da plötzlich Kunden, für die ich Software entwickelt habe. Die Firma war der beste Arbeitgeber! Alle im Team hatten noch ein Herzensprojekt neben ihrem Job. Ein Chef hat Bier gebraut, ein anderer Chef hat einen sehr bekannten Newsletter, der täglich versendet wird. Es war also von Anfang an vollkommen in Ordnung, neben dem Job noch etwas anderes zu machen. Zu der Zeit habe ich viele weitere Strickprojekte angefangen, und ich habe begonnen, darüber auf Konferenzen zu sprechen. Deshalb konnte ich irgendwann entspannt zu meinen Chefs gehen und sagen: Hey, ich habe die Chance, hier in New York an einem Künstler-Programm teilzunehmen. Kann ich mir dafür freinehmen? Die Antwort war: Ja klar, wir sehen uns zwei Wochen. Das Künstler-Programm war von einer Schule, die sich School for Poetic Computation nennt. Die wird von Medienkünstlern betrieben. Wir hatten da zwei Wochen lang Workshops und Zeit zum Experimentieren, und am Ende gab es eine Show. Als Nächstes habe ich gesagt: Hey, ich bin bei einer Konferenz in Berlin als Sprecherin angenommen worden. Ich werde die nächsten drei Wochen von Berlin aus arbeiten. Das war auch kein Problem. Das war schon ein großes Privileg.

Jetzt hast du aber einen ganz anderen Job, oder?

Ich bin jetzt eine sogenannte Web-Developer-Advocate bei Google. Dass ich diesen Job bekommen habe, hatte auch irgendwie wieder mit dem Stricken zu tun. Ich habe eine Strickmaschine, die ich hacken wollte. Ich habe dann schnell festgestellt, dass man die Hardware nur sehr eingeschränkt manipulieren kann. Viel wichtiger ist es, die Bild-Vorlagen für Strickmuster in qualitativ hochwertige Daten zu übersetzen, bevor sie zum Gerät geschickt werden. Pixel sind eckig, Strickmaschen in verschiedenen Farben sind aber v‑förmig. Man kann also nicht einfach einen schwarzen Punkt an eine Strickmaschine schicken. Wenn das Bild mit einer Software geclustert wird, kann man es in Maschen übersetzen. Aber wenn ich ein kontrastreiches Bild in ein Strickmuster übertragen möchte, welchen Fotofilter muss ich dann benutzen? Meine Strickmaschine kann nämlich nur mit zwei verschiedenen Garnfarben arbeiten, digitale Bilder haben aber Tausende von Farben. Deshalb habe ich mich sehr ausführlich mit Photoshop-Filtern und Instagram-Filtern befasst und darüber auf einer Konferenz gesprochen. Da ging es dann nicht mehr nur um Strickprojekte, sondern darum, dass ich durch das Stricken eine Menge über Bildverarbeitung gelernt habe. Wie man Pixel in andere Formen übersetzt, was der Canvas-Tag auf Webseiten so kann, wie die Canvas-API funktioniert und wie Computer überhaupt Bilder auf einem Bildschirm darstellen. Das war dann auch für Leute interessant, die nichts mit Stricken am Hut hatten. Einige Monate nach der Konferenz hat mir dann mein jetziger Kollege Jake Archibald empfohlen, mich um einen Job in seinem Team zu bewerben. Das hat geklappt, und jetzt bin ich Teil eines Teams, das eine Brücke zwischen Browser-Entwicklern und Web-Entwicklern schlägt.

Hat dein Job jetzt auch wieder mit Übersetzen zwischen zwei Welten zu tun?

Genau. Viele wissen gar nicht, dass die Programmier-Anforderungen für Browser-Entwickler ganz andere sind als für Web-Entwickler. Und doch sind beide Seiten aufeinander angewiesen. Deshalb kommen die Web-Entwickler zu uns und sagen: „Hey, es wäre toll, wenn wir Webseiten so und so bauen könnten.“ Wir nehmen das auf und priorisieren Anfragen für das Browser-Team bei Google. Andererseits können wir auch wichtige Anforderungen unserer Browser-Entwickler an externe Web-Entwickler weitergeben. Nach dem Motto: „Bitte baut eure Webseiten nicht auf diese eine Art, weil das total unsicher ist und die Daten eurer Nutzer angreifbar macht.“ Wir sitzen in der Mitte und kommunizieren mit beiden Seiten.

So lassen sich Allover-Prints mit Code manipulieren. Bildquelle: privat

Wenn du gerade nicht arbeitest oder strickst, interessierst du dich dann auch für Wearable Tech?

Für einen kurzen Moment fand ich das spannend. Ich dachte, ich würde irgendwann Soft-Touch-Interfaces entwickeln oder Jacken mit Tech versehen. Aber es kam nicht dazu, weil mich Technologie und Textilien als separate Handwerke einfach zu sehr interessieren. Textilien haben diese umfangreiche Geschichte, aus der sich eine sehr spezifische Industrie entwickelt hat. Die muss man erstmal verstehen. Vor einigen Jahren hat IBM für die MET-Gala in New York einen Mikrocontroller in ein Kleid integriert, um eingenähte LED-Lichter durch Tweets gesteuert farblich changieren zu lassen. Ich weiß einfach nicht, was ich davon halten soll. Auf derselben Veranstaltung hat Zack Posen ein Kleid gezeigt, das auf eine ganz elegante Art und Weise geglüht hat. Klar waren da auch Batterien und Sensoren drin, aber Zack Posen wusste einfach genau, wie er die Technik in Mode übersetzen kann. Die Idee sollte sein, dass es einen Gestaltungsschwerpunkt gibt und Technik nun mal zufällig das richtige Werkzeug ist, um diese Gestaltung umzusetzen.

Wie lernst du mehr über die Textilwelt?

Für meinen aktuellen Job muss ich sehr viel reisen. Deshalb stricke ich jetzt sehr viel mehr mit der Hand. Das ist perfekt im Transit, auf dem Weg zum Flughafen oder während des Fluges. Hinzu kommt, dass ich durch diese Reisen immer mehr junge, kreative Menschen aus der Strickwelt kennenlerne. Dieses Stigma, dass Stricken etwas für Omis ist, das ist einfach nicht mehr passend. Es gibt superstilvolle Designer, die richtig tolle Strickmuster verfügbar machen, und junge Menschen, die ganz allein unglaublich schöne Teile stricken.

Du hast ja jetzt Einblicke in beide Seiten. Aus dieser Sicht: Was bedeutet dir Mode?

Hm, darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Ich war extrem unmodisch als Kind und als junges Mädchen. Ich habe ja direkt nach der Uni angefangen zu arbeiten. Deshalb war meine Kleidung eigentlich immer sehr formalisiert. Ok, in meiner Branche ist es nicht so traditionell oder streng wie in anderen, aber es lief immer auf eine schwarze Hose und eine Varianz aus, sagen wir, acht verschiedenen Tops hinaus. Als ich dann nach New York gezogen bin, hat sich das total verändert. Ich war plötzlich raus aus dem Zusammenhang, an den ich mich vorher angepasst hatte. Ich habe angefangen zu experimentieren. Ich fing an, Pink zu tragen. Inzwischen kommt es vor, dass ich Tweets von Freunden erhalte, die Fotos von total verrückten Mustern zeigen, und der Kommentar ist dann: Voll dein Ding, Mariko. Ich hätte zu meiner Schulzeit sicherlich nicht erwartet, dass ich mal mit bunten Mustern assoziiert werden würde. Aber Mode und der eigene Geschmack werden eben auch stark von der Umwelt geprägt.

Kannst du ein paar Strickdesigner nennen, die dich inspirieren?

Stephen West ist einer, der besonders stark mit Farben spielt. Ich mag auch Joji Locatelli aus Argentinien sehr gern. Sie mischt Farben, aber auch viele verschiedene Texturen. Vor sechs Jahren in Tokio hätte ich so etwas nie als Strick-Inspiration verwendet. Aber jetzt liebe ich es, so etwas zu stricken. Und wenn’s fertig ist denke ich: Klar kann ich das auch tragen! In Großbritannien und den USA sind gerade handgefärbte Garne sehr im Trend. Viele Frauen haben damit zu Hause in der Küche angefangen und leben inzwischen davon, ihre farbenfrohen Garne auf Etsy oder anderen Plattformen zu verkaufen. Viele Designer nutzen jetzt diese Garne mit Gradienten, Sprenkeln oder krass leuchtenden Farben. Das ist sehr inspirierend und wird mich wohl noch eine ganze Weile begleiten.

Ein Beitrag geteilt von Joji (@jojilocat) am

share:
FacebookPinterest
Jana Ahrens

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

kommentieren