, Kathrin Wortmann über schönes Arbeiten und schöne Dinge

29.10.2018
Words by Jana Ahrens
Frau Wundervoll bietet Demo für jeden Anlass

Die Unternehmerin Kathrin Wortmann hat in Nordrhein-Westfalen einen Online-Shop für Partybedarf aufgebaut, der inzwischen viele Fans weit über das Bundesland hinweg gewonnen hat. Warum sie sich für den Standort in einem – wie sie selber sagt – verschlafenen Nest entschieden hat und warum ihr die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiterinnen wichtig sind, erzählt sie im Interview.

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Online-Shop mit Partybedarf auf die Beine zu stellen?

Ich liebe schöne Dinge und schön gestaltete Momente. Ich fand aber auch immer, dass es auf dem deutschen Markt eine Lücke gibt, wenn es um Partybedarf geht, der nicht total verkitscht ist. In Supermärkten werden größtenteils sehr bunte Produkte angeboten. Viele Anlass-Produkte gibt es auch nur mit englischen Texten. Ich habe aber schon oft schöne Produkte in Shops aus anderen Ländern gesehen. Da war die Frage: Gibt es für diese dezenteren Produkte einfach keinen Markt in Deutschland, oder hat es bisher niemand versucht? Ich habe mich dann entschieden, dazu einen Testmarkt aufzubauen. 

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Wie hast du das gemacht?

Im ersten Schritt habe ich mir jemanden gesucht, der kann, was ich nicht kann, und hat, was ich nicht habe. Das war ein Bekannter von mir, der bereits einen gut gehenden Online-Shop und Versand aufgebaut hatte. Ich habe ihn gefragt, ob er noch ein bisschen Platz auf seiner Plattform hat und ob ich dort meine Produkte testen könnte. Ich habe auch gefragt, ob ich sein Team dafür mit einspannen könnte, also eine Art Personalpool. Wir haben bei einer Flasche Wein darüber gesprochen und dann entschieden: Jau, wir machen das. Das erste Sortiment für den Test waren Becher, Teller und Candybags, das sind kleine dekorierte Papiertüten. Getestet haben wir auf verschiedenen Vertriebskanälen wie Ebay, Amazon und Dawanda. Wir hatten also in der Testphase noch nicht einmal einen eigenen Online-Shop, geschweige denn einen Namen für das Projekt.

Frau Wundervoll: Deko-Artikel
Bildquelle: Frau Wundervoll

Aber die Testphase war erfolgreich.

Absolut. Als wir gesehen haben, dass die Idee gut war, bin ich losgestiefelt und habe mich um die Marke gekümmert. Ich habe das große Glück, eine megacoole Familie um mich herum zu haben. Egal, was ich brauche, irgendwer kann das. In diesem Fall war es meine Cousine, die in einer Werbeagentur arbeitet. Wir haben zusammen ein Mädels-Wochenende und einen Workshop zum Namen gemacht. So ist Frau Wundervoll entstanden. Seitdem werden unsere Produkte unter diesem Namen produziert.

Mit dem Restrisiko von Entscheidungen müssen wir alle leben.

Habt ihr danach noch weiter expandiert?

Klar. Erst kam unser eigener Online-Shop dazu. Der sah damals aber noch ganz anders aus als heute. Wir haben nämlich mit einer kostenlosen Software für Online-Shops angefangen. Dann haben wir das Sortiment um einen neuen Produktbereich erweitert. Ich nenne den mal Kreativsets. Das erste war eine Verpackung für Geldgeschenke. Beispielsweise für Hochzeiten, bei denen man das Geldgeschenk nicht einfach nur in einen Briefumschlag stecken möchte. Wir haben uns angeschaut, was sich an bereits existierenden Produkten zusammenschmeißen lässt, um ein cooles Bastelset für Menschen zusammenzustellen, die sich selber nicht als kreativ empfinden. So entstand eine Holzkiste mit Sand und stilisierten Braut- und Bräutigam-Figuren. Es hat sich schnell herausgestellt, dass es auch in diesem Kreativ-Segment Bedarf gibt. Den Bereich haben wir speziell für Hochzeiten und für Weihnachten ausgebaut. DIY-Sets für Adventskalender sind sehr beliebt. So geht es jetzt immer weiter. Wenn ein Produkt sich bewiesen hat, dann probieren wir etwas Neues aus. Denn für eine neue Testphase muss auch erst immer etwas Geld reinkommen.

Wie triffst du denn Entscheidungen darüber, welche Produkte neu ins Sortiment aufgenommen werden?

Der Anteil an Eigenproduktionen in unserem Sortiment beträgt 90 %. Das heißt, der Anteil an Produktdesigns, die es exklusiv nur bei uns gibt, ist sehr hoch. In diesem Kontext arbeite ich viel über Recherchen. Das ist Fleißarbeit, eine Art Trockenübung: Ich sitze am Rechner und durchforste das Internet nach Schlagwörtern und gucke, was die anderen Anbieter haben und was in Blogs an Trends gesetzt wird. Dann treibe ich mich auf Messen herum und gucke, was dort angeboten wird.

Frau Wundervoll: Schild Candy Bar zum Aufhängen
Bildquelle: Frau Wundervoll

Und irgendwann entstehen aus dieser Recherche neue Ideen. Mit der Erfahrung aus der Recherche versuche ich zu bewerten, was zu uns passen könnte. Dazu kommt noch die Frage, ob wir für teurere Produkte an einer Stelle Geld bündeln oder ob wir lieber verschiedene günstigere Produkte anbieten wollen. Wenn ich dann von einem Produkt überzeugt bin, gebe ich in vielen Fällen die Entscheidung ins Team. Ich muss aber auch dazu sagen: Es ist ein bisschen wie Kristallkugel-Lesen. Das ist wie im Privaten. Mit dem Restrisiko von Entscheidungen müssen wir alle leben.

Ich weiß, dass es für mich und für meine Kreativität auf lange Sicht wichtig ist, auch mal rauszukommen.

Das stimmt. Du hast dich – wie du selber sagst – für ein Leben und Arbeiten in einem kleinen, verschlafenen Nest in der Nähe von Lemgo entschieden, obwohl du vorher in der ganzen Welt unterwegs warst. Warum hast du deine Firma nicht in Sydney oder in London gegründet?

Ich habe mich auf meinen Reisen weder in ein Land noch in einen Menschen so sehr schockverliebt, dass ich alles auf eine Karte gesetzt hätte, um dort zu bleiben. Ich wollte zurück. Dass ich dann genau hier gelandet bin, hat mit dem Zugang zu Lagerstrukturen zu tun. Aber ich denke in Phasen. Im Moment ist meine Anwesenheit hier wichtig, und das ist o.k. Ich arbeite aber daran, irgendwann entbehrlich zu sein, sodass ich gegebenenfalls auch für Projekte ins Ausland kann. Ich weiß, dass es für mich und für meine Kreativität auf lange Sicht wichtig ist, auch mal rauszukommen.

Ich verbringe so viel Zeit bei der Arbeit, dass ich mich hier auch wohlfühlen möchte.

Wie findest du hier im ländlichen Bereich deine Mitarbeiterinnen?

Da gibt es dieses Schild, das ist mega-wirksam. Unser Lager liegt an einer Hauptstraße und neben einer Bushaltestelle. Hier fahren täglich richtig viele Autos vorbei, und hier laufen ein Haufen Leute lang. Also haben wir immer, wenn wir Mitarbeiterinnen suchen, ein riesengroßes Schild in den Vorgarten gehauen. Wir haben bestimmt 8 von 10 Mitarbeiterinnen auf diesem Weg gefunden. Inzwischen ist der Pflock für das Schild fest installiert, und wir müssen nur noch die Nachricht austauschen. Das ist etwas Besonderes. Das fällt viel mehr auf als ein Post auf Instagram oder Facebook. Aber wir posten auch in lokalen Gruppen auf Social Media und verteilen Aushänge im Umkreis von 5 km.

Das ist Frau Wundervoll
Bildquelle: Frau Wundervoll

Wie wichtig ist dir das Arbeitsklima in deiner Firma?

Sehr wichtig. Ich verbringe so viel Zeit bei der Arbeit, dass ich mich hier auch wohlfühlen möchte. Deshalb gucke ich im ersten Schritt, was mir wichtig ist. Dazu gehört unter anderem, dass meine Mitarbeiterinnen gern hierherkommen. Was im Rahmen unserer Möglichkeiten getan werden kann, das tun wir. Dazu gehört auch die Zeitplanung. Mütter haben andere Bedürfnisse als Rentnerinnen, wenn es um Teilzeitarbeit geht. Frau Wundervoll soll ein Ort sein, an dem es – neben Business, Gewinn und harten Fakten – um Rücksicht und einen respektvollen Umgang miteinander geht. Das Wertesystem für Frau Wundervoll und das Wertesystem für mein Privatleben sind da ziemlich deckungsgleich.

Hilft dir auch dein Team bei Problemlösungen und Entscheidungen?

Wir gehen das gemeinsam an verschiedenen Punkten an. Zuallererst haben wir mehrere Möglichkeiten zum Meckern und Motzen eingerichtet. Das eine ist ein Team-Meeting einmal pro Monat. Jeden ersten Dienstag hocken wir uns zusammen, und es kommt alles auf den Tisch, was toll ist und was vielleicht auch blöd ist. Außerdem haben wir eine Wunschbox für alle, die sich nicht trauen, vor einer großen Gruppe zu sprechen. Da kann man Wünsche, aber auch Meckereien reinwerfen. Dazu kommt unser Smiley-Tag. Da werden Punkte von Mitarbeiterinnen geklebt. Entweder ein lachender Smiley, ein neutraler oder ein trauriger. Da können auch Kurzanmerkungen drunter geschrieben werden. Das also tun wir für die Stimmung.

Die passenden Deco-Artikel gibt es bei Frau Wundervoll
Bildquelle: Frau Wundervoll

Ein konkretes Beispiel für einen gemeinsamen Entscheidungsprozess gibt es aktuell auch. Wir hatten bisher fünf verschiedene Standard-Größen zum Verpacken für unsere Produkte. Bei unseren Treffen stellte sich heraus, dass dem Team eine Zwischengröße fehlt. Ich habe dann gefragt, wer sich darum kümmert. Ein Teammitglied hat sich gemeldet und gesagt: Ich brauche aber noch 1-2 Leute mehr in meinem Team. Die haben sich finden lassen, und das Team hat gemeinsam eine Auswertung dazu gemacht, wie eine sinnvolle zusätzliche Verpackung aussehen müsste.

Inzwischen versenden wir um die 80.000 Bestellungen pro Jahr.

Ein anderes Beispiel sind Produkte, die für uns vor Ort total doof zu verpacken sind. Da war nach unseren Treffen schnell klar: Wenn das Versandteam durch einzelne Produkte im Workflow behindert wird, dann verlagern wir dieses Verpacken zum Lieferanten und lassen uns diese Produkte gleich mit einer ganz festen Transportverpackung produzieren, sodass wir quasi nur noch das Adressetikett draufkleben müssen und und die Produkte direkt losschicken können.

Auch das Private ist also oft mit dem Beruflichen verknüpft.

Und was habt ihr im kommenden Jahr als Nächstes vor?

Wir sind sehr stark gewachsen im letzten Jahr. Inzwischen versenden wir um die 80.000 Bestellungen pro Jahr. Deshalb würden wir gerne umziehen, wenn wir eine geeignete Fläche finden. Wir brauchen mehr Platz. Für 2019 arbeiten wir außerdem an einer noch persönlicheren Ansprache unserer Kunden. Wir sehen unsere Kunden ja nie vis-à-vis. Deshalb wollen wir die Produktpräsentation besonders emotional und persönlich gestalten. Fotos, Karten und weitere Kontaktchancen werden uns dabei helfen.

Was machst du denn eigentlich so, wenn du nicht arbeitest?

Ich mache draußen Sport, ich lese viel und höre Hörbücher und Podcasts. Das sind dann oft Dinge zur Persönlichkeitsentwicklung oder Gründergeschichten. Ich liebe Podcasts oder Hörbücher von anderen Unternehmensgründern, die ihre Story erzählen. Meine Podcast-Favoriten zurzeit sind digital kompakt, Happy, holy and confident und GEDANKENtanken. Auch das Private ist also oft mit dem Beruflichen verknüpft.

Vielen Dank für den Einblick, liebe Kathrin.

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Jana Ahrens

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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