Job & Familie vereinbaren: Teilzeitmodelle machen es möglich

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Rustic Vegan auf Unsplash
Mutter und Tochter in der Küche
Inzwischen steht der Wunsch nach Teilzeit nicht mehr nur mit der Kinderplanung in Verbindung. Immer mehr Menschen wünschen sich mehr Freizeit oder die Möglichkeit, sich neben dem Job weiterbilden zu können. Doch welche Möglichkeiten habe ich als Arbeitnehmer*in? Diese Teilzeit-Modelle gibt es. 

Viele Jahre lang wurde immer wieder von der sogenannten »Teilzeitfalle« gesprochen. So langsam scheint der Begriff allerdings obsolet zu werden. Das liegt zum einen daran, dass sich immer mehr Menschen aus freien Stücken dafür entscheiden, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, um mehr Freizeit haben zu können. Und zum anderen gibt es neben dem Anspruch auf zeitlich unbegrenzte Teilzeitarbeit seit dem 1. Januar 2019 auch einen gesetzlichen Anspruch auf eine zeitlich begrenzte Teilzeitarbeit. Mit dieser sogenannten Brückenteilzeit wird es Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ermöglicht, ihre Arbeit zeitlich begrenzt zu verkürzen und nach der Teilzeitphase wieder zur ursprünglichen Arbeitszeit zurückzukehren.

 Durch die zunehmende Globalisierung der Wirtschaft und den fortschreitenden Einsatz neuer Technologien ergeben sich neue Anforderungen in der Gesellschaft. Auch unsere Arbeitswelt ist im Wandel. Es entstehen nicht nur neue Berufe, gefragt sind auch intelligente Arbeitszeitmodelle, mit denen eine moderne Balance zwischen sozialen Wünschen und gesellschaftlichen wie betrieblichen Notwendigkeiten geschaffen werden kann.

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85 % der Frauen arbeiten gern in Teilzeit

Das neue Brückenzeitgesetz verspricht größere Freiheiten bei der flexiblen Gestaltung der eigenen Arbeitszeit. Besonders angenehm: Künftig muss niemand mehr begründen, wieso sie oder er in Teilzeit gehen möchte – es kann nun einfach heißen: »Weil ich einfach Lust drauf habe.« 

Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums ist diese Lust vor allem bei Frauen ziemlich groß. Etwa 85 % von ihnen arbeiten nämlich ganz gern in Teilzeit. Sophie Lüttich von NetWorkingMom.deist Mutter und arbeitet in ihrer – wie sie es nennt – persönlichen Vollzeit. Sie ist davon überzeugt, dass sich Arbeitnehmer*innen wie Arbeitgeber*innen endlich vom klassischen Teilzeit-/Vollzeitdenken lösen müssen, erklärt sie im Interview mit XING. 

Teilzeitmodelle lassen sich nicht in allen Unternehmen realisieren

Wer die eigene Arbeitszeit reduzieren möchte, sollte sich grundsätzlich unbedingt trauen, dies beim Arbeitgeber anzusprechen, und sich am besten zuvor mit allen vorhandenen Teilzeitmodellen auseinandersetzen. Gut zu wissen ist auch, dass das neue Brückenzeitgesetz aktuell noch gewissen Einschränkungenunterliegt. So kann die Brückenteilzeit unter anderem überhaupt nur in Unternehmen mit mehr als 45 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern beantragt werden, da kleinere Firmen so geschützt werden sollen. Beschäftigt das Unternehmen weniger als 200 Mitarbeiter*innen, greift zudem eine Zumutbarkeitsgrenze: In solchen Unternehmen muss nur jeder/jedem 15. Beschäftigten die Teilzeit gewährt werden. Darüber hinaus muss der Antrag auf Teilzeit mindestens drei Monate vor Beginn der gewünschten Verringerung gestellt werden (spontaner geht es derzeit nicht), und wer zurück zur Vollbeschäftigung möchte, muss mindestens ein Jahr lang in dem Teilzeitmodell gearbeitet haben. 

Der Arbeitgeber, der auf die Wünsche und Bedürfnisse seiner Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eingeht, hat nicht nur zufriedenere Mitarbeiter, sondern profitiert auch von deren höherer Motivation bei der Aufgabenerfüllung. Eine bessere Motivation führt zu mehr Produktivität und Arbeitsqualität, die letztlich dem Unternehmen zugute kommt.

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Weiterhin sollte auch darauf geachtet werden, die zeitlichen Modalitäten und die künftigen Aufgabenbereiche abzusprechen. Immer wieder passiert es, dass zwar vereinbart wurde, weniger Stunden zu arbeiten, aber eben nicht, welche Aufgaben in diesem Zeitraum noch zu schaffen sind bzw. wegfallen. Die gleiche Arbeit in weniger Zeit kann unter Umständen nur Stress und nicht die erhoffte Entlastung bedeuten. 

Diese Teilzeitmodelle gibt es

Wer seine Arbeitsstunden pro Woche reduzierenmöchte, kann das auf folgende Arten und Weisen tun: 

 

Die klassische Teilzeit

Bei der klassischen Teilzeit wird einfach die tägliche Arbeitszeit reduziert, um mehr Freizeit zu schaffen. Die Arbeitswoche hat weiterhin 5 Tage, doch können sich Arbeitgeber*in und Arbeitnehmer*in bei diesem Modell beispielsweise auf 30 Stunden (6 Stunden pro Tag) oder 20 Stunden (4 Stunden pro Tag) einigen. Dieses Teilzeitmodell ist für viele Unternehmen am einfachsten umzusetzen, da es einen geringen Verwaltungsaufwand mit sich bringt. 

 

Die variable Teilzeit

Wer sich für dieses Modell entscheidet, hat die Wahl, die eigene Arbeitszeit auf 2 bis 5 Tage zu verteilen. Die tägliche, wöchentliche oder auch monatliche Stundenzahl kann hier variieren. Dieses Modell ist übrigens nicht auf Teilzeit beschränkt, sondern ist auch bei voller Stundenzahl anwendbar: Bei dieser Variante können sich Arbeitnehmer*innen ihre Arbeitszeit so flexibel einteilen, dass freie Tage dabei herausspringen oder eben einzelne Arbeitsstunden pro Tag wegfallen. 

 

Die Home-Office-Teilzeit

Wie es der Name schon sagt, kann bei diesem Modell in Teilzeit von zu Hause aus gearbeitet werden. Auch die Home-Office-Regelung lässt sich mit der vollen Stundenzahl und einer 5-Tage-Woche kombinieren. Vorteil an der ganzen Sache ist: Fahrtkosten und -zeiten fallen an bestimmten Tagen weg. Für die Arbeitszeit am heimischen Schreibtisch sollte nur klar definiert sein, wer wann erreichbar sein muss. 

 
Eine Home-Office-Regelung kann auch in Teilzeit vereinbart werden.
 

Teilzeit-Jobsharing

Bislang noch relativ unbekannt und entsprechend noch nicht sehr verbreitet ist die Möglichkeit, den Arbeitsplatz zu teilen. Bei diesem Modell teilen sich zwei Arbeitnehmer*innen eigenverantwortlich eine Vollzeitstelle unter sich auf. Zu zweit können sie flexibel absprechen, wer zu welchen Zeiten verfügbar ist. So können trotz reduzierter Arbeitszeit auch größere Projekte angenommen und auf vier Schultern verteilt werden. 

 

Teilzeit-Team

Dann gibt es auch die Möglichkeit, die Teilzeit innerhalb eines Teams individuell zu planen und zu besprechen. Dabei geben die Arbeitgeber*innen nur vor, wie viele Mitarbeiter*innen in bestimmten Zeitabschnitten anwesend sein müssen. Wer wann wie viel macht und welchen Beitrag leistet, bespricht das Team untereinander. Hierbei handelt es sich um eine besonders variable Verteilung der Arbeitszeit. Ohne ausgeprägten Teamgeist funktioniert dieses Modell allerdings nicht. 

 

Teilzeit-Invest

Immer beliebter wird auch die Möglichkeit, sich mit einer Vollzeittätigkeit eine gewisse Auszeit anzusparen. Bei diesem Modell wird in Vollzeit gearbeitet, aber ein Teilzeitgehalt ausgezahlt. Das Geld, das man nicht ausgezahlt bekommt, wird auf einem Langzeitkonto für die Mitarbeiterin oder den Mitarbeiter angespart. Wenn sich genug Geld angesammelt hat, kann auf Wunsch eine mehrmonatige Freistellungsphase erfolgen – z.B. für ein Sabbatical, eine Weltreise oder auch den vorzeitigen Ruhestand. Wer also beispielsweise eine Arbeitszeit von 30 Stunden vereinbart, aber tatsächlich 40 Stunden die Woche arbeitet, spart sich 10 Stunden die Woche auf dem Guthabenkonto an. Nach 3 Jahren mit diesem Modell kann ein ganzes Jahr lang frei genommen werden – bei Weiterzahlung des Gehalts! 

Immer mehr Menschen wünschen sich mehr Zeit für sich und vor allem auch mit der Familie. Teilzeitmodelle können dafür sorgen…

Teilzeit-Saison

Dieses Modell ist vor allem für Saisonbetriebe interessant. In Hochphasen wird in Vollzeit gearbeitet, und bei niedriger Auslastung kommt es vermehrt zu freien Tagen bis hin zu einer längeren Auszeit. Die Teilzeit-Saison sieht allerdings vor, dass Arbeitnehmer*innen keine Zeitverträge, sondern ganzjährig ein monatliches Grundgehalt erhalten. Sie bleiben also fest angestellt. Die Betriebe sparen sich so die Suche nach neuen Kräften sowie deren Einarbeitungszeit. 

Es gibt also viele verschiedene Möglichkeiten, um die persönliche Arbeitszeit zu reduzieren. Welche für einen ganz persönlich und das Unternehmen am besten ist, lässt sich in einem direkten Gespräch mit der Chefin oder dem Chef klären.  

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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