Jessica Hausner über #MeToo und Frauen in der Filmbranche

Words by Arzu Gül
Photography: Evelyn Rois
Lesezeit: 4 Minuten
Jessica Hausner Portrait

Die Filmemacherin Jessica Hausner ist die erste Österreicherin, deren Film in den Wettbewerb von Cannes eingeladen wurde. Ihr neuer Film »Little Joe« kommt am 9. Januar in die deutschen Kinos. Hier verrät sie uns, wie die Branche sich verändert und warum sie in ihren Filmen auch zukünftig auf starke weibliche Hauptrollen setzen wird.

 

Sie ist ein Vorbild für die gesamte Filmbranche: Als erfolgreiche Filmregisseurin in einer von Männern geprägten Domäne zeigt Jessica Hausner, dass Frauen ihren männlichen Kollegen in nichts nachstehen. Ihr aktueller Film »Little Joe«, der am 9. Januar in die deutschen Kinos kommt, wurde in Cannes für die Goldene Palme nominiert. Damit ist Jessica Hausner die erste Österreicherin überhaupt, die je eine solche Nominierung erhielt. Wie in allen ihren Filmen spielt auch in »Little Joe« ein starker, weiblicher Charakter die Hauptrolle: eine alleinerziehende Mutter und Wissenschaftlerin namens Alice, die sich voll und ganz ihrem Beruf verschrieben und eine purpurrote Blume erschaffen hat, deren Duft Menschen glücklich macht. Der Film, ein Mix aus Frankenstein und einem Science-Fiction-Thriller, spielt ganz bewusst mit Wahrheit und Fiktion und mit dem Zwiespalt einer jeden Mutter, ihrer Karriere und Familie gleichermaßen gerecht zu werden. 

Wir haben mit Jessica Hausner über ihre Rolle in der Branche gesprochen, über den Aufstieg weiblicher Filmemacherinnen und darüber, warum der männliche Blick auf die Welt unbedingt eines Updates bedarf. 

Interview Teil 1

Liebe Jessica, erst einmal herzlichen Glückwunsch zur Nominierung deines neuen Films »Little Joe« bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes. Hattest du mit einer solchen Resonanz gerechnet, als du den Film produziert hast?

Vielen Dank! Damit gerechnet habe ich nicht. Das ist auch eigentlich nicht möglich, denn es ist immer wieder sehr überraschend, welche Filme dem Publikum oder den Jurys gefallen. Ich rede häufig mit KollegInnen und Co-ProduzentInnen darüber, wem unser Film gefallen könnte, aber zugleich ist das alles sehr spekulativ. Daher wäre es übertrieben zu sagen, dass ich mit dem Erfolg rechne. Was aber schon der Fall ist, ist dass ich versuche, einen Film so zu machen, dass er sein Publikum findet, dass er das vermitteln kann, was ich vermitteln möchte. 

Du bist die erste Österreicherin, die je in Cannes nominiert wurde. Damit hast du eine extreme Vorreiterstellung eingenommen und bist ein großes Vorbild für andere. War es je deine Absicht, Vorreiterin zu sein und auch anderen Frauen den Weg zu ebnen? Hattest du diese Vision von dir selbst?

Ich hatte schon relativ früh in meinem Leben ein Bewusstsein dafür, dass sehr wenige Frauen in der Filmbranche weit nach vorne kommen. Als Teenagerin bemerkte ich, dass viele Berufszweige hauptsächlich von Männern geprägt waren, und das hat mir sehr zu schaffen gemacht. Rein logisch war damit die Wahrscheinlichkeit gering, dass ich es ganz nach oben schaffen oder zu den Besten gehören würde. Gleichzeitig dachte ich mir aber auch: »Warum eigentlich nicht genau ich?« – Aus diesem Frust hat sich ein gewisser Widerstandsgeist und besonderer Enthusiasmus in mir entwickelt. Oft sagte ich mir: »Jetzt erst recht!«

Die Filmfestspiele sind nach wie vor eine sehr von Männern geprägte Domäne. Du warst dieses Jahr eine unter vier Frauen im Wettbewerb. Das ist bereits ein riesiger Meilenstein für Cannes. Bemerkst du Veränderungen in der Branche?

Ja, definitiv. Es hat vor einigen Jahren leise begonnen, als die Presse erstmalig hinterfragt hat, warum nur so wenige Regisseurinnen in den Wettbewerben (u.a. Cannes, Venedig und Berlin) gezeigt werden. Damals waren es noch einzelne Stimmen, die leicht ignoriert werden konnten. Von Jahr zu Jahr hat dies aber zugenommen. Auch die Debatte um #MeToo hat einen riesigen Stein ins Rollen gebracht. Mit den vielen Stimmen aus der Branche war es nicht mehr möglich, über dieses Ungleichgewicht hinwegzusehen und so weiterzumachen wie bisher. In Venedig war dieses Jahr wieder kein Film von einer Frau zu sehen. Im Gegensatz zu früher haben sich dieses Mal sehr viele darüber aufgeregt. Der Druck von außen ist also größer geworden. Es ist nicht mehr möglich, Frauen einfach auszuschließen.

Es ist nicht mehr möglich, Frauen einfach auszuschließen.

Du bist Mitglied in der Oscar-Academy und entscheidest als Jury-Mitglied ebenfalls über die Verleihung der Awards mit. Siehst du auch hier Entwicklungen, beispielsweise in der Auswahl der Talente oder der Nominierungen? 

Bei den Oscars ist das Thema Non-Whites sehr wichtig. Es gibt hier zwei vernachlässigte Personengruppen: Frauen und People of Color. In der Hinsicht ist sehr viel in Bewegung. Ich merke das auch, wenn ich beispielsweise mit dem British Film Institute(BFI) zusammenarbeite. Hier gibt es klare Vorgaben zum Thema Diversity – bezogen auf Team-Mitglieder am Set, aber auch auf Schauspielrollen. ProduzentInnen und RegisseurInnen werden angestoßen, die Rollen zu überdenken und mehr Diversität in den Film zu bringen. Das finde ich sehr, sehr gut.

Verändern sich durch die größere Anzahl von Regisseurinnen, Produzentinnen und weiblichen Talenten auch die Art der Filme und deren Inhalte? Gibt es inhaltliche Trends, die du ausmachst?

Das habe ich mich bereits oft gefragt. Genre-Filme sind tatsächlich männliche Erfindungen, und es gibt etliche Filme, bei denen ich diese männlichen Interessen sehr stark spüre: Thriller oder Western behandeln sehr »männliche« Themen. Bei »Little Joe« habe ich mich entschlossen, ein Genre als Basis für die Geschichte zu nehmen und das Ganze einmal umzudrehen. Es gibt also keinen Wissenschaftler, der einen Frankenstein erschafft, sondern eine Wissenschaftlerin, die zwei »Monster« erschafft: ihr Pflanze und ihr Kind. Es macht mir Spaß, diesen üblichen Blick umzudrehen und eine weibliche Perspektive zu erschaffen.

Frauen werden häufig als »verrückt« dargestellt.

Deine Filme sind geprägt von starken weiblichen Hauptrollen. Wird dies auch zukünftig ein Merkmal deiner Arbeit bleiben? Was sind deine Gedanken dahinter?

Auf jeden Fall. Früher war mir das gar nicht so bewusst. Im Laufe der Jahre wird aber immer mehr darüber gesprochen. Es ist mein Antrieb, weibliche Hauptfiguren zu kreieren und meine Perspektive auf die Welt darzustellen. Als Filmstudentin habe ich mich oft nicht ausreichend repräsentiert gefühlt. Es gab zwar immer interessante Frauenfiguren in Filmen, aber der weibliche Blick auf die Welt stand nicht im Vordergrund.

Frauen werden häufig als »verrückt« dargestellt. Aber mit welchem Maß wird hier gemessen und aus welcher Perspektive wirkt Bella denn verrückt?« Die »Bella« in meinem Film »Little Joe« ist eine Figur, über die »man« sagt, sie sei verrückt. Und ich finde es interessant, die Frage in den Raum zu werfen: »Ist sie denn wirklich verrückt?« Häufig wird eine Wertung Frauen gegenüber vorgenommen, Frauen werden als »Opfer der Gesellschaft«, »verrückt«, »emotional instabil« bezeichnet. Was ist aber, wenn sie das gar nicht sind? Wenn es einfach um Positionen, Meinungen und Absichten von Frauen geht, die das andere Geschlecht als bedrohlich und unangenehm empfindet? 

Hier geht es zu Teil 2 des Interviews

Jessica Hausner: Der Zwiespalt zwischen Karriere und Kind

Die Filmemacherin Jessica Hausner ist die erste Österreicherin, deren Film in den Wettbewerb von Cannes eingeladen wurde. Ihr neuer Film »Little Joe« kommt am 9. Januar in die deutschen Kinos. Im ersten Teil des Interviews verriet sie uns bereits, wie weitreichend sich die Filmbranche seit der Debatte um #MeToo verändert. In Teil 2 gibt sie Einblick in den Zwiespalt als Mutter und erfolgreiche Regisseurin und erklärt, mit welchen Vorurteilen sie in ihrer Karriere zu kämpfen hatte.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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