Jessica Hausner: Der Zwiespalt zwischen Karriere und Kind

Words by Arzu Gül
Photography: Little Joe PR
Lesezeit: 3 Minuten
Little Joe Alice und ihr Kind

Die Filmemacherin Jessica Hausner ist die erste Österreicherin, deren Film in den Wettbewerb von Cannes eingeladen wurde. Ihr neuer Film »Little Joe« kommt am 9. Januar in die deutschen Kinos. Im ersten Teil des Interviews verriet sie uns bereits, wie weitreichend sich die Filmbranche seit der Debatte um #MeToo verändert. In Teil 2 gibt sie Einblick in den Zwiespalt als Mutter und erfolgreiche Regisseurin und erklärt, mit welchen Vorurteilen sie in ihrer Karriere zu kämpfen hatte.

 

Sie ist ein Vorbild für die gesamte Filmbranche: Als erfolgreiche Filmregisseurin in einer von Männern geprägten Domäne zeigt Jessica Hausner, dass Frauen ihren männlichen Kollegen in nichts nachstehen. Ihr aktueller Film »Little Joe«, der am 9. Januar in die deutschen Kinos kommt, wurde in Cannes für die Goldene Palme nominiert. Damit ist Jessica Hausner die erste Österreicherin überhaupt, die je eine solche Nominierung erhielt. Wie in allen ihren Filmen spielt auch in »Little Joe« ein starker, weiblicher Charakter die Hauptrolle: eine alleinerziehende Mutter und Wissenschaftlerin namens Alice, die sich voll und ganz ihrem Beruf verschrieben und eine purpurrote Blume erschaffen hat, deren Duft Menschen glücklich macht. Der Film, ein Mix aus Frankenstein und einem Science-Fiction-Thriller, spielt ganz bewusst mit Wahrheit und Fiktion und mit dem Zwiespalt einer jeden Mutter, ihrer Karriere und Familie gleichermaßen gerecht zu werden.

Interview Teil 2

Die Hauptrolle in »Little Joe« ist Alice. Eine Frau, die das Gefühl hat, kein Gleichgewicht zwischen ihrem Mutter-Dasein und ihren Karrierewünschen hinzubekommen, und immer wieder von einem schlechten Gewissen ihrem Sohn Joe gegenüber geplagt wird. Sind dies Eigenschaften, mit denen du als Mutter und erfolgreiche Filmregisseurin vertraut bist?

Ja. Die Grundsituation von Alice hat autobiografische Züge. Besonders als mein Kind noch kleiner war, habe ich es oft als unlösbare Aufgabe empfunden, Mutter und Filmregisseurin zugleich zu sein. Es ist kaum möglich, beides hinzubekommen. Wichtig ist, ein Umfeld zu schaffen, das einen unterstützt. Hier kommt das schlechte Gewissen ins Spiel. Viele Frauen sagen sich selbst, dass es nun mal ihre Aufgabe sei, sich um ihr Kind zu kümmern. Und wenn sie viel Zeit mit ihrem Beruf verbringen, haben sie das Gefühl, nicht genug Zeit mit ihrem Kind zu verbringen. Dabei ist es völlig in Ordnung, Kinder von anderen Menschen betreuen zu lassen. Ich persönlich strebe eine Haltung an, die dem Bild entspricht, das unsere Gesellschaft von einem Vater hat: er liebt sein Kind, kümmert sich auch oft um es, aber er muss sich auch um seinen Beruf kümmern. Inzwischen wird das Kind von jemand anderem betreut.

Und auch mal nach Hilfe zu fragen?

Natürlich. Wir Mütter haben immer diesen kleinen Hintergedanken, dass wir letztlich alles am besten selbst können. Diesen Gedanken müssen wir an der Garderobe an den Haken hängen und uns davon befreien. Es ist nicht so. Auch andere Menschen können unsere Kinder gut betreuen. Ich wurde oft schräg angeschaut und dafür verurteilt, so viel zu arbeiten. Wenn mich dann jemand gefragt hat, wer sich denn um mein Kind kümmere, musste ich eben erklären, dass ich einen Teil meines Einkommens in die gute und liebevolle Betreuung meines Kindes investiere.

Zurück zum Film: »Little Joe« spielt mit vielen Gegensätzen, und als ZuschauerIn ist es schwer zu sagen, was die Wahrheit, was richtig und was falsch ist. Selbst am Ende des Films bleibt die Frage offen, ob es jetzt eigentlich ein Happy End war oder nicht. Hast du diese Wirkung beabsichtigt?

Absolut. Wenn diese Fragen bei den ZuschauerInnen aufkommen, bin ich tatsächlich zufrieden. Es ist gar nicht so einfach, das Publikum dazu zu bringen, diese Unentschlossenheit auszuhalten. Nach den Vorführungen hatte ich sehr viele interessante Publikumsgespräche. Oft wurde ich gefragt, welche Interpretation des Films denn die richtige sei. Schließlich müsse ich es doch wissen. Es gefällt mir aber gerade, dass eine Diskussion darüber entsteht und dass es keine eindeutige Wahrheit gibt, sondern stattdessen eine vielseitige.

Dies war dein erster englischsprachiger Film. Zusätzlich geht es um Genmutationen und Wissenschaft, also sehr komplexe Themenbereiche. Und auch in der Vergangenheit hast du immer wieder sehr vielschichtige Geschichten in unterschiedlichsten Sprachen verfilmt. Es scheint, du liebst die Herausforderung. Als würdest du immer wieder etwas ganz Neues erschaffen wollen. Was steckt dahinter?

Die Inhalte, die ich erzählen möchte, liegen immer ganz tief am Grund des Films. Sie sind oftmals sehr persönlich und behandeln eine Geschichte, die mit meiner eigenen zu tun hat. Gleichzeitig versuche ich, die Thematik aber so zu erzählen, dass sie allgemeingültig und für breitere Zuschauergruppen verständlich wird. Meine kleine anfängliche Geschichte entwickelt sich also zu einem gesellschaftspolitischen oder allgemein menschlichen Thema. So möchte ich meine Botschaft vermitteln.

Und die Verwendung anderer Sprachen ist ein bewusst eingesetztes Mittel, um genau das zu tun?

Andere Sprachen können dabei sehr helfen, aber auch das Setting ist wichtig. Ich wusste anfänglich sehr wenig über Gentechnik und habe mich dann in das Thema hineinvertieft. Ziel war es dann, die Grundaussage des Films innerhalb dieses speziellen Settings zu erzählen.

Das ist dir absolut gelungen! Dein Film kommt im Januar endlich in die deutschen Kinos. Welche weiteren Projekte hast du für die Zukunft geplant?

Ich habe bereits ein neues Projekt im Kopf, wofür ich im nächsten Jahr das Drehbuch schreiben werde. Es wird eine kleine Verwandtschaft zu »Little Joe« geben, hinsichtlich dem Thema »Manipulation«. Es wird um die Frage gehen, ob eine bestimmte Sache nur eine Verschwörungstheorie ist oder vielleicht doch wirklich passiert. Diese Aufspaltung der Realität interessiert mich sehr. Ich habe das Gefühl, dass dies sehr markant für unsere Zeit ist. Wir finden für alles (vor allem Internet) Beweise, Erklärungen und Rechtfertigungen. Es gibt etliche Informationen und Meinungen zu jedem Thema. Wie können wir zukünftig noch zwischen Wahr und Falsch unterscheiden? Diese Frage wird für uns alle immer wichtiger.

Das ist wirklich ein sehr spannendes Thema! Wir freuen uns schon jetzt auf den Film!

Vielen Dank für das Interview, liebe Jessica.

Hier geht es zu Teil 1 des Interviews

Jessica Hausner über #MeToo und Frauen in der Filmbranche

Die Filmemacherin Jessica Hausner ist die erste Österreicherin, deren Film in den Wettbewerb von Cannes eingeladen wurde. Ihr neuer Film »Little Joe« kommt am 9. Januar in die deutschen Kinos. Hier verrät sie uns, wie die Branche sich verändert und warum sie in ihren Filmen auch zukünftig auf starke weibliche Hauptrollen setzen wird.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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