Feminist und Content Creator Tarik Tesfu im Interview

13.11.2018
Words by Annekathrin Walther
Tarik Tesfu

Eine bessere Welt – das wär doch was. Aber wie? Wer angesichts dieser Frage nur noch spöttisch die Ohren anlegt oder sowieso schon den Kopf in den Sand gesteckt hat, sollte sich mit Tarik Tesfu unterhalten. Im Interview spricht der Content Creator und Feminist über seine Arbeit und Ziele und erklärt, warum er den Feminismus für ein erstklassiges Fundament hält, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Erzähl doch mal, was du machst.

Ich würde mich mittlerweile als Content Creator bezeichnen. Das heißt, ich mache Videocontent im Netz zu – wie ich finde – gesellschaftsrelevanten Themen. Ich mache das auf meinen eigenen Kanälen, also auf Facebook, Instagram und YouTube unter dem Titel “Tariks Krisen”. Außerdem arbeite ich für das ZDF-Onlineformat Jäger & Sammler.

Um welche Themen geht es dir?

Auf meinen eigenen Kanälen geht es um meine Meinung und meinen Wunsch, mit meinen kleinen, begrenzten Möglichkeiten eine bessere Welt hinzubekommen. Ich bin Feminist. Feminist zu sein bedeutet für mich, dass ich mich antisexistisch, antirassistisch, antiislamfeindlich, antihomofeindlich, antitransfeindlich und antiinterfeindlich positioniere. Also gegen alles, was eigentlich ziemlich beschissen ist. Feminismus ist für mich eine politische Bewegung.

Ich wünsche mir eine Welt, in der alle Geschlechter die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben.

Kannst du das näher erläutern?

Ich vertrete einen queeren Feminismus, das heißt, ich wünsche mir eine Welt, in der alle Geschlechter die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben. Es gibt Menschen, die weder Mann noch Frau sein wollen. Es gibt Menschen, die sind trans, es gibt Menschen, die sind inter. Für die solidarisch dazustehen, ist mir extrem wichtig. Gleichzeitig positioniere ich mich antirassistisch und antiislamfeindlich.

Ist das die Kombination, die sich hinter dem Wort Intersektionalität verbirgt?

Genau. Mein Feminismus ist intersektional, womit gemeint ist, dass Sexismus, Rassismus und auch Islamfeindlichkeit sich oft bedingen. Eine Muslima mit Kopftuch, zum Beispiel, erfährt andere Diskriminierungen als ich als schwarzer, schwuler Mann. Die Intersektionalität ist auch eine Kritik an einem Feminismus, der sich hauptsächlich mit den Rechten von weißen Mittelschichtsfrauen auseinandersetzt. Eine Schwarze oder eine Person-of-Color-Frau, die vielleicht gerade prekär arbeitslos ist, hat aber ganz andere Kämpfe zu kämpfen als eine weiße Mittelschichtsfrau. Alle Kämpfe sind wichtig, aber es sind andere. Da muss man genau hingucken.

Für mich kann Feminismus nicht rassistisch oder islamfeindlich sein.

Mit welcher Art Feminismus kannst du nichts anfangen?

Zum Beispiel mit queeren Clubs, die nicht-weiße Menschen an der Tür abweisen. Es gibt nirgendwo eine Feminismuspolizei, die das verbietet, aber wenn man sowas macht, muss man mit Kritik klarkommen. Und sich selbst hinterfragen. Kann ja sein, dass man sich für Homo- oder Bi-Rechte einsetzt, aber dann Menschen aufgrund der Hautfarbe an der Tür abzuweisen, ist rassistisch. Das hat dann mit meinem Verständnis von Feminismus nichts mehr zu tun. Das alles sage ich wohl wissend, dass auch ich mich zuweilen sexistisch, rassistisch und islamfeindlich verhalte. Leider.

Wie reagierst du auf dein eigenes Verhalten?

Ich versuche, es zu reflektieren. Das Problem ist dann bei mir und nicht bei der Frau, die ein Kopftuch trägt, oder bei der Person, die trans oder inter ist. Ich weiß, dass ich – auch wenn ich mich gegen Sexismus und das Patriarchat wehre – trotzdem Teil davon bin. Das hat mit den Bildern zu tun, mit denen ich aufgewachsen bin.

Auch wenn ich mich gegen Sexismus und das Patriarchat wehre, bin ich trotzdem Teil davon.

Es geht also darum, auch mit den eigenen Vorurteilen offen und reflektiert umzugehen?

Es ist ein fataler Fehler zu denken, nur weil ich gegen Neonazis oder die AfD bin, kann ich nicht selber rassistisch sein. Rassismus und Islamfeindlichkeit beginnen nicht erst bei der AfD. Neonazis sind mein kleinstes Problem, die treffe ich relativ selten. Andere treffen sie öfter. Mein Problem ist vielmehr, dass Polizist*innen, Lehrkräfte oder Professor*innen sich rassistisch verhalten. Oder auch Geschichtsunterricht teilweise krass rassistisch ist, die Kolonialzeit fast schon verharmlost wird. Das sind alles so Sachen, wo ich denke: Lasst uns doch endlich mal darüber reden.

Mir hat Diversität bei Themen und auch bei Moderator*innen gefehlt

Du redest im Netz über Feminismus. Was hat dich motiviert, in die Öffentlichkeit zu gehen?

Ich glaube, mehrere Sachen. Einerseits bin ich irgendwie auch eine Rampensau, sonst würde ich mich nicht so präsentieren. Andererseits hat mir Diversität bei Themen und auch bei Moderator*innen gefehlt. Deutschland ist ein Land mit Migrationsgeschichte, und ich möchte diese Menschen sehen. Für mich hat es sich immer falsch angefühlt, wenn in irgendwelchen Talkshows weiße, männliche Experten darüber geredet haben, was Rassismus ist, ob es ihn überhaupt gibt, und wie ich als schwarzer Typ damit umzugehen habe. Ich wollte das selber machen.

Lies mehr darüber, wie Tarik Content Creator wurde im 2. Teil des Interviews.

Das Beitragsbild ist übrigens von Kristina Kast

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Annekathrin Walther

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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