Feminist und Content Creator Tarik Tesfu im Interview – Teil 2

13.11.2018
Words by Annekathrin Walther
Tarik Tesfu

Eine bessere Welt – das wär doch was. Aber wie? Wer angesichts dieser Frage nur noch spöttisch die Ohren anlegt oder sowieso schon den Kopf in den Sand gesteckt hat, sollte sich mit Tarik Tesfu unterhalten. Im Interview spricht der Content Creator und Feminist über seine Arbeit und Ziele und erklärt, warum er den Feminismus für ein erstklassiges Fundament hält, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Wieso ist für dich Video die richtige Form?

Wenn man viel seine Meinung preisgibt, dann macht es Sinn, dass man auch sichtbar ist. Ich verstehe mich nicht so sehr als klassischen Journalisten und nehme – zumindest wenn ich meine eigenen Videos mache – auch nicht die absolute Objektivität für mich in Anspruch. Auch bei Jäger & Sammler sage ich meine Meinung, nur muss da ganz deutlich gemacht werden, wann ich Fakten präsentiere und wann ein Kommentarpart kommt, da es sich ja um ein journalistisches Format handelt.

Standest du schon vor der Kamera, bevor du mit deinem eigenen Format angefangen hast?

Nein, nie. Ich wollte immer zum Fernsehen und dort als Redakteur journalistisch arbeiten. Ich habe dann auch bei einer Produktionsfirma gearbeitet und irgendwann mal meinen beiden Chefinnen dort in betrunkenem Zustand erzählt, dass ich doch unbedingt vor die Kamera müsste. Vorher saß ich am Teleprompter wie Irmchen im Eck und dachte mir, die machen das schon cool, aber das kann ich doch auch. Und meine Chefinnen haben dann gesagt: Pass auf, schreib uns einfach mal auf, was dieses Genderding sein könnte. Das habe ich gemacht und kam damit in einen Konzeptvorschlag für den WDR. Das Format ist aber nie zustande gekommen. Meine beiden Chefinnen waren aber so cool, dass sie meinten: Versuchs doch trotzdem. Und eine von den beiden hat mir von einem Förderprogramm der Film- und Medienstiftung NRW erzählt. Damals habe ich noch in Köln gewohnt.

Was war das für ein Förderprogramm?

Die Film- und Medienstiftung NRW wollte zehn Onlineformate von Leuten fördern, die vorher noch nichts online gemacht hatten. Da habe ich mich beworben und bin einer der zehn Teilnehmer*innen geworden. So konnte ich dann ein halbes Jahr meine Videos produzieren.

Du sagst, du hast bei einer Produktionsfirma gearbeitet. Hast Du vorher eigentlich studiert oder eine Ausbildung gemacht?

Ich habe Medienwissenschaft studiert. Und vorher hatte ich eine Ausbildung zum Erzieher gemacht.

Es ging schon los mit dem Ungleichgewicht: Was darf das eine, was darf das andere Geschlecht und was darf man nicht.

Inwiefern haben dich diese beiden Ausbildungen geprägt?

Während meiner Ausbildung zum Erzieher habe ich mich das erste Mal bewusst mit feministischen Themen auseinandergesetzt. Ich glaube, ich war immer schon Feminist, hatte aber lange keinen richtigen Namen dafür. In der Kita, in der ich Praktikum gemacht habe, wurden Jungen und Mädchen unterschiedlich behandelt. Es ging schon los mit dem Ungleichgewicht: Was darf das eine, was darf das andere Geschlecht, und was dürfen sie jeweils nicht. Es ist ja immer wichtiger, was man nicht darf.

Wie hat sich das Ungleichgewicht geäußert?

Wenn die Jungen geweint haben, wurden sie weniger getröstet als die Mädchen. Wenn Jungs in der Puppenecke gespielt haben oder Mädchen mit einem Bagger, wurde es immer kommentiert. Es war nicht so: Da spielt einfach ein Kind mit Puppen oder mit was auch immer. Es hat mich genervt, dass das permanent thematisiert wurde. Während der Ausbildung habe ich auch mal einen Vortrag zum Thema gendersensible Erziehung gehalten. Für die Recherche bin ich in die Kinderabteilungen bei H&M und C&A gegangen. Was da los ist, ist wirklich abartig.

Das Problem beginnt, wenn der Junge auf die andere Seite will oder das Mädchen auf die andere Seite. Und wenn es Menschen gibt, die auf gar keine Seite wollen.

Inwiefern?

Insofern, dass zwei Seiten kreiert werden. Wenn eine Gesellschaft so sehr Lust auf zwei Seiten hat, ist das erstmal noch kein Problem. Das Problem beginnt, wenn der Junge auf die andere Seite will oder das Mädchen auf die andere Seite. Und wenn es Menschen gibt, die auf gar keine Seite wollen. Was sollen die anziehen?

Wieso bist du dann auf Medienwissenschaft umgeschwenkt?

Während der Ausbildung habe ich gemerkt, dass der pädagogische Bereich noch nicht das Richtige für mich war. Ich war selber noch viel zu sehr auf der Suche und fand es komisch, anderen Menschen zu helfen, wenn ich für mich selber noch gar nicht wusste, wo die Reise hingeht. Weil ich ja immer zum Fernsehen wollte, bin ich dann nach Wien gezogen und habe dort Publizistik und Medienwissenschaft mit Zweitfach Gender Studies studiert.

Und darüber bist du dann bei der Produktionsfirma gelandet?

Genau. Das Studium hat total Sinn gemacht, auch wenn ich es – wie ich immer sage – “selbstbestimmt beendet” habe. Andere sagen “abbrechen”. Das war bei mir ein langer Prozess: Ich habe als Praktikant bei der Produktionsfirma angefangen und war dann innerhalb von einem Jahr Jungredakteur, Redakteur und am Ende Projektleitung. Ich hätte nicht mehr lange studieren müssen, aber damals wirkte es auf mich so, als würde ich zum Studium zurückgehen, nur um dann wieder als Praktikant irgendwo anzufangen.

Ich wollte nichts mehr produzieren, wo ich nicht dahinterstehe.

Und dann kamen deine eigenen Videos.

Mein Werdegang hat erst so richtig Sinn gemacht, als ich 2015 mit meinen Videos angefangen habe. In der Produktionsfirma bin ich teilweise an Grenzen gestoßen. Zum Beispiel hatte ein Rapper ein – wie ich fand – extrem sexistisches Video. Ich war der Redakteur, der das mit einer Cutterin schneiden sollte. Ich hatte überhaupt keinen Bock, sowas zu schneiden. Da habe ich gemerkt, dass Freiberuflichkeit für mich wichtig ist, wenn ich es mit meinen Videos ernst meine. Ich wollte nichts mehr produzieren, wo ich nicht dahinterstehe.

Mittlerweile lebst du komplett davon. Hättest du gedacht, dass das mal gehen würde?

Ich habe es natürlich arg gehofft. Aber es sah nicht immer so aus. Nachdem ich in Köln die Förderung hatte, bin ich 2016 nach Berlin gezogen und habe mir ein Jahr gegeben. Es war klar, wenn es innerhalb eines Jahres nicht klappt, muss ich mich wieder anstellen lassen. In dem Jahr habe ich mich dann krass vernetzt, war auch schon mit dem Missy Magazine verknüpft, habe hier und da mit Leuten etwas zusammen gemacht. Und nebenbei gekellnert. Nach einem Jahr haben dann Jäger & Sammler angeklopft, und seitdem bin ich ganz gut aufgestellt.

Es ist krass, dass ich sagen darf: Ich habe keinen Bock auf diesen Job, also mache ich jetzt was anderes.

Der Plan ist also aufgegangen. Wie empfindest du das?

Es ist ein Privileg. Es ist krass, dass ich sagen darf: Ich habe keinen Bock auf diesen Job, also mache ich jetzt was anderes. Das fühlt sich gut an, aber manchmal denke ich mir: Wie viele Menschen können das nicht? Wie viele Menschen müssen jeden Tag zu einem sexistischen Chef oder einer rassistischen Chefin, einfach weil sie den Job brauchen. Ich bin Single, ich habe keine Kinder, ich kann mir einfach auch mehr Risiko leisten. Das ist schön, aber gesellschaftlich betrachtet auch unfair.

Lies mehr über Tariks Ziele und seinen Umgang mit Hass ab dem 14. November im Netz im 3. Teil des Interviews.

Das Beitragsbild ist übrigens von Kristina Kast auf Instagram

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Annekathrin Walther

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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