Interview: Helena Reich zwischen Karriere und Freizeit

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: PR
Helena Reich im Monda-Interview
Helena Reich hat mit Anfang 20 den Weg in die Selbstständigkeit gewagt. Doch wie geht die PR-Agentur-Chefin und Gründerin eines Schmucklabels mit Zweifeln um, und wie organisiert sie ihren stressigen Alltag? Im zweiten Teil des Karriere-Interviews verrät sie es.  
 

Hattest du jemals starke Zweifel in Bezug auf die Selbstständigkeit?

Die habe ich bis heute. In den ersten zwei Jahren nach der Agenturgründung habe ich regelmäßig gezweifelt. Vor allem, nachdem sich der erste Kunde wieder verabschiedet hatte. Ich dachte, meine ganze Welt bricht zusammen. Und jetzt habe ich das auch noch manchmal. Vor allem, wenn es super stressig wird, frage ich mich schon, wofür ich das Ganze überhaupt mache. Es ist natürlich einfacher, sich anstellen zu lassen. Doch auf der anderen Seite weiß ich auch, dass mich die Arbeit tagtäglich inspiriert. Ich brauche diese vielen Themen und Herausforderungen, und daher wäre es nie eine Option aufzugeben. Doch Zweifel hat jeder mal – ich glaube, das gehört dazu. 

Manchmal spüre ich diesen starken Druck, der mich total aufwühlen kann, doch ich musste mit der Zeit auch lernen, damit umzugehen.

Was machst du in solchen Momenten?

Ich brauche dann schon einen Moment für mich allein und bin dann auch mal traurig. Ich würde sagen, dass ich von 365 Tagen im Jahr inzwischen an 360 super gerne und motiviert ins Büro gehe. Und an den übrigen 5 Tagen würde ich mir lieber die Decke über den Kopf ziehen und im Bett bleiben. Dann bin ich auch schon mal den Tränen nahe. Vor allem, wenn ich irgendetwas nicht geschafft oder ein Ziel nicht erreicht habe. Manchmal spüre ich diesen starken Druck, der mich total aufwühlen kann, doch ich musste mit der Zeit auch lernen, damit umzugehen. Je länger ich dabei bin, desto leichter fällt mir das.

Wenn es um das Business geht, ist es vermutlich die größte Herausforderung, nicht alles immer so persönlich zu nehmen.

Definitiv. Doch es fängt auch schon im Büroalltag an. Es gibt so viele Situationen, in denen ich meinen Mitarbeitern Ansagen mache, die ich aber absolut nicht persönlich meine. Ich kann auch richtig genervt sein, wenn Dinge nach einer bestimmten Zeit immer noch nicht umgesetzt sind – doch hier trenne ich die Arbeitsangelegenheit von der Persönlichkeit. Immerhin habe ich die Leute eingestellt, weil ich davon überzeugt bin, dass sie absolut fähig sind und ich sie überdies auch menschlich sehr schätze. Jeder hat mal einen schlechten Tag – so wie ich auch.

Einer meiner Geschäftspartner bei SO COSI ist ein Schulfreund von mir, und wir telefonieren manchmal privat und manchmal geschäftlich. Früher konnten wir das wirklich schlecht trennen. Um einen klaren Schnitt zu machen, haben wir nach dem Geschäftstelefonat einfach aufgelegt und uns wenige Sekunden später wieder angerufen, um dann ins Private überzugehen. So können wir Dinge gut trennen und nehmen das ein oder andere harsche Wort nicht persönlich.

Es bringt mir nichts, wenn ich mich ständig mit einer Person austauschen muss, die mir absolut unsympathisch ist.

Wer in seinem Business erfolgreich sein will, braucht Kontakte. Wie pflegst du diese Verbindungen?

Klar bemühe ich mich um Kontakte, aber ich bin der Meinung, dass man sich immer Kontakte suchen sollte, mit denen man auf einer Wellenlänge ist. Es bringt mir nichts, wenn ich mich ständig mit einer Person austauschen muss, die mir absolut unsympathisch ist. Wenn man sich mag, dann läuft das von ganz allein. Man möchte die Person kennenlernen, sich mit ihr über die täglichen Arbeitsthemen austauschen und vielleicht auch auf eine persönlichere Ebene kommen. Wenn man den Vibe nicht hat, dann versuche ich eher, einen Bogen um die Person zu machen, als mich auf Zwang zu connecten. In meinem engen Netzwerk sind inzwischen sehr gute Freunde von mir. Bei mir ist die Arbeitswelt von der privaten Welt kaum noch zu unterscheiden. 

Und wie gehst du mit Kontakten um, die vielleicht gerade wichtig sind für dein Unternehmen, mit denen du aber nur bedingt klarkommst?

Derartige Situationen hatte ich schon sehr oft, und es ist nie gut gegangen. Das funktioniert kurzfristig, doch wenn du einen Kunden halten willst, muss die Chemie stimmen. Bestenfalls habe ich den Kunden am Ende mehrere Jahre und jede Woche mehrmals Kontakt. Wenn es dann in der Kommunikation schlecht läuft, dann macht das alles keinen Spaß und ist für beide Seiten nicht zielführend. Damit meine ich nicht, dass man immer beste Freundinnen oder beste Freunde sein muss, aber man sollte sich auf einer angenehmen und respektvollen Ebene begegnen.

Wie bist du so als Vorgesetzte?

Ich glaube, dass ich relativ entspannt bin, aber ich kann auch sehr plötzlich sehr streng sein. Wenn sich beispielsweise ein Kunde meldet, der nicht zufrieden ist, dann kann das bei mir ganz schnell umschlagen, aber wie ich bereits meinte, so etwas meine ich nie persönlich. Doch man muss mit dieser direkten und forschen Art auch umgehen können. Ganz grundsätzlich ist mir super wichtig, dass eine gute Stimmung im Büro herrscht. Ich mag mein Team wirklich gern und bin täglich glücklich von den Mädels umgeben zu sein. Das sorgt auch dafür, dass wir ein freundschaftliches Verhältnis pflegen und uns auf Augenhöhe bewegen. Ich wertschätze auch jede Meinung und man kann mir auch gern mal den Spiegel vorhalten – Respekt und Ehrlichkeit sind wichtig.

Schmucklabel SO COSI
Mit einer selbst designten Kette für eine Freundin nahm alles seinen Lauf…

Lass uns noch mal über SO COSI sprechen. Du hast eine Kette für deine Freundin designt, und daraus ist dein Business entstanden. Schon wieder ziemlich mutig, oder?

Ich muss dazu sagen, dass mein Kindheitsfreund, Chris Rauschmayer, Geschäftsführer einer sehr großen Trauringfirma in Deutschland ist und daher die Nähe zum Schmuck schon da war. Als dann alle nach der Kette von meiner Freundin gefragt haben, habe ich ihn gebeten, mir noch 20 davon zu machen. Er sagte, diese Stückzahl könne er nicht machen, es müssten mindestens 100 Schmuckstücke sein. Er bat mich dann auch darum, mir eine ganze Kollektion zu überlegen. Zu Beginn war es von ihm als eine Art Scherz gemeint. Doch zwei Wochen später habe ich ihn wieder angerufen und zu ihm gesagt, dass ich jetzt Schmuckdesignerin würde, woraufhin er sich totgelacht hat. Allerdings habe ich ihm dann auch direkt einen Businessplan vorgelegt – der hat ihn überzeugt. Zwei Monate später sind wir mit dem Unternehmen offiziell gestartet.

Zu Beginn hat uns auch der Presseboom geholfen, und bekannte Gesichter wie Lena Gercke haben uns getragen – das war wirklich ein Segen und hat uns zu einem fulminanten Start verholfen.

Hört sich ganz so an, als hätte der Zufall mal wieder zugeschlagen.

Bei mir ist wirklich nichts geplant. Hier spielt mir meine zuversichtliche Art vermutlich wieder in die Karten. Ich habe letztens in einem Vorwort einer Frauenzeitschrift so etwas gelesen wie: »Wer nicht lächelt, wird nicht angelächelt. Wer nicht spricht, wird nicht gehört.« Davon bin ich überzeugt, und diesen Spruch lebe ich unbewusst schon mein ganzes Leben lang. Ich gehe immer mit einem Lächeln und offen an die Dinge heran.

Designst du die Schmuckstücke eigentlich selbst?

Ich kann gar nicht zeichnen (lacht). Wir haben eine Designerin, der ich meine Ideen erkläre und der ich Beispiele sende. Anschließend schickt sie mir eine technische Zeichnung. Daraus entsteht dann eine 3D-Zeichnung, mit der sich das Produkt genau betrachten lässt. Dann gibt es eine Guss-Form, ein Sample, diesen nehme ich ab bzw. verändere daran noch Kleinigkeiten am Design, und danach geht das Ganze in die Produktion. Alles in allem liegen wir dann am Ende zwischen zwei und fünf Monaten, bis der Schmuck für die Kundin bereit ist. 

Wie organisierst und strukturierst du dich?

Ich habe einen Zehnjahresplan, aber ich kann zu 100 Prozent sagen, dass ich mit dem Plan in zehn Jahren nicht dort sein werde, wo ich jetzt hin möchte, sondern dass ich dahin gehe, wo mich der Weg hinführt. Wenn ich merke, da öffnet sich gerade eine Tür für mich, dann werde ich sie nicht wieder zuschlagen, nur weil ich eigentlich einen anderen Plan hatte. Ich würde nie krampfhaft an etwas festhalten. Damit stehen sich viele Menschen selbst im Weg. Und viele Gründergeschichten sind nicht aus einer absoluten Planungswut heraus entstanden. Die Gründer von Paul Hewitt sind ein gutes Beispiel: Die haben mit Krawatten und Manschettenknöpfen angefangen. Und heute verkaufen sie zu 70‐80 Prozent an Frauen. Struktur und Planung ist wichtig, aber ich finde es auch wichtig mit dem Flow zu gehen.

Ist ein Zehnjahresplan auch etwas, was du Menschen empfehlen würdest, die kein eigenes Business gründen wollen?

Ja, auf jeden Fall. Ich sage das auch immer all meinen Freunden, die gerade in einer Findungsphase stecken, und frage: Wo willst du denn in zwei, fünf und in zehn Jahren sein? Da fließen private und berufliche Sachen mit ein. Häufig geht es auch um Kernentscheidungen wie: möchte ich eine Familie gründen oder möchte ich keine Familie gründen? Möchte ich in der Stadt oder will ich auf dem Land leben? Das sind auch alles Fragen, die den beruflichen Weg beeinflussen und prägen können. Ich finde es wichtig, dass man sich einmal darüber Gedanken macht und für sich erkennt, was einen ganz persönlich glücklich macht. Diese Eckdaten müssen stimmen, und alles andere kann sich dahingehend fügen.

Ich lasse meine Freundinnen gerne Listen machen. Meine Lieblingsliste ist diese: »Was mache ich nicht so gern aka was kann ich nicht so gut?« – »Was kann ich richtig gut aka was mache ich auch richtig gerne?« Denn häufig sind es die Dinge, die du richtig gerne machst, in denen Du dann überragend bist. So habe ich auch ganz viel über mich persönlich gelernt. Manchmal werden die offensichtlichsten Dinge einem selbst erst klar, wenn man sich hinsetzt und sie sichtbar werden lässt. Diese Listen lasse ich schreiben und werte sie dann gemeinsam mit meinen Freunden aus. Ich möchte auch irgendwann Psychologin werden (lacht). 

Ich habe tatsächlich auch schon mal darüber nachgedacht, eine Art moderne Beratungshotline zu verwirklichen, bei der sich Menschen einfach die Sorgen von der Seele reden können.

 Ist das schon in deinem aktuellen Zehnjahresplan untergebracht?

Bisher reicht es nur zur Hobbypsychologin. Aber irgendwann würde ich gern Psychologie studieren und »Küchenpsychologin« werden. Ich backe Kuchen und lade die Leute zu mir ein. Ich habe tatsächlich auch schon mal darüber nachgedacht, eine Art moderne Beratungshotline zu verwirklichen, bei der sich Menschen einfach die Sorgen von der Seele reden können. Daraus ist bisher leider nichts geworden. Aber der Plan steht (lacht).

Welcher deiner Jobs nimmt dich mehr in Anspruch?

Ich schätze, 80 Prozent meiner Arbeit fließen in die Agentur und 20 Prozent in das Schmucklabel. Ich arbeite definitiv mehr für die Agentur. Das liegt aber vor allem daran, dass wir bei SO COSI mehrere Gesellschafter sind und die Logistik inzwischen bei einem der anderen Gesellschafter liegt und auch der Vertrieb zum Teil ausgelagert ist. Es handelt sich also um eine Struktur, bei der nicht alles nur an mir hängt.

Und wie organisierst und strukturierst du dich ganz konkret in deinem Arbeitsalltag?

Mein absolutes Lieblingstool ist Jira – ein Projektmanagement‐Tool. Das ist meine große Liebe im Arbeitsleben. Ich könnte wirklich nicht überleben ohne Jira, und ich bin auch richtig streng damit bei meinem Team. Wenn dort alles korrekt eingetragen ist, kann auch wirklich nichts passieren. Das Tool hat auch eine Reminder‐Funktion, die ich nutze und über die ich sehr dankbar bin. Ich mache mir aber dennoch immer täglich noch einen extra To‐do‐Zettel mit den allerwichtigsten Sachen. Denn um ehrlich zu sein, bin ich ziemlich chaotisch, deshalb möchte ich auch, dass mein Team super strukturiert ist – quasi um meine Schwäche auszugleichen. So sollte das in einem guten Team laufen ‐ jeder hat seine Stärken und gleicht damit Schwächen eines anderen Teammitgliedes aus.

Was tust du neben deinen Jobs für deine Work‐Life‐Balance?

Ich gehe sehr viel zum Sport. Ich mache ein HIIT‐Training und gehe zum Yoga, selten auch zur Meditation, und ich koche und backe sehr gerne. Backen ist für mich meditativ. Außerdem verbringe ich gerne Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden ‐ verreise gerne mit ihnen oder sitze mit ihnen in der Sonne, um zu quatschen und über das Leben zu philosophieren.

Und nun wirf doch bitte noch einmal einen Blick auf deine bisherige Karriere: Würdest du wirklich alles noch einmal genauso machen?

Ja, würde ich. Aber ich würde mein Studium ein bisschen relaxter sehen. Ich gehöre zu einer Generation, die geglaubt hat, dass man den perfekten Lebenslauf haben muss, um erfolgreich zu sein. Ich habe wirklich sehr viel dafür getan und sehr viele Praktika gemacht. Heutzutage würde ich das alles entspannter sehen – was sich natürlich im Nachhinein leicht sagen lässt. Es gab sicher Momente, die nicht perfekt waren oder perfekt gelaufen sind, aber am Ende bin ich jetzt sehr zufrieden, und wenn das der Weg war, den ich gehen sollte, dann war es der Richtige. Jede harte Situation und vor allem jede Niederlage lässt dich reifen – ich bereue nichts.

Zurück zu Teil eins des Interviews…

Helena Reich: »Das einzige, was du brauchst, ist Mut!«

Mit Anfang 20 hat Helena Reich ihren festen Job gekündigt, um sich selbstständig zu machen. Heute ist sie nicht nur erfolgreiche Chefin einer PR-Agentur, sondern auch die Gründerin eines bekannten Schmucklabels. Im Interview hat sie uns verraten, wieso es ihr so gar nicht schwerfiel, der Festanstellung den Rücken zu kehren, und wie sie ihren Alltag zwischen zwei Unternehmen meistert. 
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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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