Im Gespräch mit Tatjana Patitz über Stil und das Schöne am Altern

16.08.2018
Words by Jana Ahrens

Es gibt ein paar ikonische Modebilder aus den 90er Jahren, die werden nie an Kraft verlieren. Noch heute zieren sie die Wände von Jugendzimmern oder hängen gerahmt in den Wohnungen Kunst- und Modebegeisterter. Auf einigen dieser Bilder ist immer wieder eine Frau zu sehen, die auch heute nichts von ihrer eindrucksvollen Ausstrahlung verloren hat: Tatjana Patitz. Einst in einer Model-Crew mit Cindy Crawford, Naomi Campbell, Linda Evangelista und Claudia Schiffer als “Big Five” wahrgenommen, ist sie heute ganz eigenständig eine Inspiration zu Themen wie dem gelassenen Umgang mit dem Altern, Naturverbundenheit und Natürlichkeit. Wir haben mit ihr über all diese Themen gesprochen.

Shooting Tatjana Patitz
Jana Ahrens, Monda Editor-in-Chief, im Gespräch mit Tatjana Patitz / Bildquelle: Philipp Romer / Hair&Make-up: Uli Wissel / Styling: Rebecca Still

Nach all den Erfahrungen, die du in der Modebranche sammeln konntest: Was ist für dich guter Stil?

Ich finde, Stil ist vor Allem etwas ganz Persönliches. Menschen haben dann einen guten Stil, wenn sie ihn nutzen, um ihre Persönlichkeit auszudrücken. Dann kommt es auch darauf an, wo man lebt. Die Umgebung prägt den Stil mit.

Das würde heißen: Stil ist auch fluide?

Ja und nein. Man hat natürlich immer einen Draht zum eigenen Stil. Aber was ich meine, ist: Paris prägt die Wahrnehmung anders als Los Angeles. Ein Leben auf dem Land lässt mich meinen Stil anders ausdrücken, als ein Leben in der Stadt. Ich merke das auch. Wenn ich reise, dann ziehe ich mich nicht unbedingt komplett anders an, aber ich variiere meinen Stil, um mir treu zu bleiben. Vielleicht trage ich schickere Schuhe, statt Sandalen, damit meine Persönlichkeit im anderen Kontext erhalten bleibt.

Viele Stilelemente, die zu Beginn deiner Karriere im Trend waren, kommen zurzeit zurück. Gibt es da Elemente, die du für dich wiederentdeckst? Die du gerne magst?

Ja, auf jeden Fall. Zum Beispiel die 501 Levis Jeans. Von denen habe ich noch einen ganzen Stapel von damals. Aber so andere Sachen, das ganz Bunte, aus der Zeit? Ich bin nicht so ein super bunter Mensch. Im Sommer vielleicht ein bisschen, aber wenn, dann mag ich Basic Colors. Naturfarben, oder Bluejeans und verschiedene T-Shirts. Auch Muster sind nicht so mein Ding. Ich mag es ruhig. Vielleicht kann man das klassisch nennen? Bei mir darf es lieber ein weißes Hemd sein, statt Multicolor-Muster. Auch wenn die gerade wieder im Trend sind.

Shooting Tatjana Patitz
Tatjana Patitz: “Ich mag es ruhig.” / Bildquelle: Philipp Romer / Hair&Make-up: Uli Wissel / Styling: Rebecca Still

Es gab dieses ikonische Bild am Strand mit den anderen Models zusammen in weißen Hemden. Das entspricht dir schon sehr, oder?

Ja, ich habe viele weiße Hemden im Schrank. (lacht). Enge Kleider und hohe Hacken, das ist nicht so mein Ding. Auch weil ich so groß bin. Ich trage lieber Hosen, Blazer und flache Schuhe. Ich mag auch das Maskuline. Ich finde das schön, wenn eine Frau ein bisschen maskulin angezogen ist. Das kommt ja jetzt auch wieder zurück: diese Men-Suits für Frauen. Der Kontrast zwischen feminin und maskulin in einem Look, das passt sehr gut zusammen.

Haben die Kreativen, mit denen du gearbeitet hast, deinen Blick auf die Welt geprägt?

Was ich an all diesen Menschen sehr schätze, ist, dass sich die Arbeit mit ihnen nie inszeniert anfühlte. Sie haben sich immer darauf konzentriert, die natürliche Schönheit hervorzubringen. So macht Peter Lindbergh das und auch Herb Ritts hat das früher so gemacht. Aber dann kamen auch Phasen, die anders liefen. Die British Vogue hatte immer eine klare Idee: Wir machen jetzt diese eine, ganz bestimmte Story. Darauf mussten wir uns einstellen. Aber diese Fotografen haben immer dafür gesorgt, dass die Persönlichkeit der Frauen oder Mädchen erhalten blieb.

Hast du Vorbilder?

Oh, da hat sich über die Jahre eine ganze Liste angesammelt. Ich habe mich durch Filme, Bücher, Musik inspirieren lassen und kann jetzt nicht explizit eine Person rausgreifen. Ich glaube, dass wir über die Eindrücke, die wir in unserem Leben sammeln und dadurch, dass wir uns mit anderen austauschen, erst so richtig zum Mensch werden. Gerade lese ich ein Buch, das mir eine Freundin empfohlen hat. Es heißt “The hidden life of trees”. Das beeindruckt mich sehr. Allerdings habe ich früher viel mehr gelesen. Seit ich Mutter geworden bin, verbringe ich eher Zeit mit meinem Sohn, wenn ich mal nicht so viel zu tun habe. Oder ich fahre zu den Pferden. Die sind auf einer Ranch circa 50 Minuten mit dem Auto von unserem Haus entfernt. Da fahre ich so vier- bis fünfmal die Woche raus.

Shooting Tatjana Patitz
Tatjana Patitz: “Seit ich Mutter geworden bin, verbringe ich eher Zeit mit meinem Sohn, wenn ich mal nicht so viel zu tun habe.” / Bildquelle: Philipp Romer / Hair&Make-up: Uli Wissel / Styling: Rebecca Still

Bist du da dann richtig auf dem Land?

Ja, da kann ich in die Natur ausreiten, oder auch in der Arena Übungen mit den Pferden machen. Das ist wirklich schön. Die Gegend dort – Santa Ynez – hat so eine großzügige Weite. Man sieht die ganzen Berge als Panorama. Natur ist für mich ganz wichtig.

Das heißt, Altern ist etwas, was sich für dich gut anfühlt? – Ja natürlich! Ja.

Welchen Ratschlag würdest du der 17-jährigen Tatjana gerne für ihre Karriere mit auf den Weg geben.

Wo soll ich anfangen? (lacht.) Das sind sehr viele. Ich könnte ein Buch schreiben für sie: Mach dies nicht, mach das nicht und hör sofort damit auf!

Also gibt es auch nicht so eine Sache, die da hervorsticht?

Nein, wenn man in diese ganze Welt eintaucht – diese Zeit der Teenage-Angst, in der wir so fragil sind, da möchte ich nie wieder hin zurück.

Das heißt, Altern ist etwas, was sich für dich gut anfühlt?

Ja natürlich! Ja.

Hat sich die Art der Jobs, die du annimmst, dadurch über die Jahre verändert? Wie entscheidest du das heute?

Meine Agenten kennen mich inzwischen wirklich gut. Und die geben mir Tipps, sagen beispielsweise: “Diese Marke würde ganz gut zu dir passen – was denkst du?” Aber es kommen nur noch sehr selten so richtig wahnsinnige Anfragen, bei denen ich mich wundere und sage: Das geht gar nicht. Was ich darstelle und wer mich anfragt, das hat sich über die Jahre einfach synchronisiert. Da hilft es, dass ich schon so lange in diesem Job bin.

Shooting Tatjana Patitz
Tatjana Patitz: “Was ich darstelle und wer mich anfragt, das hat sich über die Jahre einfach synchronisiert.” / Bildquelle: Philipp Romer / Hair&Make-up: Uli Wissel / Styling: Rebecca Still

Was macht dich so richtig glücklich?

Wenn es meiner Familie und meinen Tieren gut geht. Reisen, Natur, Neues entdecken und natürlich meine Pferde. Ich reise auch privat viel. Manchmal muss ich auch einfach nur mit dem Auto ein paar Stunden einen Ausflug machen, um Abwechslung vom Alltäglichen zu bekommen. Aber ich habe auch eine Liste von Orten, zu denen ich noch reisen will.

Das heißt auf der Liste sind nicht nur Trips durch die USA?

Nein, ich will noch Vieles in Asien sehen. Aber auch Afrika steht ganz oben auf meiner Reiseliste. Als ich 17 Jahre alt war, habe ich drei Wochen in Kenia gearbeitet. Aber das war die pure Verschwendung, weil ich so jung war. Ich konnte das noch nicht wertschätzen und dachte eher sowas wie: Puh ist das heiß hier, ich will woanders hin. (lacht.)

Man hat eben andere Prioritäten mit 17 Jahren.

Genau, deswegen heißt es auch: Youth is wasted on the young. Man weiß oft gar nicht, was einem da gerade entgeht. Ich möchte aus heutiger Sicht immer sagen: Was du jetzt gerade siehst, ist ganz fantastisch! Und die Jugend ist so: Yea, whatever! Das sehe ich auch mit meinem Sohn. Der ist 14 Jahre alt und da denke ich auch oft: Oh ja, so war ich auch mal drauf. Aber so ein Rückblick hilft dann auch, den Jüngeren gegenüber großzügig zu sein. Das nehme ich sehr locker.

Apropos “locker nehmen”. Mode versucht zurzeit, nicht mehr so ernst daher zu kommen. Das zeigt sich auch daran, dass Messaging Shirts jetzt salonfähig werden. Ist das eine Form von Humor, die dir etwas sagt?

Bei manchen dieser Sprüche ist es ganz gut, dass wir uns daran erinnern. “Love never fails” ist einer von denen. Diese Form der Darstellung ist dann eine gute Möglichkeit der Erinnerung. Mode hat aber auch einfach seine periodischen Wiederholungen. Wenn dann eine Phase kommt, in der ich denke: “Was ziehe ich jetzt eigentlich an? Die Trends sind komisch”, dann sage ich mir immer: “Abwarten, das geht auch vorüber.”

Wie wichtig ist Mode in deinem Leben, wenn du mal nicht vor der Kamera stehst?

Ich bin nicht so jemand, der zwei Stunden vor dem Kleiderschrank steht und versucht hier oder da noch etwas zu optimieren. Das muss alles lässig bleiben. Aber Santa Barbara ist auch nicht sehr modisch. Da kann ich wirklich anziehen, was ich möchte. (lacht)

Bist du deshalb nach Santa Barbara gezogen? Weil es ein bisschen mehr „laid back“ ist?

Ich bin eigentlich nach Santa Barbara County gezogen, weil Malibu zu “schischi” geworden ist. Auch in Bezug auf die Pferde. Das ist da jetzt alles sehr eingeschränkt. Es hat sich mehr und mehr zerdrückt, es gibt immer mehr Einschränkungen, beispielsweise dazu, wo und wie geritten werden darf. Ich wollte mehr Raum haben, mehr Normalität, auch für meinen Sohn. Das funktioniert in Santa Barbara fantastisch.

Shooting Tatjana Patitz
Tatjana Patitz: “Ich wollte mehr Raum haben, mehr Normalität, auch für meinen Sohn. Das funktioniert in Santa Barbara fantastisch.” / Bildquelle: Philipp Romer / Hair&Make-up: Uli Wissel / Styling: Rebecca Still

Gibt es dort mehr nachbarschaftliche Verhältnisse?

Ja, es ist irgendwie normaler. Es hat nichts mit Hollywood zu tun. Man kann dort natürlich auch durch Freundschaften Menschen aus der Filmwelt kennenlernen. Aber das ist nicht so wie in Los Angeles. Es ist weniger Business und viel mehr ein normales, gesundes Leben.

Aber irgendwie zieht es dich auch ab und an noch mal nach Europa zurück. Liegt das auch am Reisefieber?

Sicherlich. Aber ich brauche auch regelmäßig eine Europa-Infusion. Manchmal wird es mir in den USA zu amerikanisch. Ich fühle mich in den USA noch immer als Europäerin. Aber ich reise auch gern. Es ist dann schön hier zu sein und fühlt sich dann auch wieder gut an in die USA zurückzukehren.

Du hast dich auch immer sehr für Umweltschutz eingesetzt. Hast du in der Natur um Santa Barbara das Gefühl, dass die Welt da noch in Ordnung ist?

Kalifornien ist generell progressiver. Dort ist Umweltschutz ein großes Thema. Aber ich habe auch in meinem Umfeld erlebt, wie katastrophal das war, als der neue Präsident gewählt wurde. Alle, die ich kenne, sind verzweifelt. Auch unabhängig vom Naturschutz: Wir leben mit einer großen lateinamerikanischen Community. Da gibt es jetzt eine echte Krise. Aber viele Leute kämpfen und sagen: Jetzt erst recht! Es waren gerade die Midterm-Wahlen für den Staat Kalifornien, da lief schon vieles anders. Kalifornien ist aber auch manchmal wie ein eigener Planet. Die Ost- und die Westküste sind sich da relativ ähnlich. Und dann gibt es die Mitte der USA. Das ist es wie in einem ganz anderen Land. Da ist Umweltschutz oft gar kein Thema.

Bereist du diese Mitte auch manchmal?

Nicht so oft. Es gibt auch Staaten, in denen ich noch nie gewesen bin, wie zum Beispiel Oklahoma. Wyoming kenne ich und Montana und Idaho. Idaho ist sehr schön. Aber es ist auch geprägt von Mountain Men mit Baseball Caps, einer speziellen Ausdrucksweise und Gewehren in ihrem Pickup-Truck. Da denke ich schon manchmal: Wo bin ich hier und wie bin ich hierher geraten? Dabei ist das gar nicht weit von Portland und Oregon entfernt. Städte, die wiederum sehr progressiv sind. Die USA sind oft sehr gegensätzlich.

Arbeitest du auch viel in den USA?

Ein bisschen in New York, in Los Angeles fast nie. Es sei denn, jemand kommt aus Europa und hat dort ein Projekt.

Dann freuen wir uns, wenn du für viele, weiter Projekte nach Europa zurückkommst. Vielen Dank für das Interview.

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Jana Ahrens

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

1 Kommentar

  1. Georges Huberty

    Schneller Tipp: Oregon ist KEINE Stadt. Ansonsten cooler Artikel. Ich mochte die Patitz schon immer. Hat eine tolle Ausstrahlung

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