Ich bin eine Frau mit Klasse! Ich bin Lehrerin

Words by Bettina Witte
Photography: Element 5 Digital
Lehrerin
Wenn ich mich mit Freunden über die Arbeit unterhalte, erzählen sie manchmal, dass sie morgens bei der Arbeit erst einmal in Ruhe frühstücken. Dann muss ich schmunzeln. Sobald ich an meinem Arbeitsplatz eintreffe, stürme ich zum Kopierer.

Der Kopierer ist nur früh morgens nicht dauerbesetzt. Wenn ich dann alles kopiert habe, muss ich noch schnell mit verschiedenen Kolleginnen und Kollegen etwas absprechen. Wenn ich Glück habe, schaffe ich es dann noch, mir den ersten Kaffee hinunterzukippen. Meist reihe ich mich aber stattdessen direkt in den Strom der jungen Menschen ein, der in die Klassenräume fließt. Im Raum angekommen, sehe ich schon die ersten Schüler und Schülerinnen am Pult stehen. „Guten Morgen, Frau W.!“ – „Ich habe mein Heft nicht dabei!“ – „Kann ich Sie nochmal etwas fragen?“ – „Was machen wir heute?“ – „Waren Sie beim Frisör?“ – „Kann ich schnell auf die Toilette?“ – „Haben Sie den Test schon korrigiert?“

Schreibutensilien

JA, ICH HABE MICH FÜR DEN BERUF DER LEHRERIN ENTSCHIEDEN.

Es gibt immer wieder neue Situationen, die mich zum Lachen bringen. So sagte ein älterer Schüler kürzlich zu mir: „Sie erinnern mich an eine Figur aus Spiderman! Die Frau von Spiderman!“ Zu seinen Mitschülern: „Ich schwöre, sie sieht genauso aus…“ Als ich in einer jüngeren Klasse erzählte, dass ich heute aufgrund einer Konferenz noch länger in der Schule bleiben werde, fragten sie: „Die Konferenz der Tiere?“ Das bringt mich zum Lachen. Aber auch die Schüler lassen sich gern zum Lachen bringen. Zum Beispiel, wenn ein sehr junger Schüler sagt, dass er überlegt, seinen Führerschein zu machen, und ich antworte: „Du machst jetzt erstmal deine Deutschaufgaben!“ Oder wenn ein Schüler eine Frage hat und ich auf dem Weg zu seinem Tisch sage: „Na, jeder Gang macht schlank!“ und die Antwortet darauf lautet: „Sie sind doch schon perfekt.“ Das amüsiert meine Schüler ungemein. Häufig winken sie mir auf dem Hof schon von Weitem zu und rufen dabei meinen Namen. Das sind die Momente, in denen ich mir denke, dass das wirklich ein toller Job ist. Kein Tag ist wie der andere.

EIN KIND, EIN LEHRER, EIN STIFT UND EIN BUCH KÖNNEN DIE WELT VERÄNDERN

Manchmal frage ich mich, wie es wäre, in einem Büro zu arbeiten. Oder ich beobachte Menschen an den Supermarktkassen, in Restaurants und die, die in einem schicken Anzug zu ihrem nächsten Termin eilen. Jedes Mal denke ich mir: Das, was ich mache, ist wirklich völlig anders. Eine eigene kleine Welt. „Ich möchte ja heutzutage keine Lehrerin sein“, höre ich oft. „Haben die Kinder überhaupt Respekt vor so einer jungen Frau wie dir?“ Ich komme häufig in Situationen, in denen ich mich für meinen Beruf rechtfertigen muss.

Schulhof

LEHRER HABEN VORMITTAGS RECHT UND NACHMITTAGS FREI.

„Ihr habt doch immer früh Schluss und so lange Ferien.“ – „Unterricht vorbereiten? Schieb doch einfach einen Film rein.“ Ich habe aufgegeben, mich zu verteidigen. Ich habe mich bewusst für den Lehrerjob entschieden. Aus meiner Sicht gibt er weit mehr her, als auf den ersten Blick sichtbar wird. Lehrerin sein ist eine Tätigkeit, die eine hohe Verantwortung erfordert. Und dazu den Willen, nah an der Jugend zu bleiben, sie zu fördern und zu formen. Lehrer müssen die Geduld mitbringen, allen immer zuzuhören, mögen die Sorgen der Schüler und Schülerinnen auch noch klein sein.

LEHRERIN: TATSÄCHLICH NICHT MEINE ERSTE WAHL

Vor zehn Jahren konnte ich mir noch nicht vorstellen, als Lehrerin meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Doch in der Zwischenzeit ist viel passiert. Nach dem Abitur wollte ich Journalistin werden. Doch die Zusagen für Berlin – die Stadt, in der ich lebe – blieben aus. So versuchte ich mein Glück im wirtschaftlichen Bereich. Doch ich bemerkte schnell, dass ich hier nicht richtig war. Ich brach das entsprechende Studium ab. Als ich dann übergangsweise eine Aufgabe suchte, kam ich über einen Freund zufällig zu einem Praktikum an einer Schule. Ich merkte sofort, dass mir die Arbeit mit Kindern Spaß macht. So kam ich auf die Idee, mich erneut um einen Studienplatz zu bewerben: das Lehramt. Das klappte, und so ging es für mich in eine kleine Stadt im Norden. Nach sechs wunderbaren Jahren an der Uni arbeitete ich erst als Vertretungslehrerin und ging dann für mein Referendariat zurück in meine Heimat, Berlin. Ich lernte schnell, dass Praxis und Theorie ziemlich weit auseinanderliegen. Das Referendariat ist eine stressige Zeit – die härteste – auf dem Weg zur fertig ausgebildeten Lehrerin. Das sagen viele, und zwar zu Recht. Doch als ich mein zweites Staatsexamen beendete, wusste ich: Es hat sich gelohnt. Die sieben Jahre Arbeit hatten sich ausgezahlt. Doch natürlich war nun auch der Welpenschutz vorbei. Plötzlich gab es niemanden mehr, der in meinem Unterricht hospitierte und mir hinterher Feedback gab. Ich wurde ins kalte Wasser geschmissen, musste von nun an als einzige Verantwortliche die Tür zum Klassenraum aufschließen, das Licht einschalten und mich vor der Klasse beweisen.
Im Fokus der Aufmerksamkeit kann es schnell unangenehm werden. Ich gebe aber zu – ich liebe es und stelle mich gerne vor die Klasse!

LEHRER MÜSSEN ENTERTAINER SEIN.

Armin Rode

 

Schule

DIE SONDERSCHULE – EINE ANDERE WELT

Nach dem ersten Staatsexamen verbrachte ich meine Zeit als Vertretungslehrerin an einer Sonderschule. Das ist eine Schulform, für die ich mich auch in Berlin zunächst wieder entschied. Deshalb landete ich hier in einem sogenannten Problembezirk, an einer Schule mit überdurchschnittlich vielen Jungs, die aufgrund ihres Verhaltens nicht mehr regulär beschulbar waren. Das war eine sehr prägende, spannende, aber auch nervenaufreibende Zeit.

BERÜCKSICHTIGE DIE INDIVIDUALITÄT DEINER SCHÜLER.

Adolph Diesterweg

An meinem ersten Unterrichtstag liefen die SchülerInnen ständig aus dem Raum hinaus und schlugen die Türen auf und wieder zu. Ich war wie Luft für sie, nicht existent. Natürlich war das eine Form, Grenzen auszutesten und zu prüfen, ob eine neue Lehrerin sich davon beeindrucken lässt. Mein Ziel war, meiner Klasse dennoch zu zeigen, dass ich sie liebgewinnen möchte. Ich wollte den SchülerInnen einfach eine Chance geben. Ich habe einige Monate gebraucht, um zu ihnen durchzudringen. Doch irgendwann lief es.

Viele Gespräche dort hatten nichts mit dem Schulstoff zu tun. Die SchülerInnen waren sehr direkt und trugen das Herz auf der Zunge. „Tragen Sie Größe XS?“ – „Was hat das mit dem Unterricht zu tun?!“ – „Ich würde da nicht reinpassen.“ oder „Ist Ihre Jacke neu? Von Gucci?“ Daraufhin fassten alle das Material meiner Jacke an.
Als wir ein Kaffeetrinken mit den GrundschülerInnen planten, meldete sich ein Schüler und sagte: “Ich schlage vor, wir trinken dazu Milch und Kakao und ihr“ – hier zeigte er auf uns Erwachsene – „könnt ja Kaffee trinken!” Nun, recht hatte er ja. Die Kleinen rufen auch gern in den Unterricht herein. Aber nicht nur sie, das können auch die Großen noch sehr gut: „Dir fällt ja gar nix auf! Ich habe neue Schuhe!“
Inzwischen arbeite ich an einer sogenannten Regelschule. Auch das ist interessant, denn besonders als junge Lehrerin bin ich für alle Erfahrungen, die ich sammeln kann, sehr dankbar.

In der Schule muss darauf geachtet werden, dass die Kinder nicht allein mit dem Verstande lernen, sondern auch das Herz gebildet werde.

Wilhelm II

Da ich aber meine alte Schule vermisse, ist es mein Plan, dorthin zurückzugehen. Die Herausforderung liegt dort im menschlichen Bereich. Aber ich finde es wichtig zu lernen, mit sehr schwierigen SchülerInnen umzugehen. Menschen, ob jung oder alt, sind nun einmal unterschiedlich und verdienen Aufmerksamkeit. Auch wenn sie nur schwer etwas zurückgeben können.

Schulräume

EIN ALLTAG VOLLER ÜBERRASCHUNGEN

Trotz meiner kurzen Laufbahn habe ich schon einiges in meinem Beruf erlebt. Ich weiß nie genau, was mich erwartet, wenn ich das Schulgebäude betrete. Herausforderungen und Überraschungen sind an der Tagesordnung. Zwar steht der Stundenplan fest, aber ich kann nie sicher sein, ob nicht Kollegen krank sind und vertreten werden müssen. Häufig unterrichte ich daher spontan und manchmal auch fachfremd. Es gibt also auch für mich immer etwas dazuzulernen.
Auch andere Aspekte beeinflussen den Schulalltag. Wenn SchülerInnen sich beispielsweise sehr über etwas geärgert haben und dadurch Schwierigkeiten bekommen, dem Unterricht zu folgen, dann versuchen sie oft, andere abzulenken. Das hat natürlich jedes Mal massiv Einfluss auf die Stunde. Zudem erfahre ich meist erst kurz vorher, ob SchülerInnen krank sind, die vielleicht eine Präsentation hätten halten sollen. Dann ist ein spontaner Plan B nötig. Auch, ob die Technik funktioniert, der Kopierer macht, was man möchte, und nicht bereits fünf oder mehr Kollegen anstehen, zeigt sich spontan. Pausen sind oft eher der Zeitraum, um Dinge mit Kollegen oder der eigenen Klasse zu klären oder spontan irgendwo einzuspringen. Viele Tage sind eine einzige Wundertüte. Das oben erwähnte Frühstücken wird meist ein beiläufiges „Schnell-in-die-Stulle-Beißen“ zwischen Tür und Angel. Man weiß nie, was in einem Schultag drinsteckt und sollte sehr gut improvisieren können. Nicht umsonst heißt es, dass LehrerInnen zugleich MotivatorInnen, ErmutigerInnen, RückenstärkerInnen, UnterhaltungskünstlerInnen, Stimmungskanonen, WissensvermittlerInnen, TrösterInnen, TeamplayerInnen, EntertainerInnen und noch vieles mehr sein sollten.

Tisch

 

Trotzdem habe ich in meiner kurzen Laufbahn schon viele interessante, junge Persönlichkeiten kennengelernt, die mich immer wieder motivieren, all diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Sie gleichen für mich die stressigen, aber nun einmal alltäglichen Aspekte wieder aus. Es gibt SchülerInnen, die wohlbehütet aufgewachsen sind, in liebevollen Familien, aber es gibt nun mal auch das genaue Gegenteil. Ich habe im vergangenen Schuljahr zum ersten Mal eine eigene, wirklich tolle Klasse gehabt. Vor der Aufgabe hatte ich Respekt. Es gilt tausend Dinge zu beachten, wenn man die Verantwortung für fast dreißig sehr junge Menschen übernimmt. Auch die Eltern waren sehr präsent. Sie bringen sich heute viel mehr ein, als ich das von früher kenne. Ich habe diese Zeit mit meiner ersten eigenen Klasse gemeistert, und am letzten Schultag vor den Sommerferien bekam ich kleine, selbstgemachte Präsente, sehr liebe Worte, und eine Schülerin schrieb mir: „Sie sind einfach makellos.“ Das kannte ich so von der Sonderschule nicht. Aber die SchülerInnen dort zeigten ihre Anerkennung auf eine andere Art. Auch das kann bereichernd sein. Eine Schülerin umarmte mich beispielsweise an meinem letzten Arbeitstag und sagte, dass es wirklich blöd sei, dass ich gehen müsse. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet.

Der größte Fehler, den die Jugend von heute hat, ist der, dass man nicht mehr zu ihr gehört.

Salvador Dal

Mit meinen dreißig Lebensjahren habe ich meine eigene Jugendzeit schon lange überschritten. Dennoch kann ich sagen: „Ich verstehe die Jugend. Irgendwie gehöre ich dazu.“ Denn ich arbeite täglich mit jungen Menschen zusammen und versuche, nicht nur Kenntnisse zu vermitteln, sondern auch Persönlichkeiten zu formen, meinen SchülerInnen Dinge für das Leben mit auf den Weg zu geben und ihnen beizubringen, dass sie Mut brauchen, ihre eigenen Erfahrungen zu sammeln. Dafür bin ich da, denn ohne LehrerInnen hätte das Leben keine Klasse.

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Bettina Witte hatte schon immer eine Leidenschaft für das Schreiben. Über einen Umweg hat sie ihre Freude an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen entdeckt, daraufhin in Norddeutschland auf Lehramt studiert, um jetzt als Lehrerin in Berlin zu arbeiten. Sie liebt gutes Essen in Gesellschaft von Freunden, guten Wein und kommt jeder Gelegenheit nach, die Welt bereisen zu können.

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