Helena Reich: »Das einzige, was du brauchst, ist Mut!«

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: PR
Agentur-Chefin & Schmucklabel-Gründerin Helena Reich
Mit Anfang 20 hat Helena Reich ihren festen Job gekündigt, um sich selbstständig zu machen. Heute ist sie nicht nur erfolgreiche Chefin einer PR-Agentur, sondern auch die Gründerin eines bekannten Schmucklabels. Im Interview hat sie uns verraten, wieso es ihr so gar nicht schwerfiel, der Festanstellung den Rücken zu kehren, und wie sie ihren Alltag zwischen zwei Unternehmen meistert. 
 

Was muss die »perfekte« Gründerin (wenn es so etwas überhaupt gibt) deiner Meinung nach mitbringen?

Das Einzige, was sie braucht, ist Mut. Ich bin davon überzeugt, dass alles andere mit der Zeit kommt. Es gibt definitiv Eigenschaften, die einem helfen, aber wer mutig ist und voran geht, wird bei der Gründung sehr viel lernen. Ich begegne oft Menschen, die sagen, sie hatten vor zehn Jahren eine ganz bestimmte Idee, die dann später jemand anderes umgesetzt hat. Immer wieder höre ich dann, dass ihnen damals der Mut gefehlt hat.

Wie mutig bist du?

Ich beschreibe mich selbst als zuversichtlich. Ich mache mir nicht so viele Gedanken und nicht allzu große Sorgen um morgen. Ich frage mich nur selten, was passiert, wenn ich dieses oder jenes tue, und male mir auch keine möglichen negativen Szenarien aus. Ich sehe immer erst einmal das Positive. 

Im Alltag reagiere ich auf bestimmte Dinge ziemlich scharf – das ist vermutlich ein Resultat der täglichen Arbeit.

Wie sieht das konkret aus?

Wenn wir einen neuen Kunden für die Agentur gewinnen wollen, dann rufe ich diesen Kunden in dieser Sekunde an. Ich überlege nicht lang und breit, was ich sagen werde. Ich mache mir keine Gedanken, denn ich bin immer davon überzeugt, dass es schon laufen wird. Und wenn nicht, dann kommt etwas anderes.

Hast du Vorbilder, die dich auf deinem bisherigen Karriereweg inspiriert und begleitet haben?

Ich habe auf meinem bisherigen Weg sehr viel Unterstützung, sowohl von Frauen als auch von Männern, erfahren dürfen. Doch ich denke gerade auch an die vielen beeindruckenden Frauen da draußen. Für mich ganz vorn dabei ist Judith Williams. Sie ist eine toughe Geschäftsfrau, die ihren Weg geht und unglaublich durchsetzungsfähig ist. Vermutlich hört sie, so wie ich, in vielen Momenten auch vor allem auf ihr Gefühl. Darüber hinaus mag ich ihre Weiblichkeit, die einigen Unternehmerinnen mit der Zeit verloren geht. 

Durftest du Judith Williams schon kennenlernen?

Leider nicht. Ich würde mir sehr wünschen, sie eines Tages kennenlernen zu dürfen. Mir hat vor Kurzem sogar jemand vorgeschlagen, dass er ein Treffen organisieren könnte. Doch ich möchte auch, dass sie auf dem Sockel bleibt, auf dem ich sie positioniert habe. Manchmal ist es ja so, dass man Menschen aus der Ferne bewundert und sie ihren Glanz verlieren, wenn man sie kennenlernt. Bei ihr hoffe ich das natürlich nicht. Ich möchte, dass sie meine Business‐Ikone bleibt.

Und um noch einmal zu meinen Vorbildern zu kommen: Meine eigene Mutter ist ein großes Vorbild, genauso wie meine Großmutter – sie wäre dieses Jahr 94 Jahre alt geworden. Sie hat mit meinem Großvater eine Firma aufgebaut – sie war eine richtige Business‐Frau, was in ihrer Generation sehr selten war. Und auch meine Mutter hat nach der Trennung meiner Eltern unser Hotel übernommen. Davor war sie vor allem Mutter und plötzlich Mutter und Geschäftsfrau mit 50 Mitarbeitern. Ich war 12 Jahre alt und schon damals habe ich sie für ihren Mut bewundert. Sie hat das fabelhaft gemeistert ‐ ich bin stolz auf die starken Frauen aus meiner Familie.

Wie sah dein Berufswunsch damals aus?

Früher wollte ich immer Ärztin werden. Wenig später stand auch mal Sozialarbeiterin zur Debatte. Ich fand schon immer den Gedanken toll, intensiv mit Menschen zu arbeiten und ihnen durch meine Arbeit helfen zu können. Was ich geschafft habe, ist, dass ich täglich mit Menschen arbeite und ihren Alltag mit den schönen Dingen des Lebens bereichere. Ich sage auch ganz gerne, wir verkaufen einen Traum. Aber umso mehr freue ich mich, dass der Job mir auch ermöglicht, z.B. Projekte mit der DKMS Life umsetzen ‐ das ist ein Herzensprojekt für mich.

Das ist eine wirklich tolle Sache und das Team um Ruth Neri, der Geschäftsführerin, einfach großartig. Die DKMS Life ist eine Spendenorganisation von der DKMS , die »Look‐Good‐Feel‐Better-Seminare« gibt. Am Anfang habe ich nicht verstanden, wieso sie Krebspatientinnen beibringen, die Krankheit quasi wegzuschminken. Dann war ich auf verschiedenen Veranstaltungen und habe mich mit Patientinnen darüber unterhalten und verstanden, wie wichtig das für sie ist – dass sie sich wohlfühlen und mit Hilfe des Make‐ups die Krankheit für Außenstehende nicht mehr sichtbar ist. Es gibt ihnen Kraft, Selbstbewusstsein und ein neues Lebensgefühl – das ist wichtig für die Genesung und den Kampf gegen den Krebs.

Helena Reich beschreibt sich selbst als sorglos und zuversichtlich.
Helena Reich beschreibt sich selbst als sorglos und zuversichtlich.

Wann hast du gemerkt, dass die Selbstständigkeit für dich der richtige Weg ist und das Medizinstudium warten muss?

Ich habe Kunstgeschichte studiert, danach folgte ein Praktikum in der Pressestelle der Pinakotheken in München.  Nachdem ich anschließend beim DuMont‐Verlag, ebenfalls in der PR‐Abteilung, gearbeitet hatte, wusste ich, dass der Pressebereich und die Medienwelt das Richtige für mich sind. Danach bin ich nach Hamburg gegangen und habe zwei Jahre bei Nicole Weber communications gearbeitet – hier auch der Quereinstieg in den Lifestyle-Bereich. Hier hat es von der ersten Sekunde an Klick gemacht. Ja, und dann habe ich mich mehr durch Zufall selbstständig gemacht. Meine Mutter war allerdings total dagegen.

Warum war sie dagegen?

Ihre Buchhalterin, die auch ihre rechte Hand war, hat sie damals gefragt: »Wieso sind Sie so unzufrieden mit der Entscheidung? Sie haben sich doch auch schon mit Anfang 20 selbstständig gemacht.« Ihre Antwort war: »Meine Tochter soll doch etwas Vernünftiges machen und in einer sicheren Anstellung bleiben.« Bis auf sie waren aber alle sehr positiv gestimmt und unterstützten mich in meiner Entscheidung. Aber ich kann sie auch verstehen – Mütter wollen immer nur das Beste. Sie kennt natürlich auch alle Schattenseiten der Selbstständigkeit. Der Druck kann ganz schön groß werden, und du musst immer am Ball bleiben. Aber inzwischen weiß sie, dass mein Job mich unglaublich glücklich macht und mich erfüllt.

Was wäre gewesen, wenn sich alle wichtigen Menschen in deinem Umfeld dagegen ausgesprochen hätten?

Ich hätte es definitiv trotzdem gemacht. Ich hatte mal eine andere Geschäftsidee und habe mich mit Mark Korzilius, einem der Vapiano‐Gründer, getroffen, um ihm meine Idee vorzustellen. Er war nicht wirklich begeistert davon. Das Gespräch war aber dennoch sehr nett, und wir haben uns lange unterhalten. Am Ende fragte er mich, ob ich das Konzept trotzdem umsetzen möchte. Ich entschied mich sofort dagegen, da mir das Gespräch gezeigt hatte, dass mein Herz nicht stark genug dafür brannte. Wenn es dafür geschlagen hätte, dann wäre es mir ganz egal gewesen, was er sagt. Wenn ich will, dann will ich und würde es so oder so machen. Ich entscheide mich in dem Moment dafür, weil ich für mich persönlich denke, das dies der richtige Weg ist und lasse mich nicht abbringen, wenn es wirklich mein Wunsch und meiner Überzeugung entspricht. Daher bin ich mir sicher, selbst wenn alle gesagt hätten, gründe keine eigene Agentur, hätte ich es trotzdem getan – vielleicht sogar noch viel motivierter. Mein Herz schlägt dafür ‐ und das voll und ganz und jeden Tag.

Viele Menschen wären in solchen Momenten verunsichert.

Ja, dass stimmt. Doch wie gesagt, sobald ich total überzeugt von einer Sache bin, würde mich dieser Gegenwind nur noch mehr motivieren und anspornen. Ähnlich wie bei SO COSI. Viele haben damals gesagt: »Braucht die Welt unbedingt noch mehr Schmuck?« Und ich war mir so sicher, dass die Welt definitiv unseren Schmuck braucht. Und wie man sieht, hat es funktioniert.

Beides parallel am Laufen zu halten war sehr stressig, aber am Ende hat sich die harte Arbeit gelohnt. 

Bevor wir weiter über SO COSI sprechen: Wie kam es eigentlich zu deiner Agentur‐Gründung?

Ich hatte meinen Job bei der tollen Nicole Weber gekündigt und bereits einen neuen Vertrag von einer anderen Agentur auf dem Schreibtisch liegen. An einem Abend war ich dann mit einer guten Bekannten und einem Urgestein in der PR im Gespräch, die zu mir meinte, sie sei fest davon überzeugt, dass die Selbstständigkeit genau das Richtige für mich sei. Zu ihr meinte ich allerdings, dass ich mich noch zu jung und garnicht bereit für diese Aufgabe fühle. Am nächsten Tag war da dann allerdings so ein Moment, ich habe meine Mutter angerufen und aus einem Impuls und innerer Überzeugung heraus den Vertrag zerrissen.

Und wie ging es dann weiter?

Ich hatte noch genau 6 Wochen und wusste, irgendetwas wird schon kommen. Ich war positiv gestimmt und zuversichtlich, dass sich alles fügen wird. Zu diesem Zeitpunkt stand ich außerdem noch mit einem Kochbuchverlag in Kontakt. Dessen Geschäftsführer habe ich direkt angerufen und mich noch am selben Tag mit ihm verabredet. Mir wurde angeboten, das Projektmanagement für ein Backbuch zu übernehmen. Das war zwar nicht der Bereich, in dem ich mich selbstständig machen wollte, aber das hat mich für ein halbes Jahr erst einmal über die Runden gebracht und Backen gehört überdies zu meinen größten Hobbies. Nebenbei konnte ich mein Business aufbauen. Nachts habe ich Pressemitteilungen geschrieben und tagsüber für den Verlag gearbeitet. Beides parallel am Laufen zu halten war sehr stressig, aber am Ende hat sich die harte Arbeit gelohnt. 

Wie bist du dann darauf gekommen, deine Agentur auf Influencer auszurichten?

Am Anfang handelte es sich um eine klassische PR‐Agentur, und dann kristallisierte sich allerdings heraus, dass Influencer eine wachsende Rolle in der Branche spielen. Ein Kunde wollte damals Bloggerkooperationen eingehen, wie man es damals noch nannte, also haben wir die Werbemaßnahmen national und international aufgebaut. Es handelt sich um Paul Hewitt, eine Marke, die durch Instagram zu sehr großer Bekanntheit gelangt ist. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte noch niemand ein Wort über Influencer‐Marketing verloren. Ja, und dann bin ich Klinken putzen gegangen und habe mein Konzept den großen Konzernen vorgestellt. Nach anfänglicher Skepsis tasteten sich immer mehr Marken an die Sache heran und heute gehört es in jeden guten Marketingmix und ist nicht mehr wegzudenken. 

Lies hier den zweiten Teil des Interviews…

Interview: Helena Reich zwischen Karriere und Freizeit

Helena Reich hat mit Anfang 20 den Weg in die Selbstständigkeit gewagt. Doch wie geht die PR-Agentur-Chefin und Gründerin eines Schmucklabels mit Zweifeln um, und wie organisiert sie ihren stressigen Alltag? Im zweiten Teil des Karriere-Interviews verrät sie es.  
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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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