MIT-Student entwickelt Headset, das Gedanken lesen kann

Words by Arzu Gül
Photography: Lorrie LeJeune
Lesezeit: 3 Minuten
Arnav Kapur, ein Forscher in der Gruppe "Fluid Interfaces" am MIT Media Lab, demonstriert das AlterEgo-Projekt.

Ein Student der Elite-Universität MIT hat ein Headset entwickelt, das unsere Gedanken lesen und damit einen Computer steuern kann. Was steckt hinter dieser faszinierenden Technik? 

Es klingt wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Film: Zukünftig soll es möglich sein, auf das Internet oder einen Computer zuzugreifen, ohne dafür mit unseren Händen zu tippen oder unsere Stimme zu benutzen. Allein mit unseren Gedanken sollen wir ausgesuchte Apps oder Smart-Home-Geräte steuern können. Möglich wird dies durch neuartige Headsets, deren Spracherkennungssysteme unsere Gedanken lesbar machen.

 

Arnav Kapur ist 24 Jahre alt und Student am Massachusetts Institute of Technology (MIT), als er seine Weltinnovation auf einer TED-Konferenz vorstellt. Er hat das Headset »Alter Ego« entwickelt – ein Gerät, das über dem Ohr und entlang der Kieferlinie getragen wird. Mittels Elektroden und Sprachsensoren misst das Gerät neuromuskuläre Signale, die durch den Kiefer und das Gesicht laufen, und wandelt diese dann in Sprache um. Denn während wir in Gedanken Wörter »aussprechen«, sendet unser Gehirn entsprechende Impulse und Signale an unsere Mundregion weiter. Die Technologie im Headset kann diese Signale interpretieren und, so Kapur, mit einer Genauigkeit von 92 Prozent wiedergeben.

Der Prozess funktioniert auch umgekehrt: So könnte beispielsweise ein Sprachassistent oder Computer eine Antwort über das Headset an den oder die TrägerIn weiterleiten. Über die Gesichtsknochen werden die einzelnen Schwingungen dann ans Innenohr übertragen. Das Ergebnis: Wir hören eine Antwort in unseren Gedanken, ohne dass irgendein Laut wiedergegeben wird. 

Wie das in der Praxis aussehen kann, hat Arnav Kapur mithilfe des Forschers Eric Wadkins auf einer Bühne demonstriert. Kapur fragte laut: »Wie ist das Wetter in Vancouver in diesem Moment?« und sein Kollege Wadkins wiederholte die Frage still in seinem Kopf. Etwa 15 Sekunden später antwortete er: »Es sind 50 Grad (Fahrenheit) und regnerisch in Vancouver«. Die Antwort war korrekt. 

Technologie soll Menschen mit Sprachverlust helfen

Die Visionen von Kapur gehen weiter. Zukünftig wäre es möglich Zahlen wie ein Taschenrechner zu verarbeiten, schweigend anderen Menschen eine Textnachricht zu schicken, oder sogar mehrsprachig zu kommunizieren, indem Übersetzungen in andere Sprachen zeitgleich zum Sprechen im Kopf erfolgen. Vorteile hätte die Technologie außerdem für Menschen, die aufgrund von Krankheiten oder Schlaganfällen ihre Sprechfähigkeit verloren haben. 

Das Headset »Alter Ego« ist eine bahnbrechende Innovation, aber Kapur ist nicht alleine mit seinem Vorhaben. Microsoft hat bereits mehrere Patentanträge eingereicht, in der es um Headsets und Stirnbänder geht, die neurologische Signale des Gehirns messen und filtern sollen. Welche Vorhaben genau hinter diesen Patenten stecken, ist bisher aber unklar. Auch »AirPods«, die kabellosen Kopfhörer von Apple, sind ein Beispiel für intelligente Kopfhörer, die sich bereits heute mit Sprachassistenten verbinden lassen. Darüber hinaus hat Apple auch ein Patent für Kopfhörer angemeldet, die mit biometrischen Sensoren ausgestattet sind und zukünftig Daten wie Körpertemperatur, Herzfrequenz oder Bewegungen eines Menschen aufzeichnen sollen. 

 

Intelligence Augmentation – die Erweiterung von Künstlicher Intelligenz

Eine solche Kombination von technischen und menschlichen Fähigkeiten wird in der Forschung unter der Bezeichnung »Intelligence Augmentation« zusammengefasst. Hierbei geht es darum, das menschliche Denken mithilfe von Informationstechnologie zu analysieren, zu ergänzen und zu unterstützen. Anders als bei der Künstlichen Intelligenz bleibt hier aber der Mensch im Mittelpunkt der Interaktion. Mithilfe von modernen Headsets und von Technologien, die auf Gehirnströme zugreifen können, könnte der Intelligenzgrad von Menschen so erhöht werden, dass sie Entscheidungen künftig fundierter und vorausschauender treffen können. 

So innovativ und spannend die moderne Technologie aber klingt – aktuell wirft sie noch große Zweifel auf. Eine altbekannte Gefahr bleibt die Sorge um den Datenmissbrauch. Unsere Gehirndaten sind unsere persönlichsten Daten überhaupt. Sollten zukünftig Sprachassistenten und Computer Zugriff darauf erhalten, könnten diese Daten leicht Dritten zugänglich und entsprechend genutzt werden. Die Ängste um Datenmissbrauch und Manipulation sind bei KritikerInnen entsprechend hoch.

Kapur betont, dass sein Headset keine Gedanken lesen könne, sondern nur absichtlich kommunizierte Daten aufzeichne. Daher würde die Technologie nur Handlungen ausführen, die von BenutzerInnen tatsächlich beabsichtigt seien. Dennoch gibt der junge Forscher zu, dass die Technologie auch Schwachstellen habe, die bei Hackerangriffen ausgenutzt werden könnten. Internationale Forscherteams fordern daher erst einmal eine ethische und rechtliche Datenschutzgrundlage, bevor die Technik es in die heimischen Wohnzimmer schafft. Die Gedanken bleiben also vorerst frei. 

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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