Freundschaft am Arbeitsplatz: Kann sie funktionieren?

Words by Arzu Gül
Photography: Pressfoto / Freepik
Lesezeit: 3 Minuten
Freundschaft am Arbeitsplatz - Kolleginnen lachen und schauen auf ein Tablet

FreundInnen oder KollegInnen? Das Thema Freundschaft am Arbeitsplatz ist zwiespältig. Häufig werden Bürobekanntschaften als vermeintliche Freundschaften verkannt. Welche Gefahr dies im Job für einen selber birgt. 

 

Die meisten Menschen verbringen den Großteil ihrer Zeit am Arbeitsplatz. Über Jahre hinweg sitzen wir so Tag für Tag über acht Stunden lang mit den gleichen Personen in einem Raum, kennen ihre Ängste und Sorgen, wissen, welche privaten Aktivitäten bei ihnen anstehen und teilen auch unsere eigenen Zukunftspläne und Wünsche mit ihnen. Oftmals sehen wir unsere KollegInnen sogar häufiger als so manche Freunde und Familienmitglieder. Da kann es schnell passieren, dass wir die Art unserer Beziehung zu ihnen fehlinterpretieren. 

In vielen Studien und Umfragen dazu, welche Kriterien bei der Auswahl des Arbeitsplatzes besonders ausschlaggebend sind, wird neben einer angemessenen Bezahlung meist an erster Stelle eine positive Arbeitsatmosphäre genannt. Für viele ist ein gutes Verhältnis zu den KollegInnen wichtiger als der eigentliche Inhalt ihrer Arbeit. So kann bei einem freundschaftlichen Arbeitsklima auch häufiger über andere Missstände im Unternehmen hinweggesehen werden. 

Arbeitgeber machen sich lockeres Arbeitsklima zunutze

Je ausgelassener die Stimmung im Büro, desto mehr Informationen geben ArbeitnehmerInnen preis

Auch Arbeitgeber sind sich dessen bewusst und werben in Stellenanzeigen immer öfter mit einem »lockeren Arbeitsklima«, »flachen Hierarchien« und vielen »After-Work-Events«. In der modernen Arbeitswelt ist der Ton informell, und MitarbeiterInnen duzen sich und ihre Vorgesetzten. Obwohl dies zunächst nach einem positiven und erstrebenswerten Umfeld klingt, kann es genau dadurch am Arbeitsplatz zu Missverständnissen kommen. Oftmals suggeriert das freundschaftliche Verhältnis geringere Leistungsstandards. Das kann dazu führen, dass ArbeitnehmerInnen ihre Aufgaben nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit umsetzen. Wenn Vorgesetzte und KollegInnen irgendwann ein negatives Feedback über die Leistungen aussprechen, fallen sie schließlich aus allen Wolken.

Ebenso kann ein übermäßig freundschaftliches Verhältnis auch dazu verleiten, Informationen aus dem Privatleben zu offenbaren, die eigentlich nichts im Arbeitsumfeld zu suchen haben. So kommt es beim entspannten After-Work-Cocktail schnell einmal zu Fragen nach der Familien- und Kinderplanung oder nach möglichen Umzugsplänen, mit denen ArbeitgeberInnen möglicherweise herausfinden wollen, wo die Prioritäten liegen und inwieweit MitarbeiterInnen auch zukünftig im Job belastbar und verfügbar sein werden.

Die Hälfte unserer »Freunde« bezeichnen uns nicht als solche

Natürlich ist es im Beruf wichtig, eine gute Beziehung zu KollegInnen zu pflegen und auch Vertrauenspersonen zu haben, mit denen ein Austausch möglich ist. Doch ebenso ist es wichtig, kollegiale Beziehungen nicht als Freundschaften zu verkennen. Denn in den meisten Fällen kommt hier lediglich der sogenannte »Mere-Exposure-Effekt« zu tragen: Dieser beschreibt in der Psychologie die Tatsache, dass die wiederholte Wahrnehmung einer anfänglich neutral bewerteten Person oder Sache eine positivere Bewertung zur Folge hat, vorausgesetzt der Erstkontakt verlief nicht negativ. Das bedeutet: Je häufiger wir KollegInnen begegnen, desto sympathischer und auch attraktiver empfinden wir diese. 

Aus KollegInnen werden so Bekanntschaften und aus Bekanntschaften schnell vermeintliche FreundInnen. Die lockere Atmosphäre und gemeinsame Aktivitäten verstärken dieses Gefühl zusätzlich. Das Problem: Während wir von einer Freundschaft sprechen, ist es sehr wahrscheinlich, dass unser Gegenüber die Beziehung anders bewertet. Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Universität Tel Aviv haben herausgefunden: Knapp die Hälfte der Menschen, die wir zu unseren Freunden zählen, erwidern unsere Freundschaft gar nicht. Werden die Zahlen auf die Allgemeinheit übertragen, so charakterisieren in der Regel 53 Prozent der Personen, die wir als »FreundInnen« bezeichnen, uns einfach nur als Bekanntschaften, was wiederum zeigt: Wir Menschen sind nicht gut darin, Freundschaften richtig einzuschätzen.

Viele Menschen verkennen Bekanntschaften und ArbeitskollegInnen als Freunde

Die meisten Bürofreundschaften überleben einen Job-Wechsel nicht

Vielen wird dies bewusst, sobald sie anfangen, Pläne im Privatleben zu schmieden. Werden KollegInnen zu Aktivitäten eingeladen oder der Wunsch ausgesprochen, auch einmal zu zweit etwas zu unternehmen, folgt dieser Aufforderung nicht selten eine Absage. Wochenenden sind meist bereits mit FreundInnen außerhalb des Arbeitsplatzes verplant, die Familie kommt zu Besuch, oder aber die Person ist abends zu müde, um nach dem Büro noch weiterzuziehen. Da man sich ja aber weiterhin täglich sieht, wird die Nähe trotzdem aufrechterhalten – bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein Jobwechsel erfolgt. Was dann passiert, haben viele schon einmal selbst beobachtet: Menschen, mit denen wir bis dahin täglich Kontakt hatten, werden ganz schnell zu losen Bekanntschaften. Der tägliche Kontakt bricht abrupt ab, auch folgen keine Verabredungen mehr. Spätestens in diesem Moment wird einem bewusst, dass es sich um keine Freundschaft gehandelt haben kann.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Ein Beitrag geteilt von Monda Magazin (@mondamagazin) am

Was können ArbeitnehmerInnen also tun, um ein gutes Verhältnis zu KollegInnen aufzubauen, aber nicht in die Falle einer einseitigen Freundschaft zu tappen? ExpertInnen betonen die Wichtigkeit von lockeren Bindungen. Es ist notwendig, sich auch im Büro auszutauschen, Erfahrungen zu teilen und gemeinsam zu lachen. Schließlich macht dies zu einem sehr großen Teil unser Wohlbefinden im Arbeitsleben aus. Menschen benötigen etwa 20 Kontakte, um sich aufgehoben zu fühlen. Da nicht alle Bekanntschaften mit der gleichen Intensität behandelt werden können, ist es völlig in Ordnung, oberflächliche und lose »Bürofreundschaften« zu pflegen. In einigen Fällen kann daraus durchaus auch eine langjährige Freundschaft entstehen. ArbeitnehmerInnen sollten sich aber bewusst machen, wenn dem nicht so ist. Werden Verabredungen vermieden und außerhalb des Büros kein Kontakt gepflegt, ist es wichtig, eine professionelle Distanz zu KollegInnen zu wahren und die Aufmerksamkeit eher auf die Bekanntschaften zu lenken, bei denen ein wechselseitiges Interesse zu spüren ist. 

Das könnte dich auch interessieren:

Warum Frauen häufig auf den Managerinnen-Posten verzichten

Junge Frauen haben während ihrer Schullaufbahn einen deutlichen Vorsprung vor ihren männlichen Altersgenossen. Doch schon kurz nach oder bereits während der Ausbildung und des Studiums, verliert sich dieser Vorsprung und wird nicht in hohe Positionen und gute Bezahlung umgesetzt. Warum ist das so?

Share:

Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

Kommentieren