Frauen in Führungspositionen: “Die Guten sind schon vergriffen”

09.06.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Frauen in Führungspositionen

Dass Frauen in Führungspositionen noch immer unterrepräsentiert sind, ist allgemein bekannt. Doch was sagen eigentlich Männer dazu, wenn sie gebeten werden, sich ehrlich zu diesem Thema zu äußern? Das Ergebnis einer Umfrage unter britischen Vorständen und CEOs sorgt bei vielen für Kopfschütteln und bei manchen für Entsetzen…

Von dem Gedanken, dass das Wort “Frauenquote” in naher Zukunft aus dem Duden gestrichen werden kann, müssen wir uns wohl verabschieden. Zumindest lässt sich dieser Eindruck gewinnen, wenn wir uns die Ergebnisse einer Umfrage anschauen, die das britische Department for Business Energy and Industrial Strategy (BEIS), veröffentlicht hat. Vorstandsmitgliedern und CEOs britischer börsennotierter Unternehmen wurde dafür folgende Frage gestellt: Warum gibt es in Ihrem Unternehmen keine oder kaum Frauen in Führungspositionen?

In unserer Wunschvorstellung hätten wir uns Antworten gewünscht wie: “Ja, das ist noch immer ein Problem, welchen wir seit Längerem versuchen verstärkt anzugehen” oder “Unser alljährliches Women-Leadership-Programm läuft in nächster Zeit aus, dann stocken wir auf.” Doch was anstelle dessen geantwortet wurde, hätten wir uns so nicht ausdenken können:

“Ich glaube nicht, dass Frauen gut in die Vorstandsumgebung passen.”

“Alle ‘guten’ Frauen sind schon vergriffen.”

“Die meisten Frauen wollen nicht die Mühe und den Druck des Vorstands.”

“Es gibt nicht so viele Frauen mit den richtigen Referenzen und der nötigen Erfahrung, um im Vorstand zu sitzen – die Themen, um die es da geht, sind sehr komplex.”

“Wir haben bereits eine Frau im Vorstand, also sind wir fertig – jetzt ist jemand anderes an der Reihe.”

“Meine anderen Vorstandskollegen würden keine Frau ernennen wollen.”

“Ich kann nicht einfach eine Frau ernennen, nur weil ich es möchte.”

Bis 2020 soll ein ausgeglichenes Verhältnis herrschen

Wir sind übrigens nicht die einzigen, die schockiert von diesem Umfrageergebnis sind. Der regierungsfinanzierte Hampton-Alexander-Review ist ein Bericht, der ganz genau dokumentiert, wie Frauen in Großbritannien in Führungspositionen gelangen. Die Aufforderung des Teams ist klar und deutlich: Alle an der Umfrage beteiligten Unternehmen sollen bis 2020 dafür sorgen, dass die Stellen in der Führungsebene gerecht verteilt werden. Ob das klappt?

Auch Amanda Mackenzie, Chefin der britischen NGO Business in the Community findet das Ergebnis beschämend. “Wenn man diese Liste von Ausreden liest, könnte man denken, wir würden im Jahr 1918 und nicht in 2018 leben. Es liest sich wie ein Drehbuch aus einer Komödie, aber das ist die Realität. Vielleicht sind diejenigen, die diese Ausreden glauben, diejenigen, die den Platz in den Vorständen freimachen sollten: Wir sind schließlich im 21. Jahrhundert.”

Frauen in Führungspositionen sind unterrepräsentiert
Bildquelle: Unsplash

Sie betont allerdings auch, dass wir uns auf einem guten Weg befinden. “Jedoch gibt es viele Gründe, optimistisch zu sein. Die Kombination aus geschlechtsspezifischer Lohnlückenberichterstattung und der verstärkten Konzentration auf Gleichstellung und Diversität im Allgemeinen durch verantwortungsvolle Unternehmen hat bereits dafür gesorgt, dass immer mehr Frauen in den Aufsichtsräten zu finden sind. Obwohl wir noch einen langen Weg vor uns haben, können wir durch die Zusammenarbeit von Regierung, Arbeitgebern und ihren Angestellten (sowohl Männern als auch Frauen) echte Gleichstellung in unser Leben bringen.”

Viele Unternehmen erfüllen ihre Pflicht, andere nicht…

Seit etwa zwei Jahren sind die ca. einhundert börsennotierten deutschen Unternehmen mit in der Regel mehr als 2000 Mitarbeiter*innen dazu verpflichtet, frei werdende Aufsichtsratsposten mit Frauen zu besetzen – bis etwa 30 Prozent des Gremiums weiblich sind. Viele der Unternehmen haben ihre Pflicht bereits erfüllt. Von 27,4 Prozent in 2016 stieg der Frauenanteil inzwischen auf 30,1 Prozent in 2017. Einige Aufsichtsräte hinken allerdings hinterher, da andere die gesetzliche Vorgabe übererfüllen und damit für das positive Ergebnis sorgen, heißt es im Wochenbericht vom 1.2.2018 des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Speziell in den Vorständen herrscht allerdings noch immer Nachholbedarf. Von den 200 größten Firmen Deutschlands, waren demnach nur etwa acht Prozent in Frauenhand. Das Ergebnis unterscheidet sich nicht von dem ein Jahr zuvor.

Lettland und Frankreich gehen mit gutem Beispiel voran

Den höchsten Anteil an Frauen in Führungspositionen hat Lettland. Er beträgt hier stolze 53 Prozent – Lettland ist der einzige Mitgliedsstaat, indem Frauen in diesem Bereich sogar die Mehrheit darstellen. Die Letten sind damit absoluter Spitzenreiter und haben an dieser Stelle eine klare Vorbildfunktion. Hier spielt es wirklich keine Rolle, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Hier können alle den Weg an die Spitze meistern – wenn sie das Zeug dazu haben und es wollen. Gleichberechtigung scheint tief in der lettischen Mentalität verankert zu sein. Eine Frauenquote gibt und gab es hier nicht. Auf den nachfolgenden Plätzen kommen übrigens Bulgarien, Polen, Irland, Estland, Litauen, Ungarn, Rumänien, Schweden und Frankreich, die einen Frauenteil zwischen 40 Prozent und 44 Prozent in den Führungsriegen verzeichnen können.

Speziell in Frankreich spielt das Thema “Gleiches Geld für gleiche Arbeit” derzeit noch eine ganz besondere Rolle. In den kommenden drei Jahren sind Arbeitgeber per Gesetz dazu verpflichtet, Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen auszugleichen. Denn egal ob in einer Führungsposition oder nicht: Frauen verdienen noch immer deutlich weniger. Um dem entgegenzutreten, verhängt Frankreich künftig Geldstrafen bei Nichteinhaltung, teilte Premierminister Édouard Philippe Anfang März 2018 mit. Dass diese von einigen als drastisch empfundene Maßnahme jetzt so plötzlich ins Rollen kam, liegt vor allem daran, dass laut französischem Gesetz Frauen und Männer bereits seit 45 Jahren gleiches Geld für gleiche Arbeit erhalten müssten – woran sich, ohne eine entsprechende Maßnahme offenbar kaum einer halten wollte. Kontrolliert werden soll das Ganze über eine spezielle Software, die auf die Lohnabrechnungssysteme der Unternehmen zugreifen kann. In den kommenden Jahren sollen zunächst Firmen mit mehr als 250 Mitarbeiter*innen kontrolliert werden – bis 2020 soll die Zahl allerdings immer weiter nach unten korrigiert werden, sodass sich kein Unternehmen mehr vor einem Lohnausgleich drücken kann.

Frauen in Führungspostionen: Männer tun sich schwer
Bildquelle: Unsplash

Wie das statistische Bundesamt mitteilt, verdienen Frauen in Deutschland bei gleicher Qualifikation noch immer etwa sechs Prozent weniger als Männer. Der sogenannte unbereinigte Gender Pay Gap, der den Unterschied im durchschnittlichen Stundenlohn aufzeigt, liegt derzeit sogar bei 21 Prozent. So hatten Frauen 2017 einen durchschnittlichen Bruttostundenlohn von 16,59 Euro, Männer hingegen von 21 Euro.
Um die Lücke zu schließen, könnte es helfen, öfter einmal nach Lettland und Frankreich zu schauen. Denn, so abgedroschen es auch klingen mag: Wo ein Wille ist, ist IMMER auch ein Weg!

Das Beitragsbild ist übrigens von Rawpixel auf Unsplash

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

7 Kommentare

  1. Eva-Catrin Reinhardt

    Hallo aus Berlin,

    ich habe den tollen Artikel gelesen. Ich finde es sehr erschreckend. Wegen dieser Zustände mit einer anderen Unternehmerin, Nicole Schelter, eine Petition gestartet und es wäre toll, wenn Sie darüber berichten könnten. bzw. es unterstützen. 30-35% der Unterschriften sind übrigens von Männern.

    https://weact.campact.de/petitions/manner-und-frauen-schaffen-gemeinsamen-erfolg-auch-in-bundesministerien-2

    Vielen Dank und beste Grüße
    Eva-Catrin Reinhardt

  2. A. Ewald

    Ich (männlich) bin durch Zufall hier gelandet. Interessanter Artikel, den ich gefühlt schon 20 mal so, oder ähnlich gelesen habe. Antworten auf die Frage warum es immer noch diese Unterschiede zwischen Mann und Frau hinsichtlich der beruflichen Karriere gibt, wird zum Teil in einem anderen Artikel der Autorin gegeben http://www.monda-magazin.de/karriere/warum-frauen-bei-der-arbeit-andere-entscheidungen-treffen/. Die Erkenntnisse die dort genannt werden, decken sich mit meiner Wahrnehmung in 30 Jahren Berufstätigkeit. Ich habe selber mehrfach, jungen, engagierten Frauen (promovierte Naturwissenschaftlerinnen) interessante Positionen angeboten, die in Richtung Karriere gegangen wären. Diese haben abgelehnt, weil zu stressig, zu viel Reisen, zu oft weg vom Freund und haben sich für nine to five Jobs in der Verwaltung entschieden. Ich kann nur unterstreichen, es gibt in der breiten Masse nicht genügend Frauen mit „kompromisslosem“ Willen zur Karriere. Und das muss nichts Schlechtes sein für diese Frauen und für die Gesellschaft. Nach 30 Jahren Berufstätigkeit habe ich eine differenziertere Meinung zu Karriere und Leben. Frauen (und Männer) sollten sich nicht von Industrielobbyisten bzw. deren agierenden Politikern einreden lassen, dass Sie nur einen Wert haben, wenn sie im Hamsterrad „Karriere“ machen.

  3. Betty

    Toller Artikel. Als Mutter eines Kleinkindes in einer Führungsposition frage ich mich auch immer, ob es mit den Kinderbetreuungszeiten in Deutschland zusammenhängt, dass wenige Frauen an die Spitze kommen. In meinem Bereich finden die wirklich wichtigen Termine zwischen 17 und 21 Uhr statt. Leider gibt es zu diesem Zeitpunkt nur limitierte und meist private Kinderbetreuungsangebote.

  4. Dieter Janßen

    Nach meinem Verständnis gehören Frauen sehr wohl in Führungspositionen. Aber nun meine Bedenken! Um gotteswillen nicht in die Politik. Mir fällt keine Frau ein der ich zutrauen würde dort ihren Mann zu stehen.Abschreckendes Beispiel Deutschland parteiübergreifend.
    Mit frdl. Grüßen Dieter Janßen

  5. Frank Visurgis

    Schöner Beitrag.
    Ihr Geschäftsführer vom monda-magazin ist? — Ein Mann.
    Witzig!

  6. Namtar

    Hmmm,dazu ein paar Fragen:

    Wer hat eigentlich jemals behauptet, daß Chefsein nur Vorteile hat?
    Meine eigene Chefin wehklagt laut, daß sie ihren Job niemals angenommen hätte, wenn sie gewußt hätte, was auf sie zukommt. Konnte ja auch keiner ahnen, daß unsere Oberchefin uns verläßt und die Chefin jetzt die Aufräumarbeit machen muß. Soll sie doch viel mehr verdienen als meinereiner. Bitte schön! Mir ist Lebensqualität wichtiger. Und ich möchte ruhig schlafen können. Und ich beantworte im Feierabend auch keine Emails oder Anrufe. Meine Chefin muß das wohl, aber das! hat sie sich selber zuzuschreiben. Das ging unzähligen Männern in Führungspositionen auch so. Interessiert aber offensichtlich niemanden.

    Geht es hier eigentlich um Gleichberechtigung oder um Gleichmacherei mit der Brechstange?
    Wo ist denn Frauenquote dort, wo es nicht so chic ist. Z. B. auf dem Bau, in der Kanalisation oder bei der Müllabfuhr? Niente! Wasch mich, aber mach mich nicht naß!

    Hat mal jemand bei Astrid von Friesen nachgelesen, daß die Feministinnen zwar immer die Unterdrückung durch Männer angeklagt, dabei daber übersehen haben, daß nach ihren eigenen Maßstäben über 95% der Männer genauso unterdrückt werden? Die Feministinnen interessiert das natürlicht nicht. Es geht nicht um eine bessere Welt, sondern um ein größeres Stück vom Kuchen. Für mich gibt es bedeutendere Themen und damit bin ich nicht alleine.
    Frauen verdienen im Schnitt weniger? Und das kann nicht daran liegen, daß sie weniger hart verhandeln?
    Gut, dann bitte aber daran denken, was passiert, wenn man das Prinzip der Vertragsfreiheit umbringt.
    Einen Tod muß man eben sterben. Auch Frauen.
    Ich werde mir sehr genau überlegen, was ich nächstes mal wähle.

    Namtar

  7. Marcus

    Ich bin gegen eine Frauenquote.
    Meiner Meinung nach sich sollte in Führungspositionen die Quote wiederspiegeln, die auch in den Abteilungen anzutreffen ist.
    Ich arbeite seit über 20 Jahren in der IT (Support, Systemadministration und technisch Umsetzung von Projekten), der Anteil an Frauen ist hier sehr gering (0-10%).
    Wobei das bedeutet das in einem Team von 10 Leuten meistens keine Frau ist, meistens also eine Quote von 0%.
    Warum soll es da in der Führungsebene Frauen geben?

    Wenn ich mir dann dagegen Bereiche ansehe, die über einen hohen Frauenanteil verfügen wie z.B. in Krankenhäuser, ich schätze mal das die Ärztinnen einen Anteil von 50% haben. Wenn dazu noch der Anteil von Frauen in der Pflege dazukommen dann muss der Anteil dort in Führungspositionen deutlich über 50% liegen.
    Das auf alle Unternehmen angewendet sollte jede Debatte überflüssig machen.

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