Feminist und Content Creator Tarik Tesfu im Interview – Teil 3

14.11.2018
Words by Annekathrin Walther
Tarik Tesfu

Eine bessere Welt – das wär doch was. Aber wie? Wer angesichts dieser Frage nur noch spöttisch die Ohren anlegt oder sowieso schon den Kopf in den Sand gesteckt hat, sollte sich mit Tarik Tesfu unterhalten. Im Interview spricht der Content Creator und Feminist über seine Arbeit und Ziele und erklärt, warum er den Feminismus für ein erstklassiges Fundament hält, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Du hast erzählt, bevor du für dein eigenes Format vor der Kamera standest, hattest du so etwas noch nie gemacht. Warst du ein Naturtalent?

Am Anfang konnte ich das gar nicht. Ich musste erstmal reinkommen. Ich habe zum Glück am Anfang immer nur mit Menschen zusammengearbeitet, die ich mochte und kannte. Sobald ich mit anderen Leuten zusammengearbeitet habe, war ich viel, viel schlechter. Ich brauchte dieses Beziehungsmoment. Es ist einfach ein künstlicher Moment, gefilmt zu werden.

Dabei hat man manchmal den Eindruck, gerade online wollen immer alle vor allem authentisch sein.

Authentisch zu sein während man gefilmt wird, heißt für mich nicht, so zu tun, als wäre das gerade nicht inszeniert. Authentisch sein heißt für mich, die Künstlichkeit des Moments anzunehmen und auch zu kommunizieren. Ich entscheide am Ende, welcher Take genommen wird und welche Schnittfolge kommt. Ich beeinflusse ganz stark, wie die User*innen am Ende mit dem Produkt umgehen. Diese Form von Einfluss und Macht, die ich habe, möchte ich offenlegen.

Eigentlich nehme ich Dinge, die schief laufen, und übertreibe sie. Auf diese Art halte ich den Spiegel vor.

Was ist bei deinem eigenen Format noch wichtig?

Ich muss relativ schnell Aufmerksamkeit für meine Themen generieren. Mit der Zeit sind die Videos kürzer geworden. Bei zu langen Sachen klicken die Leute auf Facebook weg. Es ist alles sehr schnell, manchmal sind es Wortfetzen oder Knallwörter und dann kommt wieder etwas Neues. Ich will ja auch irritieren. Eigentlich nehme ich Dinge, die schief laufen und übertreibe sie. Auf diese Art halte ich den Spiegel vor. Ich glaube, so kann man besser und einfacher lachen.

Humor ist also wichtig?

Die Wortspielereien und dieses ganze Zeugs, das hat sich mit der Zeit entwickelt. Ich finde es superwichtig, dass gewisse feministische Diskurse ernst und konsequent oder auch teilweise radikal und akademisch geführt werden. Aber das gab es alles schon in Deutschland. Ich wollte etwas machen, was es noch nicht gab. Humor schien mir am plausibelsten. Wobei nicht alle meine Videos lustig finden. Manche Menschen empfinden sie schon als Totalangriff.

Ich wusste nicht, wer mich da angreift, und im Netz wirkt es ja dann auch schnell so, als würden einen alle hassen.

Apropos Totalangriff. Wie gehst du damit um, dass du teilweise attackiert wirst?

Online kann ich das mittlerweile gar nicht mehr ernst nehmen. Zu Beginn konnte ich es nicht einschätzen. Ich wusste nicht, wer mich da angreift, und im Netz wirkt es ja dann auch schnell so, als würden einen alle hassen. Leute sagen einem: Alle finden dich scheiße, schau doch mal. Das ist ein fieses Psychospiel. Am Anfang hat mich das natürlich überfordert. Mittlerweile weiß ich, dass das zum größten Teil von rechten Leuten organisiert ist. Wie gesagt, ich kann das nicht mehr ernst nehmen, aber da musste ich auch erstmal hinkommen.

Wie bist du da hingekommen?

Indem ich begriffen habe, dass die nicht mich hassen, sondern eine inszenierte Person. Diese Person bin auch ich, aber eben nicht permanent. Deshalb erreicht mich der Hass nicht mehr. Die hassen eine Person, die es so eigentlich nicht gibt, eine Idee von mir, die ich selbst konstruiert habe.

Wie gehst du mit Hasskommentaren um?

Bei Jäger & Sammler haben wir in der Redaktion Leute, die sich nur um die Kommentare kümmern. Bei meinen Kanälen bräuchte ich eine Person, die das leistet, aber die kann ich nicht bezahlen. Anstatt meine Energie in das Beantworten oder Löschen zu stecken, gebe ich lieber einen Workshop mehr, auf dem ich Leuten helfen kann zu lernen, mit dem ganzen Mist im Netz umzugehen und sich nicht einschüchtern zu lassen. Andererseits ist es auch ok, wenn man sich einschüchtern lässt. Wir sind ja keine Roboter. Natürlich verletzt es Menschen, wenn sie von anderen Menschen, die sie gar nicht kennen, so angegriffen werden.

Noch mal eine neue Nummer auswendig lernen? Sorry, für euch doch nicht.

Oder es macht Angst.

Genau. Ich wurde ja auch gehackt. Mein Ausweis und meine Telefonnummer wurden im Internet veröffentlicht. Wenn ich jetzt ein Kind hätte, das mitbedroht würde, würde ich mir auch denken: Ende Gelände.

Sind Leute vor deiner Tür aufgetaucht?

Nein. Ich wurde ein paar Mal angerufen, und es wurden mir komische Fotos von Playmobilfiguren geschickt, die so Ku-Klux-Klan-mäßig Sklavenbilder nachstellen. Ich habe nicht mal eine neue Telefonnummer beantragt. Ich dachte mir: Ich schenke euch nicht die Zeit, die es braucht, zu O2 zu rennen, zumal ich meine aktuelle Nummer gerade endlich auswendig kann. Noch mal eine neue Nummer auswendig lernen? Sorry, für euch doch nicht.

Ich habe auch nicht immer die große Klappe, und das ist auch in Ordnung.

Ist das Internet speziell, wenn es um Hass geht?

Nein. Rassismus habe ich auch schon vor dem Netz erlebt. Ich musste immer schon lernen, mit Ungerechtigkeiten umzugehen. Im Netz oder auf Veranstaltungen tue ich das manchmal sehr provokant. Privat ist es etwas anderes. Letztens wurde ich in Kreuzberg auf der Straße als Scheiß-N. bezeichnet. Da konnte ich erstmal gar nichts sagen. Ich habe auch nicht immer die große Klappe, und das ist auch in Ordnung. In manchen Situationen muss das nicht sein.

Wir müssen einfach mehr zuhören. Und Leuten das Mikrofon geben, die nicht auf Podien sitzen.

Als Person, die mit Medien arbeitet: Was wünschst du dir von den Medien?

Ich wünsche mir, dass sich Medienhäuser fairer aufstellen. Frauen, Menschen mit Migrationsgeschichte und Frauen mit Migrationsgeschichte, die zusätzlich auch noch muslimisch sind, sind immer noch viel zu wenig präsent. Es gibt sie ja alle. Wenn ich mich in meinem Netzwerk umschaue, dann gibt es da großartige Künstler*innen und Journalist*innen. Es wundert mich, dass die im Mainstream so gar kein Gehör und keine Bühne finden. Medienhäuser müssen erkennen, dass sie auch Teil des Problems sind.

Was wünschst du dir von der Gesellschaft?

Ich glaube nicht, dass es eine Welt ohne Diskriminierung und ohne Rassismus geben kann. Aber ich würde mir wünschen, dass Menschen sensibel für Diskriminierung werden und sich nicht immer gleich rausreden, wenn sie sich selber diskriminierend verhalten. Es geht darum zu verstehen, dass es bei Diskriminierung nicht um die Intention geht, sondern darum, was beim Gegenüber ausgelöst wird. Oft sind das Traurigkeit, Wut, Schmerz – das sind doch alles Empfindungen, die man niemandem mitgeben möchte, nur weil er oder sie trans ist oder muslimisch oder schwarz.

Was, glaubst du, kann man tun, um das in die Köpfe zu kriegen?

Ich glaube, es wäre wichtig, dass man Betroffenen viel mehr zuhört. Das versuche ich auch ganz stark in meiner Arbeit: Platz zu machen, Privilegien abzugeben. Gerade die, die ganz viel Öffentlichkeit haben, reden viel. Neulich war ich auf einer Veranstaltung zum Thema Antifeminismus, Rassismus und Antisemitismus von der Amadeu-Antonio-Stiftung in der Landesvertretung Thüringen. Die Moderatorin wollte mir das Schlusswort überlassen, hatte aber nicht mitbekommen, dass es eine schwarze Person gab, die sich schon die ganze Zeit gemeldet hatte. Ich habe dann erklärt, dass es bei meinem Antirassismus auch darum geht, Privilegien abzugeben, und habe dieser Person mein Schlusswort geschenkt. Und dann hat diese schwarze Frau das geilste Schlusswort rausgehauen: Dass sie die Veranstaltung total gut findet und dass wichtige Stimmen gehört wurden, aber dass man sich auch mal Gedanken darüber machen muss, wie die Straße heißt, in der sie stattfindet. Die Landesvertretung Thüringen ist in der Mohrenstraße. Das fand ich großartig. Wir müssen einfach mehr zuhören. Und Leuten das Mikrofon geben, die nicht auf Podien sitzen.

Vielen Dank, Tarik.

Hier geht es zu Teil 1 und zu Teil 2 des Interviews.

Das Beitragsbild ist übrigens von Kristina Kast auf Instagram

share:
FacebookPinterest
Annekathrin Walther

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

1 Kommentar

kommentieren