Crashkurs in Kommunikation mit Anika Väth

09.08.2018
Words by Jana Ahrens
Anika Väth

Anika Väth ist eine passionierte und talentierte Kommunikationsmanagerin für die Nische. Trotzdem arbeitet sie – neben Aufträgen von alternativen Kulturfestivals – auch für große Konzerne. Denn gerade für diese stellt es häufig eine große Herausforderung dar, Nischen-Multiplikatoren zu erreichen, obwohl das oft wichtig für sie ist. Anika Väth hätte da ein paar Tipps.

Welcher Weg hat dich zum Job als selbstständige PR-Beraterin geführt?

Durch die Arbeit am Theater, bei Musiklabels, Festivals und für Magazine habe ich viel Inspiration für meinen Weg gesammelt. Ich hatte immer ein Faible für Underdogs und Avantgardisten – Menschen, die für ihre Sache brennen, ihr eigenes Ding machen und dadurch stilbildend und oft auch besonders gut in ihrer Disziplin sind. Neben meiner Faszination für die Nische haben mich immer auch die Hintergründe von Massenphänomenen interessiert. Es ist ein interessantes Feld, in dem ich mich bewege. Letztlich hat mir auch mein abgeschlossenes Masterstudium im Bereich Kultur- und Medienmanagement einiges an Expertise an die Hand gegeben.

Haben deine Lebensmittelpunkte – Hamburg und Berlin – dir einen bestimmten Zugang zur Kultur ermöglicht?

Die erste richtige Großstadt, in die es mich zog, war Barcelona. Danach kam München, dann Hamburg und London, dann wieder Hamburg und seit 2015 verstärkt Berlin. Besonders prägend war für mich die Arbeit auf Kampnagel – Internationales Zentrum für schönere Künste in der Abteilung Kommunikation, wo ich auch ein Volontariat absolvierte. Ich habe dort viel über die internationale Kunst- und Kulturszene, Intervention des öffentlichen Raums, Tanz, Performance und den kreativen Umgang mit Herausforderungen und Konflikten gelernt. Danach kamen zahlreiche weitere Jobs im Bereich Kommunikation und Pressearbeit. Mit der Zeit wurden die Aufträge immer größer und verantwortungsvoller. Mittlerweile interessiere ich mich auch sehr für das Feld der Krisenkommunikation.

Clevere Menschen spüren, ob du aufrichtig interessiert bist oder du sie nur für deine eigene Agenda benutzen möchtest.

Anika Väth
Anika Väth bei der Arbeit mit Telekom Electronic Beats in Bucharest im Control Club / Bildquelle: Cezar Aron / Auch im Bild: Michael Aniser

Dein Netzwerk ist für deinen Job sehr wichtig. Wie gehst du auf Menschen zu, wenn es um deine Projekte geht?

Das besonders anstrengende und aber auch besonders schöne an meinem Beruf ist: Ich arbeite mit Menschen. Zwischenmenschliche Kommunikation ist mein Material. Perspektivwechsel fallen mir nicht schwer und Empathievermögen ist für eine gute Öffentlichkeitsarbeit essenziell. Ich respektiere mein Gegenüber und stelle mir vor jeder persönlichen Ansprache sehr gründlich die Frage nach individueller Relevanz und spezifischem Nachrichtenwert. Mir persönlich ist wichtig, dass meine Arbeit sinnerfüllt ist. Eine Zusammenarbeit läuft dann gut, wenn die Beteiligten eine gemeinsame Vision und bestimmte Werte teilen. Clevere Menschen spüren, ob du aufrichtig interessiert bist oder du sie nur für deine eigene Agenda benutzen möchtest – und ich arbeite in erster Linie mit aufmerksamen Menschen.

Welche Bedeutung spielt Musik in deinem Leben?

Musik spielt sowohl im Privaten wie auch im Job eine große Rolle in meinem Leben. Neben der Berlinale, deren Fokus auf internationalem Film liegt, arbeite ich derzeit fast ausschließlich an Themen, bei denen Musik im Zentrum steht. Mein Schwerpunkt liegt hier bei der Live-Performance und dem inhaltlichen Austausch dazu. Mit klassischer Album-Promo beschäftige ich mich hingegen kaum bis gar nicht mehr. Eine Performance ist einzigartig und letztlich auch immer ergebnisoffen. Das finde ich reizvoll. Ich mag das Flexible, das Unvorhersehbare.

Braucht es für die Arbeit mit Kulturschaffenden ein besonderes Fingerspitzengefühl?

Künstlerinnen und Kreativschaffende kommunizieren nur dann mit dir auf Augenhöhe, wenn sie dich als Teil ihres Teams respektieren und nicht als jemanden erachten, der ihnen opportunistisch reinreden oder sie instrumentalisieren möchte. Ich habe mich immer in kreativen und künstlerischen Umfeldern bewegt und weiß daher, welche Aspekte eine große Rolle spielen und welche Herangehensweisen absolute No-Gos sind. Manchmal ist es auch Teil meiner Arbeit, zwischen bestimmten Artist-Communities und Auftraggeber*innen eine Art interkulturelle Kommunikation zu führen.

Wichtig ist, im Dialog zu bleiben und den Humor nicht zu verlieren.

Wie gehst du mit Missverständnissen um?

Mich fasziniert die Macht der Sprache und Kommunikation in jeglicher Form – sie kann beflügeln aber auch zerstörerisch wirken. Bei Missverständnissen verschiedener Parteien, bei denen ich mich zwischenschalten soll, muss ich in erster Linie Gesagtes und Verhalten dechiffrieren, Verständnis schaffen, die passenden Worte finden, Perspektivwechsel fördern. Jede Szene hat ihre eigenen Codes und Eigenheiten, die Außenstehende eventuell missinterpretierten. Wichtig ist, im Dialog zu bleiben und den Humor nicht zu verlieren.

Wie grenzt du das Arbeitspensum ein, das ein Job wie deiner mit sich bringt, gerade als Selbstständige?

Um das Arbeitspensum einzugrenzen, empfehle ich, nicht nur die Jobs, sondern auch sich selbst wichtig zu nehmen. Wenn wir unsere körperlichen und zeitlichen Ressourcen unverhältnismäßig überstrapazieren, leidet langfristig die Qualität und auch die Freude, die mit den Jobs verbunden sind. Gerade in kreativen Berufen ist es so wichtig immer wieder Pausen, in denen neue Inspiration entstehen kann, zu ermöglichen.

Pan Daijing
Pan Daijing wird auf dem diesjährigen Pop-Kultur zu hören sein / Bildquelle: Vitali Gelwich
FLOHIO
Ebenfalls auf dem Pop-Kultur und eine Empfehlung von Anika Väth: Flohio / Bildquelle: Shenell Kennedy
Automat 3
Automat gehören auch zu Anikas Favoriten / Bildquelle: Martin Walz

Eines der Projekte, die du betreust, heißt Pop-Kultur. Kannst du uns ein bisschen was zu diesem Format erzählen?

Pop-Kultur ist ein Festival des Musicboard Berlin und wird u.a. durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa des Landes Berlin und aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert. Das Festival startete 2015 im Berghain und ist mittlerweile in die Kulturbrauerei gezogen – vor allem, weil dieses Gelände unglaublich barrierefrei ist. Das Festival möchte möglichst viele bzw. diverse Disziplinen und Menschen auf, hinter und vor der Bühne miteinbeziehen. Ein besonderer Fokus gilt daher auch einer ausgeglichenen Gender-Balance – darüber möchte ich aber eigentlich gar nicht so viel sprechen, denn das sollte meiner Meinung nach eine Selbstverständlichkeit sein. Ich persönlich freue mich dieses Jahr besonders auf Lydia Lunch, Pan Daijing, Neneh Cherry, The Last Poets, Automat mit Jochen Arbeit und auch auf den Commissioned Work Schwerpunkt Pop-Hayat von Yeşim Duman. Die Rapperin Flohio möchte ich im Auge behalten und auch den Deutschlandfunk-Kultur-Talk “The kids are alt-right?”. Es lohnt sich, sich hier einfach treiben zu lassen und offen für Neues zu sein. In enger Zusammenarbeit mit lokalen und internationalen Partner*innen werden neben Konzerten, DJ-Sets, Ausstellungen, Installationen, Gesprächsformaten und Filmen spartenübergreifende Kollaborationen und visionäre Erweiterungen von Produktions-, Arbeits- und Aufführungspraktiken entwickelt und uraufgeführt. Separat gibt es auch noch ein Workshop-Programm für den Nachwuchs.

Hier geht es um interkulturelle Kompetenz, die nicht unterschätzt werden darf.

Was machst du für Electronic Beats?

Ich arbeite für das Pressebüro von Electronic Beats, dem internationalen Musikprogramm der Telekom. Pressearbeit durch individuelle Ansprache von Redaktionen und exklusive Themenpositionierung gehört genauso zu meiner Arbeit wie die Beratung und Koordination im Hinblick auf unabhängige Berichterstattung. Journalismus ist idealerweise glaubwürdig, nicht käuflich und unabhängig, da der Pressekodex die Trennung von Werbung und Redaktion grundsätzlich einfordert, was ich sehr richtig finde. Unabhängige Presseberichterstattung entsteht basierend auf Neutralität und wahrer Überzeugung und dient der Öffentlichkeit somit als glaubwürdige Quelle zur Gestaltung der eigenen Meinung. Wir tauschen uns fortlaufend darüber aus, welche Aspekte, Personen, Konzepte und tagesaktuellen Anlässe im Rahmen von Electronic Beats für ausgewählte Medien wirklich einen interessanten Themen-Mehrwert darstellen können. Es existieren verschiedene inhaltliche Komponenten, die dazu beitragen, dass eine Redaktion eine Nachricht als wichtig einstuft, weiterverwertet und letztlich eingebettet in die individuelle Berichterstattung veröffentlicht. Nachrichtenfaktoren schaffen Orientierung und Argumentationsgrundlagen, um Themen relevant zu präsentieren. Je mehr von diesen Faktoren erfüllt sind, desto höher steigt der Nachrichtenwert. Telekom Electronic Beats umfasst eine Vielzahl von digitalen Aktivitäten und Live-Veranstaltungen in ganz Europa und konzentriert sich dabei stark auf Deutschland, Österreich, Polen, Rumänien, Albanien, Ungarn und Mazedonien. Besonders die Zusammenarbeit mit lokalen Szenen im Zuge der deutschlandweiten Clubnights aber auch den Austausch mit Kulturschaffenden aus Osteuropa erachte ich persönlich als sehr spannend.

Große Marken, die sich versuchen über Lifestyle zu definieren, haben oft ein Problem: Die Personen in Management-Positionen – also die, die Budgets freigeben und Entscheidungen treffen – haben oft keinen Kontakt mehr zu der Lifestyle-Welt, mit der sie sich gern schmücken würden. Was kannst du diesen Marken empfehlen?

Es ist Teil des Jobs, sich mit der Zielgruppe, die erreicht werden soll, zu beschäftigen und sich mit ihr auszutauschen. Ist das nicht möglich, sollte man sich von einer Person, die tief in der Zielgruppe verwurzelt ist, beraten lassen. Hier geht es um interkulturelle Kompetenz, die nicht unterschätzt werden darf.

Gibt es einen besonderen – vielleicht sogar glücklichen – Moment in deiner Karriere, von dem du uns erzählen magst?

Jeder Moment, in dem ich meinem Gefühl gefolgt bin und in dem ich bei mir geblieben bin, war ein glücklicher Moment.

Vielen Dank für das inspirierende Interview!

Das Beitragsbild ist übrigens von Patrick Desbrosses

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Jana Ahrens

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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