Digitale Zukunft? Wie Corona unsere Arbeitswelt verändert

Words by Arzu Gül
Photography: Anna Shvets via Pexels
Lesezeit: 6 Minuten
Frau hält Videocall mit Kolleginnen ab - Homeoffice Corona

Homeoffice, virtuelle Geschäftsreisen, mehr Vertrauen untereinander – die Coronakrise hat die Arbeitswelt auf den Kopf gestellt, aber gleichzeitig auch zu sehr positiven Veränderungen geführt.

Die Corona-Pandemie war wohl einer der größten Wachstumstreiber der Digitalisierung und gleichzeitig das größte Organisationsexperiment für viele Unternehmen. Unsere Art zu arbeiten hat sich in den letzten Monaten grundlegend verändert. Nun kehren die ArbeitnehmerInnen langsam wieder an ihre alten Arbeitsplätze zurück. Doch wird damit auch wieder die altbekannte Normalität in die deutschen Büros einkehren oder bleibt alles anders?

Als der Coronavirus sich im März dieses Jahres großflächig in Deutschland ausbreitete, stellte dies nicht nur das Gesundheitssystem vor große Herausforderungen. Auch die Wirtschaft musste von einem Tag auf den anderen mit neuen Abstandsregelungen und weiteren Restriktionen umgehen. Der Einzelhandel muss seither die Kundschaft im Laden zählen und darf nur eine gewisse Anzahl von Personen eintreten lassen, Friseure und Kosmetikstudios mussten ihre Salons umbauen, um genügend Abstand zwischen den KundInnen zu gewährleisten, Restaurants empfangen häufig nur noch die Hälfte der bisherigen Gäste mit mindestens 1,5 Meter Abstand zwischen den Tischen. Während der stationäre Handel nach vor Ort umsetzbaren kreativen Lösungen suchen musste, wechselten andere Unternehmen gänzlich ins Homeoffice. Branchen und Unternehmen, deren Arbeit hauptsächlich aus geistigen Dienstleistungen besteht, ließen ihre MitarbeiterInnen monatelang von zu Hause aus arbeiten – die KollegInnen begegneten sich nur noch digital über Chat-Programme und per Video-Telefonie. Viele Unternehmen, die sich bis dato wenig mit dem Thema Digitalisierung auseinandergesetzt hatten, wurden auf diese Weise gezwungen, in kürzester Zeit Infrastrukturen aufzubauen, die ihren MitarbeiterInnen ein mobiles Arbeiten ermöglichten. In gewisser Weise war die Corona-Pandemie der nötige Hebel, um die Digitalisierung in deutschen Unternehmen voranzutreiben.

Da die Zahlen der neuen Corona-Infektionen nun seit einiger Zeit überschaubar und halbwegs unter Kontrolle sind, kehren die ArbeitnehmerInnen so langsam an ihre alten Arbeitsplätze zurück – zwar nach wie vor mit Abstandsregelungen und aufgeteilten Arbeitsgruppen, aber dennoch: Der große Ausnahmezustand scheint fürs Erste überwunden zu sein. Doch während die Arbeitgeber sich freuen, wieder zum Normalzustand zurückzukehren, wollen viele ArbeitnehmerInnen die neu gewonnene Flexibilität in Bezug auf Arbeitsweise- und Ort nicht wieder aufgeben. ExpertInnen und ZukunftsforscherInnen sind sich daher einig: Im Berufsleben findet aktuell ein kollektives Umdenken statt, das unseren Büroalltag, so wie wir ihn kennen, grundlegend verändern wird.

Das Homeoffice hat sich in vielen Unternehmen als effizient bewährt

Trend zum Homeoffice wird bleiben

Schon vor Corona war mobiles Arbeiten heiß begehrt. Viele ArbeitnehmerInnen wünschten sich schon lange die Möglichkeit, auch einmal von zu Hause oder anderen Orten aus arbeiten zu können, doch die Realität sah anders aus: 2018 verbrachten nur 5,3 Prozent der Beschäftigten mindestens die Hälfte ihrer Arbeitstage im Homeoffice, weitere 6,7 Prozent arbeiteten zumindest gelegentlich von zu Hause. Im europäischen Vergleich lag Deutschland damit im Mittelfeld. Berufstätige in den Niederlanden oder Skandinavien verbrachten schon damals fast ein Drittel ihrer Arbeitszeit zu Hause.

Seit der Corona-Krise sind die Zahlen jedoch schlagartig in die Höhe geschossen. Laut einer repräsentativen Befragung des Digitalverbands Bitkom aus dem März gaben 49 Prozent der befragten ArbeitnehmerInnen an, ganz oder zumindest teilweise aus dem Homeoffice zu arbeiten. Für einige von ihnen eine völlig neue Situation: 18 Prozent hatten zuvor gar nicht aus dem Homeoffice arbeiten dürfen.

Laut einer weiteren Studie der Krankenkasse DAK scheinen viele von ihnen nun aber gar nicht mehr in ihre alten Büros zurückkehren zu wollen. Während sich vor der Pandemie noch 21 Prozent der Beschäftigten regelmäßig gestresst fühlten, waren es in der Corona-Krise nur noch 15 Prozent. Ein erstaunlicher Rückgang, wenn man bedenkt, dass zu dieser Zeit eine globale Pandemie den Alltag bestimmte. Der Anteil der Erwerbstätigen, die nie oder nur gelegentlich gestresst waren, stieg sogar von 48 auf 57 Prozent.

Die Gründe für die hohe Akzeptanz liefert die Studie gleich mit: 59 Prozent der Personen, die regelmäßig von zu Hause aus arbeiten, gaben an, sie seien dort produktiver als im Büro. Zwei Drittel erklärten außerdem, dass sie nun Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren könnten. Der gleiche Anteil an Beschäftigten freute sich außerdem, dass das Pendeln zum Arbeitsplatz endlich wegfalle. Insgesamt 76,9 Prozent der ArbeitnehmerInnen, die seit der Corona-Krise regelmäßig in der eigenen Wohnung arbeiten, möchten diese Arbeitsform auch in Zukunft beibehalten. »Von zu Hause aus zu arbeiten senkt nicht nur die Ansteckungsgefahr vor Virusinfektionen, sondern zahlt sich auch für das seelische Gleichgewicht aus«, so der DAK-Vorstandschef Andreas Storm.

Das sind Zahlen, die auch vehemente Homeoffice-GegnerInnen nicht mehr ignorieren können. Die Mehrheit der Unternehmen (57 Prozent) haben die Vorteile der neuen Arbeitsweise erkannt und im Rahmen der Studie angegeben, dass sie die Möglichkeiten für digitales Arbeiten in Zukunft ausbauen möchten. Das traditionsreiche deutsche Unternehmen Siemens stellte vor Kurzem sogar ein neues Konzept vor, in dem mobiles Arbeiten als Kernelement der »neuen Normalität« etabliert wird. So sollen für alle Beschäftigten weltweit 2 bis 3 Tage mobiles Arbeiten pro Woche als Standard umgesetzt werden. Dabei sollen die ArbeitnehmerInnen selbst den Arbeitsort wählen, an dem sie am produktivsten sind. Das schließe auch Co-Working-Spaces nicht aus. Laut ZukunftsforscherInnen und ExpertInnen werden viele andere Unternehmen nachziehen: Einerseits aufgrund der zu erwartenden höheren Produktivität bei gleichzeitiger Kostensenkung, andererseits aber auch, um als Unternehmen weiterhin attraktiv zu bleiben. Denn eines ist klar: Wer zukünftig Top-Talente an sich binden möchte, der wird mit festen Arbeitsstrukturen und geringer Flexibilität nicht mehr weit kommen.

Vertrauen ist die neue Kontrolle

Veränderte Arbeitsstrukturen erfordern auch eine Anpassung des Führungsstils. Viele ManagerInnen müssen nun ganz bewusst lernen, ihren ArbeitnehmerInnen mehr Vertrauen entgegenzubringen, denn wer aus der Ferne arbeitet, steht nicht wie im normalen Büro unter ständiger Beobachtung. Arbeitsaufträge, Rollenverteilungen und Deadlines müssen klar strukturiert, verteilt und kommuniziert, MitarbeiterInnen genauer angeleitet werden. Dass eine klare Aufgabenverteilung letztlich auch dabei hilft, die Durchführung der Arbeitsaufgaben zu kontrollieren, dürfte zur Beruhigung der verantwortlichen Führungskräfte beitragen.

Gleichzeitig müssen die leitenden Kräfte aber auch lernen, den MitarbeiterInnen trotz der räumlichen Distanz weiterhin Lob und Anerkennung zukommen zu lassen. Zeit für Einzelgespräche und Feedback-Runden dürfen trotz dezentralisierter Arbeitsplätze nicht einfach unter den Tisch fallen.

Im Zuge der Pandemie hat sich in vielen Unternehmen relativ schnell herauskristallisiert, wer seinen MitarbeiterInnen mit Vertrauen entgegentritt bzw. wer nicht. Unternehmen, bei denen die Zusammenarbeit bereits im Büro hakte, die Führungskräfte eher als unbeliebte AntreiberInnen galten und der Informationsfluss primär über den Flurfunk geregelt wurde, gehören zu den großen Verlierern der Krise. Wer es hingegen trotz der herausfordernden, veränderten Lage geschafft hat, eine gute Zusammenarbeit aufrechtzuerhalten, vielleicht noch intensiver zu kommunizieren und die Kooperation unter allen Beteiligten zu fördern, der wird die Bindung zu seinen MitarbeiterInnen trotz Homeoffice womöglich sogar noch gestärkt haben.

Achtsamerer Umgang untereinander

Vor der Pandemie galt es in vielen Unternehmen als Zeichen für Fleiß und Verantwortungsgefühl, wenn man trotz einer dicken Erkältung am Arbeitsplatz saß – aus heutiger Sicht ein geradezu unverantwortliches Verhalten. Durch die globale Pandemie hat sich das Bewusstsein in Bezug auf Gesundheit, Hygiene und Ansteckungsgefahr maßgeblich verändert. Der Virus wird nicht einfach so verschwinden, ExpertInnen sagen voraus, dass wir werden lernen müssen, mit ihm zu leben. Gleichzeitig wird es auch in Zukunft immer wieder neue Bedrohungen in Form von Viren, Bakterien und übertragbaren Infektionen geben. ArbeitnehmerInnen, die trotz eines Infekts einfach ins Büro hineinspazieren und womöglich noch KollegInnen mit Handschlag begrüßen, werden zukünftig auf wenig Verständnis stoßen. Der sorglose Umgang mit der eigenen Gesundheit, aber vor allem mit der der Mitmenschen, hat während und nach einer globalen Pandemie nichts mehr in der Gesellschaft zu suchen. Natürlich ist eine leichte Erkältung nicht mit dem Coronavirus gleichzusetzen. Aber selbst wenn es nur ein kleiner Erkältungsinfekt ist, den man an die KollegInnen weitergibt, ist das erstens für die Betreffenden nicht angenehm, und zweitens schadet es dem Unternehmen eher, als dass es ihm nutzt, denn wenn die betreffenden MitarbeiterInnen (und diejenigen, die diese dann ihrerseits wieder anstecken) dann jeweils ein bis zwei Wochen von der Arbeit ausfallen, entstehen nicht vernachlässigbare Kosten. Die zwischenmenschliche Fürsorge und das Wohl der KollegInnen wird in Zukunft wichtiger werden als der permanente Präsenzdrang.

Geschäftsreisen in Zukunft öfter virtuell

Das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt die Wirtschaft schon seit einiger Zeit sehr stark. Für jüngere Generationen ist es inzwischen von großer Wichtigkeit, dass Unternehmen und Marken umweltbewusst agieren und ihre diesbezüglichen Bemühungen und Strategien offen darlegen. Für viele ist der Nachhaltigkeitsaspekt bei der Arbeitgeberwahl teilweise sogar wichtiger als ein hohes Gehalt.

Obwohl sich viele Unternehmen in Deutschland in puncto Nachhaltigkeit gerne bemüht und innovativ präsentieren, fehlte bisher in vielen Konzernen und Unternehmen eine grüne Personalstrategie. Dort gehörte es auch bis vor Kurzem noch zur Tagesordnung, weite Geschäftsreisen zu Meetings mit dem Flugzeug zu unternehmen.

Seitdem aber aufgrund der Corona-Krise fast alle Flieger auf dem Boden bleiben und die Einreise in viele Länder eingeschränkt bzw. gar nicht erlaubt ist, mussten viele Geschäftstreffen virtuell stattfinden. Viele UnternehmerInnen haben dadurch in den letzten Monaten festgestellt, dass auch digitale Zusammenkünfte durchaus gut funktionieren können und deutlich effizienter sind, als bisher angenommen.

Laut einer Umfrage des Verbands Deutsches Reisemanagement (VDR) wollen 90 Prozent der Mitgliedsfirmen zukünftig Firmenreisen sorgfältiger abwägen. Sechs von zehn Firmen können sich vorstellen, bei Inlandsterminen häufiger per PKW und Bahn anzureisen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Umwelt wird maßgeblich entlastet, die betroffenen ArbeitnehmerInnen und ManagerInnen sparen Zeit und gleichzeitig kann das Unternehmen seine Ausgaben reduzieren. Besonders zu Krisenzeiten dürfte letzterer Punkt nicht unerheblich in der Unternehmensstrategie sein.

Obwohl die Corona-Krise uns in vielerlei Hinsicht herausfordert, könnte sie für die Arbeitswelt also durchaus viele positive Veränderungen mit sich bringen. Selbstständigeres Arbeiten, mehr Flexibilität, ein höheres Vertrauen untereinander und auch die Schonung von Umwelt und Geldbeutel könnten in Zukunft die Zufriedenheit im Berufsleben stärken und eine ausgewogene Work-Life-Balance fördern.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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