Carlos Kaiser: Die unglaubliche Geschichte eines Hochstaplers

23.07.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Die unglaubliche Geschichte des Carlos Kaiser

Es klingt wie ein schlechter Scherz, eine ausgedachte Geschichte, doch sie ist wirklich wahr: Ganze 20 Jahre lang narrte der Brasilianer Carlos Henrique Kaiser die ganze Fußballwelt. Ein “Profi”, der sogar Angst vor dem Ball hatte…

Er war Mitglied in traditionsreichen Fußballvereinen wie Botafogo, Bangu und Gazelec Ajaccio. Carlos Henrique Raposo, der 1963 in Porto Alegre, Brasilien, geboren wurde, blickt auf eine 20-jährige Fußballkarriere zurück – und das, ohne jemals wirklich gespielt zu haben.

Carlos Kaiser: “Größter Gauner des brasilianischen Fußballs”

Er selbst nennt sich in Interviews immer wieder “größter Gauner des brasilianischen Fußballs”. Und tatsächlich: Diesen Titel hat er sich mühevoll erarbeitet. Alles begann mit seiner Stiefmutter, die, ohne dass Carlos es jemals wirklich wollte, einen Knebelvertrag mit einem Agenten abschloss. Mit gerade einmal zehn Jahren kickte er im Jugendcamp des lokalen Vereins Botafogo FR. Zu diesem Zeitpunkt machte ihm das Spielen sogar noch Spaß. Später musste er sich dann entscheiden: Entweder eine hohe Vertragsstrafe zahlen oder das tun, worauf er nie wirklich Lust hatte: Ein ernsthafter und engagierter Profi-Fußballer werden. Ersteres konnte er sich nicht leisten, und so musste er sich zwangsläufig fügen und weiter Fußball spielen.

Carlos Kaiser strebte nach Partys, Frauen und Freizeit

Nach Botafogo warb ihn der Klub Flamengo Rio de Janeiro ab. Mit 16 Jahren ging es für Carlos nach Mexico, wo er in der ersten Liga, bei Puebla FC, unterkam. Doch dann hatte er plötzlich keinen Spaß mehr am Kicken. Heute erklärt er bei Fernsehauftritten immer wieder offen und ehrlich: “Ich wollte Profifußballer werden, ohne zu spielen.” Denn das Leben, von dem er bis zu diesem Zeitpunkt ansatzweise kosten konnte, schmeckte ihm gut – zu gut. Partys, Frauen und Freizeit. Er wollte beliebt und erfolgreich sein, ohne sich dafür bemühen zu müssen.

Der Kaiser und seine einflussreichen Freunde

Und das musste Carlos auch kaum. Mit seinem Charme wickelte er jeden um den Finger. Schon bald scharrte er beliebte und bekannte Fußballer um sich – erwies sich immer wieder als vertrauensvoller Wegbegleiter. Romario, Edmundo Alves, Renato Gaúcho und viele mehr standen auf seiner Freundesliste ganz weit oben. Er kümmerte sich um Alkohol und Frauen, half seinen Jungs aus der Patsche, wenn sie mal wieder alkoholisiert in eine Polizeikontrolle geraten waren. Und sie, seine zahlreichen Freunde, waren es, die ihm halfen, seinen Plan in die Tat umzusetzen.

Der Deal: Wechselte einer seiner Kumpels den Verein, brachte er Carlos als Beigabe ins Spiel. Manager und Trainer witterten ein Schnäppchen – immerhin hatten sie schon viel von dem Talent aus Brasilien gehört. Dass das kaum etwas mit dem Fußballspielen zu tun hatte, war ihnen egal. So bekam er immer wieder Probeverträge und konnte seinen Lebenslauf aufpolieren. In Brasilien kam er so in allen großen Vereinen unter. Nach Mexiko und Argentinien „spielte“ er sogar in Europa.

Carlos Kaiser, der Lügenbaron

Seine Einsätze auf dem Fußballfeld hielten sich allerdings in Grenzen. Immer wieder erfand er Ausreden. Er simulierte Verletzungen und verbrachte so die meiste Zeit auf der Bank. Immer wieder stand sein Wort gegen das der Ärzte. Wenn er doch zum Einsatz kommen sollte, täuschte er vorher eifrig Telefonate mit Konkurrenzvereinen vor oder ließ seine Großmutter sterben, um aufgrund der Beerdigung nicht beim Spiel anwesend sein zu können. Für die guten Storys rund um ihn und seine erstaunliche Karriere bezahlte er immer wieder Journalisten, die sich gern auf einen Deal mit ihm einließen.

Carlos Kaiser: Charme und Redegewandtheit führten ihn zum Ziel

In den 80er und 90er Jahren, also in Zeiten, vor Twitter, Instagram und YouTube, konnte sich Carlos ohne große Nachfragen und ständige Beobachtung von außen einen Namen machen. Seine Freundschaftsdienste wogen mehr als seine Ausreden und seine Talentlosigkeit auf dem Platz. In einem Interview mit Spiegel Online erklärte er später sogar: „Ich hatte Angst vor dem Ball.“ Um diesem bloß nicht zu nah kommen zu müssen, hat er sich einiges einfallen lassen. Als Trainer Moisés von Bangu AC ihn beispielsweise einmal gerade einwechseln wollte, zettelte er kurzerhand eine Prügelei mit einigen Fans an. Diese Aktion brachte ihm einen sofortigen Platzverweis ein. Der Vereinsboss stellte seinen ständig einsatzunfähigen Spieler zwar dafür zur Rede. Als Carlos ihm allerdings erklärte, dass er lediglich die Ehre seines Bosses vor den pöbelnden Fans verteidigt hatte, wurde er dafür sogar noch mit einer Vertragsverlängerung belohnt.

Den Nachnamen Kaiser verpasste er sich übrigens Anfang der 90er Jahre selbst, nachdem er immer häufiger mit Franz Beckenbauer verglichen wurde. Wie das möglich ist? Das kann Carlos vermutlich selbst nur schwer erklären. Bis heute gehört der Name zu ihm. Er ist der Kaiser von Brasilien – eine lebende Legende. Mit 41 Jahren verabschiedete sich der Hochstapler aus dem Fußballbusiness. Der heute 55-Jährige trainiert inzwischen Frauen für Bodybuilding-Wettbewerbe.

Skurril, spannend, verrückt und kaum zu glauben – das Leben des Carlos Kaiser klingt wie ausgedacht, was es genau genommen auch irgendwie ist. Es ranken sich noch viel mehr unglaubliche Geschichten um ihn. Ob wirklich alle wahr sind? Einige davon kann man Carlos nur schwer glauben. Was jedoch ganz sicher der Wahrheit entspricht, ist, dass er es inzwischen bereut, sich nicht mehr um seinen Job bemüht zu haben. Denn dann, sagt er, wäre er jetzt vielleicht sogar mehrfacher Millionär.

Das Beitragsbild ist übrigens von Sebastian Leon Prado auf Unsplash

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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