ANDRRA: “Das Wort Planänderung mag ich sehr”

30.08.2018
Words by Jana Ahrens
Andrra im Monda-Interview

ANDRRA lässt sich nicht vom Erfolg vor sich hertreiben. Stundenlange Spaziergänge bestimmen ihr Tempo. Die in Berlin lebende Musikerin mit kosovarischen Wurzeln folgt ihrem eigenen Rhythmus und der ist nicht immer geradlinig. Genau wie ihre Musik. Manchmal passiert viel und manchmal wenig. Manchmal haben ihre Songs starke folkloristische Anklänge, manchmal dominieren die zeitgenössischen Synthesizer-Klänge, die sie mit dem Musiker PC Nackt produziert.

“Stundenlange Spaziergänge sind meist der Beginn meiner Projekte.”

Trotzdem gibt es für ihre Musik eine stabile Basis. Nämlich ihre Geschichten, um Heimat und Familie. Ob in den Videos zu ihrer Musik, oder den Themen ihrer Texte, die Erfahrungen von Frauen im Kosovo und der Spagat einer Künstlerin zwischen zwei Welten sorgen für Intensität und Spannung.

Mein Jobtitel:Ich bin Künstlerin und Musikerin.

Welche Aufgaben sich dahinter verbergen: Ich verbringe wahnsinnig viel Zeit damit, mir Gedanken zu machen. Stundenlange Spaziergänge sind meist der Beginn meiner Projekte. Dann versuche ich die Gedanken zu sammeln, indem ich Texte dazu verfasse, oder – im Fall meiner letzten EP – vorhandene Texte zu den Themen meiner Gedanken zu finden. Hierzu waren monatelange Recherchen in meiner Zweitheimat Kosovo nötig. Aus den Recherchen habe ich dann neue Texte entwickelt, zu welchen ich im nächsten Schritt Musik komponiert habe. Die musikalischen Ideen entstehen bei mir zu Hause im Alleingang und danach geht’s ins Studio, wo die Songs fertig produziert werden.

Im Weiteren geht es darum, die entstandenen Songs visuell zu untermalen. Ich bediene mich hierfür gerne bei dem, was ich um mich habe. Die Videos zur letzten EP sind allesamt im Herkunftsdorf meiner Eltern entstanden. Ich habe mit meinen Cousinen als Protagonistinnen im Video und mit meiner Familie als Crew gearbeitet.

“Manchmal schaffe ich unglaublich viel, dann freue ich mich und manchmal bin ich wahnsinnig faul, dann freue ich mich auch.”

Wie viel ich gern pro Woche arbeiten würde: Ich arbeite meist genau so viel, wie ich gerne arbeite und das variiert. Wenn ich merke, dass ich nicht mehr gerne arbeite, dann gehe ich der Ursache sofort auf den Grund. Das ist kein Zustand den ich lange, ohne ihn hinterfragt zu haben, mit mir herumschleppe. Ich mache meine Arbeit sehr gerne, achte aber trotzdem darauf, sie meinem natürlichen Rhythmus anzupassen. Entweder es stellt sich darauf basierend Erfolg ein, oder er kommt eben nicht. Ich bin offen für beides und halte an meinem Rhythmus fest.

Wie viel ich tatsächlich pro Woche arbeite: Das ist immer unterschiedlich und abhängig davon, wie es mir gerade geht. Manchmal schaffe ich unglaublich viel, dann freue ich mich und manchmal bin ich wahnsinnig faul, dann freue ich mich auch.

So strukturiere ich mich selber: Ich achte in erster Linie auf mich und gehe aus dieser Position heraus an meine Arbeit und an das, was der Tag so bietet. Ich liebe es offen zu bleiben und nicht in Strukturen und Plänen gefangen zu sein. Kein Plan kann so wichtig sein, als dass er nicht verändert werden darf. Das Wort Planänderung mag ich sehr.

Die Aussicht von meinem Arbeitsplatz: Ist die schönste in Berlin. Ein riesiger Kastanienbaum auf der einen Seite und wunderschöne Birken und Pappeln auf der anderen Seite des Zimmers. Ich sitze genau dazwischen, denn mein Zimmer hat Fenster zu zwei gegenüberliegenden Innenhöfen. Außerdem schaue ich von meinem Arbeitsplatz aus auf ein großartiges Werk des Berliner Künstlers Jan Timme. Meine Aussicht ist sehr inspirierend.

“Ich fürchte, ich passe mich immer mehr dem Lebensstil meiner Lieblingsserienfiguren an.”

Meine Lieblingspause: Eine Folge “Murder She Wrote”, also “Mord ist ihr Hobby”. Das ist fast täglich meine Pause. Hin und wieder ist es auch eine Folge „Golden Girls“. Aber J. B. Fletcher, die Protagonistin von “Murder She Wrote” ist mir schon seit meiner Jugend eine große Inspiration.

So halte ich mich wach: Ab 23 Uhr wird’s generell eher schwer, mich wach zu halten. Ich schlafe mittlerweile unglaublich früh ein und wenn erst mal die Zeit gekommen ist, kann ich mich kaum wachhalten. Ich fürchte, ich passe mich immer mehr dem Lebensstil meiner Lieblingsserienfiguren an.

Meine Energie hole ich mir hier: Ich gehe sehr gerne spazieren. Hin und wieder auch schwimmen. Beides gibt mir sehr viel Energie. Wenn ich allerdings richtig viel Energie brauche, dann hole ich sie mir in großen Mengen im Heimatdorf meiner Familie im Kosovo. Wenn nicht gerade alle meine Geschwister zur gleichen Zeit dort sind, dann ist das wahnsinnig erholsam. Mit meinen Verwandten setzen wir uns dann irgendwo unter einen Baum und philosophieren bis wir hungrig werden.

“Ich möchte immer alles als etwas Neues wahrnehmen.”

Meine Komfortzone endet hier: Ich bemühe mich erst gar keine Komfortzone entstehen zu lassen. Ich glaube, man nimmt in einer Komfortzone vieles als selbstverständlich wahr und wird, wie der Name schon andeutet, bequemlich. Das finde ich oft unfair. Im Idealfall endet meine Komfortzone, bevor sie begonnen hat. Ich möchte immer alles als etwas Neues wahrnehmen – zumindest versuche ich das. Das empfinde ich auch nicht als Mühe, ich fühle mich lebendig dabei. Manchmal vergesse ich es nur.

Wenn ich diesen Job nicht machen würde, dann wäre ich: Ein Häufchen Elend :)))

In den nächsten Monaten freue ich mich auf: Australien! Und auf die Arbeit an meiner neuen EP. Dafür muss ich aber noch einige Spaziergänge machen.

Das Beitragsbild ist übrigens von Gerta Xhaferaj

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Jana Ahrens

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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