Alexandra Reinwarth: “Pausen sind ausgeklügelter Selbstbeschiss”

22.10.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Alexandra Reinwarth

Alexandra Reinwarth ist Buchautorin und unter anderem für ihre Bestseller “Am Arsch vorbei geht auch ein Weg” oder “Das Glücksprojekt” bekannt. Mit ihren Ratgebern zaubert sie ihrer Leserschaft nicht nur ein Lächeln ins Gesicht – sie lehrt uns mit ihrer ehrlichen, authentischen und charmanten Art auch, dass es helfen kann, wenn wir das Leben hin und wieder einfach mal nicht so verdammt ernst nehmen…

Und dass Alexandra Reinwarth die beschriebene Lebensphilosophie im Alltag tatsächlich befolgt, beweist sie mit unserem Steckbrief. Von Valencia aus, wo die Autorin aktuell lebt und arbeitet, beschreibt sie uns nicht nur die Sicht von ihrem Schreibtisch aus, sondern auch, wie ihre Kernkompetenz sie hin und wieder bremst, aber nie zum Stillstand bringt.

Mein Jobtitel: Ich bin Autorin, Buchautorin.

Welche Aufgaben sich dahinter verbergen: Wenig überraschend schreibe ich, in meinem Fall sind das Bücher. Im Normalfall taucht entweder aus dem Nichts, meinem Hirn, einer Flasche Wein oder von Verlagsseite eine Idee auf, und die wälze ich dann etwas hin und her. Ich wälze sie so lange hin und her, bis ich mich entscheide, und wenn ich mich dafür entschieden habe, wälze ich sie noch ein paar Wochen hin und her. In dieser Zeit entsteht in meinem Kopf eine Vorstellung von dem Aufbau, und es kommen Ideen für die verschiedenen Kapitel. Dann drücke ich mich davor anzufangen, bekomme ein schlechtes Gewissen und Zeitdruck, denn es wird ja immer ein Abgabetermin ausgemacht, und dann lege ich los.
Nach der Abgabe lese ich das redigierte Manuskript nochmal durch, es gibt letzte Ausbesserungen, mit dem Verlag wird ein Klappentext abgestimmt und dann ist es irgendwann weg, das Baby. Im Druck. Wenn es veröffentlicht ist und die Presseabteilung ihren Job gemacht hat, kommen in der Regel ein paar Interviews zu dem Buch, das mache ich meistens per Mail oder am Telefon.

Ich habe ein kleines Kind, insofern bin ich zum Teil fremd-strukturiert.

Wie viel ich gern pro Woche arbeiten würde: Halbtags wäre toll.

Wie viel ich tatsächlich pro Woche arbeite: Dreivierteltags.

So strukturiere ich mich selber: Ich habe ein kleines Kind, insofern bin ich zum Teil fremd-strukturiert. Außerdem bin ich ganz groß in Prokrastination, also im Aufschieben von Dingen. Ich glaube, das zählt sogar zu meinen Kernkompetenzen. Ich rede mir gern ein, dass ich nur unter Zeitdruck gut funktioniere, aber tatsächlich bin ich nur faul und schiebe den Anfang so lange hinaus wie möglich. Habe ich dann aber angefangen, sitze ich brav jeden Wochentag von halb zehn bis halb fünf an meinem Schreibtisch, mit Pausen.

Die Aussicht von meinem Arbeitsplatz: Da ist ein kleiner Balkon (so ein französischer – zu klein, als dass man einen Stuhl rausstellen könnte, aber groß genug, um Leergut darauf zu sammeln). Auf der gegenüberliegenden Seite ist eine recht hübsche Fassade von einem Jugendstilhaus. Ansonsten befinden sich in meinem Büro eine große Bücherwand, ein altes Pepsi-Blech-Reklameschild und allerlei „Kunst“ vom Kind.

Meine Lieblingspause: Ich mache gerne Siesta, ansonsten am liebsten mit Kaffee und Kippe auf der Terrasse, allerdings sind die meisten Pausen das Ergebnis eines ausgeklügelten Selbstbeschisses: Immer wenn ich beim Schreiben ins Stocken komme, fällt mir nämlich Gott sei Dank etwas ein, das ich noch dringend erledigen muss – und dann mache ich das. Meine „Pausen“ sind also oft Wäsche waschen, Glühbirnen wechseln und das Bad wischen und solche Dinge.

So halte ich mich wach: Ich wohne ja in Spanien und habe mich mit der großartigen Tradition der Siesta eng angefreundet. Das hilft. Bin ich aber am Schreiben und es „flutscht“ gerade, hält mich dieses Gefühl, im Flow zu sein, wach.

Ich erhole mich ganz großartig, wenn ich völlig unsozial einen Abend alleine auf dem Sofa verbringe.

Meine Energie hole ich mir hier: Ich erhole mich ganz großartig, wenn ich völlig unsozial einen Abend alleine auf dem Sofa verbringe. Dort zelebriere ich eine Art aktives Nichtstun: etwas Musik, etwas Internet, Fertig-Essen aus dem Ofen und Aus-dem-Fenster-Gucken. Das ist eine wahre Energieladestation. Aber auch diese kleinen besonderen Momente, in denen man das Leben so spürt, gehören dazu: nackt im Meer baden, eine enge Verbundenheit mit den Lieben spüren oder auf einem Konzert laut mitsingen…

Meine Komfortzone endet hier: Mir wird tatsächlich ziemlich schnell langweilig, wenn ich mir keine Herausforderungen suche, die mit Anstrengung, Veränderung und Überwindung einhergehen. Wenn man also die Komfortzone als einen durch Gewohnheiten definierten Bereich versteht, dann ist das nicht der Ort, der mir gefällt. Deswegen lebe ich auch gerne in einem anderen Land: Es gibt jede Menge Unbekanntes, Ungewohntes und Unverständliches – täglich kleine Herausforderungen.

Wenn ich diesen Job nicht machen würde, dann wäre ich: Unfassbar unausgeglichen, vermutlich.

In den nächsten Monaten freue ich mich auf: Die verdammte Genehmigung für die Renovierung eines Hauses, das ich im Zuge des Buches „Das Leben ist zu kurz für später“ zusammen mit einer Freundin gekauft habe, um darin eine Bar und ein Bed & Breakfast zu installieren. Das wird Wahnsinn…

Vielen Dank, liebe Alexandra!

Mehr von Alexandra Reinwarth gibt es hier.

Das Beitragsbild ist übrigens von Arturo Martínez

Hier findest du das Karriere-Briefing mit Milka Loff Fernandes

share:
FacebookPinterest
Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

1 Kommentar

  1. Christian von der Eltz

    Eines der besten Magazine auf dem Markt. Mal keine “Copy von der Copy”. Gute Reportagen und eine sympathisch, charmant wirkende Alexandra Reinwarth. Hätte ich gerne einmal vor der Kamera. Christian von der Eltz, Photographer

kommentieren